Der Grashalm in der Wüste

Gestern war ich in der Kinderpsychiatrie und habe den Kindern eine Geschichte erzählt. Wir vergessen so oft, dass Menschen, die sich selbst und anderen Mühe bereiten, nicht nur aus ihren Problemen bestehen, sondern auch aus dem, was heil ist.Und wenn wir das Gesunde, Kraftvolle, Glückspendende im Leben der Kinder oder auch von uns selber pflegen, könnte es sein, dass wir mehr erreichen, als wenn wir immer mehr Zeit auf die Behandlung des Störenden verwenden. Natürlich muss man zuweilen bei dem, was stört, anknüpfen. Wenn man allerdings bei der Behandlung der Störung hängen bleibt, ist man wahrscheinlich schon selbst ein Teil der Störung geworden. Denn wer sagt uns, dass die Reaktionen der Menschen auf das Problem nicht zu dem Problem maßgeblich beitragen? Vielleicht kommen wir schneller zum Ziel, wenn wir das Unauffällige, Gesunde, Normale in den Vordergrund unserer Betrachtung stellen. Ich habe jedenfalls den Kindern die folgende Geschichte erzählt.

Ein Mann durchquerte eine Wüste. Rings um ihn her gab es nur Sand, Steine und Felsen, den leuchtend blauen Himmel und über ihm die glühend heiße Sonne. Auf der Hälfte seines Weges geschah es, dass er Rast machen wollte und sich nach einem geeigneten Platz umsah. Weiterlesen

Von den Sternen lernen

Letzte Woche habe ich das Manuskript zum „Handbuch der therapeutischen Utilisation“ bei der Lektorin zur Korrektur abgegeben, das Anfang April kommenden Jahres bei Klett-Cotta erscheint. Trotzdem die Abgabe mich jetzt ein bisschen erleichtert, sind noch viele Feinarbeiten nötig. Der Kern des Buches besteht aus über 60 kurzen Fallgeschichten aus der Beratungs- und Therapiearbeit, die auf die Fragen hin untersucht werden: Was aus dem Leben der Klienten und was von ihren Problemen oder Symptomen (oder auch was von der aktuellen Beratungssituation) wird in der Therapie jeweils genutzt, um zu Lösungen zu kommen. Und wie geht das? Wass wirkt befreiend an der Therapie? Und wie kann die Therapie so individualisiert werden, damit die Beratung so individuell wird wie die Klienten und ihre Geschichten es sind?

Einige Geschichten, die ich in dem Buch betrachte, handeln von Klienten mit Tinnitus. Davon möchte ich hier eine herausgreifen. Das war in diesem Frühjahr… Weiterlesen

Recycling III, oder: Das zweite Handbuch

Meine Freundin sagt, in meinem nächsten Buch geht es um Recycling. Ich sagte zu ihr: „Da merkt man, dass du Umweltingenieurin bist“. Aber sie besteht darauf und sagt: „Da steht doch auf dem Titel: ‚Vom Nutzen des Unnützen‘ – genau das ist Recycling!“ Nach ein bisschen Nachdenken habe ich ihr zugestimmt: „Ja, wir recyceln Leben. Probleme, Symptome, Erinnerungen, Werte, Worte.“

Also, jetzt wird recycled. Nach dem „Grashalm in der Wüste“ und dem „Handbuch des therapeutischen Erzählens“ erscheint jetzt im nächsten April von mir ein Buch zu therapeutischer Utilisation, also dazu, wie man scheinbar Nutzloses, Belangloses oder Schädliches für die Therapie nutzbar macht und insbesondere die Probleme zur Lösung der Probleme nutzt.

Die bibliographischen Angaben des Buches lauten:

Stefan Hammel (2011): Handbuch der therapeutischen Utilisation. Vom Nutzen des Unnützen in Psychotherapie, Kinder- und Familientherapie, Heilkunde und Beratung. Klett-Cotta, Stuttgart.

Das Buch hat etwa 280 Seiten und dürfte Anfang April auf den Markt kommen. Vorbestellungen sind schon jetzt im Buchhandel möglich.

Recycling II

Das erinnert mich an eine Beobachtung in verschiedenen Städten in Kambodscha. Ich denke zum Beispiel an Phnom Penh.

