Der neugierige Maori

Die folgende Geschichte hat meine Kollegin Katharina Lamprecht verfasst. Die Erzählung hat mir gut gefallen, für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ebenso wie als Beitrag im Gespräch mit Eltern, Lehrern und anderen erziehenden Personen. Ich freue mich, dass ich sie hier veröffentlichen darf…

Wie ihr vielleicht wisst, leben in Neuseeland auch heute noch die Maori – die Ureinwohner. Und sie versuchen, ihre alten Traditionen mit dem modernen Leben zu verknüpfen. Darin sind sie recht erfolgreich. Manchmal aber kommt es zu ungewöhnlichen Situationen und von einer solchen möchte ich euch erzählen.

Auf einem Campingplatz auf der Südinsel, der von den Maori verwaltet wird, gibt es einen Hangi, den alle Gäste des Campingplatzes benutzen dürfen. Ein Hangi  ist ein maorischer Herd und sieht in etwa so aus: in die Erde wird ein rechteckiges Loch gegraben und dann nach oben mit einer Mauer umgeben. In dieses gemauerte Rechteck werden Grillroste eingelassen, auf denen dann Fleisch, Gemüse und Kartoffeln in schönster Eintracht gemeinsam in einem Topf liegen und wunderbarer Weise auch alle zusammen gleichzeitig in dem heißen Dampf, der aus der Erde aufsteigt, gar werden. Und zwar immer genau richtig, nie zu weich oder hart. Bevor man also auf eine Wanderung aufbricht, packt man sein Abendessen in den Hangi und egal, wann man wiederkommt, das Essen ist fertig.

Eine Familie auf dem Campingplatz hatte einen 10 jährigen Sohn, der sehr wissbegierig war und schon zu Hause alles, was ihm unter die Finger gekommen war, über Neuseeland gelesen hatte. Besonders die Maoris hatten es ihm angetan.
Und nun hatte er sich mit der Maorifamilie, die den Campingplatz leitete, angefreundet und diese hatte ihm versprochen, ihn einmal wie einen echten kleinen Maori-Jungen zu kleiden und zu bemalen. Und die Körperbemalung ist bei den  Maories besonders eindrucksvoll.

An dem besagten Verkleidungstag nun wollten seine Eltern einen Ausflug auf das Meer machen, auf den sich der Junge schon lange gefreut hatte. Als sie aufbrechen wollten, konnten sie ihren Sohn aber nicht entdecken. Sie suchten ihn überall und waren schon recht besorgt und auch verärgert. In der Campingküche erfuhren sie, dass der Bengel sich – ohne ein Wort zu sagen – zu der Maori Familie gestohlen hatte. Da beschossen sie, den Ausflug alleine zu unternehmen und ihren Sohn, der sehr enttäuscht darüber sein würde, die Wale und Delfine nicht gesehen zu haben, i n der Obhut der Maoris zu lassen. Er würde schon sehen, was er davon habe.

Als sie abends zurückkamen und am Hangi vorbeigingen, um nach ihrem Essen zu sehen, saß da ein kleiner, einsamer Maori Junge vor dem Ofen. Bei genauerem Hinsehen erkannten sie in ihm ihren Sohn und gingen, ihr Ärger war inzwischen verraucht, mit dem Gedanken, ihn wegen des verpassten Ausflugs trösten zu müssen, zu ihm.
Der kleine Maori blickte auf und ein Strahlen ging über sein Gesicht. „Mama“, rief er, „Papa. Wie gut, dass ihr endlich da seid“.
Seine Mutter wollte ihn tröstend in die Arme schließen aber der Junge war viel zu aufgeregt. „Wo wart ihr denn die ganze Zeit?  Ich habe so viele tolle Sachen erlebt und wollt sie euch erzählen, aber ich habe euch nicht gefunden.  Ich habe ein echtes  Maori Gesicht, seht doch mal,  und war bei den Maories in ihrem großen Gemeindehaus und habe mit ihnen getanzt und ganz komische Lieder gesungen.  Und jetzt sitze ich hier schon eine Weile und schaue dem Hangi beim Arbeiten zu. Das ist echt spannend“.
Kurz versank der kleine Maori wieder in seine Ofenbetrachtungen, dann fragt er seine Eltern nebenbei , „wo wart ihr denn?“

„Ach“, sagten diese, „wir sind nur ein bisschen auf dem Wasser herumgepaddelt“. Über die Wale und Delfine, die sie gesehen hatten, erzählten sich nichts, denn sie fühlten, dass ihr Sohn einen ganz eigenen, wunderbaren Tag erlebt hatte.

