Wie man die Therapie verkürzen kann III

Wenn wir auf die auslösenden Probleme gestoßen sind, können wir daran arbeiten, den Umgang mit den Erinnerungen, den Umgang mit der Zukunftserwartung oder die Relation zwischen beiden neu zu definieren:

Wir können Gründe für ein merkwürdiges Verhalten finden, die in der Vergangenheit einen guten Sinn ergeben haben, können Kriterien dafür finden, wann sie nützen und wann nicht, und können definieren, woran der Klient sich darüber versichern kann, ob er die Symptome mit ihren früher guten Gründen gerade braucht oder nicht.

Wir können üben, „damals“ und „heute“ genau zu unterscheiden, und lernen zu erkennen, wann eine Verwechslung der Zeiten stattfindet.

Wir können die Vergangenheit neu interpunktieren, indem wir die Erinnerungen (die in einem wechselvollen Lebensweg etwas von einer sehr verzerrten Sinuskurve haben mögen) nicht mehr von einem Tiefpunkt zum nächsten Tiefpunkt erzählen, sondern von einem Hochpunkt zum nächsten. Weiterlesen

Dinner for one

Vergangenen Sonntag saß ich in meinem Praxiszimmer und dachte: “Ich bräuchte jetzt mal ‘ne Therapieâ€?. “Du bist doch Therapeutâ€?, sagte eine innere Stimme, “und hier ist die Praxisâ€?. “Na gut, wenn du meinst…â€? Da standen noch drei Gläser und etwas Apfelsaft. Ich befüllte die Gläser und lud uns zu einer Familientherapie ein: Das Ich der Erinnerungen, das Ich des Augenblickserlebens und das Ich der Erwartungen. Die drei nahmen Platz, und ich erhielt ihre Erlaubnis, an ihrer Stelle abwechselnd aus ihren Gläsern zu trinken. Zugegebenermaßen prüfte ich, ob ich jetzt reif sei für eine Einlieferung… doch dann war’s mir egal, und ich moderierte das Gespräch. Am Anfang haben sich die drei fast gestritten, weil das Ich der Zukunft meinte, kaum beachtet zu werden, während das der Erinnerung über Gebühr Aufmerksamkeit bekäme – dabei seien seine Beiträge oft wenig erfreulich. Ich fragte die Erwartung, was sie denn besser fände, fragte das Augenblickserleben, wie sie das Verhältnis der beiden anderen Ichs bewertete, fragte die Erinnerung, was sie damit anfangen könnte; ich verhielt mich also neutral und machte ein bisschen Familientherapie. Jeder der drei trug gute Ideen bei. So schlugen sie vor, zwischen erfreulichen und unerfreulichen Erinnerungen zu unterscheiden und nur noch die erfreulichen Erinnerungen als Grundlage für die Entwicklung von Erwartungen zu nehmen – und dann herzhaft neu erwarten zu lernen. Als alle zufrieden waren und der Saft leer getrunken, dankte ich Ihnen, entließ sie und beendete die Stunde. Dieses Therapiegespräch wirkt seitdem nach und hat in mir eine äußerst positive Stimmung hinterlassen…

Die Gesprächsmethodik war angelehnt an die „Ego-State-Therapie“ (Ich-Anteile-Therapie), bei der der Therapeut außer mit dem Klienten als ganzem Menschen auch mit seinen Persönlichkeitsanteilen wie mit realen Personen spricht, sie miteinander ins Gespräch bringt, jeden einzelnen respektiert und mit ihnen als innerer Familie oder innerem Parlament Therapiesitzungen gestaltet. Schräge Sache, aber es funktioniert…

Verguckt

Letzte Woche Samstagmittag: Ich bin durch die Fußgängerzone gelaufen und hab mich gewundert, dass ich so schlecht sehe. Woran hängt’s? Spätfolgen der Augenlaser-OP vom letzten Herbst? Normalerweise sehe ich 100%ig. Hat das Auge gerade beschlossen, irgendwelches abgestorbene Gewebe in Schlieren über das Gesichtsfeld laufen zu lassen? Ich fand keine Erklärung.

Abends auf der Autobahn: Ich schaute angestrengt nach vorne und probierte günstige Augenwinkel aus. Wo sind die Autos? Was ist hier eigentlich los? Mein freundliches Unbewusstes hat mir dann die Antwort gegeben. Ich war gerade 3 Tage auf einer Traumatagung gewesen, hatte meine Biographie aufgearbeitet, hatte mich danach ordentlich in jemanden „verguckt“, hatte wiederum diesem Ereignis nachgegrübelt und mir dabei eine kleine Konversionsstörung eingefangen. Das sind organisch unbegründete Körpersymptome, die etwas Seelisches ausdrücken – meistens sehr metaphorisch.

Sobald ich mich fragen konnte: „Was ist denn gerade so anstrengend anzugucken?“, war – schwupp! – die Sehstörung verschwunden. Sowas gibt’s. Und ist gar nicht so selten.