Ausbrüche

Ich bin es gewohnt, bei allem, was mir widerfährt und nicht gefällt, zu fragen: „Wofür kann ich das denn immerhin noch nutzen?“ Nun hatte ich vor einiger Zeit eine Magen-Darmgrippe. Ich wachte morgens auf und wusste: Es war nur eine Frage der Zeit, und ich würde mich übergeben. Mehrmals wahrscheinlich, vielleicht viele Male. Nun also: Wofür kann ich das noch nutzen? Ich widmete jeden Gang zum Bad einer Erfahrung, einer Zeit, einer Person, die mich verletzt hatte. Es waren kraftvolle, befreiende Ausbrüche, die mir in ausgezeichneter Erinnerung geblieben sind.

Das Vermächtnis

Zum Schmerz der Trauer gehört es, dass Vergangenes verloren erscheint, und dass es nicht mehr möglich scheint, dem Verstorbenen etwas an Liebe zurückzuschenken. Der bis dahin stetig sich fortsetzende Kreis von Geben und Nehmen ist unterbrochen; die Hinterbliebenen bleiben gewissermaßen auf ihrer Liebe (und auf ihren Versäumnissen) sitzen und können das empfangene Gute, wie es scheint, nicht mehr erwidern. In diesen Zusammenhang gehört die Vermächtnisintervention. Der Therapeut oder die Therapeutin sagt sinngemäß zu den Trauernden:

Sie haben mir viel Gutes über Ihren verstorbenen Bruder erzählt. Er ist bestimmt ein sehr liebevoller Mensch gewesen. Verstanden habe ich, dass er sehr gut zuhören konnte, dass er geduldig war, dass er sich rührend um seine Angehörigen gekümmert hat, dass er einen besonderen Humor hatte…

Ich habe den Eindruck, dass diese Begabungen auch bei Ihnen vorhanden sind. Vielleicht hat er Sie damit angesteckt. Ganz sicher hat er Ihnen viel gegeben, was Ihnen bleibt. Das ist ein Geschenk, so wie ein Vermächtnis, von dem Sie etwas an einander weiter geben können – jetzt ganz besonders an die anderen, die um ihn trauern. Sie können dieses Gute, was Sie von Ihrem Bruder erhalten haben, an die Menschen weiter geben, die er geliebt hat. Sie können es an Ihre Kinder weitergeben, an Ihre Schüler, an alle Menschen, denen Sie etwas Gutes geben möchten.

Was meinen Sie – ist es in seinem Sinne, wenn Sie das Gute, was er Ihnen geben konnte, so an die anderen weitergeben?
Dann würde er gewissermaßen durch Sie handeln und durch Sie weiter andere beschenken?
Dann handeln sie ja auch in seinem Namen, wenn Sie das Gute tun, was er sonst täte?
Dann geben Sie ihm ja auch etwas zurück, oder nicht?
Denn das, was Sie in seinem Sinne und in seinem Namen tun, das geben Sie auch ihm als Dank zurück. Kann man das so sehen?

Dann hat ihr Bruder noch nicht aufgehört, der Welt etwas zu schenken, und Sie können so noch lange Zeit Ihren Bruder beschenken.

Der Kloß im Hals

Vor einiger Zeit hatte ich eine Klientin hier, die litt unter einer diffusen Angst, die sich immer wieder in Panik steigerte – eine sogenannte „generalisierte Angststörung“. Nun beabsichtigte sie, eine größere Reise zu machen – aber die Vorstellung, mit ihrer Angst im Ausland zu sein, steigerte ihre Angst noch mehr. So kam sie in Therapie. Ich bat die Klientin, sich vorzustellen, die Angst wäre eine Struktur ihr gegenüber an der Wand, und sie könnte sie sehen. Es entwickelte sich der folgende (um Redundanz zu vermeiden, etwas gekürzte) Dialog:

„Ich kann das nicht nach draußen projizieren. Es ist wie ein Kloß im Hals.“
„Ein Kloß im Hals? Könnte man den nicht essen? Vielleicht mit Messer und Gabel zerteilen?“
„Nein, er sitzt fest.“
„Ist der Kloß hohl oder gefüllt?“
„Er ist mit Wasser gefüllt.“
„Und außen herum ist eine Haut?“
„Ja.“
„Was passiert, wenn Sie ein Loch in die Haut pieksen dann?“
„Das Wasser fließt weg.“ (Die Klientin beginnt zu weinen.)
„Und fließt wohin?“
„In den Magen.“
„Und dann wird es weiter laufen, bis es irgendwann in einen Bach mündet, und der fließt in einen größeren Bach, und der fließt dann vielleicht in die Nahe, und die fließt in den Rhein, ja?“
„Ja.“
„Und der Rhein fließt ins Meer. Da kommen Sie an Ihren Kloß ja gar nicht mehr heran! Werden Sie Ihn denn dann nicht vermissen?“
„Nein, überhaupt nicht.“
„Und wenn Sie am Meer stehen, werden Sie sich dann nicht wünschen, dass seine Tropfen zu Ihnen zurückkehren?“
„Nein, bestimmt nicht.“
„Ja, aber der Kloß ist vielleicht ganz unglücklich ohne Sie!“
„Das ist mir egal.“
„Aber dann sind Sie Ihren Kloß ja ganz los! Was machen Sie denn so ganz ohne Kloß?“
„Mich freuen.“
„Ja, dann brauchen Sie mich ja jetzt gar nicht mehr. Vermissen Sie die Therapie dann nicht?“
„Das geht schon in Ordnung.“
„Dann müssen wir uns wohl damit abfinden, dass Sie keine Therapie mehr brauchen.“
„Das wird schon klappen…“.

Das Problem, das seit etwa einem dreiviertel Jahr bestanden hatte, war damit aufgehoben.

Fräulein Gehirn

Hier noch ein Nachtrag. Das ist eine zweite Geschichte, die ich Anna in ihrer ersten Therapiestunde erzählt habe. Seitdem unterhält sie sich öfter mit ihrem Gehirn – etwas, was wir vielleicht alle manchmal tun sollten.

Du weißt natürlich, dass du ein Gehirn hast, und dass es denken kann, nicht wahr? Hast du schon einmal mit deinem Gehirn gesprochen? Nein? Dann ist ja heute Zeit, um damit anzufangen. Wie heißt denn dein Gehirn? Ist es ein Mann oder eine Frau?
Sehr gut… Du kannst also zu deinem Gehirn sagen: „Guten Tag, Fräulein Gehirn!“ und bestimmt wird es antworten: „Guten Tag, liebe Anna“. Du kannst es fragen: „Liebes Fräulein Gehirn, könntest du mir dabei helfen, mich immer zu konzentrieren, wenn meine Lehrerin die Hausaufgaben erklärt?“, und Fräulein Gehirn wird dir antworten: „Natürlich kann ich das, liebe Anna, du hast mich nur noch nie danach gefragt.“ „Ach so“, kannst du dann sagen, „dann bitte ich dich jetzt darum. Würdest du mich bitte immer wach und konzentriert sein lassen, wenn die Lehrerin die Hausaufgaben erklärt, liebes Fräulein Gehirn?“ „Aber selbstverständlich, liebe Anna!“

Das Lipom

Vor einigen Jahren hatte ich an meinem Oberschenkel einen kleinen runden Wulst. Etwa anderthalb Jahre lang ignorierte ich ihn, dann ging ich auf Wunsch meiner damaligen Freundin zu meinem Hausarzt und ließ ihn begutachten. „Das ist ein Lipom“, sagte er, „ein Fettgeschwür. Halte es ein bisschen im Blick. Wenn es bleibt, wie es ist, müssen wir nichts unternehmen. Nur wenn es wächst, sollten wir es entfernen.“ Ich hielt das Lipom gut im Blick – und tatsächlich wuchs es, erstmals seit anderthalb Jahren. Ich ging nochmals zum Arzt, der das Lipom chirurgisch entfernte.

Vor drei Wochen erzählte ich jemandem diese Geschichte, um ihm zu verdeutlichen: Was du beachtest, stärkst du. Ein kleines Problem, dem man viel Aufmerksamkeit schenkt, kann es zum größeren Problem werden. Ich weiß nicht, ob es daran gelegen hat, jedenfalls war vor anderthalb Wochen das Lipom wieder da, an der selben Stelle, wo der Arzt seinen Vorgänger herausgeschnitten hatte.