Das Leben entquirlen

Die Situation, die ich neulich mit Bezug auf den „Mann in der Hölle“ erzählt habe, enthält eine Intervention, die ich „das Leben entquirlen“ nenne. Ich erinnere mich, dass ichdieses Vorgehen zuerst angewandt hatte bei einer Frau, die in sehr verwickelten Familienverhältnissen ausfewachsen war, seit ihrer Kindheit offenbar ständig latent suizidal war und die immer wieder einem Gemisch von Gewalt und Liebe ausgesetzt gewesen war.

Ich sagte zu ihr, wenn man Erdbeerquark und Jauche mische, werde daraus niemals ein Dessert, auch kein halbes. Das ganze Gemisch sei ungenießbar, auch wenn rechnerisch die Hälfte davon ein Genuss sein müsste. Ebenso verhalte es sich mit einer Mischung aus Liebe und Gewalt. Nun zögen einige daraus den Schluss, dass sie Gewalt in ihrem Leben nicht brauchen und lehnten alles, was sie empfangen haben, einschließlich der Liebe, ab. Andere stellen fest, dass sie ohne Liebe nicht leben können, verharmlosen die Gewalt und tun sich dabei selbst Gewalt an. Vor die Wahl gestellt, das Gemisch zu trinken oder zu verhungern, entscheiden sich die Menschen unterschiedlich. Doch gibt es eine dritte Möglichkeit, die oft übersehen wird.

„Sie können“, so sagte ich der Klientin, „Ihrer Seele Folgendes mitteilen: Eltern und elterliche Personen sind dafür da, die Kinder zu lieben. Das ist ihre Aufgabe, und nichts anderes. Wann immer sie die Kinder lieben, tun sie, was ihre Bestimmung ist. So hat Gott oder die Natur das vorgesehen, und alle Liebe zu den Kindern geschieht zu Recht. Wenn die Eltern und elterlichen Personen Dinge tun, die nicht „Liebe“ sind, wird das von den Kindern oft missverstanden, als hätte das mit ihnen zu tun. Es hat mit ihnen nichts zu tun, sondern damit, dass die Erwachsenen mit anderen Erwachsenen verstrickt sind: Sie sind verwirrt in Bezug auf den Ehepartner und den Liebhaber und dessen Frau, oder sie sind durcheinander in Bezug auf ihr Verhältnis zu ihren Eltern und anderen Leuten aus dieser Generation. Richten Sie also bitte Ihrem Unbewussten bitte einen schönen Gruß von mir aus und teilen Sie ihm mit, dass alles, was Ihre Eltern und deren Generation Ihnen an Liebe gegeben haben, mit Ihnen zu tun hat, für Sie bestimmt ist und bei Ihnen bleiben darf – und alles, was nicht liebevoll war und was Ihnen nicht gut getan hat, hat nichts mit Ihnen zu tun, sondern mit der Verwirrung, die die Erwachsenen untereinander hatten, in ihrer eigenen Generation und vielleicht mit der Generation von deren Eltern.
Teilen Sie Ihrem Unbewussten bitte mit, dass es die Fähigkeit hat, immer feiner und genauer alles zu untersuchen, was Sie erlebt haben und sorgfältig seine nährenden und seine schädlichen Bestandteile zu unterscheiden. Ihr Unbewusstes kann sich alle Zeit nehmen, die es braucht. Es kann Erdbeerquark und Jauche vollständig entquirlen.
Dabei wird es immer wieder auf Erlebnisse stoßen, wo Ihnen Erwachsene etwas gegeben haben, was nicht ‚Liebe’ ist, also auch nicht zu Ihnen, sondern zu denen gehört, von denen es ausging. Ihr Unbewusstes kann diesen Menschen das alles jeweils zurückgeben. Sie können sich bildlich vorstellen, wie sie diesen Menschen das überreichen. Vielleicht werden Sie sagen: ‚Aber die haben es doch auch nicht verdient, sondern haben es selbst durch ein Missverständnis erhalten.’ Dann geben Sie es Ihren Eltern und anderen Personen das ungute Verhalten denen zurück, von denen Sie es bekommen haben, mit der Bitte, es wiederum denen weiter zu geben, von denen sie es erhalten haben, und die können es wieder weiter geben, bis alles an die Orte verteilt ist, von denen es jeweils ursprünglich ausgegangen ist.
Ihr Unbewusstes kann in Ihrem Inneren alles weitergeben an die Orte, von denen es kam und kann es von dort weiterreichen lassen an die Orte, wo es vorher war. Wir tragen viele Abbilder von vielen Menschen in uns. Wir tragen in uns die Bilder unserer Familienangehörigen und der Menschen, die uns und unseren Familienmitgliedern nahe stehen. Und das einzige, was das Unbewusste zu tun braucht, ist, dass alle Kinder, die Sie in sich entdecken, jeweils alle Liebe annehmen und alles, was der Liebe nicht entspricht, zurückreichen durch die Generationen bis in die Vorzeit.“

