Die Klinke ölen

Ein Arzt erzählte mir:

„Ich hatte eine Frau in Behandlung, die Arthrose in den Daumen hatte. Nach einer Behandlung mit einem pflanzlichen Arzneimittel aus Teufelskralle war der eine Daumen schon viel besser, der andere aber war noch ziemlich unbeweglich und schmerzte bei jedem Bewegungsversuch. Ich gab ihr noch eine homöopathische Spritze und ging mit zur Tür, um die Frau zu verabschieden. Die Türklinke quietschte schrecklich. Das tat sie schon lange, aber diesmal störte es mich aus irgendeinem Grund. Während wir noch im Gespräch waren, holte ich einen Spray für die Tür. Ich sprühte das Gelenk der Klinke ein und bewegte die Klinke mehrmals hin und her. Während ich das tat, fiel mir auf, dass die Frau ihren Daumen gleichzeitig ebenfalls hin und her bewegte. Das hat mich fasziniert. ‘Gucken Sie mal, Ihr Daumen ist genau wie die Türklinke’, habe ich gesagt. Dann habe ich die Klinke noch einmal bewegt und gesagt: ‘Jetzt quietscht es nicht mehr.’ ‘Ja, und es tut auch nicht mehr weh’, sagte die Frau und bewegte ihren Daumen hin und her.”

(Aus: Stefan Hammel, Handbuch der therapeutischen Utilisation)

Buchtipp: Lexikon des systemischen Arbeitens

In diesem Frühjahr erscheint beim Carl-Auer-Systeme-Verlag das „Lexikon des systemischen Arbeitens“. Auf über 500 Seiten nimmt dieses Grundlagenwerk die Grundbegriffe und das Selbstverständnis systemischer Beratungs- und Therapiearbeit einschließlich hypno-systemischer Arbeitsformen unter die Lupe.

Die vollständigen biographischen Daten des Buches lauten:

Jan V. Wirth, H. Kleve (Hrsgg.): Lexikon des systemischen Arbeitens. Grundbegriffe der systemischen Praxis, Methodik und Theorie. Carl-Auer-Systeme, Heidelberg 2012

Ich habe zwei Artikel zu dem Lexikon beigetragen, den Artikel „Metapher“ und den Artikel „Utilisation“. Allen, die sich aus fachlichem und persönlichem Interesse mit systemischer und hypnosystemischer Arbeit befassen, möchte ich gerne Appetit auf dieses Buch machen. Zu diesem Zweck möchte ich hier auszugsweise und leicht gekürzt den Artikel zum Begriff „Utilisation“ wiedergeben. Was ist also Utilisation?

Anders als das „Nutzen“ (lat. utor, engl. use im Unterschied zu utilize) einer Sache im üblichen Sinne wird beim Utilisieren etwas augenscheinlich Nutzloses, Belangloses oder Schädliches in einer Weise neu betrachtet, gestaltet oder gebraucht, dass ein vorher nicht vorhandener Nutzen für den Klienten entsteht. Milton Erickson gebraucht den Begriff zunächst, um einen Grundsatz erfolgreicher Intervention bei der Arbeit mit Hypnose und in der Psychotherapie insgesamt zu beschreiben: „Diese Methoden beruhen darauf, die eigenen Einstellungen, Empfindungen, Denk- und Verhaltensweisen der Versuchsperson zu nutzen; des weiteren wurden Aspekte der realen Situation … in verschiedenster Weise verwendet.“ Daraus ergibt sich: „Utilisation ist die Haltung, jeder Eigenart des Klienten und seiner Lebenssituation mit Wertschätzung zu begegnen und das jeweils Einzigartige daran für die therapeutischen Ziele zu nutzen“ (Hammel 2011, Handbuch der therapeutischen Utilisation, S. 17).
Das Konzept der Utilisation beinhaltet, dass zentrale, markante, typische oder bisher wenig beachtete Elemente des Ausgangserlebens (häufig Symptome, Problem- und Zielbeschreibungen im Klientensystem) vom Beratenden verbal oder nonverbal aufgegriffen und zu Anknüpfungspunkten für den Aufbau eines Zielerlebens (etwa eines neuen Verhaltens) gemacht werden. Dahinter steht der Gedanke, dass auch ein als „Problem“ beschriebenes Verhalten und Erleben von Persönlichkeitsanteilen bzw. Tendenzen im System erzeugt wird, die „nützliche“ (also für den Klienten oder das Klientensystem wertvolle) Intentionen verfolgen, auch wenn das Ergebnis als belastend erlebt wird. „Paradoxerweise kann Akzeptanz als bezwingende Kraft für die Veränderung genutzt werden… Anstatt die Patienten einer Konfrontation auszusetzen, indem ihnen gesagt wird, dass sie fehlerhafte Aspekte ihrer selbst verändern müssen, versucht man mehr und mehr zu evozieren, wer sie sind und was sie tun. Wenn man Patienten dazu einlädt, in Übereinstimmung mit ihrer eigenen Konstitution zu handeln, … verringert sich nicht nur der Widerstand gegen die Therapie, sondern… der Ort der Veränderung wird dorthin platziert, wo er hingehört, … in den Patienten.“ (Short, Weinspach, Hoffnung und Resilienz, S. 242f.).
Viele klassische systemische Techniken sind Utilisationstechniken. Grundformen der Utilisation sind:

–    Einfache Bindung und Doppelbindung (Einfache und Doppelte Kopplung), also das Verknüpfen von einem bzw. mehreren Elementen der Ausgangssituation (oder der Ziele des Klienten) mit positiven oder negativen Werten des Klienten, um eine Suche nach Neubewertungen seiner Denk- und Handlungsoptionen zu initiieren und innerhalb seines Wertesystems neue Lösungen attraktiv zu machen
–    Realistische oder irreale (also absurde oder trickfilmartig visualisierte) Umdeutung (Reframing), etwa das Aufgreifen und Wörtlich-nehmen von Metaphern des Klienten für sein Problem und das Entdecken der darin implizierten Ressourcen für die reale Situation
–    Paradoxe Intervention, etwa in Form von Unterstützung für das Beibehalten des Symptoms, für Symptomverstärkung, zeitliche, räumliche oder kontextuelle Symptomverschiebung, Ritualisierung, Rhythmisierung oder Ablaufs-Umkehrung von Symptomen oder Wetten gegen den Verlust von Symptomen
–    auf dem Gemeinschaftserleben (Rapport) von Therapeut und Klient basierende Methoden wie Spiegeltechniken, das Mitvollziehen und Verändern (Pacing und Leading) von Elementen des Ausgangserlebens sowie Strategien der Delegation, also etwa das Besetzen der Rolle des Symptomträgers durch den Therapeuten,
–    Externalisierung, Visualisierung und bildhafte Umgestaltung von Problemaspekten und Ressourcen
–    Gebrauch von Landschaftselementen, Gegenständen und zufälligen Ereignissen zur Zeit der Beratung. Diese dienen als metaphorische Angebote zur Deutung der Ausgangs- oder Zielsituation des Klienten (als Symbol, Omen oder Beispiel für Lösungsmöglichkeiten), als Musterunterbrechung (zur Defokussierung vom Problemverhalten und zum Erzeugen einer Suchhaltung) oder als Anker (vereinbarter Auslöser zur Reaktualisierung eines Zielerlebens im Kontext des „Problems“).

