Gefangener Vogel

Vor vielen Jahren besuchte ich mit einer Reisegruppe das Konzentrationslager Auschwitz. Es war eine organisierte Busfahrt. Ich kannte die anderen Reisenden nicht. So war ich allein auf dem Gelände unterwegs. Kurz vor der vereinbarten Zeit für die Rückfahrt – ich musste eigentlich schon zurückkehren – beschloss ich, noch einen Abstecher zu einem Wachtturm am hinteren Ende des Geländes zu unternehmen. Es war ein Stück Weg bis dorthin und ich beeilte mich, zügig hinzukommen. Die Tür zum Turm stand offen. Ich ging hinauf, um von oben auf das Gelände zu schauen. Vielleicht war es der Versuch, zu erahnen, was ein Aufseher von dort gesehen, gedacht und gefühlt haben mag.

Oben angekommen erwartete mich eine Überraschung. In dem überdachten und verglasten Raum auf der Plattform suchte ein Vogel den Weg nach draußen. Wieder und wieder flog er gegen die Scheiben. Wie war er dort hineingekommen? Ich schaute mich um und fand in einer der Scheiben ein faustgroßes Loch. Ich war mir nicht sicher, ob der Fahrer auf dem Parkplatz meine Abwesenheit bemerken und auf mich warten würde. Ich musste zum Bus. Andererseits war hier der Vogel, gefangen im Überwachungsraum auf dem Turm. Ich konnte nichts gegen das große Elend von damals tun, aber musste ich nicht etwas gegen das Elend von heute tun, auch wenn es viel kleiner erschien? Mich jammerte das Tier in seiner Angst. Und gleichzeitig – war das abergläubisch? – schien es, als hätte sich in ihm eine Seele verkörpert, die den Weg in die Freiheit nicht fand.

„Du musst zum Bus!“, sagte eine Stimme in mir. „Der Vogel wird das Loch schon irgendwann finden.“ „Du kannst nicht weg, wenn der Vogel hier drinnen ist!“, sagte eine andere Stimme in mir. „Wenn du jetzt weggehst, bist du einer von denen, die wegschauen, die nichts lernen, die nichts zum Besseren wenden!“ Ich versuchte, den Vogel zu fangen. Seine Angst wurde größer. Immer hektischer flog er gegen die Fenster. Schließlich ließ er sich nach unten fallen und versteckte sich hinter einer Holzvertäfelung, einer Art doppelten Wand. Vielleicht war der Raum früher isoliert gewesen, um ihn im Winter beheizen zu können. Ich fasste hinter die Vertäfelung. Es gelang mir, den Vogel in eine Ecke zu drängen. Ich griff nach ihm und hielt ihn in meinen hohlen Händen. Langsam zog ich ihn heraus. Ich hielt die Hände vor das Loch. Vorsichtig öffnete ich sie. Der Vogel flog heraus. Er war frei.

Ich machte mich auf den Rückweg. Vor meinem inneren Auge sah ich Berge von Schuhen, Berge von Brillen, einen Berg von Asche. Vor allem aber sah ich einen Vogel, der seinem Gefängnis entronnen war. Er hatte mein Herz berührt.

 

Zwei Geparde

In einem afrikanischen Naturpark wollte man Geparde auswildern. Unter anderem konnte die Parkleitung zwei kranke Gepardenbabies günstig bekommen, #einen Bruder und eine Schwester. Nach langer fürsorglicher Pflege wurden sie beide gesund und kräftig. Als sie erwachsen waren, brachte man sie in ein großes Freilandgehege, wo sie andere Geparde kennenlernen konnten. Der Junge freundete sich mit einer Gepardin an, blieb bei ihr, und sie bekamen Junge. Das Gepardenmädchen aber kam jedes Mal, wenn die Wildhüter nach ihnen schauten, ließ sich streicheln, schnurrte und schien zu sagen: „Nehmt mich mit! Nehmt mich mit!“ Am Zusammensein mit den anderen Geparden war sie offenbar nicht interessiert. Nach vielen Besuchen dieser Art nahmen die Wildhüter sie wieder mit ins Camp, wo sie blieb, sich streicheln ließ und sich sichtlich wohl fühlte. Die Wildhüter sagten, sie wirkte bei ihren Menschen jetzt noch glücklicher als zuvor. Sie sagten: „Sie weiß jetzt, sie ist keine Gefangene. Sie konnte wählen.“ Beide Geparde wählten. Am Ende hatte jeder seine Freiheit.

