Der Brandmelder

Die Geschichte vom defekten Brandmelder erzähle ich manchmal Menschen, die sagen, sie seien „krankhaft eifersüchtig“, manchmal Menschen, die aufgrund einer früheren Traumatisierung in permanenter Alarmbereitschaft sind, manchmal Menschen mit Allergien oder anderen Störungen des Immunsystems und manchmal Menschen, die nach einer Operation in Narkose eine Schmerzstörung oder Hypersensibilität entwickelt haben. Und manchmal noch anderen Menschen… wem würdet ihr Sie erzählen?

Wenn Sie einen Brandmelder hätten, der jeden Tag zehnmal Alarm gibt,
ohne, dass es brennt, was würden Sie tun? Das wäre ja nicht von
Vorteil: Erstens stört es ungeheuer, und wenn es wirklich brennt,
können Sie den Alarm gar nicht mehr von einem wirklichen Brand
unterscheiden. Man könnte ihn wegwerfen, aber Brandmelder sind ja auch
für etwas gut. Sie sollen vor Feuer geschützt werden. Vielleicht muss
man nur die Batterie austauschen, oder es ist einer dieser
Brandmelder, die man konfigurieren kann. Diese Brandmelder kann man so
einstellen, dass sie bei Rauch, der auf Feuer schließen lässt,
wirklich immer Alarm gibt, aber nicht mehr, wenn es Fettdunst ist oder
wenn Staub oder ein Insekt am Sensor vorbeifliegt. Das sind
Rauchmelder, die sehr genau arbeiten und dann eben auch still sind,
wenn nichts los ist und natürlich auch, wenn die Gefahr vorüber ist.
Grüßen Sie einmal Ihren Körper, dass er schaut, was er da machen kann…

Video: Warum Zeit keine Rolle spielt…

Im November habe ich bei einer TEDx Veranstaltung in Magdeburg einen Vortrag darüber gehalten, warum Zeit im Leben gar keine so große Rolle zu spielen braucht, wie gemeinhin angenommen wird und warum es nie zu spät ist für eine glückliche Kindheit. Darin habe ich ein kleines Experiment integriert, das jeder, der es möchte, mitvollziehen kann.Viel Spaß beim Anschauen!

Vom Aussterben der Drachentöter

Es war einmal ein Drachen, der lebte in einer Höhle und passte auf seinen Schatz auf.
Was ihn aber sehr nervte, war, dass alle Naslang Ritter vorbeikamen, die ihn töten und ihm seinen Schatz rauben wollten. Er musste sie alle umbringen Das war ihm lästig und hinderte ihn oftmalsam schlafen. Die Leute des Landes wiederum litten darunter, dass er in den warmen Sommermonaten gerne gerne ausgedehnte Spaziergänge unternahm. Manchmal, wenn er einen Insektenschwarm in die Nase bekam, musste er niesen, und immer wieder kam es vor, dass er den Bauern mit seinem Feueratem die Ernte anzündete. Der König des Landes hatte daher demjenigen den Schatz des Drachens versprochen, dem es gelänge, das Untier zu töten. Immer wieder kamen mutige Männer vor den König, die versprachen, dem Drachen den Garaus zu machen. Der eine zog mit einer Lanze los, der andere mit dem Schwert, der dritte mit Feuer. Doch keiner von ihnen kehrte je zurück.
Als schließlich alle Mutigen im Land vom Drachen vernichtet worden waren und nichts sich zum Besseren gewendet hatte, fiel eine Schwermut auf den König. Noch einmal schickte er seine Herolde aus mit der Frage: „Hat denn keiner im Land eine Idee, wie wir dem Übel aus der Drachenhöhle beikommen können?“
Die Hoffnung hatte ihn beinahe gänzlich verlassen, da trat vor den König ein Junge, der sagte: „Ich gehe in die Höhle des Drachen!“
Der König zögerte. Was konnte dieser Junge schon ausrichten? Er war ja, wie es schien, noch nicht einmal bewaffnet. Konnte man es verantworten, ihn ziehen zu lassen, um wie die anderen vom Drachen vertilgt zu werden? Der Junge bat aber sehr darum, gehen zu dürfen, und da der König keinen Rat wusste, was er sonst tun sollte, ließ er ihn ziehen.
An der Höhle angekommen, rief der Junge in die Höhle hinein: „Drache, ich muss dich etwas fragen!“ „Was willst du mich denn fragen?“ donnerte der Drache zurück. „Warum verbrennst du unsere Felder, so dass wir hungern müssen und tötest alle unsere mutigen Ritter?“ „Sind das eure Felder? Das hatte ich gar nicht bemerkt. Das tut mir leid. Aber die Ritter muss ich töten, weil sie mich belästigen und am Schlafen hindern.“ „Wir könnten es so machen: Könntest du vielleicht aufpassen, dass du unsere Ernte nicht anzündest, und ich sorge dafür, dass dich keine Ritter mehr beim Schlafen stören?“ „Kein Problem, ich kann ja auch woanders spazieren gehen. Würdest du mir dafür tatsächlich die Ritter vom Leib halten?“ „Das würde ich für dich tun.“ „Dann könnte ich endlich einmal wieder durchschlafen. Das ist ja traumhaft! Wie kann ich dir das danken?“ „Könnte ich vielleicht von deinem Schatz etwas abhaben?“ „Klar doch, ich hab ja genug. Wir können ihn uns teilen.“

