Letzte Woche hatte ich ein erstaunliches Gespräch. „Ich habe die Therapie bei Ihnen vor einem halben Jahr bei Ihnen abgebrochen, weil ich mich über Sie geärgert habe“, sagte zu mir eine Frau am Telefon. Aber letztlich ist dabei etwas herausgekommen, was mir geholfen hat. Nun hat diese positive Wirkung nachgelassen, und ich möchte fragen, ob ich noch einmal kommen kann, um den Effekt bei Ihnen aufzufrischen.“ „Das können Sie“, antwortete ich. „Was wäre denn dann das Ziel der Therapie?“ „Sie hatten mich damals bedroht, indem Sie mir erzählten, dass man von dem vielen Erbrechen Speiseröhrenkrebs bekommen kann“. Ich erinnerte mich: Ich hatte der Klientin von den trachiotomierten Patienten erzählt, wie ihre medizinische Behandlung abläuft, wie sie reagieren und wie man mit ihnen kommunizieren kann. Ich hatte ihr auch erzählt, was der unterschied zwischen einer Kanüle zum Atmen frisch nach der OP und einer Sprechkanüle ist, wie es gluckert, wenn die Patienten husten oder zu reden versuchen, wie der Schleim und das Blut aus den Röhrchen kommt und wie man die Flüssigkeit absaugt. Die Patientin fuhr fort: „Nach der letzten Therapiestunde konnte ich mich nicht mehr übergeben, und nachdem das nicht mehr ging, waren mir die Eßattacken auch nicht mehr möglich. Nach einer Weile merkte ich, dass das meinem Selbstbewusstsein gut tut, und es fing an, mir so zu gefallen. Mein Vater hatte Krebs. Inzwischen ist er verstorben. Ich habe jetzt nach einem halben Jahr wieder etwas mit der Bulimie angefangen. Ich habe keine Angst mehr vor dem Krebs, aber ich möchte den Effekt auffrischen, damit ich wieder frei werde.“
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Bergwanderung
Eine Kollegin hat mir vor ein paar Tagen die folgende Geschichte gemailt.
Eine Frau um die 60, nicht mehr ganz gesund und mobil, nimmt an einer Bergwanderung teil. Dabei sind auch Einheimische. Die „Fremden“ stürmen nun schnellen Schrittes dem Gipfel entgegen. Sie haben es eilig. Die Frau kommt nicht mehr mit. Es ist zu anstrengend für sie. Sie kann ja auch nicht mehr so gut laufen. Aber die Gruppe drängt vorwärts, niemand nimmt Rücksicht auf sie. Traurig fällt sie immer mehr zurück. Da wird sie von einer Einheimischen angesprochen: „Lassen Sie die nur rennen. Die kriegen ja gar nichts mit. Kommen Sie, ich zeige Ihnen alles.“ Während die Frau nun langsam und in Ihrem Tempo weitergeht, bekommt sie die Schönheiten der Landschaft gezeigt, wird ihr vieles erklärt und erzählt. Und sie erholt sich. Auch sie kommt am Gipfel an. Sicher später, allerdings um vieles reicher.
Wahre Geschichte.
Manchmal
Manchmal kann auch die Wahrheit lügen. (Pavel Kosorin, tschechischer Schriststeller)
Der Himmel auf Erden
Ein Märchen für Perfektionisten, und für Menschen auf der Suche nach Freiheit, Gerechtigkeit, Güte, Wahrhaftigkeit…
Ein Mann und eine Frau saßen am Frühstückstisch. „Liebe Frau“, sagte der Mann, „ich muss dir etwas Wichtiges sagen. Heute werde ich mich auf eine Reise begeben. Ich gehe den Himmel auf Erden suchen.“ Die Frau verschluckte sich an ihrem Kaffee. „Das ist nicht dein Ernst. Das meinst du gar nicht so. Ja, bist du denn von Sinnen?“
„Ich hatte heute einen Traum, sagte der Mann. Weiterlesen
Die Insel der Liebe
Als Paartherapeut habe ich manchmal goldige, süße, nette Paare vor mir sitzen, die sich trennen wollen oder müssen – und leider kann ich sie daran nicht hindern. Andere Male gibt es sehr merkwürdige Paare, zu denen ich am liebsten sagen möchte: „Warum trennt ihr euch eigentlich nicht“ Aber sie bleiben zusammen, warum auch immer. Wenn die Paare mir auf die eine oder andere Art allzu sonderbar werden, dann erzähle ich ihnen manchmal eine Geschichte. So wie diese:
Weit draußen im Meer vor der Küste, hinter dem Stürmischen Kap, befindet sich eine kleine Insel. So klein ist sie, dass sie nur auf den allergenauesten Karten verzeichnet ist. Trotzdem besitzt sie in kundigen Kreisen eine gewisse Berühmtheit. Die Seeleute nennen sie die „Insel der Liebe“. Weiterlesen
Grundsätze Erickson’scher Beratung VI
Mache Schwächen zu Stärken.
Die Struktur des Problems beinhaltet die Struktur möglicher Lösungen.
Täter und Opfer – viele Fragen
Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose. Eine Distel ist eine Distel ist eine Distel. Blüten und Stacheln. Wer entscheidet, was Kraut ist und was Unkraut? Nach welchen Kriterien?