„Wenn das Geschwür auf eine Suggestion hin größer werden kann, kann es auch kleiner werden“, dachte ich. Mir fiel das volksheilkundliche Rezept einer Warzenbesprecherin ein: „Bestreiche die Warze jeden Morgen und jeden Abend mit Spucke, jedesmal mit einem anderen Finger, und sage dazu dreimal: ‚Was ich bestreiche, weiche.'“ Ich fragte mich: Ob das auch mit einem Fettgeschwür geht?

Ich habe den Versuch unternommen. Nach drei Tagen war das Lipom verschwunden.

 

 

Das sich selbst auflösende Symptom

„Ich habe eine seltsame Beobachtung gemacht“, so erzählte ich dem Mann am Telefon. „Vor einiger Zeit nämlich sagte ein Kollege zu mir: ‚Wenn ich ein telefonisches Vorgespräch wegen einer Therapie führe, dann sage ich oft zu den Leuten: Ein bekannter Therapeut hat beobachtet, dass die meisten Klienten bereits eine Verbesserung ihrer Probleme in der Zeit zwischen dem telefonischen Vorgespräch und der ersten Therapiestunde erleben. Ich stelle fest, dass bei etwa 70 – 80% der Klienten bereits bis zur ersten Therapiestunde eine Verbesserung eintritt. Ich möchte Sie deshalb bitten, dass Sie bis zu unserem Treffen darauf achten, ob es sich bei Ihnen ebenso verhält.’ Soweit die Worte meines Kollegen. Ich habe mir nun überlegt, ob der Effekt nur bei psychischen Symptomen auftritt oder auch bei körperlichen. Weiterlesen

Wozu Freunde?

Mit Herrn Gundolf unterhielt ich mich über eine Frau, die für ihren Mann alle Freunde aufgegeben hatte und die sich fragte, ob sie ihren Mann noch liebte. „Wenn diese Frau sich trennen will, dann braucht sie Freunde“, sagte Herr Gundolf, „sie schafft es sonst nicht“. „Wenn sie bleiben will, dann gilt das Gleiche“, sagte ich.

Bergwanderung

Eine Kollegin hat mir vor ein paar Tagen die folgende Geschichte gemailt.

Eine Frau um die 60, nicht mehr ganz gesund und mobil, nimmt an einer Bergwanderung teil. Dabei sind auch Einheimische. Die „Fremden“ stürmen nun schnellen Schrittes dem Gipfel entgegen. Sie haben es eilig. Die Frau kommt nicht mehr mit. Es ist zu anstrengend für sie. Sie kann ja auch nicht mehr so gut laufen. Aber die Gruppe drängt vorwärts, niemand nimmt Rücksicht auf sie. Traurig fällt sie immer mehr zurück. Da wird sie von einer Einheimischen angesprochen: „Lassen Sie die nur rennen. Die kriegen ja gar nichts mit. Kommen Sie, ich zeige Ihnen alles.“ Während die Frau nun langsam und in Ihrem Tempo weitergeht, bekommt sie die Schönheiten der Landschaft gezeigt, wird ihr vieles erklärt und erzählt. Und sie erholt sich. Auch sie kommt am Gipfel an. Sicher später, allerdings um vieles reicher.

Wahre Geschichte.

Die kleine Katze

Auf einem hohen Baum saß die kleine Katze ganz allein. Die Bäckerin kam vorbei und sah das Tier: „Ja, du armes kleines Kätzchen! Bist ganz hinauf geklettert und traust dich nicht mehr herunter!“ Der Pfarrer kam, und die Bäckerin sagte: „Herr Pfarrer! Wir müssen dem armen kleinen Kätzchen helfen!“ Der Bürgermeister kam. „Herr Bürgermeister“, sagten die Bäckerin und der Pfarrer. „Helfen Sie uns, dem armen kleinen Kätzchen zu helfen!“ „Gut“, sagte der Bürgermeister. „Wir werden dem armen kleinen Kätzchen helfen. Ich rufe die Feuerwehr!“ Die Feuerwehr kam Weiterlesen