Ärgern

Und noch eine Geschichte, die Bettina Betz beigetragen hat…

In einem kleinen Laden im Herzen meiner Heimatstadt gibt es eine Menge schöner, lustiger und stilvoller Postkarten für alle nur denkbaren Anlässe. Ich stöbere dort gerne, auch wenn ich nicht unbedingt eine Karte brauche.
Einmal stand ich träumend und kichernd vor einem der zahlreichen Drehständer, als ich bemerkte, dass die beiden benachbarten Displays so nah zueinander gerollt waren, dass sie sich nicht mehr drehen ließen. An dem einen stand eine junge Frau, offenbar in die Bilder und Texte der Karten vertieft, an dem anderen ein junger Mann.
Instinktiv schob ich meinen Fuß zwischen die beiden Gestelle, um ihren Abstand so weit zu vergrößern, dass sowohl die Frau als auch der Mann ungestört alle Karten anschauen konnten.
Da grinste der junge Mann und sagte: „Danke, das ist nett! Aber sie ärgert mich gerne und ich sie auch.“

Micki

Eine von mir sehr geschätzte Erzählerin, Bettina Betz, hat mir die folgende therapeutisch nützliche Geschichte erzählt, die ich auch mit euch teilen darf…

Nachbarn von uns haben sich einen Hund zugelegt: einen zu klein geratenen Yorkshireterrier mit hellbraunem Fell, Fledermausohren und Knopfaugen. „Das ist Micki. Wir haben ihn aus dem Tierheim“, stellt Gerd, der Nachbar, ihn vor. „Er hat ein Problem. Ein Identitätsproblem: Er denkt, er sei eine Deutsche Dogge. Neulich rannte er auf einen freilaufenden Boxer zu, der sofort in Panik die Flucht ergriff. Sein Herrchen hatte Mühe, ihn wieder einzufangen.“

🙂 Ganz vielen Dank, liebe Bettina Betz!

Die Stunde der Not

In ihr Gesicht hatten sich tausend Falten gekerbt, die sich strahlenförmig um Mund und Augen zogen. Ihrer Körperfülle wegen bewegte sie sich langsam, das Gesicht von einer Seite zur andern verlagernd, wie ein schwankendes Schiff, das im Wellengang auf und ab wogt. Auch aufgestützt auf den Arm ihrer jungen Begleiterin kam sie nur langsam voran. Längst weit hinter den anderen Senioren der Ausflugsgruppe zurückgeblieben, tauchte sie hinein in alte Erinnerungen und begann zu erzählen:

Für mich haben Arbeit und Mühe früh angefangen. Kaum war ich sieben Jahre alt, starb mein Vater. Meine Mutter musste mit uns sechs Kindern in ihr Heimatdorf zurückkehren. Wie hätte sie uns ernähren sollen in der damaligen Zeit? Sie arbeitete bei den Bauern, doch für sieben hungrige Mäuler hat’s nicht gereicht. Wir Kinder mussten auf mehrere Familien verteilt werden. Bekommen hat uns, wer am wenigsten von der Gemeinde verlangte. Ich kam mit meinem sechsjährigen Brunder Kurt zu einer entfernten Verwandten. Wir mussten in Hof und Garten tüchtig mithelfen. An Spielen war nicht zu denken; Kaum ließ uns die Tante Zeit für die Schularbeiten. In unserem kleinen Dorf wurden alle acht Klassen in einem Raum unterrichtet. So war ich wenigstens morgens mit meinem Bruder zusammen, an dem ich sehr hing. Ein Musterknabe war er nicht, der Kurt. Oft hatte ich seinetwegen Händel mit den Kindern. Er brachte sich immer wieder in Schwierigkeiten und ich musste ihn vor den Größeren retten. Als ich neun war und er acht, plünderte er mit seinen Freunden einen Kirschbaum, der ein Stück außerhalb des Dorfes stand. Unglücklicherweise kam der Besitzer dazu. Natürlich rannten die Buben davon, doch erkannte der Bauer sie alle und meldete sie dem Lehrer, der die Bestrafung vorzunehmen hatte. Das war so üblich auf dem Dorf. Am nächsten Morgen ruft der Lehrer die Missetäter mit Namen auf. Einer nach dem anderen erhält eine tüchtige Tracht Prügel. Mein Bruder ist der letzte. Mit wachsender Sorge sehe ich, dass er gleich an die Reihe kommt. Was tun? Kann ich zulassen, dass mein Kurt vor aller Augen verprügelt wird? Nein, lieber will ich selbst verprügelt werden, als solche Schmach mitanzusehen. Aber wie den Lehrer von seinem Vorhaben abbringen? Schon liegt Kurt auf dem Knie des Lehrers, schon holt dieser aus zum ersten Schlag, als ich vorspringe. „Nicht!“, schreie ich, so laut ich kann, doch der Lehrer beachtet mich nicht. Der erste Hieb sitzt. Da beiße ich so fest ich kann in das herausgestreckte Hinterteil des Lehrers. Mit einem Fluch lässt er von meinem Bruder ab, dreht sich nach mir um und hebt wütend die Hand. Als er die Verzweiflung in meinen Augen sieht, lässt er sie sinken. Ich nehme all meinen Mut zusammen. „Bitte, Herr Lehrer, lassen Sie meinen Bruder“, bringe ich mühsam zusammen. „Sie dürfen den Buben nicht schlagen. Wir haben doch keinen Vater.“ Dann breche ich in Tränen aus. „Setzt euch beide“, sagt der Lehrer. Von dem Tag an hat er keinen von uns mehr angerührt. Noch lange riefen mir die Kinder „Arschbeißern“ nach, doch was hat’s mich gekümmert. Das Leben ging weiter. Die Sorgen haben nicht aufgehört. Vier Kinder hab ich großgezogen. Zwei Söhne sind im Krieg geblieben. Vor fünfzehn Jahren starb mein Mann. Jetzt bin ich 78, und es ist gut so. Um keinen Preis der Welt möchte ich von vorne beginnen.“

Die Geschichte verdanke ich meiner Tante Christine Schäfer aus Auenwald, die sie vor über 50 Jahren gehört und aufgeschrieben hat. Die berichteten Erlebnisse haben sich um 1888 abgespielt.

Pflügt aufs Neue…

Im November und Dezember bin ich krank gewesen und konnte teilweise gar nicht, teils nur eingeschränkt arbeiten. Darum auch keine Blogs… Nun bin ich zurück und wünsche euch allen ein möglichst gutes und vor allem gesundes Jahr, in dem ihr alles, was euch am Leben hindern will, zum Guten wendet! Auf dass himmlischer Segen, irdisches Leben und Weisheit, die beides vereint, sich in eurem Leben verbindet!

Vielleicht darf ich mit euch meine Gedanken teilen, die ich in der Klinik beim Gottesdienst zum neuen Jahr weitergegeben habe? Das bezog sich auf einen Satz des Propheten Jeremia, der gesagt hat: „Pflügt aufs Neue und sät nicht unter die Dornen!“