Ich bat die Frau, mir in einer Woche mitzuteilen, wie es ihr gehe. Sie schrieb, es gehe ihr „sehr, sehr gut“.

Die Binsenschmuckzikade

Mein Kollege Adrian Hürzeler bietet im Zürcher Raum Coaching und Achtsamkeitstraining an. Ich habe vor einigen Monaten ein Achtsamkeitstraining mit ihm mitgemacht und es hallt immer noch in mir nach und verfeinert meine Fähigkeiten des Wahrnehmens und Erlebens. Adrian hat mir vor einiger Zeit eine therapeutisch nützliche und, wie ich finde, wunderschöne, Geschichte vorgelesen, die er geschrieben hat. Ich habe ihn gefragt, ob ich die Geschichte mit euch teilen darf und – hier ist sie…

„Vor mehreren Jahren schlüpfte aus einem Ei eine hübsche, lindengrüne Binsenschmuckzikade. Da sich diese Zikade – die übrigens eine ausgezeichnete Meisterin im Sich-tarnen ist und eine wunderbare Sprungkraft besitzt – während ihrem Wachstum optimal auf das harte Leben vorbereiten wollte, stiess sie im Verlaufe der Zeit immer wieder ihre Haut ab. Wurde eine Haut zu eng – denn sie entwickelte sich prächtig und erlernte dabei viele, viele hilfreiche Fähigkeiten – dann entschloss sie sich diese abzustossen und sich wieder eine neue zuzulegen. Inzwischen vermutet die Wissenschaft, dass das Abstossen der Haut auch eine Reinigung von erlittenen Verletzungen und von Krankheiten und Parasiten bedeutet. Jeweils zu Beginn, im Dasein mit dieser neuen Haut, war sie unendlich verletzlich und den Gefahren des täglichen Lebens ausgesetzt. Auch die hübsche Zikade selbst wollte immer wieder aufs Neue lernen, wie sie mit dieser Situation umzugehen hatte; auch damit sie in dieser heilsamen Metamorphose, trotz dieser ganz natürlichen und beschützenden Angst, sich nicht noch selbst verletzte. Doch nach und nach härtete auch diese neue Haut wieder aus und übernahm die notwendige Schutzfunktion und sie gewann immer mehr Vertrauen in ihre wiedergewonnene Sicherheit. Ach ja – noch etwas: dieses, von den anderen oft etwas verkannte Tierchen hat eine ganz spezielle Fähigkeit – sie kann sich nicht nur mit ihren Beinen fortbewegen, sondern benutzt dazu auch immer wieder mal ihre elfenhaften Flügel. Und manchmal entschliesst sie sich nicht nur aus eigener Kraft zu fliegen, sondern sie breitet dazu einfach ihre Flügelchen aus und lässt sich vom heilsamen Wind tragen, der sie dann ein Stück durch ihr Leben begleitet.
Und wenn man sich mal etwas Gutes tun möchte, dann kann man dem Zirpen dieser Zikade achtsam zuhören und dabei in Gedanken auf eine mediterrane, sonnenerwärmte und würzig duftenden Wiese reisen.“ (Adrian Hürzeler)

Übrigens: Am 3.11.-4.11.2012 biete ich in Zusammenarbeit mit Adrian Hürzeler bei Luzern am Vierwaldstättersee ein zweitägiges Seminar zu therapeutischem Erzählen an (aber auch für Coaches, Pädagogen und andere Berufe einsetzbar) . Wer Interesse hat, kann hier einmal nachschauen oder bei Adrian oder bei mir einfach nachfragen. Wir freuen uns über euer Interesse!