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Konrad in den Bergen

Vergangenes Wochenende waren wir, die vier Autoren des Krokodilbuches in den Bergen… wie bereits erzählt. Was ich noch nicht erzählt habe: Konrad war auch dabei. Katharina Lamprecht, eine von seinen vier Eltern, erzählt, was er dort erlebt hat.

Ein Tipp: Im Herbst erscheint das Therapeutische Kartenset „Wie das Krokodil zum Fliegen kam“, passend zum Buch…

Das Bergdorf

Es ist schon eine Tradition – mit meinen Autorenkollegen Martin Niedermann, Katharina Lamprecht und Adrian Hürzeler treffe ich mich an Ostern auf einer Hütte im Berner Oberland. Wir erzählen uns Geschichten, besprechen unsere Projekte miteinander und schmieden Pläne miteinander, die dann oft tatsächlich wirklichkeit werden – so wie das Buch vom fliegenden Krokodil im vergangenen Jahr oder wie das Therapeutischen Kartenset, das im Herbst erscheint (ebenfalls beim Reinhardt-Verlag unter dem Titel „Wie das Krokodil das Fliegen lernte). Die in vielen Stunden von Martin Niedermann und seinen Helfern wiederaufgebaute Hütte des Gleiswächters – von der vorher nur eine Ruine erhalten geblieben war – bot uns Unterkunft und mir Anlass, die Geschichte vom Bergdorf zu erzählen…

Venedig

Auch diese therapeutische Geschichte habe ich von Bettina Betz, danke ganz herzlich und freue mich, dass ich sie mit euch teilen darf!

Venedig ist eine untergehende Stadt, sagt man. Sie ist nicht nah am Wasser sondern im Wasser gebaut. Seit sie existiert glaubt man vorhersagen zu können, wann sie dem Meer zum Opfer fallen wird.

Ich habe gelesen, dass die Gefahr, abzubrennen für Venedig noch größer sei. Die Stadt ist sehr dicht bebaut. Wenn es brennt, ist die Feuerwehr auf die Kanäle angewiesen. Von Zeit zu Zeit werden diese jedoch zu Reinigungszwecken leergepumpt. Wenn das Feuer also an der „falschen Stelle“ ausbricht und der nächstgelegene Kanal gerade trocken liegt, hat die Feuerwehr weder einen direkten Zugang zum brennenden Gebäude noch einen schnellen Zugriff auf Löschwasser.
Wenn man sagt, man liebt Venedig, dann hört man oft: „Ja, das Morbide hat eine starke Anziehungskraft.“ Die Stadt scheint ein Symbol für die Sehnsucht nach dem Tod zu sein. Viele Geschichten und Filme, die den Tod thematisieren, spielen dort. Die Fassaden der Palazzi bröckeln, das Meerwasser schwappt jährlich meterhoch über den Markusplatz, Touristenströme überschwemmen die ganze Stadt, ihre Füße scheinen sie in den Meeresboden stampfen zu wollen.

Für mich ist Venedig ein Symbol der Lebenskunst. Dabei denke ich nicht an seine große Vergangenheit, sondern sehe es, wie es heute ist: In den maroden Fassaden sitzen blankgeputzte Fenster, hinter den Vorhängen blinken Kronleuchter. Die unscheinbaren Häuser um den kleinen zentralen Platz des Ghettos verbergen nach wie vor fünf Synagogen mit prächtiger Ausstattung. Viele Gebäude werden restauriert und gepflegt und zeigen sich in voller Schönheit. Die verschlungenen engen Gassen sind voller Überraschungen. In den Restaurants wird nach allen Regeln der Kunst gekocht. Die „aqua alta“ geht jedes Mal wieder zurück.

Beim letzten Brand des berühmten Theaters „La Fenice“ (es gab unzählige in der Geschichte Venedigs) stand der Wind günstig und Nachbarn riefen rechtzeitig die Feuerwehr. So hatte sie genügend Zeit, zwar nicht das Theater, aber die Stadt vor dem Feuertod zu retten. Der angrenzende Kanal war in dieser Nacht gerade leer.
Vom Himmel her betrachtet sieht die Stadt Venedig aus wie ein Fisch.
Vielleicht ist sie ein Delfin. Wie sonst könnte sie es so lange über Wasser aushalten?