Ein neues Jahr liegt vor uns wie ein Acker. Ungepflügt und unbestellt darauf wartet es darauf, beackert zu werden. Unsere Aufgabe wird es sein, die vor uns liegende Zeit zu bestellen wie ein Feld, so dass sie Früchte trägt – Früchte des Erfolgs, des Glücks, der Liebe, Früchte einer erfüllten Zeit bzw. eines gelingenden Lebens. Unsere Aufgabe wird es also sein, die Scholle zu wenden, unsere Saat zu säen und die Ernte einzubringen. Es gibt wohl viele ganz verschiedenen Stile, so einen Acker zu bestellen. Man kann ihn tiefer oder flacher pflügen, im Herbst oder Winter oder Frühjahr, mit vielen oder wenigen Pflugscharen darüber fahren oder ihn mit ganz anders geformten modernen Gerätschaften bearbeiten. Wer den Fortschritt ablehnt, muss einen Ochsen anschirren oder gar sich selber vorspannen, wobei entsprechend leichtes Gerät zu empfehlen wäre. Man kann natürlich auch hingehen und sagen: Das letzte Jahr hat’s mir den Raps und die Gerste verhagelt. Wer weiß, ob sich die Arbeit lohnt. Vielleicht hagelt es ja wieder, oder es verregnet mir die Ernte. Ich pflüge dies’ Jahr einmal nicht. Ich säe die Frucht gleich in die Disteln und Dornen und was dann aufgeht, das ernte ich dann eben.
Würden Sie das so machen? Aber nein, bestimmt nicht. Wer würde denn so etwas tun? „Pflüget ein Neues und säet nicht in die Dornen“ lautet ein Rat aus der Bibel, aus dem Prophetenbuch Jeremia. Aber sagen Sie mir, wer wäre denn so doof, ein Feld zu bestellen und nicht zu pflügen und die Saat gleich auf die Disteln und Quecken zu streuen? Man weiß es nie. Menschen nehmen auch anderes Unkraut ins neue Jahr und säen Neues darüber, ohne das alte erst einmal umzupflügen. Den Streit und die Verletzungen vom letzten Jahr  lassen sie wachsen, denn das noch einmal umzupflügen ist harte Arbeit, und wer weiß, ob es sich lohnt. So säen sie all ihre Bemühungen um Gerechtigkeit und Liebe und liebevolles Miteinander auf eine verletzte Beziehung, in den Schmerz und die Kränkung hinein. Immerhin, sie fahren die Saat noch aus. Es gibt auch Menschen, die einen solchen Acker, der sie einmal enttäuscht hat, überhaupt nicht mehr bestellen. Das Unkraut des Schweigens und Nicht-mehr-grüßens wuchert immer über einer Beziehung, und je höher es wuchert, desto unwirtschaftlicher scheint es, darauf noch einmal etwas zu säen. Mit einem Acker geht man kaum so um, aber mit anderen Menschen verfahren viele so. Man lässt das alte Unkraut wuchern, so dass nichts Neues wachsen kann. Klar scheint mir: Um zu gedeihen, braucht Liebe einen vorbereiteten Boden. Kränkungen müssen aufgehoben und im Gespräch zum Guten gewendet werden. Harte Positionen müssen gelockert werden. All das Schmollen und den Trotz muss man selber umwenden, damit auf seiner Rückseite etwas Neues gedeihen kann. Das kann weh tun, noch einmal spürt man die Verletzung. Aber Das Schweigen muss aufgebrochen werden. Wer Recht hat oder Unrecht ist ja gar keine Frage, im Verhältnis zu dem Leiden, was das stolze oder gekränkte Schweigen anrichtet. Was zählt ist, was heilt. Also geht es doch darum, ob man sich in die Position des anderen hineinversetzen kann, und ob man es schafft, das in irgendwelche geeignete Worte zu fassen. Worte des Bedauerns stehen nicht am Anfang, es ist schon gut, wenn sie am Ende möglich werden. Zum Bereiten eines guten Bodens gehört sicher auch, dass man sich im Stillen mit sich selbst auseinandersetzt. Was war gelungen, was ist mir missraten in der vergangenen Zeit? Wie kann es beim nächsten Mal besser werden?
Diese Art von Arbeit ist hart, und der Ertrag ist so unsicher wie jede Ernte. Und trotzdem: Wer seine Liebe auf fruchtbaren Boden fallen lassen will, muss den harten Boden vergangener Enttäuschungen neu um brechen und von neuem seine Saat ausstreuen. Also: „Pflügt aufs Neue, und sät nicht unter die Dornen!“

 