Utilisation bedeutet vor allem, positive und negative Werte des Klienten für dessen Ziele zu nutzen: „Finde heraus, wo der Patient über Ressourcen verfügt. Erkenne, was er mag und was er überhaupt nicht schätzt. Entfalte die Ressource, indem du die Werte des Patienten nutzt. Verbinde die entfaltete Ressource mit dem Problem. [Das geschieht…] entweder direkt oder indirekt, in kleinen Schritten, und zwar, indem man Vertrauen schafft, eine Beziehung herstellt, Motivation aufbaut und die Reaktionsbereitschaft steuert. [… Lass den] Patienten etwas tun. Therapeutische Handlungen müssen für den Patienten und dessen Werte von Bedeutung sein. Jedes Verhalten, selbst Widerstand, kann akzeptiert und therapeutisch genutzt werden. Und jeder Aspekt des Kontextes kann akzeptiert und therapeutisch nutzbar gemacht werden. Dramatische Inszenierungen können helfen, die Reaktionsbereitschaft auf Anweisungen zu steigern. Wenn man Ideen sät, bevor man sie direkt präsentiert, werden sie eher akzeptiert und umgesetzt. Das Timing ist von zentraler Wichtigkeit. Zum Therapieprozeß gehören Pacing, Musterunterbrechung und das Aufbauen von Mustern. Widerstand entsteht oft dann, wenn man auf diese Prozesse nicht genügend Sorgfalt verwendet. Der Therapeut (und der Patient) muss eine Erwartungshaltung haben. Führe die Intervention konsequent durch und kontrolliere den Erfolg“ (Zeig 1995, Die Weisheit des Unbewussten, S. 62, gekürzt).

Good Vibrations

Ich möchte eine weitere Geschichte davon erzählen, wie man scheinbar Nutzloses oder Schädliches in der Therapie „utilisieren“, also für die Ziele der Klienten nutzbar machen kann.

Eine Frau wollte gerne hypnotisiert werden, weil sie sich nur schwer konzentrieren könne, Gedächtnisprobleme habe und sich meistens verwirrt fühle. Es zeigte sich, dass es genügend familiäre Probleme gab, um diese Schwierigkeiten zu erklären. Die Frau wünschte sich jedoch eine Therapie, die die ihre Familiensituation unberücksichtigt lassen sollte. Ich erklärte ihr, ich hielte zwar grundsätzlich ein anderes Vorgehen für angezeigt, ihrem ausdrücklichen Wunsch entsprechend werde ich aber mit ihr daran arbeiten, ihre mentalen Prozesse so weit als möglich zu optimieren, ohne ihre Familienbeziehungen und die sich daraus ergebenden Probleme zu bearbeiten.
Nach einigen Sätzen der Hypnoseinduktion begann, für mich unvorhergesehen, im Keller ein Handwerker mit einer Schlagbohrmaschine eine Wand zu durchbohren. Minutenlang vibrierte das Haus, und der Lärm war so gewaltig, dass ich sehr laut reden musste, um für die Klientin hörbar zu bleiben. Ich sagte:
„Manchmal geschieht es, dass etwas Unvorgesehenes unser Leben erschüttert, und wir merken erst einen Augenblick später, dass es etwas Gutes ist, was mit uns geschieht. Es ist, als ob in uns etwas zurecht gerüttelt wird, so dass in unserem Körper und Geist etwas vibriert und unsere geistigen Fähigkeiten aktiviert. In uns kommt etwas zum Schwingen und eine gute Resonanz bringt in uns alle Gedanken an den richtigen Platz, alle Erinnerungen und all unser Wissen werden dadurch aufgeräumt, werden neu geordnet und dadurch neu auffindbar.“
Einige Tage später sagte eine andere Frau, die mit dieser Klientin befreundet war, zu mir: „Meine Freundin hat gesagt, Sie hatten einen Handwerker im Haus, der mit einer Maschine gearbeitet hat, und das sei so wohltuend gewesen.“

(Stefan Hammel, Handbuch der therapeutischen Utilisation. Vom Nutzen des Unnützen in Psychotherapie, Kinder- und Familientherapie, Heilkunde und Beratung. Klett-Cotta 2011, S. 119f.)

 

Überfall auf das Gedächtnis

Dieses Beispiel illustriert, wie wir frühere positive Lebenserfahrungen nutzen können, um plausibel zu machen, dass eine aktuelle Krise bewältigt werden kann – und um diese dann auch tatsächlich gut zu bewältigen. Entscheidend ist nicht, ob die frühere Erfahrung tatsächlich enge Parallelen zur aktuellen Situation aufweist, sondern ob der Vergleich beider Situationen überzeugend vorgetragen wird.

