Zwei Geparde

In einem afrikanischen Naturpark wollte man Geparde auswildern. Unter anderem konnte die Parkleitung zwei kranke Gepardenbabies günstig bekommen, #einen Bruder und eine Schwester. Nach langer fürsorglicher Pflege wurden sie beide gesund und kräftig. Als sie erwachsen waren, brachte man sie in ein großes Freilandgehege, wo sie andere Geparde kennenlernen konnten. Der Junge freundete sich mit einer Gepardin an, blieb bei ihr, und sie bekamen Junge. Das Gepardenmädchen aber kam jedes Mal, wenn die Wildhüter nach ihnen schauten, ließ sich streicheln, schnurrte und schien zu sagen: „Nehmt mich mit! Nehmt mich mit!“ Am Zusammensein mit den anderen Geparden war sie offenbar nicht interessiert. Nach vielen Besuchen dieser Art nahmen die Wildhüter sie wieder mit ins Camp, wo sie blieb, sich streicheln ließ und sich sichtlich wohl fühlte. Die Wildhüter sagten, sie wirkte bei ihren Menschen jetzt noch glücklicher als zuvor. Sie sagten: „Sie weiß jetzt, sie ist keine Gefangene. Sie konnte wählen.“ Beide Geparde wählten. Am Ende hatte jeder seine Freiheit.

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Die Inselblume (Filmausschnitt)

In diesem Beitrag – ebenfalls von Peter Stimpfle – erzähle ich die Geschichte von der Inselblume. Die Intervention setze ich häufig in der Arbeit mit Trauernden Menschen ein. Sie kann bei jeder Art von Verlust oder Wechsel in eine neue Lebensphase nützlich sein und zuweilen – je nach Situation – auch sterbenden Menschen erzählt werden. Der Film ist auf der Tagung der Milton-Erickson-Gesellschaft 2013 entstanden. Viel Spaß beim Ansc hauen!

Geschichten-Postkarten – Neue Motive

Aktuell erscheinen die Geschichten-Postkarten in neuem Gewand. Zunächst einige schon bekannte Geschichten mit neuen Motiven, im Frühjahr kommen dann fünf neue Geschichten. Die Postkarten sind erhältlich für 1,00 Euro plus Porto bei mir oder beim Geschichten-Netzwerk. Los geht es mit diesen Motiven… 🙂

Postkarte Grashalm

Postkarte Eidechse

„Das hab ich nicht!“

Am Freitag erzählte mir ein Kollege:

Gestern hatte ich eine ehemalige OP-Krankenschwester in Therapie. „Bevor wir zum Thema kommen, muss ich Ihnen etwas erzählen“, eröffnete sie die Stunde. „Eben war ich auf dem Marktplatz und habe eine ehemalige Patientin getroffen. Ich habe die Frau zuletzt vor zehn Jahren im OP gesehen. Die Ärzte fanden in Ihrem Bauch ein weit fortgeschrittenes Karzinom. Ohne den Eingriff noch weiter fortzusetzen, verschlossen sie den Bauch wieder. Nachdem sie aus der Narkose aufgewacht war, informierten sie die Frau über die Perspektivlosigkeit ihrer Erkrankung. Die Patientin teilte ihnen lapidar mit: „Das hab ich nicht!“ und wollte nur wissen, wann sie baldmöglichst das Krankenhaus verlassen konnte. Angesichts der Aussichtslosigkeit ihrer Situation gewährte man ihr dies baldmöglichst. Jetzt, zehn Jahre später, sehe ich sie auf dem Marktplatz Gemüse einkaufen!“

Ich danke Peter Stimpfle aus Eichstätt! 🙂

Pflügt aufs Neue…

Im November und Dezember bin ich krank gewesen und konnte teilweise gar nicht, teils nur eingeschränkt arbeiten. Darum auch keine Blogs… Nun bin ich zurück und wünsche euch allen ein möglichst gutes und vor allem gesundes Jahr, in dem ihr alles, was euch am Leben hindern will, zum Guten wendet! Auf dass himmlischer Segen, irdisches Leben und Weisheit, die beides vereint, sich in eurem Leben verbindet!

