Krasse Welt

Dieser Beitrag hat mich berührt. Er stammt von meiner geschätzten Kollegin Angelika Berning aus Hannover. Ich habe sie gefragt, ob ich ihn veröffentlichen darf und bin dankbar, dass sie „Ja“ gesagt hat…

Vor einiger Zeit habe ich einen Ort aufgesucht, der mich sehr beeindruckt hat. Was ich an diesem Ort erlebt habe möchte ich im Folgenden gerne teilen.

Nehmen Sie sich einige Minuten Zeit dieses Bild anzuschauen, bevor Sie den nachfolgenden Text lesen.

Unvorstellbar

Äußerlich bin ich ganz ruhig, aber tief in mir spüre ich Anspannung, als ich an diesem grauen Herbsttag den kleinen Kellerraum betrete. Schon lange hatte ich vorgehabt hierher zu kommen und registriere nun, dass ich mir den Raum viel größer vorgestellt hatte. Er misst etwa drei Schritte von Wand zu Wand und sechs vom Fenster bis zu der Stelle, wo nach späterer Rekonstruktion die vordere Wand gewesen sein muss; vielleicht sind es 18 qm. Eine weiße Kerze steht auf einer Art rostigem Eisenbalken, der als Kerzenständer dient. Ein kleines Holzkreuz liegt auf der Kerze. Auf dem Boden direkt daneben steht ein erloschenes, rotes Grablicht und eine wie achtlos daneben hingeworfene Plastikrose.

Ansonsten ist der Raum leer. Gar nichts Besonderes hier: unspektakulär, schlicht, karg und einfach, wie viele Kellerräume in irgendwelchen Häusern. Steine, Mörtel, Wände, die Decke nicht sehr hoch, ein vergittertes Fenster mit Milchglasscheiben, die Tageslicht hereinlassen. Ohne Wissen könnte man von diesem Raum in seiner ausstrahlenden Harmlosigkeit keinerlei Rückschlüsse auf das ziehen, was hier früher einmal stattgefunden hat. Und doch war er eine Zeit lang eine Stätte unvorstellbaren Grauens. Sobald man ihn damals betreten hatte, musste buchstäblich die Hölle begonnen haben.

Genau an diesem Ort auf Schloss Sonnenstein in Pirna/Sachsen sind von 1940 bis 1941 fast 14.000 Menschen vergast worden. Dabei war die Heilanstalt Sonnenstein in den ersten einhundert Jahren ihres Bestehens eine im In- und Ausland hoch angesehene, psychiatrische Anstalt gewesen, wo beachtliche Heilerfolge erzielt worden waren. Bis dahin hatte in diesen Kliniken die Verwahrung der Patienten an erster Stelle gestanden. Nun wollte man mit einem neuen Konzept angemessene und vor allem humane Behandlungsmöglichkeiten zum Wohle der Patienten anwenden. Man ermöglichte ihnen Beschäftigung, eine offene Fürsorge und verzichtete auf einschränkende Maßnahmen im Sinne von Zwang, Isolierung und Bestrafung.

Kaum dreißig Jahre später war aus der Reformpsychiatrie eine Tötungsanstalt geworden. In der Gaskammer hier unten im Keller wurde sogenanntes „unwertes Leben“ wie selbstverständlich vernichtet. Im Rahmen einer reichsweit von den Nazis zentral koordinierten und weitgehend geheim gehaltenen Aktion, genannt „T4“, wurde die Tötung sogenannter „Ballastexistenzen“ an insgesamt sechs Orten in Deutschland umgesetzt.

Genau hier, wo ich jetzt stehe, ist einer davon und nicht zuletzt wegen der Zahl der Opfer einer der schlimmsten Orte nationalsozialistischer Verbrechen in Sachsen. Vernichtet wurden in diesen sechs „Euthanasie“- Anstalten insgesamt 70273 Menschen.

Still ist es hier unten, trotz des Baulärms von draußen. Vielleicht ist der Krach sogar gut und hält die Verbindung zum Heute, während meine Gedanken in die Vergangenheit ziehen. Wie viel Angst muss an dieser Stelle ertragen worden sein? Wie viele gellende Schreie sind hier wohl ausgestoßen worden? Wie viele Menschen mögen vor Entsetzen in einem mehrere Minuten dauernden Todeskampf durch Ersticken röchelnd die Finger ineinander verkrallt haben? Was noch mehr? Verzweifelte Männer, Frauen, Kinder, denen man vielleicht versprochen hatte, in eine modernere Heilanstalt zu kommen, wo sie bessere Bedingungen vorfinden würden und man ihnen kompetenter helfen könnte. In diesen Raum traten sie ein, weil sie davon ausgingen, dass sie nach ihrer Ankunft zunächst erst duschen sollten. Manche hatten laut Angaben tatsächlich Waschlappen und Seife dabei.

Ich bin sehr wach und wie betäubt zugleich. Habe Angst, ein riesiger Schmerz könnte wie ein Dolch in meine Brust fahren, wenn ich die Gefühle wirklich zulassen würde, die diese Vorstellungen in mir hervorrufen. Ich fange an zu rechnen, vielleicht zum Selbstschutz. Es ermöglicht mir Distanz, um nicht vom Grauen übermannt zu werden.

In den Brennöfen zwei Räume weiter konnten maximal zwei Leichen zugleich verbrannt werden, also in beiden Öfen zusammen vier Leichen. Wie lange braucht eine Leiche, um vollständig zu Asche zu werden? Siebzig Minuten, habe ich später im Internet nachgelesen. 13.720 getötete Menschen werden in der Gedenkstätte genannt. Wie lange mögen die zwei Öfen gebrannt und sich der Geruch über Pirna verbreitet haben?

Ich lese auf einer Gedenktafel, dass viele Einwohner bereits damals von den Krankenmorden auf Schloss Sonnenstein wussten. Es war also bekannt, dass in den grauen Bussen, im Volksmund „Flüsterkutschen“ genannt, Menschentransporte stattfanden, die wieder und wieder hoch auf Schloss Sonnenstein fuhren. Der schwarze Rauch und der Geruch von verbrannten Menschen muss registriert worden sein. Als letzter Satz auf der Gedenktafel steht: „Proteste gab es jedoch nicht. Die Tötungsmaschinerie konnte ungestört arbeiten.“

„Unwertes Leben“

Als ich den Gedenkstättenraum mit den Dokumentationen im Obergeschoss betrete, sind nur noch drei weitere Personen anwesend. Sie haben scheinbar nichts miteinander zu tun. Eine ältere Frau und ein Mann stehen vor unterschiedlichen Tafeln. Es ist ganz still. Nur ein jüngerer Mann in einem Parka sitzt in sich zusammengesunken, ab und zu leise vor sich hin murmelnd, auf der Besucherbank. Er zieht meine Aufmerksamkeit auf sich, immer wieder muss ich hinschauen. Als ich an ihm vorbeigehe, hebt er den Kopf und unsere Augen begegnen sich. Jetzt kann ich erkennen, dass es ein Mann mit Down-Syndrom ist, vielleicht 35 Jahre alt. Der ältere Mann setzt sich nach einer Zeit zu ihm. Sie flüstern und verlassen gemeinsam den Raum. Nur die Frau und ich sind jetzt noch hier oben. Als auch unsere Augen sich einmal begegnen, versuche ich sie anzulächeln. Kein Lächeln kommt zurück. Stattdessen spüre ich hinter ihrem ernsten, fast völlig erstarrten Gesichtsausdruck und den weit aufgerissenen Augen einen großen, zurückgehaltenen Schmerz. Ich schäme mich für mein Lächeln, das so gar nicht zu der Situation zu passen scheint. Vielleicht hatte ich zwischen den Dokumenten der Unmenschlichkeit einfach nach einem Moment der Verbindung gesucht, um es aushalten zu können, was man hier im Detail an Entsetzlichem erfährt.