Hypnotherapeutische Stärkung in den letzten Stunden des Lebens

Zuletzt habe ich den Blog „Loslassen“ über die Begegnung mit einem sterbenden Menschen veröffentlicht. Dass ich mich damit gerade verstärkt befasse, hat einen besonderen Grund.

„Wo keine Heilung möglich ist – Hypnotherapeutische Stärkung in den letzten Stunden des Lebens“ – unter diesem Titel halte ich nämlich am Samstag Vormittag auf der Jahrestagung der Milton-Erickson-Gesellschaft in Bad Kissingen einen Workshop. Dabei fließen die Erfahrungen als Klinikpfarrer, als systemischer Therapeut und als Hypnotherapeut zusammen.

Wie können wir Sterbenden in den letzten Stunden ihres Lebens hilfreich zur Seite stehen? Wie können wir – außer mit Medikamenten und Apparaten – Schmerzen reduzieren, das Atmen erleichtern, vor allem aber auch helfen, Kummer und Angst abzulegen, den Kampf – wo es denn nötig ist – zu beenden und loszulassen?

Der Workshop geht aus von Erfahrungen, die ich beiGebeten an Sterbebetten gemacht habe: Dass fast alle Sterbenden – wenngleich ohne Worte – auf das Gesagte (und offensichtlich Gehörte) reagieren, so dass Trost, Ermutigung, aber auch hypnotherapeutische Interventionen zur Verbesserung des Befindens bis zu den letzten Atemzügen eines Menschen ankommen und umgesetzt werden können.

Es ist ein Thema, vor dem viele von uns Scheu haben – und auch ich empfinde diese Unsicherheit. Es stellen sich verschiedene ethische (oder einfach zwischenmenschliche) Fragen, die nicht vollständig lösbar sind: Was will der Sterbende selbst? Kann man bedenkenlos als heilig empfundene Handlungen wie Gebet und Segen mit therapeutischen Techniken verknüpfen? Wenn ein Sterbender bei einer solchen Andacht  unter großer Anspannung steht (seinem Herzschlag und Atem nach zu urteilen) und danach fast sofort verstirbt – ist das ein gutes „Loslassen“ oder eine Zumutung?

In dem Workshop werden wir diese und andere Fragen diskutieren, Erfahrungen austauschen und verschiedene Herangehensweisen, die zur Reduzierung von Angst, Kummer, Schmerzen und Atemnot führen, ganz praktisch ausprobieren.

Ich freue mich auf die gemeinsame Erfahrung!

Eine Beerdigung für den Kopfschmerz

Die folgende Geschichte gibt ein Beispiel, wie Familienbeziehungen und Rituale genutzt werden können, um Belastungen wie Schmerzen und Angst zu beeinflussen.

Eine Kunstlehrerin bat um Anregung, wie sie einer 18jährigen Schülerin aus der 12. Kursstufe weiter helfen könne, die sie um ihre Unterstützung gebeten habe. Im Unterricht hatten die Schüler Bilder und Texte dazu gestaltet, wie sie sich ihre Zukunft jeweils im günstigsten und schlimmsten Fall ausmalten. Diese Schülerin berichtete, dass sie überzeugt sei, an Krebs zu erkranken oder schon erkrankt zu sein. Sie teilte mit, das Problem habe begonnen, als ihre Oma an Krebs verstorben sei. Krebs sei erblich, und so habe sie damals schon Angst entwickelt. Dann habe ihre Mutter einen Tumor im Kopf bekommen. Sie selbst habe immer wieder starke Kopfschmerzen und habe Angst, selbst an Krebs zu erkranken. Sie habe sich schon eingehend untersuchen lassen. Bislang sei noch nichts gefunden worden. So warte sie, bis der Befund zu Tage trete.
Ich schlug der Lehrerin vor, sie möge ihre Schülerin bitten, ein Bild zu malen, wie die Kopfschmerzen aussehen, wenn man sie denn sehen könnte. Die Lehrerin solle dann die junge Frau bitten, das Bild im Grab ihrer Oma zu beerdigen. Sie könne sich mit ihr, halb scherzhaft, halb ernsthaft, einigen, dass die Oma, die bestimmt viel Gutes für ihre Enkelin getan hat, ihr die Schmerzen und das, was dahintersteckt, bestimmt gerne abnehmen wird und es irgendwo hinbringt, wo es niemanden stört. Wenn die junge Frau möchte, kann sie ein zweites Bild vom Krebs malen und mit diesem dasselbe tun.