Vielleicht darf ich mit euch meine Gedanken teilen, die ich in der Klinik beim Gottesdienst zum neuen Jahr weitergegeben habe? Das bezog sich auf einen Satz des Propheten Jeremia, der gesagt hat: „Pflügt aufs Neue und sät nicht unter die Dornen!“

Ein neues Jahr liegt vor uns wie ein Acker. Ungepflügt und unbestellt darauf wartet es darauf, beackert zu werden. Unsere Aufgabe wird es sein, die vor uns liegende Zeit zu bestellen wie ein Feld, so dass sie Früchte trägt – Früchte des Erfolgs, des Glücks, der Liebe, Früchte einer erfüllten Zeit bzw. eines gelingenden Lebens. Unsere Aufgabe wird es also sein, die Scholle zu wenden, unsere Saat zu säen und die Ernte einzubringen. Es gibt wohl viele ganz verschiedenen Stile, so einen Acker zu bestellen. Man kann ihn tiefer oder flacher pflügen, im Herbst oder Winter oder Frühjahr, mit vielen oder wenigen Pflugscharen darüber fahren oder ihn mit ganz anders geformten modernen Gerätschaften bearbeiten. Wer den Fortschritt ablehnt, muss einen Ochsen anschirren oder gar sich selber vorspannen, wobei entsprechend leichtes Gerät zu empfehlen wäre. Man kann natürlich auch hingehen und sagen: Das letzte Jahr hat’s mir den Raps und die Gerste verhagelt. Wer weiß, ob sich die Arbeit lohnt. Vielleicht hagelt es ja wieder, oder es verregnet mir die Ernte. Ich pflüge dies’ Jahr einmal nicht. Ich säe die Frucht gleich in die Disteln und Dornen und was dann aufgeht, das ernte ich dann eben.
Würden Sie das so machen? Aber nein, bestimmt nicht. Wer würde denn so etwas tun? „Pflüget ein Neues und säet nicht in die Dornen“ lautet ein Rat aus der Bibel, aus dem Prophetenbuch Jeremia. Aber sagen Sie mir, wer wäre denn so doof, ein Feld zu bestellen und nicht zu pflügen und die Saat gleich auf die Disteln und Quecken zu streuen? Man weiß es nie. Menschen nehmen auch anderes Unkraut ins neue Jahr und säen Neues darüber, ohne das alte erst einmal umzupflügen. Den Streit und die Verletzungen vom letzten Jahr  lassen sie wachsen, denn das noch einmal umzupflügen ist harte Arbeit, und wer weiß, ob es sich lohnt. So säen sie all ihre Bemühungen um Gerechtigkeit und Liebe und liebevolles Miteinander auf eine verletzte Beziehung, in den Schmerz und die Kränkung hinein. Immerhin, sie fahren die Saat noch aus. Es gibt auch Menschen, die einen solchen Acker, der sie einmal enttäuscht hat, überhaupt nicht mehr bestellen. Das Unkraut des Schweigens und Nicht-mehr-grüßens wuchert immer über einer Beziehung, und je höher es wuchert, desto unwirtschaftlicher scheint es, darauf noch einmal etwas zu säen. Mit einem Acker geht man kaum so um, aber mit anderen Menschen verfahren viele so. Man lässt das alte Unkraut wuchern, so dass nichts Neues wachsen kann. Klar scheint mir: Um zu gedeihen, braucht Liebe einen vorbereiteten Boden. Kränkungen müssen aufgehoben und im Gespräch zum Guten gewendet werden. Harte Positionen müssen gelockert werden. All das Schmollen und den Trotz muss man selber umwenden, damit auf seiner Rückseite etwas Neues gedeihen kann. Das kann weh tun, noch einmal spürt man die Verletzung. Aber Das Schweigen muss aufgebrochen werden. Wer Recht hat oder Unrecht ist ja gar keine Frage, im Verhältnis zu dem Leiden, was das stolze oder gekränkte Schweigen anrichtet. Was zählt ist, was heilt. Also geht es doch darum, ob man sich in die Position des anderen hineinversetzen kann, und ob man es schafft, das in irgendwelche geeignete Worte zu fassen. Worte des Bedauerns stehen nicht am Anfang, es ist schon gut, wenn sie am Ende möglich werden. Zum Bereiten eines guten Bodens gehört sicher auch, dass man sich im Stillen mit sich selbst auseinandersetzt. Was war gelungen, was ist mir missraten in der vergangenen Zeit? Wie kann es beim nächsten Mal besser werden?
Diese Art von Arbeit ist hart, und der Ertrag ist so unsicher wie jede Ernte. Und trotzdem: Wer seine Liebe auf fruchtbaren Boden fallen lassen will, muss den harten Boden vergangener Enttäuschungen neu um brechen und von neuem seine Saat ausstreuen. Also: „Pflügt aufs Neue, und sät nicht unter die Dornen!“