Plötzlich sind die beiden Männer wieder da und bleiben schweigend am Eingang stehen, mit Blick zu uns in den Raum. Die Frau geht auf die beiden zu. In einer vehementen Geste breitet der junge Mann mit plötzlich strahlendem Lächeln seine Arme weit aus und umarmt die Frau, die vielleicht seine Mutter ist, und sogleich schließt auch sie ihn in die Arme. Innig und ohne Worte. Sie gehören offenbar doch alle drei zusammen, sind eine Familie.

Was mögen diese Frau, dieser ältere und auch der junge Mann heute hier innerlich erleben? Welche Schmerzen mögen sie spüren als Mutter, als Vater von „unwertem Leben“, wie es damals benannt wurde? Was mag der junge behinderte Mann hier oben fühlen?

Bis 1945 sind die Tötungen weiter vollzogen worden, hier auf Schloss Sonnenstein nach 1941 nicht mehr durch Vergasung, sondern danach mit hohen Medikamentendosen, die zum Ersticken führten, oder schlicht durch Verhungern.

Gleich am Eingang ist schon zu lesen: „Im Keller dieses Gebäudes ermordeten die Nationalsozialisten in den Jahren 1940/41 13720 psychisch kranke und geistig behinderte Menschen sowie mindestens 1031 Häftlinge aus Konzentrationslagern.“

Anwesend zu sein, während dieser junge Mann seine erstarrte Mutter umarmt, ihr sein Lächeln schenkt, so wie er es wahrscheinlich schon oft in seinem Leben getan hat, berührt mich bis tief in mein Innerstes. Unfassbar hier der Begriff des „unwerten Lebens“.

Die Tränen liefen und indem ich diese Begegnung gerade aufschreibe auch jetzt wieder. Bei aller Anstrengung, welche die Behinderung des Sohnes für die Familie bedeutet haben mag, zurückliegend und wohl auch zukünftig, ist seine Existenz doch ein Geschenk. Deutlich ist das zu spüren in der Verbindung, die ich zu sehen bekomme.

Aufschrei

Für jeden Menschen, der, statt in bessere Behandlung zu kommen, hier qualvoll in der Gaskammer ersticken musste, befindet sich heute ein gemaltes Kreuz in leuchtender Farbe auf dem Boden. Die bunte Spur der gemalten Kreuze nimmt ihren Anfang in diesem Keller des Grauens und zieht sich auf dem Pflaster quer durch Pirna. Weiß man das nicht, so wie ich damals, als ich meine Freunde hier zum ersten Mal besuchte, ist man neugierig, wofür die dekorative Spur gemalt sein mag. Ich fühlte mich geradezu angezogen von ihr und fragte nach ihrer Bedeutung. Die Antwort ließ meinen Atem stocken. Das bis dahin für mich nur theoretische Wissen von der Ermordung so vieler Menschen in dieser Stadt kam plötzlich sichtbar nah. 13.720 getötete Menschen ist eine abstrakte Zahl, aber die nicht enden wollende, bunte Spur, die sich durch die vielen Straßen zieht, verfehlt ihre Wirkung nicht und schockiert mich immer wieder. Und sie erinnert mich daran, dass so etwas nie wieder passieren darf.

Die Spur der bunten Kreuze zieht auch durch die Kirchgasse. Wenige Tage zuvor hatte mich ein Schild dort vor einem Laden wie ungläubig stehenbleiben lassen. Es war die große Überschrift darauf: Noteingang, mit dem bekannten Logo für Notausgänge. Darunter der Text: Wir bieten Schutz vor rassistischen Übergriffen! Darunter in drei Sprachen wiederholt (s. Foto unten).

Erst langsam, indem ich die Worte mehrmals gelesen hatte, war mir die Bedeutung klargeworden: Wenn eine derartige Möglichkeit angeboten wird, ist sie eine Notwendigkeit. Mir wurde klar, dass Menschen ausgerechnet hier in Pirna bedroht oder/und verfolgt worden sind und möglicherweise dringend Hilfe gebraucht haben. Vielleicht nur aufgrund der Tatsache, dass sie fremdartig aussahen. Genau an einem der Orte, von denen damals die Vernichtung „unwerten Lebens“ begonnen hatte.

In der Gaskammer fällt es mir wieder ein, wie geschockt ich geradezu über dieses Schild gewesen war und wie sich beim Lesen der Worte alles in mir zusammengezogen hatte. Wie viele Jahre braucht es wohl von dem Zeitpunkt an, da solch ein Schild erforderlich wird, bis vielleicht Ähnliches passiert wie das, was ich eben gerade auf Schloss Sonnenstein besichtige und erfahre? Alles, was größer geworden ist, hat irgendwann einmal klein angefangen.

In der Gedenkstätte erfahre ich auch für mich neu, dass schon 1904 die „Deutsche Gesellschaft für Rassenhygiene“ gegründet worden war, und dass sich durch den ersten Weltkrieg die rassenhygienischen Forderungen dieser Vertreter verschärft hatten. Sie waren allerdings mit diesem zugrundeliegenden Gedankengut längst nicht mehr allein. Es hatten sich angesichts der durch den Krieg verursachten, großen wirtschaftlichen Not die Stimmen gemehrt, die sich auch aus finanziellen Gründen gegen die Pflege und Betreuung chronisch psychisch Kranker und Behinderter ausgesprochen und sogar deren Tötung als „überflüssige Esser“ gefordert hatten. Zwei angesehene Wissenschaftler, ein Psychiater und ein Jurist, stellten gemeinsam schon 1920 einen offiziellen Antrag, „unwertes Leben”“ vernichten zu dürfen. Immerhin wurde damit zunächst wenigstens noch an offizieller Stelle um Erlaubnis angefragt.

In nur wenigen Jahren hatte sich diese menschenverachtende Denk- und daraus resultierende Handlungsweise zu einer perfekt organisierten Tötungsmaschinerie entwickelt, die Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Von der Beantragung bis zur tatsächlichen Umsetzung hat es nur knapp 20 Jahre gedauert.

Der katholische Priester Clemens August Graf von Galen war von 1933 bis 1946 Bischof von Münster in Westfalen. Er kritisierte öffentlich u.a. die menschenfeindliche Politik der Nazis. In seiner Predigt am 3. August 1941 prangerte er die Euthanasie, also die Vernichtung der als unwert eingruppierten Menschen als Mord an. Die Auszüge der Predigt, die ich in der Gedenkstätte gefunden habe, füge ich hier ein:

„Seit einigen Monaten hören wir Berichte, dass aus Heil- und Pflegeanstalten für Geisteskranke auf Anordnung von Berlin Pfleglinge, die schon länger krank sind und vielleicht unheilbar erscheinen, zwangsweise abgeführt werden. Regelmäßig erhalten dann die Angehörigen nach kurzer Zeit die Mitteilung, der Kranke sei verstorben, die Leiche sei verbrannt, die Asche könne abgeliefert werden. Allgemein herrscht der an Sicherheit grenzende Verdacht, dass diese zahlreichen unerwarteten Todesfälle von Geisteskranken nicht von selbst eintreten, sondern absichtlich herbeigeführt werden, dass man dabei jener Lehre folgt, die behauptet, man dürfe so genannt lebensunwertes Leben vernichten, also unschuldige Menschen töten, wenn man meint, ihr Leben sei für Volk und Staat nichts mehr wert. Eine furchtbare Lehre, die die Ermordung Unschuldiger rechtfertigen will, die gewaltsame Tötung der nicht mehr arbeitsfähigen Invaliden, Krüppel, unheilbar Kranken, Altersschwachen grundsätzlich freigibt!