Wir gehen durch eine Einkaufsstraße.
„Wick-wack, wick-wack.“
Eine Hupe, die wie eine Gummi-Badeente klingt, kündigt eine Müllsammlerin an, mit ihrem Handwagen durch die Straße zieht. Manche dieser Sammlerinnen sind auf Glas- und Plasikflaschen spezialisiert, manche nehmen jede Art von Müll, einige suchen Reis- und Baustoffsäcke oder Dosen.
Glasflaschen werden an Moped-Tankstellen verkauft, die am Straßenrand Benzin verkaufen, Plastikflaschen können als Wasserbehälter dienen oder verfeuert werden, Baustoffsäcke können mit Beton gefüllt als formbare Mauersteine Verwendung finden und Nahrungsmittelsäcke mit schönen Motiven können in Taschen für Touristen verwandelt werden. Aus Blechdosen kann man Spielzeug machen, das ebenfalls von Touristen gekauft wird.
Phnom Penh hat keine geregelte Müllabfuhr. Die Straßen sind weitgehend abfallfrei.

Recycling I

Wenn Leute mir von ihrem „kaputten“ Leben erzählen, von „Müll“, der sich in ihrer Ehe angesammelt hat oder davon, dass alles, was sie machen, irgendwie „Schrott“ ist, dann rede ich mit ihnen über Recycling.  Ich erzähle ihnen von Abfallsortierung, von Wertstoffhöfen, von der Biotonne und vom Kompost im Garten. In den nächsten Tagen möchte ich dazu ein paar Gedanken veröffentlichen. Auch die folgende Erinnerung handelt von Recycling.

Kampot in Kambodscha. Wir sitzen vor einer Bambushütte.
„Au!“
„Moskito oder Ameise?“
„Ameise.“
Die Insekten sind das einzig Unangenehme an diesem Ort. Wir betrachten die Muscheln und Schnecken, die wir am Strand gesammelt haben.
„Wenn wir die mitnehmen, stinken sie uns die Koffer voll, auf der ganzen Reise bis nach Hause.“
Um eine geruchsfreie Nacht zu verleben, lassen wir die Überreste der Schalentiere  vor der Tür.
Als wir am anderen Morgen vor die Tür treten, sind die Schalen übersät von Ameisen.
Als wir am übernächsten Morgen vor die Tür treten, sind keine Ameisen mehr da.
Als wir am Morgen darauf aufbrechen, nehmen wir die Schalen mit. Kein Hauch eines Geruchs geht von ihnen aus.

Das Monster vom Kartoffelkeller

Wie vielleicht schon zu bemerken war, bin ich aus dem Urlaub zurückgekehrt. Die Zeit in Kambodscha war eindrucksvoll und wäre es wert, in vielen Geschichten erzählt zu werden. In der Zeit habe ich aber auch eine Mail bekommen von einer Blog-Leserin mit einer Geschichte, die gut in diesen Blog passt und die ich mit Erlaubnis der Autorin veröffentlichen darf. Die Geschichte geht so…

Als ich klein war geschah etwas höchst Seltsames. Meine Mama schickte mich in den Keller zum Kartoffeln holen. Das war schon häufiger vorgekommen, doch an diesem einen Tag geschah, wie schon erwähnt, etwas höchst Seltsames -etwas monströses! Schon als ich die Kellertür öffnete überkam mich ein seltsam ängstliches Gefühl, ich knipste schnell das Licht an und wollte die Kartoffeln in die Schüssel lesen, da hörte ich ein Geräusch. Es war ein kratziges, schnaufiges Scharren. Die Schüssel fiel scheppernd zu Boden, als ich aufsprang und aus dem Keller rannte. Oben erzählte ich meiner Mama von dem Geräusch. Sie redete beruhigend auf mich ein und kam mit mir in den Keller, doch dort war alles still. So ging es einige Tage. Immer wenn ich alleine war, vernahm ich das Geräusch, war jemand bei mir, dann war es still. Da nicht immer jemand mit mir in den Keller gehen konnte riet mir meine Mama fortan zu singen, denn der Gesang eines Mädchens könne unheimliche Geräusche vertreiben. Ich versuchte es, aber das Scharren blieb.
Wenige Tage nachdem ich es zum ersten Mal gehört hatte, entdeckte ich die Ursache des Scharrens. In der hintersten Kellerecke, dort wo kein Licht hinfiel, saß ein schauriges Monster mit langen wilden Haaren, drei rot glimmenden Augen, einem gierigen Mund voller kleiner, spitzer, blutgieriger Zähne. Seine Arme waren lang und behaart und an seinen schleimigen Händen waren acht Finger die sich gierig nach mir reckten.
Ich war starr vor Schreck und als die Starre sich löste, rannte ich panisch nach oben, um Mama zu holen. Wie zu erwarten war das Monster jedoch verschwunden, als meine Mama mit mir in den Keller ging.