 

Durchhalten

Ich möchte gern eine Geschichte erzählen, die vom Durchhandeln handelt, und davon, zusammenzuhalten, zu seinen Werten und zu seinem Selbstwertgefühl zu stehen. Ich weiß noch nicht genau, wie ich sie therapeutisch nutzen kann. Ich erzähle sie hier, weil sie mich berührt.

Im Westjordanland, etwa zehn Kilometer südwestlich von Bethlehem, haben wir Familie Nasser besucht. Die Nassers sind eine christlich-palästinensische Bauernfamilie, die ihren kleinen Hof auf der Anhöhe zu einem Begegnungszentrum gemacht haben für Palästinenser, Israleis und Menschen aus aller Welt, die Frieden suchen. Am Eingangstor des kleinen Landwirtschaftsbetriebes liegt ein Stein, auf den sie geschrieben haben: „We refuse to be enemies. Wir weigern uns, Feinde zu sein.“

Was es mit diesem Satz auf sich hat, haben wir im Gespräch mit dem Besitzer des Betriebs erfahren. „Mein Großvater“, so erzählte er, hat dieses Land im Jahr 1917 von der damaligen osmanischen Besatzungsmacht gekauft. Dann hat er etwas getan, was für die damalige Zeit und noch lange danach sehr ungewöhnlich, ja, geradezu verrückt war. Er hat sich Papiere über den Grundbesitz ausstellen lassen und hat Steuern gezahlt. Jahr für Jahr hat unsere Familie Steuern gezahlt für dieses Papier, das sonst keiner hatte.“ Bis dahin hatten die Bauern einfach dort gelebt, wo ihre Familien immer gelebt hatten; durch mündliche Überlieferung und durch Zeugen wusste jedes Dorf und jede Familie, wo das Land der einen anfing und wo das Land der anderen aufhörte. Warum sollte man Land von einer Besatzungsmacht kaufen, die erst kürzlich gekommen war und vielleicht schon bald von den nächsten Besatzern abgelöst werden würde? „Erst haben wir der osmanischen Besatzung Steuern gezahblt, dann der jordanischen, danach den Engländern und schließlich den Israelis. Dann hat der israelische Staat angefangen ringsumher Siedlungen zu bauen. Eines Tages kamen Soldaten und haben uns gesagt, wir sollten hier verschwinden. Wir sagten, das Land gehört uns. Sie wollten das nicht glauben. Wir haben dann den israleischen Behörden unsere Papiere gezeigt. Wir konnten belegen, dass wir das Land gekauft hatten und lückenlos unsere Steuern bezahlt hatten – an die Osmanen, an die Jordanier, an die Engländer und auch an die Israelis. Darau haben sie gesagt: „Die Papiere sind gefälscht.“ Sie haben von uns verlangt, einen israelischen Notar auf unsere Kosten nach Istanbul und London zu schicken, um in den Archiven dort nachzuschauen, ob unsere Vorfahren das Land tatsächlich gekauft haben. Der Notar hat die Belege tatsächlich gefunden. Als die israelische Seite bemerkt hat, dass sie den Prozess nicht gewinnen können, haben sie ihn verschleppt, so dass er in der Schwebe hängt und nie zu Ende gebracht wird. Dann haben sie Bulldozer geschickt, die unsere Zufahrtsstraße verschüttet haben, damit wir uns nicht mehr versorgen können. Wir haben uns dann einen anderen Zugangsweg freigeschaufelt. Sie haben den Palästinensern hier in Palästina verboten, Strom zu haben und irgendetwas zu bauen. Sie haben uns dann Abrissverfügungen geschickt für die Gebäude, die hier stehen. Wir haben gesagt, die sind damals rechtmäßig gebaut worden. Ich fragte einen von ihnen: ‚Gilt für mich das gleiche Recht, wie für einen Israeli, der hier wohnt?‘ Er sagte: ‚Ja.