Deutsche Männer und Frauen! Noch hat Gesetzeskraft der §211 des Reichsstrafgesetzbuches, der bestimmt: „Wer vorsätzlich einen Menschen tötet, wird wenn er die Tötung mit Überlegung ausgeführt hat, wegen Mordes mit dem Tode bestraft.“ Wohl um diejenigen, die jene armen Menschen, Angehörige unserer Familien, vorsätzlich töten, vor dieser gesetzlichen Bestrafung bewahren, werden die zur Tötung bestimmten Kranken aus der Heimat abtransportiert in eine entfernte Anstalt.

Als Todesursache wird dann irgendeine Krankheit angegeben. Da die Leiche sofort verbrannt wird, können die Angehörigen und auch die Kriminalpolizei hinterher nicht mehr feststellen, ob die Krankheit wirklich vorgelegen hat und welche Todesursache vorlag. Es ist mir aber versichert worden, dass man im Reichsministerium des Innern und auf der Dienststelle des Reichsärzteführers Dr. Conti gar keinen Hehl daraus mache, dass tatsächlich schon eine große Zahl von Geisteskranken in Deutschland vorsätzlich getötet worden ist und in Zukunft getötet werden soll (…). So müssen wir damit rechnen, dass die armen, wehrlosen Kranken über kurz oder lang umgebracht werden. Warum? Nicht, weil sie ein todeswürdiges Verbrechen begangen haben! Nicht etwa, weil sie ihren Wärter oder Pfleger angegriffen haben…(..). Nein, nicht aus solchen Gründen müssen jene unglücklichen Kranken sterben, sondern darum, weil sie nach dem Urteil irgendeines Amtes, nach dem Gutachten irgendeiner Kommission lebensunwert geworden sind (…). Arme Menschen, kranke Menschen, unproduktive Menschen meinetwegen. Aber haben sie damit das Recht auf das Leben verwirkt? Hast du, habe ich nur solange das recht zu leben, solange wir produktiv sind, solange wir von anderen als produktiv anerkannt werden? Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, dass man den unproduktiven Mitmenschen töten darf, dann wehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden! Wenn man die unproduktiven Mitmenschen töten darf, dann wehe den Invaliden, die im Produktionsprozess ihre Kraft, ihre gesunden Knochen eingesetzt, geopfert und eingebüßt haben! Wenn man die unproduktiven Mitmenschen gewaltsam beseitigen darf, dann weh unseren braven Soldaten, die als schwer Kriegsverletzte, als Krüppel, als Invalide in die Heimat zurückkehren. Wenn einmal zugegeben wird, dass Menschen das Recht haben, unproduktive Mitmenschen zu töten, dann ist der Mord an uns allen, wenn wir alt und altersschwach und damit unproduktiv werden, freigegeben. Dann ist keiner von uns seines Lebens mehr sicher.“

Ausgedient

Alternde Menschen und ihre Betreuung sind aktuell zunehmend als Thema in den Medien zu finden. Von den Strapazen des Pflegepersonals in Heimen und auch in privaten Bezügen liest und hört man inzwischen viel, auch über die Kosten, die diese Menschen verursachen. Die demoskopischen Veränderungen unserer Gesellschaft stellen ein wachsendes Problem für die folgenden Generationen dar. Es gab sogar bereits im Fernsehen in der Sendereihe „Polizeiruf 110“ im Mai 2107 im Fernsehen einen Film, der laut Ankündigung „niemanden kaltlassen“ würde. Es ging um einen Mord, dessen Hintergrund die Verzweiflungstat einer Altenpflegerin war. In der mit Personal hoffnungslos unterbesetzen Einrichtung und oft allein in der Nachtschicht hatte sie sich nicht gegen die wiederholten sexuellen Übergriffe durch einen Heimbewohner wehren können und ihn schließlich getötet. In der Person des eintreffenden Kommissars, der sich in der spürbar kühlen und bedrückenden Atmosphäre des Heimes zunehmend schockiert zeigte, wurde der Zuschauer in die erschreckenden und ziemlich realistisch dargestellten Zustände derartiger Einrichtungen hineingezogen. Verstärkt wurden diese Eindrücke durch einen weiteren Heimbewohner, der verzweifelt versuchte den Kommissar auf die untragbaren Zustände in der Senioreneinrichtung aufmerksam zu machen. Später wurde dieser Mensch, ehemaliger Elitesoldat, Mörder aller Insassen der Abteilung. Sozusagen als Akt der Menschlichkeit erschoss er alle Mitbewohner. Dieser Film fällt mir wieder ein, als ich die Rede des Bischofs lese.

Ich erinnere mich auch an eine Unterhaltung mit einer guten Freundin. Sie hatte mir berichtet, dass ihr in letzter Zeit öfter aufgefallen wäre, wie unfreundlich und rau alte Menschen in den öffentlichen Verkehrsmitteln ihrer Stadt behandelt werden würden. Alt zu sein ist in unserer Gesellschaft zu etwas Lästigem und Unschönem geworden. Ein Problem, wofür eine Lösung gesucht wird, natürlich im Einklang mit unserer bestehenden Gesetzgebung. Unvorstellbar, es könnte sich dennoch wiederholen, dass als unwert erklärtes Leben vernichtet wird, wie es in unserer Geschichte stattgefunden hat. Ich halte inne, während ich den letzten Satz schreibe. Das sogenannte Unvorstellbare? Alles kann unvorstellbar sein bis zu dem Moment, da es stattfindet. Immer mehr stelle ich fest, dass vieles, was auf dieser Welt passiert, eigentlich unvorstellbar für mich ist. Dennoch findet es statt. Vor allen Dingen das, was Menschen anderen Menschen antun. 31 bewaffnete Konflikte gab es 2017 weltweit, ist in den Medien zu lesen. War es vorstellbar damals bis zur Umsetzung, dass Behinderte, Kinder, Homosexuelle, Sinti, Roma und vor allem Juden systematisch verfolgt und vernichtet werden würden?

Für mich war es auch nicht vorstellbar, dass eine rechtspopulistische Partei in den Bundestag einziehen würde, wie es 2017 geschehen ist, oder dass ein Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten werden kann. Wen will man noch alles nicht haben auf dieser Welt und sinnt sich Dinge aus, wie der Andere jeweils aus dem Weg geräumt werden könnte, statt im Gemeinsamen nach Lösungen zu suchen? Vor allen Dingen, wenn es immer knapper wird auf diesem Planeten und immer enger in den langfristig noch bewohnbaren Gegenden angesichts der wachsenden Weltbevölkerung und den benötigten, aber schwindenden Ressourcen! Das will ich mir gar nicht vorstellen und kann mich doch nicht gegen meine Phantasien wehren, was alles passieren könnte.

Ich muss noch ein weiteres Mal in diesen „Duschraum“, die Gaskammer kommen, hier unten in den Keller auf Schloss Sonnenstein. Noch einmal hineinfühlen, als müsse ich mich überzeugen, dass es ihn wirklich gibt, noch einmal lesen, was hier zu lesen steht. Ich entdecke immer wieder Entsetzliches, was ich wohl beim letzten Mal überlesen oder ausgeblendet hatte, weil es so unfassbar ist, dass ich es einfach nicht wahrhaben will und nun fühlen muss: Der jeweils zuständige Arzt, ein Mensch, der zum Heilen ausgebildet war, hat den Gashebel umgelegt, so dass das tödliche Gas einströmen konnte, und er beobachtete das Geschehen in diesem Raum durch ein kleines Fenster, bis nach erst etwa drei bis vier Minuten Todeskampf alle Opfer auf dem Boden lagen.