Die Angst auf der Bande

Eine Seminarteilnehmerin, die als Trainerin für Reitsport und im Heiltherapeutischen Reiten ausgebildet ist, erzählte mir von einer Frau, die sich nach jahrzehntelanger Pause sehnlich wünschte, wieder zu reiten und vor allem auch zu galoppieren, die aber zugleich große Angst davor hat. Die Reitschülerin berichtete, dass sie einmal vom Pferd gefallen sei, daran müsse sie nun denken. Als sie im Schritt an der Longe ritt, schlug die Lehrerin ihr vor etwas sehr Ungewöhnliches, ein bisschen Verrücktes zu probieren. Sie fragte: „Wie sieht denn die Angst, die du vor dem Angaloppieren hast, aus?“ „Sie guckt sehr streng, sie ist schon etwas älter und sie schüttelt den Kopf, wenn ich an Galopp denke“. „Da kannst du froh sein, eine so gute Aufpasserin zu haben, die dich davor beschützen will, etwas Dummes zu unternehmen!“. Die Reiterin strahlte: „So habe ich das noch gar nicht gesehen!“ „Die Angst will dich beschützen. Sie wird aber im Moment nicht wirklich gebraucht, weil ich ja da bin und du auch an der Longe bist. Wohin in der Halle kannst du die Angst denn setzen?“ Die Reiterin überlegte eine Weile und sagt: „Da auf die Bande!“ „Wie guckt denn die Angst dich an?“ „Sie sieht nicht froh aus, ist aber auch neugierig und interessiert.“ „Und wie fühlst du selbst dich jetzt, als Reiterin ohne Angst in dir, da die ja jetzt auf der Bande sitzt?“ „Ja, ich kann jetzt angaloppieren“, sagte die Reitschülerin, und ohne dass die Lehrerin etwas unternahm, galoppierte sie das Pferd an, strahlte begeistert und rief: „Das geht ja wirklich!“ Sie reitet das Pferd seitdem frei auch im Galopp und setzt ab und zu noch „eine kleine Angst“, wie sie es nennt, auf die Bande.

(Vielen Dank an Ursel Kübler…)

Einen Engel für den Weg

Im vorletzten Jahrhundert lebte in unserer Gegend ein Mann, der bekannt wurde, weil in seiner Umgebung oft Wunder geschehen sind. Menschen, die man für unheilbar krank erklärt hatte, wurden gesund, nachdem er für sie gebetet hatte. Dieser Mann hatte einen besonderen Brauch. Wenn er sich von jemandem verabschiedete, sagte er oft: „Ich gebe dir einen Engel mit auf den Weg.“ Darüber waren viele Leute verwundert. Zum einen gab es schon damals viele, die nicht an Engel glaubten. Und von den anderen mögen viele gesagt haben: „Wie kann er über die Engel bestimmen? Engel hören doch nur auf Gott.“ Ich weiß nicht, ob das stimmen kann. Ich bezweifle sogar, ob Leute, die so etwas sagen, überhaupt irgendetwas von Engeln verstehen. Ich weiß aber, dass viele Leute, die ihn besuchten, einen tiefen Frieden mit nach Hause nahmen und von da an wussten, dass sie behütet sind. Darum ist es mir auch egal, was andere denken, wenn ich jetzt zu dir sage: Ich gebe dir einen Engel mit auf den Weg.

Nachhaltigkeit

Eine Kollegin hat mir vorhin geschrieben:

„Hallo Herr Hammel,

am Freitag stand ein interessanter Artikel über den Designer Hartmut Esslinger (u.A. hat er stark das Design von Apple geprägt) in der Süddeutschen Zeitung. Eine Passage daraus will ich Ihnen gerne weitergeben:
Esslinger wird gefragt, wie Design in 30 Jahren aussehen wird. Und hat darauf keine Antwort. Er weiß nur, dass die Menschen vom Materiellen wegkommen müssen, denn dass könnten wir uns nicht mehr leisten.
Das perfekte Design sei für ihn ein Geschichtenerzähler, der früher auf dem Marktplatz stand. „Der brauchte nur ein bisschen Luft, Wasser und etwas zu essen – und hat trotzdem mit seinen Geschichten enorm viel ausgelöst bei seinen Zuhörern. Da müssen wir hinkommen.“

Sie sind schon da!“

Ich habe zurückgeschrieben: „Sie hätten mir kein schöneres Kompliment machen können. Danke!“

Ob ich wirklich schon da bin, daran zweifle ich. Aber das, was ich auf dem Weg bislang gelernt habe, möchte ich gern mit anderen teilen. Vielleicht kommen wir zusammen hin.

 

 

Es geht ihnen gut

Manchmal gibt es Dinge zwischen Himmel und Erden, die man rational nicht erklären kann – und auch nicht muss.