‘ Ich fragte: ‚Dort drüben sind Häuser, die israelische Siedler ohne Genehmigung gebaut haben. Warum schickt ihr dorthin keine Abrissgenehmigung?‘ Der Mann sagte: ‚Das geht Sie nichts an.‘ Gegen den Abriss unseres Wohnhauses haben wir prozessiert. Als wir fertig waren und die Genehmigung zurückgenommen war, haben sie uns einfach sechs neue Abrissverfügungen geschickt. Die Zelte und der Verschlag für die Hühner, alles soll angeblich ein Gebäude sein und darum abgerissen sein. Die Hühner haben wir jetzt in einen Wohnwagen gebracht. Ein Wohnwagen ist ja kein Gebäude. Oft kreisen Hubschrauber über uns, um zu beobachten, was wir machen. Sie haben uns immer neue Abrissverfügungen geschickt. Einmal waren wir so kurz davor, dass wir uns sicher waren, dass nächste Woche die Bulldozer unser Haus abreißen. Wir haben das in E-mails ein paar Freunden in Europa mitgeteilt. Gar nicht systematisch. Wir haben gar nicht gedacht, dass wir etwas dagegen ausrichten können. Aber die haben dann offenbar so viele Briefe an die Regierung geschickt, dass dann nichts passiert ist. Auch im Moment haben wir einen Prozess gegen solche Verfügungen am laufen. Schauen Sie, wir haben uns jetzt Höhlen in den Kalkstein gebaut. Eine Höhle ist ja kein Gebäude. Und der Strom… ein Deutscher, der hier war, hat gesagt, ich organisiere Ihnen das, dass Sie Solarzellen bekommen. Ich habe das nicht geglaubt. Aber irgendwann kamen Leute und haben uns hier Solarzellen installiert. So haben wir auch Licht in unseren Höhlen. Seit 1991 haben wir 150.000 Dollar Prozesskosten, um für ein Land zu kämpfen, das uns rechtmäßig gehört, das wir gekauft haben und für das wir Steuern gezahlt haben. Wir haben auf unserem Land 250 Olivenbäume gepflanzt. Wenn man sein Land behalten will, ist es gut, etwas darauf zu pflanzen. Dann kann niemand sagen: ‚Das Land gehört niemand, es wird ja nicht genutzt.‘ Eines Nachts sind Siedler aus der Nachbarschaft gekommen und haben die 250 Olivenbäume alle abgesägt. Das hat uns sehr getroffen. Nicht nur wegen des wirtschaftlichen Verlusts. Olivenbäume wachsen sehr langsam. Für uns ist ein Olivenbaum auch ein Zeichen für Hoffnung, für den Glauben an die Zukunft. Es ist ein Symbol. Wir waren sehr niedergeschlagen. Dann hat eine jüdische Menschenrechtsorganisation in Europa von dem Fall gehört. Sie haben uns geschrieben, dass sie uns die Bäume ersetzen wollen. Ein paar Wochen später sind freiwillige Helfer aus Europa angereist und haben 250 junge Olivenbäume bei uns gepflanzt. Einige Zeit später haben wir einen anonymen Anruf bekomme. Ein Mann hat uns 1 Million Dollar für das Land geboten, dann zwei Millionen. Wir haben gesagt: ‚Das ist das Land, das unser Großvater uns gekauft hat und auf dem wir groß geworden sind. Es ist das Land unserer Famile. Wir leben hier. Es ist nicht zu verkaufen.‘ Einige Zeit später haben wir wieder einen Anruf bekommen. Sie wollten uns 10 Millionen Dollar bieten, dann zwanzig. Schließlich haben sie ins Telefon gerufen: ‚Dann sagen Sie uns doch einfach, wieviel sie wollen! Wir zahlen Ihnen auch das Ticket nach Amerika, und damit ist es dann gut!‘ Wir sind nicht darauf eingegangen. Wir wissen nicht, wie lange wir hier bleiben können. Wir prozessieren jetzt seit 1991, und es ist kein Ende in Sicht.“ Sie sagen auch: „Nicht die Israelis sind schlecht. Wir haben viele israelische Freunde. Schlecht ist das System, das so mit uns umgeht.“

