Der Himmel auf Erden

Ein  Märchen für Perfektionisten, und für Menschen auf der Suche nach Freiheit, Gerechtigkeit, Güte, Wahrhaftigkeit…

Ein Mann und eine Frau saßen am Frühstückstisch. „Liebe Frau“, sagte der Mann, „ich muss dir etwas Wichtiges sagen. Heute werde ich mich auf eine Reise begeben. Ich gehe den Himmel auf Erden suchen.“ Die Frau verschluckte sich an ihrem Kaffee. „Das ist nicht dein Ernst. Das meinst du gar nicht so. Ja, bist du denn von Sinnen?“
„Ich hatte heute einen Traum, sagte der Mann. Ich war in  einem Ort, da sah es aus, wie in unserem Ort – aber es war doch alles ganz anders.“ „Wie war es denn?“, fragte die Frau. „Es war wunderbar. Ich kam auf einer Wanderung dorthin. Als ich auf den Ort zuging, ist mir aufgefallen, dass da gar kein Ortsschild war. Aber da, am ersten Haus, stand ein Engel, strahlend und schön. Den fragte ich: ‚Wie heißt dieser Ort?’ Er sagte: ‚Wenn du möchtest, zeige ich ihn dir. Das ist der Himmel auf Erden.’ Ich war überrascht. Ich hätte mir den Himmel auf Erden größer vorgestellt. Und ganz anders. Einen Palast auf Wolken. Eine Stadt mit Türmen und goldenen Kuppeln. Aber so… Das hier sah fast aus wie unser Dorf, fast ganz genauso. Beinah war ich ein bisschen enttäuscht von dem Himmel. Der Engel schaute mich an, als ob er noch auf eine Antwort wartete. Er war mir doch ein bisschen unheimlich. ‚Eine Führung?’ fragte ich. ‚Ich glaube, ich finde mich hier schon zurecht.’ ‚Ich glaube es ist besser, wenn ich dich führe.’ sagte der Engel verschmitzt. So zogen wir los. Wir trafen Leute, die miteinander erzählten und lachten.  ‚Wie bei uns zuhause’ dachte ich, und doch fühlte ich, dass hier etwas anders war. Und während wir durch den Ort gingen, war mir, als ob meine Seele sich füllte mit Zutrauen zu dem Engel und zu den Leuten, die hier wohnten. ‚Sag mir, Engel, was hat dieser Himmel auf Erden, was mein Ort nicht hat?’ Der Engel antwortete: ‚Nicht wo du hinschaust, kann der Himmel auf Erden sein, sondern wo du herschaust. Wusstest du das nicht?’. Ich schwieg. Einen Moment lang war mir, als hätte ich ein Lächeln auf seinem Gesicht gesehen. ‚Dann geh und suche den Himmel auf Erden’, sagte der Engel. Einen Augenblick war er noch da, dann verschwanden der Engel, die Leute, der Ort. Ich war wach und lag in meinem Bett.“
Der Mann hatte seinen Traum zu Ende erzählt. Die Frau nippte am Kaffee und schwieg. „Liebe Frau“, sagte der Mann wiederum, „ich habe einen Auftrag von einem Engel. Ich muss losziehen und den Himmel auf Erden suchen“. Alles Bemühen der Frau half nichts. Noch am selben Tag sagte er seiner Frau, seiner Familie, seinen Nachbarn Lebewohl. Dann zog er los, den Himmel zu suchen, den er im Traum gesehen hatte.
Er zog durch viele Länder. Er kam nach Afrika. Aber der Himmel sah nicht aus wie Afrika. Er kam nach Sibirien. Aber der Himmel sah nicht aus wie Sibirien. Er kam nach China. Aber der Himmel sah nicht aus wie China. Und er kam nach Amerika. Aber der Himmel sah auch nicht aus wie Amerika. Den Himmel auf Erden fand er nicht. Oft wurde er herzlich aufgenommen. Manche baten ihn zu bleiben. Und dann war ihm manchmal, als wäre ihm der Engel noch einmal ganz nah. Aber nirgends war es so wie im Traum. Nirgends fand er den Himmel, den er suchte. So kehrte er nach langer Zeit wieder nach Hause zurück. „Verzeih mir, dass ich so lange weg geblieben bin“, bat er seine Frau. „Den Himmel auf Erden habe ich nicht gefunden. Aber ich habe dich so vermisst.“ Sie nahm ihn in den Arm. „Und euch habe ich auch vermisst!“, rief er der Familie und den Nachbarn zu, die inzwischen von allen Seiten herbeiströmten. „Ich habe gelernt, wie sehr ihr mir fehlen könnt.“ „Du hast den Himmel auf Erden also nirgends gefunden.“ wiederholte die Frau. „Wie sah er denn aus in deinem Traum, dieser Himmel? Wie welcher Ort?“ „O Gott“, sagte der Mann.

Ein Gedanke zu „Der Himmel auf Erden

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