Das sich selbst auflösende Symptom

„Ich habe eine seltsame Beobachtung gemacht“, so erzählte ich dem Mann am Telefon. „Vor einiger Zeit nämlich sagte ein Kollege zu mir: ‚Wenn ich ein telefonisches Vorgespräch wegen einer Therapie führe, dann sage ich oft zu den Leuten: Ein bekannter Therapeut hat beobachtet, dass die meisten Klienten bereits eine Verbesserung ihrer Probleme in der Zeit zwischen dem telefonischen Vorgespräch und der ersten Therapiestunde erleben. Ich stelle fest, dass bei etwa 70 – 80% der Klienten bereits bis zur ersten Therapiestunde eine Verbesserung eintritt. Ich möchte Sie deshalb bitten, dass Sie bis zu unserem Treffen darauf achten, ob es sich bei Ihnen ebenso verhält.’ Soweit die Worte meines Kollegen. Ich habe mir nun überlegt, ob der Effekt nur bei psychischen Symptomen auftritt oder auch bei körperlichen. Immerhin berichten einige Menschen, dass ihre Symptome oftmals verschwunden seien, wenn sie zum Arzt kommen so dass sie dort den berühmten ‚Vorführeffekt’ erlebten. In dieser Zeit rief mich eine Ärztin an und bat mich darum, ihr wegen eines schmerzhaften Hüftleidens hypnotische Anästhesie zu vermitteln. Ich erzählte ihr die Geschichte von den sich bis zur ersten Therapiestunde selbst verringernden Symptomen und bat sie, zu prüfen, ob dies auch für ihre Schmerzen zutreffe. Sie berichtete mir in der ersten Stunde, dass die Schmerzen deutlich zurückgegangen seien, und wir konnten ihr Problem danach schnell und effektiv beheben. Als kurze Zeit später ein anderer Arzt mich bat, dass ich ihm zeige, wie er mit hypnotischen Mitteln seinen Heuschnupfen auflösen könne, erzählte ich ihm diese ganze Geschichte und bat ihn, bis zur ersten Beratung zu prüfen, ob seine Allergie sich bereits verringert habe. Tatsächlich hatten auch seine Symptome sich schon vor der ersten Stunde verringert. Nun fragen Sie wegen Ihres Blutdrucks, und ich erzähle Ihnen diese Geschichte, weil es mich interessiert, ob die bekannte Verringerung der Symptome bis zum ersten Gespräch auch bei Ihnen eine Rolle spielt…“

Der erwähnte Kollege heißt Manfred Prior (einer der Leiter des Milton-Erickson-Instituts Frankfurt), der von ihm zitierte Therapeut ist Steve de Shazer.

4 Gedanken zu „Das sich selbst auflösende Symptom

  1. *g* Ein anderer Vorschlag wäre:
    Mach den Termin aus, damit sie weggehen…
    Noch besser vielleicht:
    Vereinbare mit dir selbst einen konkreten Arzttermin und schreib ihn in deinen Kalender. Fahre an dem Tag tatsächlich zum Praxisort. Wenn die Symptome dann tatsächlich noch da sind, vereinbare den Termin…

  2. Das kenne ich auch, das ich Beschwerden hatte zB. Ausschlag oder einen schmerzhaften Knubbel am Zeh und bis ich endlich einen Termin beim Arzt hatte waren die Beschwerden weg.
    Da kam ich mir ja doch ziemlich blöd vor, wie ein simulant.

    Nun warte ich immer erst mal ab bevor ich einen Termin ausmache.
    Und trotzdem kommt es immer wieder mal vor, dass es dann doch weg ist.
    Manchmal finde ich es schon etwas peinlich.

    Judith

  3. Keine schlechte Idee! Doch blöd ist es nur wenn man bei dem Arzt (ZB Hautarzt) mit langen Wartezeiten rechnen muss. Dann hat es sich bis dahin meist erledigt ; )

    Ich hab mich nur schonmal gefragt woran das liegt, dass es einfach von selbst weggeht ?

    Judith

  4. Ich denke: Der Körper hat mehr Selbstheilungsmöglichkeiten als die, die er nutzt. Das heißt, er hat seine Prioritäten nicht immer richtig gesetzt, und er ist so komplex, dass die Information oder Heilungsmöglichkeit, die an einer Stelle gebraucht wird, an der anderen nicht zur Verfügung gestellt wird. Da kommen manchmal die zwei richtigen Gehirnzellen oder Körperfunktionen nicht miteinander in Dialog.
    Einen Arzttermin vereinbaren löst aus:
    – Stressreduktion durch positive Erwartung
    – Aufmerksamkeitsfokussierung auf Heilung, Aktivierung einer Suchhaltung
    – Stimulation durch Simulation des erwünschten Effekts (So tun als ob, und es dann aus versehen tun), Placebo-Effekte: Indem sich das Unbewusste den Arztbesuch vorstellt, simuliert es Heilung (sich etwas vorstellen ist im Gehirn das selbe, wie etwas tun; nur sind die Impulse evtl. schwächer)
    LG, Stefan

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