So wurde es für mich immer schrecklicher, die Kellertreppe hinab zu steigen, denn ich wusste genau worauf das Monster wartete. Auf einen günstigen Moment, um mich zu packen, an sich zu reißen und seine widerlichen Zähne in mein Fleisch zu rammen. Woher ich das wusste, kann ich allerdings nicht sagen.
Die Jahre vergingen. Ich zog in meine erste eigene Wohnung – und das Monster zog dort in den Keller. Auch bei meinen weiteren Umzügen, gelang es dem Unhold stets mir zu folgen und die dunkelste Ecke des Kellers für sich zu beanspruchen.

Doch heute entschloss ich, mich dem Monster zu stellen.

Mit einer für Monster höchst gefährlichen Waffe bezwang ich die Kellertreppe. Ich hörte das kratzige, schnaubige Scharren, sah die schleimigen Hände, die sich nach mir ausstreckten. Todes mutig bewegte ich mich langsam, Schritt für Schritt auf die Ecke zu. Dann stand ich dem Monster gegenüber, so nah wie nie zuvor. Ich konnte seinen nach Verwesung stinkenden Atem riechen. Schon wollte ich mich umdrehen und weg rennen, da spürte ich in meiner Hand die Schwere und Kühle der Monsterwaffe. Ich nahm allen Mut und alle Kraft zusammen hob sie an, richtete sie auf das Monster und drückte ab…..

Das Licht der Taschenlampe durchflutete die Ecke. Sofort begann das Monster vor meinen Augen zu verschwimmen und als sich meine Augen an das helle Licht gewöhnt hatten, war das Monster vollständig verschwunden. Da spürte ich das unwiderstehliche Bedürfnis zu lachen in mir. Erst leise dann immer lauter bahnte sich das Gelächter seinen weg aus meinem Innersten ins Freie und so wurden auch die letzten Reste und Spuren des Monsters aus unserem Keller vertrieben.

So habe ich nach vielen Jahren den Sieg über mein persönliches Monster davongetragen.

(Tamara Peter)

Nägelkauen

Heute hatte ich eine Frau zu Besuch, die sich Gedanken machte, weil ihr Pflegesohn stark an den Nägeln kaut. Er habe von sich aus gesagt, er wolle aufhören, und sie hat ihm ein Mittel besorgt, dass bitter schmeckt und das er sich auf die Nägel streichen kann, um sich das Nägelkauen abzugewöhnen.Aber bald hat der Junge sich an den Geschmack gewöhnt, und er hat weiter gekaut. Sie wollte wissen, was man da machen könne.

Sie erzählte weiter, der Junge lasse sich eher Unrecht tun, als sich zu wehren, und ziehe sich bei jeder Kritik still in sich zurück. Allerdings tue er oft das Gegenteil dessen, was man ihm auftrage. Vielleicht habe es damit zu tun, dass er in seiner Herkunftsfamilie viel beschimpft und schlecht gemacht wurde und oft verprügelt wurde, wenn er sich gegen Vorwürfe oder eine unfreundliche Behandlung wehrte.

Ich habe zu der Frau gesagt, sie solle ihm in der Apotheke ein anderes Fabrikat eines solchen Mittels kaufen und ihm sagen, dass dieses „stärker“ sei. Dann solle sie ihm sagen, sie habe mit einem Therapeuten gesprochen, und der habe ihr gesagt, beide Hände gleichzeitig abgewöhnen sei zu viel auf einmal. Es sei klar gewesen, dass das nicht klappen konnte. Eine Hand auf einmal sei genug.

Dann solle sie ihn auswählen lassen, an welcher Hand er als erstes aufhört, Nägel zu kauen. Sie solle mehrmals fragen, ob er sicher sei, dass dies die Hand ist,  bei der er zuerst aufhören will und sich das versichern lassen. Danach soll sie ihm mitteilen, dass er nicht aufhören dürfe, Nägel zu kauen, sondern jedesmal, wenn er an den Nägeln dieser Hand kaue, müsse er stattdessen auf die andere Hand wechseln und dort kauen. Das sei wichtig. Auf keinen Fall dürfe er schon aufhören, die Nägel der anderen Hand zu kauen, sondern er müsse das Kauen dort noch um die Male vermehren, die er sonst an der anderen Hand gekaut habe.

Wenn er versehentlich doch einmal an die Hand gerate, deren Nägel wachsen sollen,sollte er zum Ausgleich umso mehr die an den Nägeln der anderen Hand kauen.