Zauberbrause

Neulich kam ein Vater mit seinem achtjährigen Sohn Alex in Therapie. Der Vater beklagte, Alex sei in den letzten Monaten ungeheuer launisch geworden. In der Schule hätten seine Leistungen stark nachgelassen, vor allem aber sei er gegenüber seinem vierjährigen Pflegebruder Omar unausstehlich. Immer wieder verlange er, dass Omar vom Tisch gehe oder auf sein Zimmer geschickt werde, wenn er unruhig sei, oder er äußere den Wunsch, dass Omar aus der Familie genommen und in ein Heim geschickt werde. „Wenn eine gute Fee käme, und ihr hättet jeder drei Wünsche frei, allerdings nur solche, die in der Welt wirklich in Erfüllung gehen können, was würdet ihr euch wünschen?“ fragte ich die beiden. Der Sohn wünschte sich unter anderem, dass seine Eltern mit ihm alleine etwas unternehmen, und der Vater, dass sei Sohn in besserer Laune sei, vor allem beim Frühstück und beim Fertigmachen für die Schule. Ich fragte, wann diese schlechte Laune denn beginne, ob etwa vorher irgendetwas vorfalle, was das Problem begründe. Nein, das beginne schon beim Aufwachen – da waren sich die beiden einig. „Dann sollten wir das Problem bei der Wurzel anpacken, also vor dem Aufwachen. Ich möchte euch bitten, dass ihr ins Geschäft geht und euch Feenbrause kauft“, sagte ich. „Das ist ein Zauberpulver für gute Laune schon vor dem Aufwachen. Bis wir uns wiedersehen, bitte ich Sie, dass Sie Ihrem Sohn zum Aufwachen das Zauberpulver auf die Lippen streuen, damit er gutgelaunt aufwacht, frühstückt und zur Schule geht. Ist das für Sie beide in Ordnung?“ Beide waren einverstanden. „Aber ihr dürft Omar auf keinen Fall etwas davon erzählen!“, sagte ich. „Sonst will der womöglich auch Zauberbrause, und das muss ja nicht sein, oder?“ Nein, befand Alex. Gestern habe ich die Mutter des Jungen getroffen. „Wie geht es denn Ihrem Sohn?“ fragte ich. „Sehr gut, in der Schule läuft es gut…“ „Und wie hat das mit der Zauberbrause funktioniert?“ „Das haben sie erst gestern angefangen.“ „Und wie war der Morgen?“ „Hm, stimmt… Alex war ausgesprochen gut gelaunt, nicht nur beim Aufstehen und beim Frühstück… er ist dann auch ganz fröhlich zur Schule gegangen.“

Durchhalten

Ich möchte gern eine Geschichte erzählen, die vom Durchhandeln handelt, und davon, zusammenzuhalten, zu seinen Werten und zu seinem Selbstwertgefühl zu stehen. Ich weiß noch nicht genau, wie ich sie therapeutisch nutzen kann. Ich erzähle sie hier, weil sie mich berührt.

Im Westjordanland, etwa zehn Kilometer südwestlich von Bethlehem, haben wir Familie Nasser besucht. Die Nassers sind eine christlich-palästinensische Bauernfamilie, die ihren kleinen Hof auf der Anhöhe zu einem Begegnungszentrum gemacht haben für Palästinenser, Israleis und Menschen aus aller Welt, die Frieden suchen. Am Eingangstor des kleinen Landwirtschaftsbetriebes liegt ein Stein, auf den sie geschrieben haben: „We refuse to be enemies. Wir weigern uns, Feinde zu sein.“