Ich sah vor mir dieses Bild, mitten am Tag. Eine kleine Hütte mit Stroh gedeckt, am Rand eines Dorfes fern, fern in der Savanne Afrikas. Vor der Hütte spielten Kinder, und im Haus machte sich ihre Mutter mit dem Säubern und Ordnen von Gegenständen des täglichen Lebens zu schaffen. Ich sah dieses Bild, und ich erkannte: Das ist die Familie meines Nachbarn aus Kenia. Und ich wusste plötzlich: „Es geht ihnen gut.“ Ein seltsamer Tagtraum – ob ich ihm davon erzählen soll? Ich vergaß das Bild und ging meinen alltäglichen Geschäften nach. Drei Tage später fiel mir die Szene wieder ein und der Satz: „Es geht ihnen gut“. Ob das wohl etwas zu bedeuten hatte? Ich ging zu meinem Nachbarn. „Ich muss Ihnen einmal etwas erzählen. Ich hatte einen merkwürdigen Traum. Ich weiß nicht, was Sie davon halten…“, so erzählte ich ihm. Der Mann aus Afrika sah mich mit großen, ernsten und glücklichen Augen an. Dann brach es aus ihm hervor: „Ich danke Ihnen von ganzem Herzen! Meine Familie schreibt mir bisher jeden Tag. Jetzt aber habe ich seit einer ganzen Woche nichts mehr von ihnen gehört. Ich bin in großer Sorge gewesen! Was Sie mir sagen, ist eine äußerst wichtige Nachricht für mich! Ich danke Ihnen…“ So wird man zum Briefboten.

Aus: Stefan Hammel, Der Grashalm in der Wüste, S. 20f.

Die Bücher des Erzählers

Diese Geschichte liebe ich sehr.

Eigentlich heißt sie „Der Geschichtenerzähler“, nur gibt es unter diesem Namen im HYPS-Blog schon eine Geschichte. So habe ich mir mit einem anderen Titel beholfen und hoffe, es ist recht. Geschrieben hat sie meine Kollegin Katharina Lamprecht. Ich freue mich, dass ich sie mit euch teilen darf!