Der hauptverantwortliche Arzt und Klinikleiter wurde zum Tode verurteilt. Ein weiterer Arzt der die Aktion „T4“ als Abteilungsleiter im Sächsischen Innenministerium koordiniert hatte, starb 1993, ohne je gerichtlich zur Verantwortung gezogen worden zu sein. Ein anderer Arzt wurde 1972 freigesprochen – Zitat: „Wegen fehlendem Bewusstseins der Rechtswidrigkeit“ – und konnte als niedergelassener Arzt wieder unbehelligt tätig sein.

Berthold Brechts im Gangstermilieu angesiedelte Parabel über den Aufstieg Hitlers – Arturo Uiendet mit der berühmten Warnung: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ Im Dezember 2017 hatte das Stück in Cottbus Premiere. Der Regisseur, der das Cottbuser Theater als Trutzburg der Demokratie ansieht, wollte mit dem Stück zur Diskussion anregen. Aber er sagte auch: „Wir werden von rechts überholt – in einer atemberaubenden Geschwindigkeit.“

Angelika Berning

Gefangener Vogel

Vor vielen Jahren besuchte ich mit einer Reisegruppe das Konzentrationslager Auschwitz. Es war eine organisierte Busfahrt. Ich kannte die anderen Reisenden nicht. So war ich allein auf dem Gelände unterwegs. Kurz vor der vereinbarten Zeit für die Rückfahrt – ich musste eigentlich schon zurückkehren – beschloss ich, noch einen Abstecher zu einem Wachtturm am hinteren Ende des Geländes zu unternehmen. Es war ein Stück Weg bis dorthin und ich beeilte mich, zügig hinzukommen. Die Tür zum Turm stand offen. Ich ging hinauf, um von oben auf das Gelände zu schauen. Vielleicht war es der Versuch, zu erahnen, was ein Aufseher von dort gesehen, gedacht und gefühlt haben mag.

Oben angekommen erwartete mich eine Überraschung. In dem überdachten und verglasten Raum auf der Plattform suchte ein Vogel den Weg nach draußen. Wieder und wieder flog er gegen die Scheiben. Wie war er dort hineingekommen? Ich schaute mich um und fand in einer der Scheiben ein faustgroßes Loch. Ich war mir nicht sicher, ob der Fahrer auf dem Parkplatz meine Abwesenheit bemerken und auf mich warten würde. Ich musste zum Bus. Andererseits war hier der Vogel, gefangen im Überwachungsraum auf dem Turm. Ich konnte nichts gegen das große Elend von damals tun, aber musste ich nicht etwas gegen das Elend von heute tun, auch wenn es viel kleiner erschien? Mich jammerte das Tier in seiner Angst. Und gleichzeitig – war das abergläubisch? – schien es, als hätte sich in ihm eine Seele verkörpert, die den Weg in die Freiheit nicht fand.

„Du musst zum Bus!“, sagte eine Stimme in mir. „Der Vogel wird das Loch schon irgendwann finden.“ „Du kannst nicht weg, wenn der Vogel hier drinnen ist!“, sagte eine andere Stimme in mir. „Wenn du jetzt weggehst, bist du einer von denen, die wegschauen, die nichts lernen, die nichts zum Besseren wenden!“ Ich versuchte, den Vogel zu fangen. Seine Angst wurde größer. Immer hektischer flog er gegen die Fenster. Schließlich ließ er sich nach unten fallen und versteckte sich hinter einer Holzvertäfelung, einer Art doppelten Wand. Vielleicht war der Raum früher isoliert gewesen, um ihn im Winter beheizen zu können. Ich fasste hinter die Vertäfelung. Es gelang mir, den Vogel in eine Ecke zu drängen. Ich griff nach ihm und hielt ihn in meinen hohlen Händen. Langsam zog ich ihn heraus. Ich hielt die Hände vor das Loch. Vorsichtig öffnete ich sie. Der Vogel flog heraus. Er war frei.

Ich machte mich auf den Rückweg. Vor meinem inneren Auge sah ich Berge von Schuhen, Berge von Brillen, einen Berg von Asche. Vor allem aber sah ich einen Vogel, der seinem Gefängnis entronnen war. Er hatte mein Herz berührt.

 

Pflügt aufs Neue…

Im November und Dezember bin ich krank gewesen und konnte teilweise gar nicht, teils nur eingeschränkt arbeiten. Darum auch keine Blogs… Nun bin ich zurück und wünsche euch allen ein möglichst gutes und vor allem gesundes Jahr, in dem ihr alles, was euch am Leben hindern will, zum Guten wendet! Auf dass himmlischer Segen, irdisches Leben und Weisheit, die beides vereint, sich in eurem Leben verbindet!

Vielleicht darf ich mit euch meine Gedanken teilen, die ich in der Klinik beim Gottesdienst zum neuen Jahr weitergegeben habe? Das bezog sich auf einen Satz des Propheten Jeremia, der gesagt hat: „Pflügt aufs Neue und sät nicht unter die Dornen!“

Ein neues Jahr liegt vor uns wie ein Acker. Ungepflügt und unbestellt darauf wartet es darauf, beackert zu werden. Unsere Aufgabe wird es sein, die vor uns liegende Zeit zu bestellen wie ein Feld, so dass sie Früchte trägt – Früchte des Erfolgs, des Glücks, der Liebe, Früchte einer erfüllten Zeit bzw. eines gelingenden Lebens. Unsere Aufgabe wird es also sein, die Scholle zu wenden, unsere Saat zu säen und die Ernte einzubringen. Es gibt wohl viele ganz verschiedenen Stile, so einen Acker zu bestellen. Man kann ihn tiefer oder flacher pflügen, im Herbst oder Winter oder Frühjahr, mit vielen oder wenigen Pflugscharen darüber fahren oder ihn mit ganz anders geformten modernen Gerätschaften bearbeiten. Wer den Fortschritt ablehnt, muss einen Ochsen anschirren oder gar sich selber vorspannen, wobei entsprechend leichtes Gerät zu empfehlen wäre. Man kann natürlich auch hingehen und sagen: Das letzte Jahr hat’s mir den Raps und die Gerste verhagelt. Wer weiß, ob sich die Arbeit lohnt. Vielleicht hagelt es ja wieder, oder es verregnet mir die Ernte. Ich pflüge dies’ Jahr einmal nicht. Ich säe die Frucht gleich in die Disteln und Dornen und was dann aufgeht, das ernte ich dann eben.
Würden Sie das so machen? Aber nein, bestimmt nicht. Wer würde denn so etwas tun? „Pflüget ein Neues und säet nicht in die Dornen“ lautet ein Rat aus der Bibel, aus dem Prophetenbuch Jeremia. Aber sagen Sie mir, wer wäre denn so doof, ein Feld zu bestellen und nicht zu pflügen und die Saat gleich auf die Disteln und Quecken zu streuen? Man weiß es nie. Menschen nehmen auch anderes Unkraut ins neue Jahr und säen Neues darüber, ohne das alte erst einmal umzupflügen. Den Streit und die Verletzungen vom letzten Jahr  lassen sie wachsen, denn das noch einmal umzupflügen ist harte Arbeit, und wer weiß, ob es sich lohnt. So säen sie all ihre Bemühungen um Gerechtigkeit und Liebe und liebevolles Miteinander auf eine verletzte Beziehung, in den Schmerz und die Kränkung hinein. Immerhin, sie fahren die Saat noch aus. Es gibt auch Menschen, die einen solchen Acker, der sie einmal enttäuscht hat, überhaupt nicht mehr bestellen. Das Unkraut des Schweigens und Nicht-mehr-grüßens wuchert immer über einer Beziehung, und je höher es wuchert, desto unwirtschaftlicher scheint es, darauf noch einmal etwas zu säen. Mit einem Acker geht man kaum so um, aber mit anderen Menschen verfahren viele so. Man lässt das alte Unkraut wuchern, so dass nichts Neues wachsen kann. Klar scheint mir: Um zu gedeihen, braucht Liebe einen vorbereiteten Boden. Kränkungen müssen aufgehoben und im Gespräch zum Guten gewendet werden. Harte Positionen müssen gelockert werden. All das Schmollen und den Trotz muss man selber umwenden, damit auf seiner Rückseite etwas Neues gedeihen kann. Das kann weh tun, noch einmal spürt man die Verletzung. Aber Das Schweigen muss aufgebrochen werden. Wer Recht hat oder Unrecht ist ja gar keine Frage, im Verhältnis zu dem Leiden, was das stolze oder gekränkte Schweigen anrichtet. Was zählt ist, was heilt. Also geht es doch darum, ob man sich in die Position des anderen hineinversetzen kann, und ob man es schafft, das in irgendwelche geeignete Worte zu fassen. Worte des Bedauerns stehen nicht am Anfang, es ist schon gut, wenn sie am Ende möglich werden. Zum Bereiten eines guten Bodens gehört sicher auch, dass man sich im Stillen mit sich selbst auseinandersetzt. Was war gelungen, was ist mir missraten in der vergangenen Zeit? Wie kann es beim nächsten Mal besser werden?
Diese Art von Arbeit ist hart, und der Ertrag ist so unsicher wie jede Ernte. Und trotzdem: Wer seine Liebe auf fruchtbaren Boden fallen lassen will, muss den harten Boden vergangener Enttäuschungen neu um brechen und von neuem seine Saat ausstreuen. Also: „Pflügt aufs Neue, und sät nicht unter die Dornen!“