Ich sagte zu der Frau: Wenn er die Nägel der einen Hand auf diese Weise zum Wachsen bekommt, gehen wir anschließend mit der anderen Hand fingerweise vor: In der ersten Woche kaut er nur noch an vier Fingern, und an den anderen umso mehr,  in der zweiten an drei Fingern, und so weiter.

Wenn der Erfolg an der „schönen“ Hand dagegen zu wünschen übrig lässt, stellen wir fest, die Aufgabe sei noch zu groß, arbeiten daran, dass er zunächst einen Finger ungekaut lassen kann und arbeiten uns von hier aus fingerweise vor.

Blaue Haut

Heute habe ich von einer früheren Klientin die folgende E-mail und Geschichte erhalten, die ich mit ihrer Erlaubnis hier gerne weiter geben möchte.

hallo herr hammel,

heute morgen lag ich im bett und wurde von einem extrem intensiven gefühl der depression übermannt. verzweiflung und hilflosigkeit, angst und selbsthass ergriffen von mir besitz. zwischendurch wenn es mir gelang einen klaren gedanken zu fassen, überlegte ich, es sei wohl das beste auszustehen und mich durch arbeit abzulenken doch ich konnte nicht die kraft aufbringen.
doch plötzlich schlich sich eine klitzekleine idee in meinen kopf und daraus wurde folgende geschichte:

auf einem anderen planeten, in einem anderen sonnensystem, in einer anderen galaxie, in einem anderen weltall leben lebewesen. sie sind uns sehr, sehr ähnlich. eientlich unterscheiden sie sich nur in zwei dingen von uns. in zwei dingen, der eine unterschied ist schon auf den ersten blick zu sehen, um den anderen unterschied zu sehen, bedarf es einer sehr eingehenden betrachtung und einem genauen hinterfragen.
der offensichtliche unterschied zu uns ist, dass die haut der lebewesen blau ist. das liegt an der anderen beschaffenheit ihrer sonne und dient dem schutz vor deren strahlung.
der andere kaum zu erkennende und doch viel, viel wichtigere unterschied ist ein kleiner knopf hinter der ohrmuschel am kopf der lebewesen…
bei diesem knopf handelt es sich nämlich um einen emotionsausschalter!!! mit ihm kann jede unliebsame emotion einfach -klick- ausgeschaltet werden. ist eines der lebewesen wütend, möchte aber lieber freundlich und ausgeglichen sein, dann drückt es auf den knopf und die wut ist weg. ist es unglücklich verliebt, möchte aber lieber einen klaren kopf behalten und fröhlich sein, dann -klick- und die liebe ist dahin, ist es traurig, enttäuscht, von hass erfüllt, depressiv -klick- die schlechten gefühle sind futsch. vielleicht wird es aber auch durch ein gutes gefühl in seiner sachlichen überlegung gestört -klick- das lebewesen kann ohne gefühlsduseleien seinen überlegung fortsetzen und kommt zu einer rein rationalen entscheidung.
die entscheidung, wie sie mit ihrem emotionsausschalter umgehen möchten liegt natürlich bei jedem lebewesen selbst, so gibt es auf dem planeten lebewesen, welche sehr oft den knopf drücken und welche die ihn eher selten, oder sogar fast nie drücken…
und damit gibt es wohl doch nur einen unterschied zwischen den lebewesen auf einem anderen planeten, in einem anderen sonnensystem, in einer anderen galaxie, in einem anderen weltall und uns menschen.
– sie haben eine blaue haut –

vlg, t. p.

Anästhesie, kinderleicht

Vor einiger Zeit habe ich erzählt von einem Jungen, der mit fremden Leuten nicht spricht („Der stille Gregor“, 29.12.09, 14.1. und 16.1.10, selektiver Mutismus). Wir schicken uns manchmal E-mails, mal ernsthafte, mal verrückte, und mal beides zugleich. Neulich habe ich von ihm die folgende E-mail erhalten.