Der Hügel, auf dem diese Familie lebt, gehört zu einer Bergkette, auf dem die israelische Regierung sogenannte jüdische Siedlungen errichtet, das sind Trabantenstädte rund um Jerusalen, die auf staatsfremdem Gebiet errichtet werden, wobei stetig weitere Palästinensergebiete annektiert werden. Palästina wird dadurch zu einem Löcherkäse, auf dem kein Staatsgebiet mehr errichtet werden kann, weil er von jüdischen Enklaven durchlöchert ist. Die Siedlungen werden zuerst einzeln, dann (jeweils mit einer größeren Umbaumaßnahme) als ganze Hügelkette von einer zehn Meter hohen Mauer umfriedet. Das Grundeigentum dieser Familie ist auf einem Hügel einer solchen Kette, der mit einer solchen Mauer und entsprechenden Straßen, die nur von jüdischen Siedlern benutzt werden dürfen, aus Palästina herausgeschnitten werden soll. Vorestern wurde in den Nachrichten berichtet, dass israelische Behörden solche von deutschen Firmen gebauten Solaranlagen abreißen wollen.

Übrigens: Berichte, Fotos und Videos mit Interviews und Dokumentationen zum Leben dieser Familie findet ihr hier.

 

 

Das Müllhalden-Philharmonieorchester

Manchmal bezeichnen Menschen in der Therapie sich selbst, ihr Leben oder einander als kaputt, als Müll, als Schrott… und manchmal nennen sie sich zwar nicht so, aber behandeln sich selbst und einander wie Schrott. Manche verletzen sich selbst, manche versuchen sich, das Leben zu nehmen. All das womöglich, weil sie die Dinge, die in ihrem Leben als wertvoll angesehen werden können, nicht mehr als Wert erkennen.

Ich glaube, dass alles im Leben wertvoll werden und als Wert genutzt werden kann. Alles, auch das Allerunnützeste kann für ein wertvolles Leben genutzt werden. Das heißt nicht, dass es immer leicht wäre, das so zu sehen – im Gegenteil! – „aus Scheiße Rosen machen“ (Virginia Satir) ist höchste Lebenskunst und anspruchsvoll!

Dieser Film erzählt eine Geschichte dazu, was aus Müll – und aus „Müllmenschen“ – werden kann. Ich wünsche euch einen schönen Tag!

Nachhaltigkeit

Eine Kollegin hat mir vorhin geschrieben:

„Hallo Herr Hammel,

am Freitag stand ein interessanter Artikel über den Designer Hartmut Esslinger (u.A. hat er stark das Design von Apple geprägt) in der Süddeutschen Zeitung. Eine Passage daraus will ich Ihnen gerne weitergeben:
Esslinger wird gefragt, wie Design in 30 Jahren aussehen wird. Und hat darauf keine Antwort. Er weiß nur, dass die Menschen vom Materiellen wegkommen müssen, denn dass könnten wir uns nicht mehr leisten.
Das perfekte Design sei für ihn ein Geschichtenerzähler, der früher auf dem Marktplatz stand. „Der brauchte nur ein bisschen Luft, Wasser und etwas zu essen – und hat trotzdem mit seinen Geschichten enorm viel ausgelöst bei seinen Zuhörern. Da müssen wir hinkommen.“