Vor langer Zeit lebte im Oman einmal ein Gelehrter. Er besaß viele hundert Bücher, für ihn waren sie wie seine Familie und er kannte jedes einzelne gut.
Eines Tages geschah es, dass er vergaß, eine Kerze zu löschen und sein Heim ging in Flammen auf. Zum Glück konnte er sich rechtzeitig aus dem Haus retten und er nahm so viele Bücher mit, wie er tragen konnte. Da er die dicken mit den vielen Seiten besonders liebte, ergriff er vorwiegend diese.
Am nächsten Morgen durchstöberte er noch mal die Ruinen seines Hauses.  Aber er fand nichts von Wert unter den  verkohlten Brettern.  Nichts außer einem kleinen Bändchen mit Geschichten. Seufzend steckte er es in seine Tasche und begann zu überlegen, wie es nun für ihn weitergehen sollte. Er besaß nun nichts mehr außer den Kleidern, die er am Leib trug,  die paar Dinar, die er in seinen Taschen hatte und einer Handvoll Bücher. Er beschloss, die Gelegenheit, so bitter sie auch für ihn war, zu nutzen und bevor er zu alt würde, einmal in die Welt hinaus zu ziehen. Um sich anzuschauen, wovon er immer nur gelesen hatte.  Er bereitete sich so gut es ging auf seine Reise vor. Vor allem bedachte er, welche Bücher er mitnehmen sollte. Denn ganz ohne ein Buch auf eine so lange Reise zu gehen, war für ihn unvorstellbar.  Da er nur einen kleinen Handkarren hatte,  war es ihm nicht einmal möglich, alle geretteten Bücher mit zu nehmen. Die Entscheidung fiel ihm nicht leicht,  und er dachte lange darüber nach, packte welche ein, dann wieder aus, nahm andere zur Hand, bis er sich schweren Herzens für  einige entschied.  Besonders dicke, inhaltsreiche Bücher hatte er eingepackt.  Als er aufbrechen wollte sah er, dass im Karren noch ein schmaler Spalt leer geblieben war. „Ich kann noch ein kleines Buch hineinstecken“, dachte er und griff sich das dünnste Buch, das er hatte. Es war das Buch mit den Geschichten.  Dann zog er los.
Nun musste er als erstes durch eine unwirtliche und gefährliche Gegend ziehen. Nach einigen Tagen wurde er von Räubern überfallen, die ihm alles abnahmen was er besaß. Ausgenommen seinen Bücherkarren, den sie  hohnlachend in einen Graben stießen.  Noch ärmer als zuvor zog der Mann weiter. Er schätzte sich  glücklich, dass er seine geliebten Bücher hatte retten können. Am Abend fand er eine kleine Herberge und bat um ein Nachtlager. Da er kein Geld hatte, entschloss er sich schweren Herzens, eines seiner Bücher als Bezahlung anzubieten. Der Gastwirt, der keine echte Verwendung für ein Buch in seinem Gasthaus hatte, war ein gutmütiger Mann und so gewährte er dem Gelehrten Unterkunft und nahm einfach das dickste Buch, das er finden konnte.
So zog der Alte mit seinem Handkarren immer weiter. Manchmal konnte er sich mit Hilfsdiensten ein paar Dinar verdienen und die Herberge bezahlen, aber oft fand er keine Arbeit. Er konnte ja auch im Grunde nichts, was unterwegs irgendwie nützlich gewesen wäre, denn er verstand nicht viel von handwerklicher Arbeit. So wurde sein Karren immer leerer und leerer, bis außer dem  kleinsten Buch, dem mit den Geschichten, nichts mehr darin war. So steckte er es in seinen Mantel, verkaufte den Karren und ging weiter.
Als auch dieses Geld aufgebraucht war, musste er abends  oft unter freiem Himmel schlafen, da es  unter den Herbergsleuten nur wenige gab, die ihm ohne Bezahlung ein Dach über dem Kopf gegeben hätten. Eines Abends traf er, auf der Suche nach einem geeigneten Rastplatz, ein paar Beduinen, die gerade in einer Senke ihr Lager aufschlugen. Er bat sie, sich zu ihnen legen zu dürfen. Sie hießen ihn willkommen und machten Platz an ihrem Feuer.  Nachdem sie auch ihre wenige Wegzehrung mit ihm geteilt hatten, hob einer von ihnen an und erzählte eine Geschichte.  Bereits nach wenigen Worten war der alte Gelehrte ganz verzaubert von dieser Erzählung und lauschte andächtig und mit Freude. In dieser Nacht erzählten die Beduinen noch viele Geschichten und als der alte Mann am nächsten Morgen aufbrach, gingen sie ihm immer noch im Kopf herum.
Als er am Abend wieder an eine Herbergstür klopfte antwortete er  auf die Frage, ob er denn Geld habe, ganz unwillkürlich: „Nein, aber ich könnte deinen Gästen heute Abend eine Geschichte erzählen“. Der Wirt war einverstanden und so kam es, dass der alte Gelehrte, der  so viel wusste über Geologie, Philosophie, Religionskunde, fremde Länder, die Künste der Mathematik, Physik und Literatur, dass er entdeckte, dass ein kurze Geschichte, ein Märchen, ihm bessere Dienste leistete, als all sein Fachwissen.  Und plötzlich fiel ihm das dünnste seiner Bücher ein, das mit den vielen Geschichten, das er immer noch im Mantel trug. Er nahm es heraus und begann, jeden Abend  in der Herberge daraus vorzulesen. Es kamen täglich mehr Gäste ins Wirtshaus, um ihm zu zuhören, so dass der Wirt ihm anbot, für eine Weile bei ihm zu bleiben.
Manchmal, wenn der Gelehrte am Abend seine Geschichte erzählt hatte, wusste auch einer der Gäste eine zu berichten und so lernte er immer mehr Geschichten kennen. Bald schon kamen die Leute und fragten, ob denn der Geschichtenerzähler heute  wieder da sei und man lud ihn ein, in andere Dörfer zu kommen, um die Bewohner  mit seinen Worten in andere Welten zu führen.
„Warum nicht“, dachte er bei sich, denn inzwischen kannte er schon beinahe so viele Geschichten, wie er Bücher gehabt hatte. Manchmal erfand er sogar neue, sie kamen ihm einfach von ganz alleine in den Sinn. Es schien, als sprudele eine lebhafte Quelle in seinem Inneren,  wenn er nur still genug lauschte.
Es vergingen viele Jahre, in denen der Gelehrte, der inzwischen ein  Geschichtenerzähler war, durch das Land zog und seine Märchen erzählte.  Das kleine schmale Buch brauchte er schon lange nicht mehr, aber von all seinen Büchern, war es ihm das Liebste geworden und er trug es stets bei sich. Es erinnerte ihn  daran, dass ein Schatz an Wissen nicht einhergeht mit der Anzahl der  Bücher, die man gelesen hat.