Was es mit diesem Satz auf sich hat, haben wir im Gespräch mit dem Besitzer des Betriebs erfahren. „Mein Großvater“, so erzählte er, hat dieses Land im Jahr 1917 von der damaligen osmanischen Besatzungsmacht gekauft. Dann hat er etwas getan, was für die damalige Zeit und noch lange danach sehr ungewöhnlich, ja, geradezu verrückt war. Er hat sich Papiere über den Grundbesitz ausstellen lassen und hat Steuern gezahlt. Jahr für Jahr hat unsere Familie Steuern gezahlt für dieses Papier, das sonst keiner hatte.“ Bis dahin hatten die Bauern einfach dort gelebt, wo ihre Familien immer gelebt hatten; durch mündliche Überlieferung und durch Zeugen wusste jedes Dorf und jede Familie, wo das Land der einen anfing und wo das Land der anderen aufhörte. Warum sollte man Land von einer Besatzungsmacht kaufen, die erst kürzlich gekommen war und vielleicht schon bald von den nächsten Besatzern abgelöst werden würde? „Erst haben wir der osmanischen Besatzung Steuern gezahblt, dann der jordanischen, danach den Engländern und schließlich den Israelis. Dann hat der israelische Staat angefangen ringsumher Siedlungen zu bauen. Eines Tages kamen Soldaten und haben uns gesagt, wir sollten hier verschwinden. Wir sagten, das Land gehört uns. Sie wollten das nicht glauben. Wir haben dann den israleischen Behörden unsere Papiere gezeigt. Wir konnten belegen, dass wir das Land gekauft hatten und lückenlos unsere Steuern bezahlt hatten – an die Osmanen, an die Jordanier, an die Engländer und auch an die Israelis. Darau haben sie gesagt: „Die Papiere sind gefälscht.“ Sie haben von uns verlangt, einen israelischen Notar auf unsere Kosten nach Istanbul und London zu schicken, um in den Archiven dort nachzuschauen, ob unsere Vorfahren das Land tatsächlich gekauft haben. Der Notar hat die Belege tatsächlich gefunden. Als die israelische Seite bemerkt hat, dass sie den Prozess nicht gewinnen können, haben sie ihn verschleppt, so dass er in der Schwebe hängt und nie zu Ende gebracht wird. Dann haben sie Bulldozer geschickt, die unsere Zufahrtsstraße verschüttet haben, damit wir uns nicht mehr versorgen können. Wir haben uns dann einen anderen Zugangsweg freigeschaufelt. Sie haben den Palästinensern hier in Palästina verboten, Strom zu haben und irgendetwas zu bauen. Sie haben uns dann Abrissverfügungen geschickt für die Gebäude, die hier stehen. Wir haben gesagt, die sind damals rechtmäßig gebaut worden. Ich fragte einen von ihnen: ‚Gilt für mich das gleiche Recht, wie für einen Israeli, der hier wohnt?‘ Er sagte: ‚Ja.‘ Ich fragte: ‚Dort drüben sind Häuser, die israelische Siedler ohne Genehmigung gebaut haben. Warum schickt ihr dorthin keine Abrissgenehmigung?‘ Der Mann sagte: ‚Das geht Sie nichts an.‘ Gegen den Abriss unseres Wohnhauses haben wir prozessiert. Als wir fertig waren und die Genehmigung zurückgenommen war, haben sie uns einfach sechs neue Abrissverfügungen geschickt. Die Zelte und der Verschlag für die Hühner, alles soll angeblich ein Gebäude sein und darum abgerissen sein. Die Hühner haben wir jetzt in einen Wohnwagen gebracht. Ein Wohnwagen ist ja kein Gebäude. Oft kreisen Hubschrauber über uns, um zu beobachten, was wir machen. Sie haben uns immer neue Abrissverfügungen geschickt. Einmal waren wir so kurz davor, dass wir uns sicher waren, dass nächste Woche die Bulldozer unser Haus abreißen. Wir haben das in E-mails ein paar Freunden in Europa mitgeteilt. Gar nicht systematisch. Wir haben gar nicht gedacht, dass wir etwas dagegen ausrichten können. Aber die haben dann offenbar so viele Briefe an die Regierung geschickt, dass dann nichts passiert ist. Auch im Moment haben wir einen Prozess gegen solche Verfügungen am laufen. Schauen Sie, wir haben uns jetzt Höhlen in den Kalkstein gebaut. Eine Höhle ist ja kein Gebäude. Und der Strom… ein Deutscher, der hier war, hat gesagt, ich organisiere Ihnen das, dass Sie Solarzellen bekommen. Ich habe das nicht geglaubt. Aber irgendwann kamen Leute und haben uns hier Solarzellen installiert. So haben wir auch Licht in unseren Höhlen. Seit 1991 haben wir 150.000 Dollar Prozesskosten, um für ein Land zu kämpfen, das uns rechtmäßig gehört, das wir gekauft haben und für das wir Steuern gezahlt haben. Wir haben auf unserem Land 250 Olivenbäume gepflanzt. Wenn man sein Land behalten will, ist es gut, etwas darauf zu pflanzen. Dann kann niemand sagen: ‚Das Land gehört niemand, es wird ja nicht genutzt.‘ Eines Nachts sind Siedler aus der Nachbarschaft gekommen und haben die 250 Olivenbäume alle abgesägt. Das hat uns sehr getroffen. Nicht nur wegen des wirtschaftlichen Verlusts. Olivenbäume wachsen sehr langsam. Für uns ist ein Olivenbaum auch ein Zeichen für Hoffnung, für den Glauben an die Zukunft. Es ist ein Symbol. Wir waren sehr niedergeschlagen. Dann hat eine jüdische Menschenrechtsorganisation in Europa von dem Fall gehört. Sie haben uns geschrieben, dass sie uns die Bäume ersetzen wollen. Ein paar Wochen später sind freiwillige Helfer aus Europa angereist und haben 250 junge Olivenbäume bei uns gepflanzt. Einige Zeit später haben wir einen anonymen Anruf bekomme. Ein Mann hat uns 1 Million Dollar für das Land geboten, dann zwei Millionen. Wir haben gesagt: ‚Das ist das Land, das unser Großvater uns gekauft hat und auf dem wir groß geworden sind. Es ist das Land unserer Famile. Wir leben hier. Es ist nicht zu verkaufen.‘ Einige Zeit später haben wir wieder einen Anruf bekommen. Sie wollten uns 10 Millionen Dollar bieten, dann zwanzig. Schließlich haben sie ins Telefon gerufen: ‚Dann sagen Sie uns doch einfach, wieviel sie wollen! Wir zahlen Ihnen auch das Ticket nach Amerika, und damit ist es dann gut!‘ Wir sind nicht darauf eingegangen. Wir wissen nicht, wie lange wir hier bleiben können. Wir prozessieren jetzt seit 1991, und es ist kein Ende in Sicht.“ Sie sagen auch: „Nicht die Israelis sind schlecht. Wir haben viele israelische Freunde. Schlecht ist das System, das so mit uns umgeht.“