Vor einiger Zeit klagte die Tochter einer Kollegin, sie habe Gedächtnisschwierigkeiten. „Wenn ich zu einer Prüfungsfrage zehn Antworten wissen muss, fallen mir meistens nur fünf oder sechs ein.“ „Bist du dir sicher“, fragte die Mutter, „dass es immer dieselben fünf oder sechs Antworten sind, oder könnten es auch jedes Mal verschiedene sein, die dir einfallen, so dass du insgesamt vielleicht tatsächlich alle Antworten weißt?“ „Ich denke, es sind jedes Mal andere Antworten, die fehlen. Vielleicht weiß ich insgesamt alle. Aber was nützt mir das? Es fehlen ja trotzdem jedes Mal welche.“ „Ich denke auch, dass du insgesamt alle Antworten weißt. Und darum werden dir in der Prüfung, wenn es darauf ankommt, auch alle einfallen. Jetzt, wo es noch nicht darauf ankommt, weiß dein Kopf, dass du nicht alle Antworten sagen brauchst und sagt nur einen Teil. Aber in der Prüfung sagt er dir alle Antworten.“ „Und woher weiß ich das?“ „Erinnerst du dich daran, wie wir in Kolumbien waren und überfallen wurden? Damals bist du so schnell gerannt wie noch nie in deinem Leben. Und du hast hinterher gesagt: ‘Ich wusste gar nicht, dass ich so schnell rennen kann’. Du konntest da so schnell rennen, weil du es brauchtest. Vorher brauchtest du es nicht, und darum ging es nicht. Genauso ist das mit dem Gelernten und deiner Prüfung.“ „Meinst du wirklich?“ „Wirklich!“ Die Tochter schien beruhigt und setzte ihre Vorbereitungen fort. Sie absolvierte ihre Prüfung und wusste alle Antworten.

(Stefan Hammel, Handbuch der therapeutischen Utilisation. Vom Nutzen des Unnützen in Psychotherapie, Kinder- und Familientherapie, Heilkunde und Beratung, S. 118ff.)

Eine Beerdigung für den Kopfschmerz

Die folgende Geschichte gibt ein Beispiel, wie Familienbeziehungen und Rituale genutzt werden können, um Belastungen wie Schmerzen und Angst zu beeinflussen.

Eine Kunstlehrerin bat um Anregung, wie sie einer 18jährigen Schülerin aus der 12. Kursstufe weiter helfen könne, die sie um ihre Unterstützung gebeten habe. Im Unterricht hatten die Schüler Bilder und Texte dazu gestaltet, wie sie sich ihre Zukunft jeweils im günstigsten und schlimmsten Fall ausmalten. Diese Schülerin berichtete, dass sie überzeugt sei, an Krebs zu erkranken oder schon erkrankt zu sein. Sie teilte mit, das Problem habe begonnen, als ihre Oma an Krebs verstorben sei. Krebs sei erblich, und so habe sie damals schon Angst entwickelt. Dann habe ihre Mutter einen Tumor im Kopf bekommen. Sie selbst habe immer wieder starke Kopfschmerzen und habe Angst, selbst an Krebs zu erkranken. Sie habe sich schon eingehend untersuchen lassen. Bislang sei noch nichts gefunden worden. So warte sie, bis der Befund zu Tage trete.
Ich schlug der Lehrerin vor, sie möge ihre Schülerin bitten, ein Bild zu malen, wie die Kopfschmerzen aussehen, wenn man sie denn sehen könnte. Die Lehrerin solle dann die junge Frau bitten, das Bild im Grab ihrer Oma zu beerdigen. Sie könne sich mit ihr, halb scherzhaft, halb ernsthaft, einigen, dass die Oma, die bestimmt viel Gutes für ihre Enkelin getan hat, ihr die Schmerzen und das, was dahintersteckt, bestimmt gerne abnehmen wird und es irgendwo hinbringt, wo es niemanden stört. Wenn die junge Frau möchte, kann sie ein zweites Bild vom Krebs malen und mit diesem dasselbe tun.