 

Vipassana – Meditationsübungen in einem indischen Knast

Lane hat mir vor einigen Jahren diesen Film gezeigt. Ich weiß gar nicht, wie alt Lane ist. Vor vielen, vielen, vielen Jahren, als junge Rechtsstudentin in New York hat sie jeden Sonntag mit Albert Einstein Kaffee getrunken. Als Rechtsreferendarin war sie bei den Nürnberger Prozessen dabei. Später hat sie für die Vereinten Nationen und für NGOs Friedensverhandlungen geführt – manchmal in Konflikten, bei denen selbst die Tätigkeit als Mediator so gefährlich war, dass man sonst keine Vermittler finden konnte. Als Unterhändlerin bei Friedensgesprächen hat sie zwischen verfeindeten Stämmen, Banden, Familienclans und ganzen Staaten Frieden vermittelt.

Diesen Film über ein Projekt in einem Hochsicherheitsgefängnis in Indien verdanke ich Lane. Er erzählt eine Geschichte über dieses Gefängnis, über seine Häftlinge und eine neue Gefängnisdirektorin, die die Idee hatte, man müsste etwas für die Menschen, die hier so viele Jahre leben, tun. Eines Tages sagte ein Gefängnisangestellter ihr, es gäbe einen Mann, der da vielleicht helfen könne, einen Meister der Meditation. Sie lud ihn ein, und so begann das Projekt, sogenannte Schwerverbrecher in die Kunst des Meditierens einzuweisen.
Vipassana – ein Projekt, das das Leben dieser Häftlinge radikal verändert hat und das später in Gefängnissen in anderen Teilen der Welt erprobt wurde. Ich wünsche euch gute Anregung und viel Spaß beim Zuschauen!

Das Stanford-Experiment

Wie kann die Welt friedlicher, lebenswerter, liebenswerter werden?

Ich möchte in den nächsten Tagen und Wochen einige Geschichten und Videos darüber veröffentlichen, wie die Gesellschaft und die Einzelnen von Gewalt geheilt werden können – es geht mir um Versöhnung, um innere Heilung (und dabei ist mir die Heilung der sogenannten „Täter“ so lieb wie die der sogenannten „Opfer“), es geht mir um wertschätzende Kommunikation, um Mediation, um Therapie, aber auch um eine Gesellschaftliche Dimension: Wie erreichen wir es, dass unsere Gesellschaft sich selbst deeskaliert.

Dazu möchte ich als erstes eine kurze Dokumentation zum berühmten Stanford-Experiment zeigen. In diesem Experiment aus dem Jahr 1971 wurden (ähnlich dem Milgram-Experiment von 1946)  beliebige, möglichst „normale“ Versuchspersonen im Rahmen eines Rollenspiels an der psychologischen Abteilung einer Universität in „Wärter“ und „Gefangene“ unterteilt, um deren Interaktion zu studieren. Ähnlich wie im Film „die Welle“ wurden sie mit einfachen Attributen unterschieden. Die Einteilung in Täter und Opfer war beliebig.

Nach sechs Tagen musste das Experiment abgebrochen werden, weil die Rollenspiel-Wärter immer grausamer und die Rollenspiel-Gefangenen zunehmend traumatisiert wurden.

In der nächsten Zeit möchte ich Videos und Geschichten präsentieren, die sich unter anderem den Fragen widmen, wie Abhängigkeitsbeziehungen menschlich gestaltet werden können, wie destruktive Handlungsmuster und Teufelskreise in sozialen Beziehungen beendet werden können.

Einen Engel für den Weg

Im vorletzten Jahrhundert lebte in unserer Gegend ein Mann, der bekannt wurde, weil in seiner Umgebung oft Wunder geschehen sind. Menschen, die man für unheilbar krank erklärt hatte, wurden gesund, nachdem er für sie gebetet hatte. Dieser Mann hatte einen besonderen Brauch. Wenn er sich von jemandem verabschiedete, sagte er oft: „Ich gebe dir einen Engel mit auf den Weg.“ Darüber waren viele Leute verwundert. Zum einen gab es schon damals viele, die nicht an Engel glaubten. Und von den anderen mögen viele gesagt haben: „Wie kann er über die Engel bestimmen? Engel hören doch nur auf Gott.“ Ich weiß nicht, ob das stimmen kann. Ich bezweifle sogar, ob Leute, die so etwas sagen, überhaupt irgendetwas von Engeln verstehen. Ich weiß aber, dass viele Leute, die ihn besuchten, einen tiefen Frieden mit nach Hause nahmen und von da an wussten, dass sie behütet sind. Darum ist es mir auch egal, was andere denken, wenn ich jetzt zu dir sage: Ich gebe dir einen Engel mit auf den Weg.

Die goldenen Eselsohren

Diese Geschichte stammt von meinem Kollegen Martin Niedermann, der als Geschichtenerzähler, Coach und Heilpädagoge in Bern lebt und arbeitet. Ich freue mich sehr, dass ich sie euch weitergeben darf!

St. Nikolaus ist mit dem Esel unterwegs. Heute geht’s zu den Kindern und der Samichlaus soll nach alter Sitte Braves loben und Böses tadeln. „Das sollte kein Problem sein“, denkt der Samichlaus, „steht alles im goldenen Buch und am Schluss gibt es die Bescherung“.
Bei den Kindern angekommen war es doch nicht mehr so einfach, das goldene Buch war nicht dabei. „Schon wieder etwas vergessen! Es ist zum Bartausraufen“ dachte der Samichlaus. „Ich bin halt alt, vergesslich und zu nichts mehr nütze“.
Das blieb den Kindern nicht verborgen. „Der Samichlaus ist ein Depro!“ meint ein Kind zu den andern, „was hat der uns schon zu sagen.“ „Ein Depro, ein Depro! “ Alle Kinder sangen und tanzten um den Samichlaus.