Hallo Stefan,

wir mussten zu einer Podologin wegen meiner Mama.Sie kam mit Angst herein. Die Podiologin äh, Podologin hat gesehen, dass sie Angst hat und hat sofort gesagt: „ Sie sind die Frau Xxxxxxxxxxxl“. Das sieht man auf ihrer Stirn.“ Da hat meine Mama gesagt: „Ja“. Meine Mama hat gesagt: „Das ist so ähnlich wie beim Zahnarzt“. Da hat ein Mann gesagt: „Ja, wir bohren auch“. Meine Mama war an der Reihe und ich guckte zu. Die Po. musste etwas aus dem Zeh enfernen. Meine Mama musste an was Lustiges denken. Meine Mama und ich, verzeihuing, äh hoppka, hopppla äh ,hi,hi,hi…………… Also den Satz noch mal von vorne. Meine Mama und ich haben an die Schiffbahn gedacht. Meine Mama erzählte: Die dreht sich, man fährt vorfäörts hoppppppppppppkkkkkkkkkkaaaaaaaaaa vorfährts und rückwärts und seiotlich hoppppppppppplloooooooooooooo seitlich. Die Schiffbahn dreht siuch ähhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhh sich. Da sind viele Lichter und ein Sringbrunnen  ähhähähähähähähähäähhähääh Springbrunnen. Mama fragt mich: Gregor, siehst du die Schiffbahn auch??? Ja, nickte ich. Plötzlich sagt die Podologin: Fertig!!! Das war so schade. So schnell war die Schifffahrt zu Ende und es war so schön daran zu denken. Es hat Mama überhaupt nicht weh getan. Die anschließende Behandlung war weiterhin lustig. Mama geht in zwei Wochen wieder hin, dann aber ohne Angst.

VLG

Gregor

Für eine schöne hypnotische Anästhesie braucht man nichts als ein Kind mit viel Fantasie und einem guten Sinn für Quatsch. Im Ernst!

Der Tanz der Einhörner

Ich hatte ein sechsjähriges Mädchen in Therapie, das öfter angemerkt hat: „Ich will tot sein.“ Das sagte sie, wenn sie enttäuscht war, weil sie beim Spielen verloren hatte oder weil sie ein Geschenk nicht bekam. Aber man merkte auch, dass sie dabei wirklich sehr, sehr unglücklich war. Todunglücklich, würde das Mädchen vielleicht sagen. Aufs Tot-sein befragt, hat sie erklärt, dass es im Himmel Engel und Einhörner gibt, und die Einhörner sind Pferde, die in den Himmel gekommen sind, und überhaupt ist es im Himmel viel schöner.

Ich habe das Mädchen gefragt, ob ich ihm eine Geschichte erzählen darf. Die Geschichte ging so:

In einem Land, das sich Kamark nennt, gibt es einen Wald, und darin lebt eine Herde Wildpferde. Und unter ihnen lebte ein junges Pferd, das hatte einen großen Wunsch: „Ich möchte gerne die Einhörner sehen.“ Die großen Pferde haben zu dem kleinen Pferd gesagt: Das geht nicht. Die Einhörner leben im Himmel, und da können wir jetzt noch nicht hin, erst später. Das kleine Pferd hat sich damit aber nicht zufrieden gegeben, und als ihm keines von den großen Pferden eine befriedigende Lösung sagen konnte, wie es die Einhörner treffen könnte, da ist es zur Eule gegangen. Die Eule weiß nämlich fast alles. Das Pferd hat dreimal mit dem Huf an dem großen Baum gescharrt, in dem die Eule hoch oben in einer Höhle gewohnt hat. Das ist das Zeichen zwischen den Pferden und der Eule, wenn die Pferde etwas wissen wollen. Die Eule hat rausgeguckt und hat gefragt: „Was ist los, kleines Pferd?“ „Ich will die Einhörner sehen“, hat das Pferd gesagt. „Die Einhörner wohnen im Himmel, da brauchst du ein Flugzeug“, hat die Eule gesagt. „Wie bekomme ich ein Flugzeug?“ Das kleine Pferd ließ nicht locker. Die Eule dachte eine Weile nach und sagte dann: „Ich habe eine Idee. Komm mit mir!“ Die Eule flog los, und das kleine Pferd galoppierte hinter ihr her. „Das wollte ich sowieso schon lange mal machen!“ rief die Eule. Sie flogen quer durch den Wald und aus dem Wald heraus und kamen schließlich zu einem Zoo. Dort flog die Eule hinein. Sie flog zum Zoowärterhaus, guckte dort hinein und wartete, bis der Wärter in eine andere Richtung schaute. Dann flog sie lautlos hinein, nahm in ihren Schnabel einen Schlüssel und flog genauso still und leise wieder heraus, hinüber zum Affenhaus. Sie öffnete den Käfig und ließ den Affen heraus. Setz dich auf das Pferd und halte dich an der Mähne fest!“, rief sie. Der Affe tat, wie ihm geheißen wurde, die Eule flog voraus und das kleine Pferd galoppierte mit dem Affen hinterher. „Wie kann ich euch das nur danken?“ fragte der Affe, als sie schließlich in dem Wald, wo das kleine Pferd wohnte, halt machten. „Bau für das kleine Pferd ein Flugzeug“, sagte die Eule, und bald machte sich der Affe ans Werk. Weiterlesen