Weiter möge die Lehrerin ihr mitteilen, dass sich nach der Beerdigung des Bildes aufgrund psychologischer Gesetze alle Kopfschmerzen, die von Trauer, Befürchtungen und Identifikationen mit der Oma oder der Mutter herrührten, schnell auflösen dürften. Falls tatsächlich noch etwas übrig bleiben sollte, habe dieser Teil des Schmerzes vielleicht eine körperliche Signalfunktion – allerdings gehe es wahrscheinlich um etwas anderes als um Krebs.

Achtzehn Tage später teilte die Kunstlehrerin mit: Die Anweisungen „für das Kopfweh und die Oma […] hat die junge Frau voller Freude aufgegriffen und für sich umgesetzt. In dieser Zeit ist sie auch direkt zu einem Arzt gegangen, hat selber gefragt und für sich klären können, dass sie gar nichts hat. Und weg war das Kopfweh. Es ist jetzt sicher gut bei der Oma aufgehoben.“

(Stefan Hammel, Handbuch der therapeutischen Utilisation. Vom Nutzen des Unnützen in Psychotherapie, Kinder- und Familientherapie, Heilkunde und Beratung. Klett-Cotta 2011, S. 57)

Polizeiphobie

Ein Mann kam in Therapie, nachdem er neun Monate wegen Steuerdelikten inhaftiert gewesen war. Er sagte: „Ich habe ein Problem, wenn jemand Türen schlägt. Im Knast werden ständig Türen geschlagen. Die Aufseher wecken dich nachts um drei. Sie schlagen die Zellentür auf und knallen sie wieder zu, Sie durchsuchen deine Zelle nach Drogen und knallen wieder die Türe zu. Im Knast knallen immer irgendwelche Türen. Ich muss mich zweimal in der Woche auf der Polizeiwache melden. Das gehört zu meinen Auflagen für die Aussetzung der Haft. Das ist sehr unangenehm. Jedes Mal, wenn ich Polizisten sehe oder ein Polizeiauto oder etwas, was mit der Polizei zu tun hat, bekomme ich solche Angst, dass es mir die Luft wegnimmt.“
Ich fragte: „Gibt es einen Unterschied zwischen Gefängnisaufsehern und Polizisten?“ Weiterlesen

Seminar: Therapeutisches Erzählen mit Kindern

In Kaiserslautern halte ich am 2.3.-4.3. ein Seminar mit konkreten, schnell umsetzbaren Methoden zum Therapeutischen Erzählen mit Kindern und Jugendlichen. Dabei geht es auch um die Frage, wie wir das eigene Erleben, die Erfahrungen, Verhaltensweisen und medialen Gewohnheiten der Kinder für die Therapie utilisieren, also für die Problemlösung nutzbar machen – und das auf eine so kreative, unterhaltsame Weise, das die Kinder und Jugendlichen Spaß am Gespräch haben und manche Probleme sich scheinbar aus Versehen lösen.

Die dahinter stehende Frage ist: Wie können wir therapeutisch mit Kindern und Jugendlichen im Gespräch sein, ohne sie zu belehren oder zu langweilen, ohne sie zu unter- oder überfordern? Aus dem Ansatz der hypnosystemischen Beratung hat Stefan Hammel sein Konzept des therapeutischen Geschichtenerzählens entwickelt.

Inhaltlich setzt das Seminar drei besondere Schwerpunkte:
– Geschichten zu Aggression und Ängstlichkeit (z.B. Mobbing in der Schule)
– Geschichten für Bock- und Ahnungslose, Computer-Kids und Herbeigeschleppte…
– Geschichten bei Depression und Autoaggression (z.B. Ritzen)

Vorgestellt und eingeübt werden wichtige Aspekte des therapeutischen Erzählens. Vielfältige Vorgehensweisen werden anhand bewährter Geschichten für Kinder und Jugendliche demonstriert und mit praktischen Übungen so eingeübt, dass die Techniken von den Teilnehmern eigenständig eingesetzt werden können. Eingegangen wird auf die unterschiedlichen Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen sowie auf Therapieansätze bei den genannten Themenschwerpunkten. In den Blick kommen neben Fabeln für Kinder Beispielgeschichten aus dem Leben anderer Jugendlicher oder aus der Welt der Stars, Metaphern aus Natur und Technik sowie imaginierte Computerspiele und Filme.