„Ich werde wohl nie mehr Kinder besuchen, ich bin kein Vorbild, ich bin eine Gefahr und kann ihnen nicht mehr helfen, Gutes und Schlechtes zu unterscheiden, ich geh am besten nach Hause.“

Ja, die trüben Gedanken fanden allmählich den Weg zum Herzen und er tat einen tiefen Seufzer vor lauter Kummer. Gedankenverloren streichelte der Samichlaus seinen lieben Esel. „Was meinst du, treten wir ab und gehen  still und leise nach Hause?“ fragte Samichlaus seinen Esel. Er war so in sein Selbstgespräch versunken, dass er nicht wahrnahm, wie die Kinder stille wurden, und den alten Mann und seinen Esel umringten und ihm bei seinem Gespräch zuhörten.
„Was machst du da“  fragte endlich ein Kind, „du redest mit deinem Esel? Kann der den antworten? “
„Das weiss ich nicht so genau“ erwiderte der Samichlaus nachdenklich, „aber er kann zuhören! Und wie er das kann!!! Schaut doch mal seine grossen Ohren. Ich glaube, er kennt das goldene Buch in – und auswendig! So oft hat er schon hören müssen! Er weiss alles, was ich mühsam aufschreiben muss, um es den Kindern zu erzählen. Probiert’s nur aus: Macht es so wie ich: erzählt, was euch schwerfällt und was euch freut, was ihr gerne anders hättet und mit was ihr zufrieden seid. Ich bin sicher, der Esel versteht euch und lässt es in sein grosses Herz. Ihr könnt sicher sein, der Esel wird schweigen“.
Es bildete sich eine längere Warteschlange vor dem Esel und sie flüsterten ihm leise etwas in die Ohren. Und, so bestätigten hinterher alle Kinder, der Esel hat’s begriffen.
Einige meinten sogar, der Esel habe auch das verstanden, was sie nicht sagen wollten und konnten.
„Ich glaube, so eine schöne Feier habe ich noch nie erlebt. Und, das nächste mal wird das Buch sowieso zuhause blieben“ sinnierte der Samichlaus. „Nur der Esel muss unbedingt mitkommen,“ meinten die Kinder.
„Seltsam,“ dachte der Samichlaus beim Nachhauseweg, „kann es sein, dass die Ohren von meinem Esel ein klein wenig golden schimmern?“

Samichlaus = St. Nikolaus

Der neugierige Maori

Die folgende Geschichte hat meine Kollegin Katharina Lamprecht verfasst. Die Erzählung hat mir gut gefallen, für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ebenso wie als Beitrag im Gespräch mit Eltern, Lehrern und anderen erziehenden Personen. Ich freue mich, dass ich sie hier veröffentlichen darf…

Wie ihr vielleicht wisst, leben in Neuseeland auch heute noch die Maori – die Ureinwohner. Und sie versuchen, ihre alten Traditionen mit dem modernen Leben zu verknüpfen. Darin sind sie recht erfolgreich. Manchmal aber kommt es zu ungewöhnlichen Situationen und von einer solchen möchte ich euch erzählen.

Auf einem Campingplatz auf der Südinsel, der von den Maori verwaltet wird, gibt es einen Hangi, den alle Gäste des Campingplatzes benutzen dürfen. Ein Hangi  ist ein maorischer Herd und sieht in etwa so aus: in die Erde wird ein rechteckiges Loch gegraben und dann nach oben mit einer Mauer umgeben. In dieses gemauerte Rechteck werden Grillroste eingelassen, auf denen dann Fleisch, Gemüse und Kartoffeln in schönster Eintracht gemeinsam in einem Topf liegen und wunderbarer Weise auch alle zusammen gleichzeitig in dem heißen Dampf, der aus der Erde aufsteigt, gar werden. Und zwar immer genau richtig, nie zu weich oder hart. Bevor man also auf eine Wanderung aufbricht, packt man sein Abendessen in den Hangi und egal, wann man wiederkommt, das Essen ist fertig.

Eine Familie auf dem Campingplatz hatte einen 10 jährigen Sohn, der sehr wissbegierig war und schon zu Hause alles, was ihm unter die Finger gekommen war, über Neuseeland gelesen hatte. Besonders die Maoris hatten es ihm angetan.
Und nun hatte er sich mit der Maorifamilie, die den Campingplatz leitete, angefreundet und diese hatte ihm versprochen, ihn einmal wie einen echten kleinen Maori-Jungen zu kleiden und zu bemalen. Und die Körperbemalung ist bei den  Maories besonders eindrucksvoll.

An dem besagten Verkleidungstag nun wollten seine Eltern einen Ausflug auf das Meer machen, auf den sich der Junge schon lange gefreut hatte. Als sie aufbrechen wollten, konnten sie ihren Sohn aber nicht entdecken. Sie suchten ihn überall und waren schon recht besorgt und auch verärgert. In der Campingküche erfuhren sie, dass der Bengel sich – ohne ein Wort zu sagen – zu der Maori Familie gestohlen hatte. Da beschossen sie, den Ausflug alleine zu unternehmen und ihren Sohn, der sehr enttäuscht darüber sein würde, die Wale und Delfine nicht gesehen zu haben, i n der Obhut der Maoris zu lassen. Er würde schon sehen, was er davon habe.

Als sie abends zurückkamen und am Hangi vorbeigingen, um nach ihrem Essen zu sehen, saß da ein kleiner, einsamer Maori Junge vor dem Ofen. Bei genauerem Hinsehen erkannten sie in ihm ihren Sohn und gingen, ihr Ärger war inzwischen verraucht, mit dem Gedanken, ihn wegen des verpassten Ausflugs trösten zu müssen, zu ihm.
Der kleine Maori blickte auf und ein Strahlen ging über sein Gesicht. „Mama“, rief er, „Papa. Wie gut, dass ihr endlich da seid“.
Seine Mutter wollte ihn tröstend in die Arme schließen aber der Junge war viel zu aufgeregt. „Wo wart ihr denn die ganze Zeit?  Ich habe so viele tolle Sachen erlebt und wollt sie euch erzählen, aber ich habe euch nicht gefunden.  Ich habe ein echtes  Maori Gesicht, seht doch mal,  und war bei den Maories in ihrem großen Gemeindehaus und habe mit ihnen getanzt und ganz komische Lieder gesungen.  Und jetzt sitze ich hier schon eine Weile und schaue dem Hangi beim Arbeiten zu. Das ist echt spannend“.
Kurz versank der kleine Maori wieder in seine Ofenbetrachtungen, dann fragt er seine Eltern nebenbei , „wo wart ihr denn?“

„Ach“, sagten diese, „wir sind nur ein bisschen auf dem Wasser herumgepaddelt“. Über die Wale und Delfine, die sie gesehen hatten, erzählten sich nichts, denn sie fühlten, dass ihr Sohn einen ganz eigenen, wunderbaren Tag erlebt hatte.