Wenn ich einen Konflikt moderiere – für wen ergreife ich Partei? Für die Opfer? Was ist, wenn beide sich für Opfer halten?
Was ist, wenn der Reigen sich dreht? Die Opfer von einst sind die Täter von jetzt sind die Opfer von einst. Die Täter von einst sind die Opfer von jetzt sind die Täter von von einst.
Wie viele Täter sind Opfer von Tätern, die Opfer sind von Tätern, die Opfer sind…?
Wieviele Opfer bleiben Opfer oder werden Täter, weil es im Schatten des Leids ein Verlust an Bedeutung wäre, weder Opfer noch Täter, sondern Nichts zu sein? Wieviele Opfer sühnen, ohne satt zu werden?
Indem ich die Opfer unterstütze, beginne ich, sie zu Tätern zu machen. Wer sagt mir, dass sie auf halbem Wege Halt machen?
Indem ich die Täter bekämpfe, beginne ich, sie zu Opfern zu machen. Wer sagt mir, dass sie auf halbem Wege Halt machen?
„Des einen Nutzen ist des Anderen Schaden, des einen Lob des anderen Tadel, des einen Hilfe ist des anderen Strafe.“ – Wenn der Berater ausbricht aus diesen Gedanken, nur dann durchbricht er den Kreislauf der Schuld.
Lesenswert: House of God
Zur systemischen oder hypnotherapeutischen Literatur gehört Samuel Shem’s Roman „House of God“ natürlich nicht. Aber er ist doch eine erfolgversprechende „Anleitung zum Unglücklichsein“ für alle, die im Gesundheitswesen und in der psychosozialen Versorgung arbeiten. Er gibt viele Hinweise dazu, wie man Burnout bei Helfern fördert und was man so alles tun kann, um das eigene psychische und auch biologische Überleben als Helfer wei auch das der Mithelfenden zu verkürzen. Und es gibt tatsächlich auch Anweisungen – positive wie negative – wie körperliche Heilung auf suggestivem Weg beschleunigt oder behindert werden kann.
Als Leseprobe mögen die folgenden Zeilen dienen:
„Ich erinnere mich an einen Sommer auf Pawleys Island, ich war vielleicht zwölf. Mutter hatte Daddy rausgeschmissen, und mein Bruder, meine Mutter und ich verlebten den Sommer an der Küste. Da habe ich mir eines Tages heißes Öl über die Hand gegossen, wirklich üble Verbrennungen, und Mutter brachte mich sofort zurück nach Charleston zu unserem Hausarzt. Seine Praxis bestand nur aus zwei großen Räumen, Mahagonitäfelung, Messingbeschläge, Apotheken- schränke, Gefäße, du weißt schon. Er verband meine verbrannte Hand und sagte: ‚Junge, du gehst gern zum Fischen, oder?’ ‚Yessir.’ ‚Was fängst du am liebsten?’ ‚Seebarsch und Bluefish, Sir.’ ‚Wandert der Bluefish schon?’ ‚Nein, Sir.’ ‚Nun, wir wollen sehen, ob du nicht wieder fischen kannst, wenn der Bluefish wandert.’ Wir gingen alle paar Tage zu ihm, um den Verband wechseln zu lassen. Er benutzte eine spezielle Salbe, und ich erinnere mich, dass er nach ungefähr einer Woche zu mir sagte: ‚Die Salbe ist alle, und ich habe die Fabrik angerufen, die sie herstellt, New Jersey. Sie sagten, irgendeine Regierungsstelle hat ihre Anwendung am Menschen verboten, weil sie bei irgendwelchen weißen Mäusen Schäden hervorruft. Nun, an der Salbe ist nichts verkehrt, Junge, ich weiß das, ich benutze sie seit zwanzig Jahren. Ich bin also auf meine Farm gefahren und habe mir welche von der geholt, die ich für meine Pferde benutze. Sie hilft bei ihnen, und ich denke, sie wird auch bei dir helfen.’ Natürlich hat sie geholfen, meine Hand heilte wunderbar. In dem Sommer habe ich Bluefish gefangen, genau wie er es gesagt hatte.“ (S. 269f.)
Auf jeden Fall lesenswert: Samuel Shem, House of God, München (Knaur) 1978.
Antike Sprichworte I
In dieser Reihe möcht ich einige antike Sprichworte vorstellen, die im Buch der Sprüche in der Bibel aufgeschrieben sind. Es geht los…
Besser ein trockener Bissen mit Frieden, als ein Haus voll Geschlachtetem mit Streit. (Spr. 17,1)
Ziele
Ziele bestehen darin, dass wir darum kämpfen, etwas zu erreichen. Wir mögen aber den Kampf oft nicht; wir mögen den Sieg. So möchten wir siegen, ohne zu kämpfen. Wir mögen aber im Rückblick auch nicht einen Sieg, ohne gekämpft zu haben; ein solcher Sieg gilt uns nichts. Manchmal wollen wir für ein Ziel wenig leisten, doch viel geleistet haben.
Ohne Ziele kann kein Mensch leben. Wer kein Ziel hat, verfällt.