Der Preis für das 3-tägige Seminar (18 Zeitstunden) in Kaiserslautern liegt bei 300 Euro (Studenten und Nichtverdiener die Hälfte). Eine günstige Unterbringung (30 Euro / Nacht) im Institut für Hypno-Systemische Beratung ist möglich. Wer Fragen hat oder sich anmelden möchte, meldet sich unter o631-37o2o93 oder per E-mail.

Friedensschluss mit einem Zahn

Die Geschichte, die ich gestern erzählt habe, hat noch eine Vorgeschichte…

Nach einer Zahnbehandlung war mein Backenzahn empfindlich geworden. Noch nach Wochen genügte der kleinste Windhauch, die kleinste Berührung – schon meldete er sich schmerzhaft zu Wort. Dabei war die Behandlung so positiv verlaufen! Die Anästhesie hatte gut gewirkt, die Zeit auf dem Behandlungsstuhl war fast ohne Schmerzen vergangen. „Wahrscheinlich musst du dir den Nerv ziehen lassen. Bei mir war das auch so“, erklärte mir eine Freundin. „Nein“, war meine Antwort. Aber was tun? „Lieber Backenzahn“, sprach ich den Zahn an. „Ich möchte dir gerne eine Geschichte erzählen. Und ich erzählte ihm die Geschichte vom schlafenden Hund und dem Einbrecher. Dann fuhr ich fort: „Lieber Backenzahn, du hast Recht, dass du dich meldest. Denn deine Aufgabe ist es, zu schmerzen, wenn du verletzt wirst. Aber die Missgefühle, die du jetzt erzeugst, gehören in eine frühere Zeit. Erinnere dich noch einmal intensiv an jene Zahnbehandlung. Bringe die Schmerzen, die du jetzt hast, dort hin. Erlebe sie dort in der Erinnerung noch einmal intensiv, und dann lass sie dort, in jener Situation, die einmal war und jetzt vorüber ist.“ Der Zahn tat, wie ich sagte und verhielt sich von da an ruhig.

(Stefan Hammel, Handbuch des therapeutischen Erzählens. Geschichten und Metaphern in Psychotherapie, Kindertherapie, Hielkunde, Coaching und Supervision. Klett-Cotta 2009, S. 77f.)

Schlafende Hunde

Die Geschichte „Schlafende Hunde“ habe ich zunächst für die Auflösung von Phantomschmerzen, postoperativen Schmerzen und Hypersensitivität entwickelt. Sie kann außerdem zur Aufhebung von Schmerzen in Reaktion auf traumatische Ereignisse hilfreich sein. Bei traumatisierten Patienten kann sie auch als Suggestion dafür dienen, unpassende (getriggerte) Reaktionen auf alltägliche Situationen zu identifizieren, zu würdigen und loszulassen.

Ein Einbrecher wollte in eine Villa eindringen. Doch neben dem Haus lag ein großer, gefährlicher Wachhund. Um diese Gefahr zu umgehen, warf der Einbrecher ein Fleischstück in den Garten, das er mit einem Betäubungsmittel getränkt hatte. Als der Hund in einen tiefen Schlaf gefallen war, drang er in die Villa ein und nahm alles mit, was er brauchte. Als der Einbrecher fort war, erwachte der Hund. Er roch an der Spur des Entkommenen und bellte und bellte und bellte… Dabei war der Einbrecher längst fort. Der Hausherr hörte den Hund bellen und kam zu ihm. Er lobte seine Treue und Zuverlässigkeit, redete freundlich mit ihm, begütigte ihn, bis der Hund allmählich selbst ruhiger wurde, bis der Hund immer weniger bellte, bis der Hund immer leiser bellte, bis der Hund schließlich aufhörte, zu bellen, bis er schließlich ganz still wurde und schwieg, bis der Hund schließlich einschlief. Er wusste, er war ein guter Wachhund. Jetzt konnte er ruhen.