Herzstillstand

Auf dem Flur der Psychiatrie sprach mich vor einiger Zeit ein junger Mann an:

„Sind Sie Pfarrer?“
„Ja.“
„Meinen Sie, dass Gott vergibt?“
„Ich meine das schon. Warum fragen Sie?“
„Ich denke, dass Gott mich bald sterben lässt. Meinen Sie, Gott kann mein Herz anhalten?“
„Was meinen Sie denn dazu?“
„Ich habe Angst, dass Gott mein Herz anhält.“
Ich hatte wenig Zeit und vereinbarte ein Gespräch für den übernächsten Tag. Seine Fragen und Aussagen im zweiten Gespräch waren dieselben wie beim ersten Mal, und auch sonst wirkte er auf mich unverändert. Auf meine Nachfragen hin erklärte er:
„Ich habe einen Deal mit Gott, dass ich mit den Drogen aufhöre und er mich dafür leben lässt. Aber ich weiß nicht, ob Gott sich daran hält.“
Ich brachte in Erfahrung, er habe Amphetamine gespritzt und gekifft, und mindestens einmal sei er in einem kritischen Zustand in eine Klinik eingeliefert worden. Seine Freunde seien alle drogenabhängig, von seinen Familienangehörigen erwarte er sich keine Hilfe.
Er erklärte, er sei in eine „große Sache hineingeraten“, in der „Gott eine wichtige Rolle“ spiele. Sein Hauptinteresse bestand darin, zu erfahren, ob Gott ihm vergebe und ihn leben lasse. Mit einem jenseitigen Leben rechnete er nicht, sondern: „Mit dem Tod ist alles aus“.
Ich versuchte, ihn darauf anzusprechen, welche Einflussmöglichkeiten er im Rahmen des Deals habe, doch wir landeten sogleich wieder bei Gottes unergründlichen Plänen. Ob Gott ihm vergibt? Ich erzählte ihm die Geschichte vom verlorenen und wiedergefundenen Sohn, und dass Jesus damit gesagt habe, dass Gott gerade Leuten wie ihm vergibt und ein neues Leben ermöglicht. Er hörte interessiert zu und kehrte dann sofort wieder zu seinem Thema zurück:
„Sterben müssen wir alle, nicht wahr?“
„Ja.“
„Kommt es oft vor, dass Gott bei Leuten in meinem Alter das Herz stehen lässt? Kennen Sie Leute in Ihrem Alter, bei denen das Herz stehen geblieben ist?“
„Nein.“
„Sie kennen niemanden? Kommt das bei jungen Leuten selten vor?“
„Ja.“
„Wie alt sind Sie?“
„Ich bin 42. Wie alt sind Sie eigentlich?“
„23.“
„23 Jahre… Stellen Sie sich die 23 einmal vor, wie eine Zahl auf einer Leinwand. Welche Farbe hat die Zahl?“
„Blau.“
„Hell- oder dunkelblau?“
„Hellblau.“
„Schön. Stellen Sie sich die hellblaue 23 einmal auf einem Grabstein vor. Welche Farbe hat der Stein.“
„Braun.“
„Schön. Eine hellblaue 23 auf einem braunen Grabstein. Stellen Sie sich einmal vor, wie die Zahlen 2 und 3 auf dem Grabstein umeinander kreisen, und schließlich bleiben sie stehen, mit der 3 vorne. Welche Zahl steht auf dem Grabstein?“
„Eine 32.“
„Wollen Sie lieber den Grabstein mit der 23 oder den mit der 32?“
„32 ist besser!“
„O.k. Jetzt lassen Sie die 3 mal vorne rund zusammenwachsen, so dass das obere und untere Ende eine Kurve nach innen machen und sich bei dem mittleren Arm treffen. Welche Zahl haben Sie jetzt?“
„82.“
„Genau. Ist das noch besser?“
„Viel besser.“
„Jetzt haben Sie einen Grabstein, da steht drauf „82“. Vielleicht schreiben wir noch Ihren Namen drauf. Wie heißen Sie?“
„Thorsten.“
„O.k. Auf dem Grabstein steht: ‘82 – Thorsten’. Vielleicht können wir noch drauf schreiben: ‘Gestorben an Herztod’. Was meinen Sie?“
„Das ist gut.“
„82 – Thorsten – gestorben an Herztod. Oder: Wir trauern um Thorsten, 82, gestorben an Herztod. Vielleicht sollen wir noch schreiben ‘Gott ist gnädig’ – oder ‘Wir danken Gott’?“
„‘Wir danken Gott’ ist gut.“
„Also, auf dem Grabstein steht in hellblau: „82 – Thorsten – Gestorben an Herztod – Wir danken Gott. Möchten Sie Blumen auf dem Grab?“
„Ja.“
„Welche Farbe?“
„Das ist egal.“
„Also, es ist ein brauner Grabstein, und darauf steht in hellblau: ‘82 – Thorsten – Gestorben an Herztod – Wir danken Gott’, und auf dem Grab sind Blumen. Ist das gut so?“
„Ja, das ist gut.“
„In Ordnung. Sie brauchen das Grab später noch. Bis dahin können Sie auf dem Friedhof spazieren gehen, oder auch außerhalb. Ist das für Sie in Ordnung?“
„Ja. Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich jetzt eine rauchen gehe?“
„Das ist in Ordnung.“
„Vielen Dank für das Gespräch!“

Auf dem Weg zur Hölle

Ich möchte heute gerne eine Geschichte erzählen, die ich mit einem Patienten erlebt habe. Die Namen und andere Einzelheiten sind, wie üblich, geändert.

„Guten Tag Herr Bayer. Was bewegt sie denn zur Zeit?“ fragte ich. „Ich komme in die Hölle“, antwortete er ganz ernst. „Warum kommen Sie denn in die Hölle?“ „Ich habe viel falsch gemacht.“ „Was haben Sie denn zum Beispiel falsch gemacht, wenn ich fragen darf?“ „Ich war faul in der Schule. Ich habe nichts gelernt. Ich habe nichts aus meinem Leben gemacht. Darum komme ich in die Hölle.“

„Ah… und wie ist es dort in der Hölle?“ „Heiß. Da ist Feuer.“ „Mit dem Feuer ist das ja so: In derMitte ist die Glut. Da ist es am heißesten. Drumherum sind die Flammen. Die sind weniger heiß als die Glut, aber auch sehr heiß. Wenn man neben dem Feuer steht, ist es weniger heiß. Man kann einen Meter neben dem Feuer stehen oder zehn Meter oder hundert Meter. Das ist eine Entscheidung, ob man nah am Feuer oder weiter weg stehen möchte. Wo möchten Sie denn stehen?“ „Ich stehe immer da, wo es ganz heiß ist.“