Der Hügel, auf dem diese Familie lebt, gehört zu einer Bergkette, auf dem die israelische Regierung sogenannte jüdische Siedlungen errichtet, das sind Trabantenstädte rund um Jerusalen, die auf staatsfremdem Gebiet errichtet werden, wobei stetig weitere Palästinensergebiete annektiert werden. Palästina wird dadurch zu einem Löcherkäse, auf dem kein Staatsgebiet mehr errichtet werden kann, weil er von jüdischen Enklaven durchlöchert ist. Die Siedlungen werden zuerst einzeln, dann (jeweils mit einer größeren Umbaumaßnahme) als ganze Hügelkette von einer zehn Meter hohen Mauer umfriedet. Das Grundeigentum dieser Familie ist auf einem Hügel einer solchen Kette, der mit einer solchen Mauer und entsprechenden Straßen, die nur von jüdischen Siedlern benutzt werden dürfen, aus Palästina herausgeschnitten werden soll. Vorestern wurde in den Nachrichten berichtet, dass israelische Behörden solche von deutschen Firmen gebauten Solaranlagen abreißen wollen.

Übrigens: Berichte, Fotos und Videos mit Interviews und Dokumentationen zum Leben dieser Familie findet ihr hier.

 

 

Vipassana – Meditationsübungen in einem indischen Knast

Lane hat mir vor einigen Jahren diesen Film gezeigt. Ich weiß gar nicht, wie alt Lane ist. Vor vielen, vielen, vielen Jahren, als junge Rechtsstudentin in New York hat sie jeden Sonntag mit Albert Einstein Kaffee getrunken. Als Rechtsreferendarin war sie bei den Nürnberger Prozessen dabei. Später hat sie für die Vereinten Nationen und für NGOs Friedensverhandlungen geführt – manchmal in Konflikten, bei denen selbst die Tätigkeit als Mediator so gefährlich war, dass man sonst keine Vermittler finden konnte. Als Unterhändlerin bei Friedensgesprächen hat sie zwischen verfeindeten Stämmen, Banden, Familienclans und ganzen Staaten Frieden vermittelt.

Diesen Film über ein Projekt in einem Hochsicherheitsgefängnis in Indien verdanke ich Lane. Er erzählt eine Geschichte über dieses Gefängnis, über seine Häftlinge und eine neue Gefängnisdirektorin, die die Idee hatte, man müsste etwas für die Menschen, die hier so viele Jahre leben, tun. Eines Tages sagte ein Gefängnisangestellter ihr, es gäbe einen Mann, der da vielleicht helfen könne, einen Meister der Meditation. Sie lud ihn ein, und so begann das Projekt, sogenannte Schwerverbrecher in die Kunst des Meditierens einzuweisen.
Vipassana – ein Projekt, das das Leben dieser Häftlinge radikal verändert hat und das später in Gefängnissen in anderen Teilen der Welt erprobt wurde. Ich wünsche euch gute Anregung und viel Spaß beim Zuschauen!