Sie sind schon da!“

Ich habe zurückgeschrieben: „Sie hätten mir kein schöneres Kompliment machen können. Danke!“

Ob ich wirklich schon da bin, daran zweifle ich. Aber das, was ich auf dem Weg bislang gelernt habe, möchte ich gern mit anderen teilen. Vielleicht kommen wir zusammen hin.

 

 

Die Bücher des Erzählers

Diese Geschichte liebe ich sehr.

Eigentlich heißt sie „Der Geschichtenerzähler“, nur gibt es unter diesem Namen im HYPS-Blog schon eine Geschichte. So habe ich mir mit einem anderen Titel beholfen und hoffe, es ist recht. Geschrieben hat sie meine Kollegin Katharina Lamprecht. Ich freue mich, dass ich sie mit euch teilen darf!

Vor langer Zeit lebte im Oman einmal ein Gelehrter. Er besaß viele hundert Bücher, für ihn waren sie wie seine Familie und er kannte jedes einzelne gut.
Eines Tages geschah es, dass er vergaß, eine Kerze zu löschen und sein Heim ging in Flammen auf. Zum Glück konnte er sich rechtzeitig aus dem Haus retten und er nahm so viele Bücher mit, wie er tragen konnte. Da er die dicken mit den vielen Seiten besonders liebte, ergriff er vorwiegend diese.
Am nächsten Morgen durchstöberte er noch mal die Ruinen seines Hauses.  Aber er fand nichts von Wert unter den  verkohlten Brettern.  Nichts außer einem kleinen Bändchen mit Geschichten. Seufzend steckte er es in seine Tasche und begann zu überlegen, wie es nun für ihn weitergehen sollte. Er besaß nun nichts mehr außer den Kleidern, die er am Leib trug,  die paar Dinar, die er in seinen Taschen hatte und einer Handvoll Bücher. Er beschloss, die Gelegenheit, so bitter sie auch für ihn war, zu nutzen und bevor er zu alt würde, einmal in die Welt hinaus zu ziehen. Um sich anzuschauen, wovon er immer nur gelesen hatte.  Er bereitete sich so gut es ging auf seine Reise vor. Vor allem bedachte er, welche Bücher er mitnehmen sollte. Denn ganz ohne ein Buch auf eine so lange Reise zu gehen, war für ihn unvorstellbar.  Da er nur einen kleinen Handkarren hatte,  war es ihm nicht einmal möglich, alle geretteten Bücher mit zu nehmen. Die Entscheidung fiel ihm nicht leicht,  und er dachte lange darüber nach, packte welche ein, dann wieder aus, nahm andere zur Hand, bis er sich schweren Herzens für  einige entschied.  Besonders dicke, inhaltsreiche Bücher hatte er eingepackt.  Als er aufbrechen wollte sah er, dass im Karren noch ein schmaler Spalt leer geblieben war. „Ich kann noch ein kleines Buch hineinstecken“, dachte er und griff sich das dünnste Buch, das er hatte. Es war das Buch mit den Geschichten.  Dann zog er los.
Nun musste er als erstes durch eine unwirtliche und gefährliche Gegend ziehen. Nach einigen Tagen wurde er von Räubern überfallen, die ihm alles abnahmen was er besaß. Ausgenommen seinen Bücherkarren, den sie  hohnlachend in einen Graben stießen.  Noch ärmer als zuvor zog der Mann weiter. Er schätzte sich  glücklich, dass er seine geliebten Bücher hatte retten können. Am Abend fand er eine kleine Herberge und bat um ein Nachtlager. Da er kein Geld hatte, entschloss er sich schweren Herzens, eines seiner Bücher als Bezahlung anzubieten. Der Gastwirt, der keine echte Verwendung für ein Buch in seinem Gasthaus hatte, war ein gutmütiger Mann und so gewährte er dem Gelehrten Unterkunft und nahm einfach das dickste Buch, das er finden konnte.