„Woher wissen Sie eigentlich, dass Sie in die Hölle kommen?“ „In Rodalben gab es eine Konferenz von denen aus der anderen Welt, aus dem Jenseits. Da war ich dabei.“ Wann war das denn?“ „Vor 20 Jahren.“ „Und was haben die aus dem Jenseits Ihnen da mitgeteilt?“ „Das war schwer zu verstehen. Die haben ganz undeutlich gesprochen.“ „Wenn die ganz undeutlich gesprochen haben, die aus dem Jenseits, da haben Sie ja ein echtes Problem… das ist ja ganz schwierig für Sie, wenn die sich nicht klar und verständlich ausgedrückt haben. Da könnte es zum Beispiel sein, dass die über einen Herrn Meyer gesprochen haben, und Sie haben ‚Herr Beyer‘ verstanden. Die sagten zum Beispiel ‚Herr Meyer geht in die Hölle!‘ und Sie haben verstanden ‚Herr Beyer geht in die Hölle. Und da laufen Sie seit zwanzig Jahren herum, und vielleicht ab jetzt noch dreißig oder vierzig Jahre, und denken, die müssen zur Hölle und dabei geht in Wirklichkeit nicht Herr Beyer, sondern Herr Meyer zur Hölle! Und Sie machen sich all die Jahre lang die ganzen Sorgen ganz umsonst! Ich finde das nicht richtig, dass die nicht deutlich reden! Sie haben doch einen Anspruch darauf, zu wissen, was aus Ihnen wird! Sonst haben Sie ja den ganzen Kummer für nichts und wieder nichts, bloß weil die Sie nicht richtig informieren!“ Herr Bayer sagte nichts, schaute mich aber die ganze Zeit interessiert an. Es sah so aus, als ob er über etwas Schwieriges nachdächte und noch zu keinem Schluss käme. So fuhr ich fort.“Wissen Sie, wenn mir ein Rechtsanwalt oder Staatsanwalt eine Vorladung zum Gericht schicken würde und das Papier wäre so verschmiert, dass ich nichts lesen könnte, dann bräuchte ich auch nicht zur Verhandlung zu gehen. Da wird jeder Richter  sagen: Diese Art der Vorladung genügt der juristischen Formpflicht nicht. Wer so unklar angeschrieben wird, braucht auch nicht zu kommen.  Oder wenn jemand vom Gericht mich anruft und sagt: „Schuschalalawawa“ und meint,ich müsste so ein undeutliches Gerede verstehen, und das soll eine Vorladung sein, da brauche ich nicht zu erscheinen. Genaus ist das mit dem jüngsten Gericht: Wenn die wollen, das Sie zur Hölle gehen, dann müssen sich deutlich ausdrücken und Sie klar informieren. Sonst brauchen Sie da nicht hin. Wenn Sie nicht einmal sicher wissen können, ob die Beyer oder Meyer oder Dreyer gesagt haben, dann gilt das nicht und Sie brauchen dann auch nicht zur Hölle. Ist das für Sie nachvollziehbar?“

„Wie komme ich denn da jetzt raus?“ fragte der Mann.“Wo raus?“ „Aus dem negativen Denken.“ „Ah. Sie möchten raus aus dem negativen Denken. Die meisten Leute werden Ihnen sagen: Indem Sie positiv denken. Aber durch positives Denken kommen Sie da nicht raus, sondern durch positive Träume. Stellen Sie sich zum Beispiel vor,in Ihrem Leben sieht es so aus wie in einem Bergdorf, wo ein Fluss über die Ufer getreten ist und ganz viel Schlamm und Geröll mit sich gebracht hat. Nach diesem Unglück trifft sich der Gemeinderat mit en Dorfbewohnern, der Feuerwehr und dem Katastrophenschutz und Sie besprechen, was zu tun ist. Als erstes kommen Leute mit Baggern, Raupen und Lastwagen, um das grobe Geröll wegzuschaffen. Können Sie sich das vorstellen?“ „Ja.“ „Genau. Sie können sehen, wie die das alles wegschaffen. Danach kommen Leute mit Schläuchen und Besen. Die schaffen all den Schlamm und Sand aus dem Dorf, den ganzen Dreck, der da von weiter hinten reingekommen ist. Sie können Sehen, wie die das alles ins Tal hinunter spülen. Danach kommt ein Team von Handwerkern. Da kommen Maurer, Gipser, Maler, vielleicht auch Elektriker, Installateure, Stukkateure, Restaurateure… Was stellen Sie sich vor, machen die?“ „Die können Decken einziehen und Zwischenwände mauern.“ „Genau. Was noch?“  „Teppichboden legen. Leitungen verlegen. Vorhangschienen anbringen…“ „Genau. Nach den Handwerkern kommen die Gärtner. Die legen den Park und die Grärten wieder an. Vielleicht kommt noch ein Dorfbrunnen oder eine Dorflinde dazu, um das Dorf noch schöner zu machen, als es vorher war. Und ein Gedenkstein. Kann man sich das vorstellen?“ „Nicht so gut…“ „Na, Sie brauchen sich das noch nicht vorstellen können. Sagen Sie ihrer Seele einen schönen Gruß, dass sie das für Sie macht, so dass Sie sich darum gar nicht zu kümmern brauchen. Danach kommen ganz wichtigen Leute. Das ist das Präventionsteam. Die sorgen dafür, das so etwas nicht mehr wieder vorkommt. Die können zum Beispiel oberhalb des Dorfes den Hang bepflanzen, damit die Wurzeln der Bäume das Erdreich festhalten. Sie können da Mauern und Zäune im Stil von Lawinenzäunen hinbauen. Sie können dem Bach ein tieferes Bett graben, können Staustufen und Rückhaltebecken bauen oder sogar eine Umleitung für das überschüssige Bachwasser konstruieren.“

„Ich glaube, mein Vater hat mich zu sehr geschlagen“, sagte der Mann plötzlich. „Er hat mit mir das Einmaleins gelernt und hat gesagt: ‚Wenn du das jetzt nicht weißt, bekommst du noch mehr Schläge!‘ Ich konnte so nicht lernen.“ „Dann waren Sie vielleicht gar nicht faul. Sie haben nur das Lernen vermieden, um nicht an die Schläge zu denken“, sagte ich. „Ich habe mir in meinem Leben alles kaputt gemacht“, sagte er. Er erzählte, dass es ihm Angst mache, wenn sich jemand über ihn freue oder etwas Gutes zu ihm sage. Ich sagte: „Vielleicht ist das, weil Sie Freundlichkeit und Gewalt früher wie ein Gemisch erlebt haben. Das kam fast gleichzeitig. Und wenn Sie jetzt freundliche Menschen erleben, bekommen Sie Angst vor der Gewalt. Sagen Sie Ihrer Seele bitte einen schönen Gruß, dass Sie nur noch genau diejenigen Menschen zu fürchten brauchen, die Ihnen Gewalt angetan haben, und auch das nur noch in Situationen, die genauso sind wie damals, als das Schlimme passiert ist. Alles andere, können Sie Ihrer Seele sagen, ist zuviel gelernt. “ Dann erzählte ich ihm die Geschichte von einem verfallenen Schloss, das lange vernachlässigt worden war, durch dessen Dach der Regen tropfte und in dem Vandalen ihr Unwesen getrieben hatten – was nichts mit dem Wert des Schlosses zu tun habe, das von Anfang an schön konzipiert gewesen war. Und nun werde das Schloss renoviert. Später erzählte ich ihm von einer verfahrenstechnischen Anlage, mit der man etwa ein Gemisch von Erdbeerquark und Jauche bis zum letzten Molekül vollständig trennen könnte. Ich bat ihn, er möge seiner Seele auszurichten, sie solle mit dem Gemisch von Liebe und Gewalt, das er erfahren habe, dasselbe tun, dann die Gewalt dorthin zurückgeben, wo sie herkam und die Liebe behalten. So fuhr ich fort, auf alles, was er sagte, mit Geschichten zu antworten, die wie Träume seine bisherigen Belastungen und Möglichkeiten, diese loszulassen, in Bilder fasste.

„Der Weg von der Hölle zum Himmel ist weit“, sagte er plötzlich. „Sie haben schon ein gutes Stück zurückgelegt“, erwiderte ich. „Noch nicht so viel.“ „Sie gehen in die richtige Richtung. Der Rest ist eine Frage der Zeit.“ Der Mann erzählte mir daraufhin, wenn er unter Menschen sei, breche zu viel über ihn herein. “ „Kennen Sie diese Sonnenbrillen, die sich automatisch verdunkeln, wenn es zu hell wird?“ fragte ich. „Ja, so eine hatte ich einmal.“ „Wenn Sie unter Leuten sind, stellen Sie sich vor, eine Glaskugel um sich zu haben, die sich so verdunkelt, wenn die Menschen zu freundlich oder auf andere Art anstrengend für Sie sind.“ Er überlegte einen Augenblick. „Ich brauche viel Vertrauen.“