(Stefan Hammel, Handbuch des therapeutischen Erzählens. Geschichten und Metaphern in Psychotherapie, Kinder- und Familientherapie, Heilkunde, Coaching und Supervision, S. 77f.)

 

Erektionsstörung

In der nächsten Zeit möchte ich gerne ein paar der Situationen beschreiben, die in der Therapie auftauchen.

Ein Mann kam beispielsweise zu mir mit dem Wunsch, eine Erektionsstörung zu beheben. Das Problem sei erstmals aufgetreten, nachdem er mit seiner jetzigen Freundin zusammen sei. Er finde sie äußerst attraktiv, sie allerdings beziehe das Problem auf sich und fühle sich sehr gekränkt. Dadurch werde die Beziehung belastet.
Nachfragen nach weiteren Problemen in der Partnerschaft und nach besonderen Ereignissen, die auslösend gewirkt haben könnten, blieben ergebnislos. So erklärte ich dem Mann, es wäre möglich, dass die Schwierigkeit gewissermaßen aus dem Nichts entstanden sei, sich selbst aufrechterhalte und nur eine einmalige Unterbrechung der kreisförmigen Dynamik des Problems notwendig sei, um es zu beheben. Ich äußerte die Gewissheit, dass das Symptom, wenngleich mit ungünstigem Ergebnis, eine gute Absicht verfolge und fragte ihn:
Wenn der Persönlichkeitsanteil, der das Symptom erzeugt, etwas Gutes für ihn erreichen wolle, was wäre dies? Welche Angst oder Befürchtung drückt er aus, und wovor möchte er Sie folglich schützen?
Ich bat ihn, mir die fünf ersten Impulse zu nennen, die ihm dazu einfielen. Der Mann erklärte, das Erektionsproblem könne die Angst ausdrücken, nicht männlich genug zu sein, seine Freundin zu kränken, von ihr verlassen zu werden, dass seine Angst den Austausch von Zärtlichkeiten unmöglich mache und dass er ein sexuelles Problem habe, das er nicht lösen können werde.
Ich notierte seine Antworten und las sie ihm einzeln nochmals vor.
Nach dem Verlesen der ersten Antwort teilte ich ihm mit, ich spräche nun mit dem Persönlichkeitsanteil, der diesen Satz hervorgebracht habe und lobte diesen Anteil für sein Engagement zum Schutz des Klienten. Ich erklärte, es bestünde trotz bester Absicht von seiner Seite ein Missverständnis und seine Methode erbringe nicht das gewünschte Ergebnis und fragte ihn, ob er bereit wäre, probeweise für eine Woche still zu sein und zuzuschauen oder auch für diese Zeit zum Wohl des Klienten probeweise das Gegenteil des Bisherigen zu tun. Wenn das Verhalten sich bewährte, solle er anschließend mehr desselben tun, wenn nicht, dürfe er zum bisherigen Muster zurückkehren oder etwas Neues probieren. Er möge sich des Kopfes des Klienten bedienen und seine Antwort durch Nicken oder Kopfschütteln mitteilen. Der Persönlichkeitsanteil stimmte dem zu.
Dieselbe Vereinbarung traf ich mit den anderen vier Anteilen, von denen mir der Mann mitgeteilt hatte, dass sie seine Sexualität blockierten.
Die Erektionsstörung verschwand innerhalb der nächsten Tage.

Die Fallsituation habe ich beschrieben und weiterführend besprochen in: Stefan Hammel, Handbuch der therapeutischen Utilisation. Vom Nutzen des Unnützen in Psychotherapie, Kinder- und Familientherapie, Heilkunde und Beratung. Klett-Cotta, Stuttgart 2011, S. 102ff.