So zog der Alte mit seinem Handkarren immer weiter. Manchmal konnte er sich mit Hilfsdiensten ein paar Dinar verdienen und die Herberge bezahlen, aber oft fand er keine Arbeit. Er konnte ja auch im Grunde nichts, was unterwegs irgendwie nützlich gewesen wäre, denn er verstand nicht viel von handwerklicher Arbeit. So wurde sein Karren immer leerer und leerer, bis außer dem  kleinsten Buch, dem mit den Geschichten, nichts mehr darin war. So steckte er es in seinen Mantel, verkaufte den Karren und ging weiter.
Als auch dieses Geld aufgebraucht war, musste er abends  oft unter freiem Himmel schlafen, da es  unter den Herbergsleuten nur wenige gab, die ihm ohne Bezahlung ein Dach über dem Kopf gegeben hätten. Eines Abends traf er, auf der Suche nach einem geeigneten Rastplatz, ein paar Beduinen, die gerade in einer Senke ihr Lager aufschlugen. Er bat sie, sich zu ihnen legen zu dürfen. Sie hießen ihn willkommen und machten Platz an ihrem Feuer.  Nachdem sie auch ihre wenige Wegzehrung mit ihm geteilt hatten, hob einer von ihnen an und erzählte eine Geschichte.  Bereits nach wenigen Worten war der alte Gelehrte ganz verzaubert von dieser Erzählung und lauschte andächtig und mit Freude. In dieser Nacht erzählten die Beduinen noch viele Geschichten und als der alte Mann am nächsten Morgen aufbrach, gingen sie ihm immer noch im Kopf herum.
Als er am Abend wieder an eine Herbergstür klopfte antwortete er  auf die Frage, ob er denn Geld habe, ganz unwillkürlich: „Nein, aber ich könnte deinen Gästen heute Abend eine Geschichte erzählen“. Der Wirt war einverstanden und so kam es, dass der alte Gelehrte, der  so viel wusste über Geologie, Philosophie, Religionskunde, fremde Länder, die Künste der Mathematik, Physik und Literatur, dass er entdeckte, dass ein kurze Geschichte, ein Märchen, ihm bessere Dienste leistete, als all sein Fachwissen.  Und plötzlich fiel ihm das dünnste seiner Bücher ein, das mit den vielen Geschichten, das er immer noch im Mantel trug. Er nahm es heraus und begann, jeden Abend  in der Herberge daraus vorzulesen. Es kamen täglich mehr Gäste ins Wirtshaus, um ihm zu zuhören, so dass der Wirt ihm anbot, für eine Weile bei ihm zu bleiben.
Manchmal, wenn der Gelehrte am Abend seine Geschichte erzählt hatte, wusste auch einer der Gäste eine zu berichten und so lernte er immer mehr Geschichten kennen. Bald schon kamen die Leute und fragten, ob denn der Geschichtenerzähler heute  wieder da sei und man lud ihn ein, in andere Dörfer zu kommen, um die Bewohner  mit seinen Worten in andere Welten zu führen.
„Warum nicht“, dachte er bei sich, denn inzwischen kannte er schon beinahe so viele Geschichten, wie er Bücher gehabt hatte. Manchmal erfand er sogar neue, sie kamen ihm einfach von ganz alleine in den Sinn. Es schien, als sprudele eine lebhafte Quelle in seinem Inneren,  wenn er nur still genug lauschte.
Es vergingen viele Jahre, in denen der Gelehrte, der inzwischen ein  Geschichtenerzähler war, durch das Land zog und seine Märchen erzählte.  Das kleine schmale Buch brauchte er schon lange nicht mehr, aber von all seinen Büchern, war es ihm das Liebste geworden und er trug es stets bei sich. Es erinnerte ihn  daran, dass ein Schatz an Wissen nicht einhergeht mit der Anzahl der  Bücher, die man gelesen hat.