Weiter möge die Lehrerin ihr mitteilen, dass sich nach der Beerdigung des Bildes aufgrund psychologischer Gesetze alle Kopfschmerzen, die von Trauer, Befürchtungen und Identifikationen mit der Oma oder der Mutter herrührten, schnell auflösen dürften. Falls tatsächlich noch etwas übrig bleiben sollte, habe dieser Teil des Schmerzes vielleicht eine körperliche Signalfunktion – allerdings gehe es wahrscheinlich um etwas anderes als um Krebs.

Achtzehn Tage später teilte die Kunstlehrerin mit: Die Anweisungen „für das Kopfweh und die Oma […] hat die junge Frau voller Freude aufgegriffen und für sich umgesetzt. In dieser Zeit ist sie auch direkt zu einem Arzt gegangen, hat selber gefragt und für sich klären können, dass sie gar nichts hat. Und weg war das Kopfweh. Es ist jetzt sicher gut bei der Oma aufgehoben.“

(Stefan Hammel, Handbuch der therapeutischen Utilisation. Vom Nutzen des Unnützen in Psychotherapie, Kinder- und Familientherapie, Heilkunde und Beratung. Klett-Cotta 2011, S. 57)

Erektionsstörung

In der nächsten Zeit möchte ich gerne ein paar der Situationen beschreiben, die in der Therapie auftauchen.

Ein Mann kam beispielsweise zu mir mit dem Wunsch, eine Erektionsstörung zu beheben. Das Problem sei erstmals aufgetreten, nachdem er mit seiner jetzigen Freundin zusammen sei. Er finde sie äußerst attraktiv, sie allerdings beziehe das Problem auf sich und fühle sich sehr gekränkt. Dadurch werde die Beziehung belastet.
Nachfragen nach weiteren Problemen in der Partnerschaft und nach besonderen Ereignissen, die auslösend gewirkt haben könnten, blieben ergebnislos. So erklärte ich dem Mann, es wäre möglich, dass die Schwierigkeit gewissermaßen aus dem Nichts entstanden sei, sich selbst aufrechterhalte und nur eine einmalige Unterbrechung der kreisförmigen Dynamik des Problems notwendig sei, um es zu beheben. Ich äußerte die Gewissheit, dass das Symptom, wenngleich mit ungünstigem Ergebnis, eine gute Absicht verfolge und fragte ihn:
Wenn der Persönlichkeitsanteil, der das Symptom erzeugt, etwas Gutes für ihn erreichen wolle, was wäre dies? Welche Angst oder Befürchtung drückt er aus, und wovor möchte er Sie folglich schützen?
Ich bat ihn, mir die fünf ersten Impulse zu nennen, die ihm dazu einfielen. Der Mann erklärte, das Erektionsproblem könne die Angst ausdrücken, nicht männlich genug zu sein, seine Freundin zu kränken, von ihr verlassen zu werden, dass seine Angst den Austausch von Zärtlichkeiten unmöglich mache und dass er ein sexuelles Problem habe, das er nicht lösen können werde.
Ich notierte seine Antworten und las sie ihm einzeln nochmals vor.
Nach dem Verlesen der ersten Antwort teilte ich ihm mit, ich spräche nun mit dem Persönlichkeitsanteil, der diesen Satz hervorgebracht habe und lobte diesen Anteil für sein Engagement zum Schutz des Klienten. Ich erklärte, es bestünde trotz bester Absicht von seiner Seite ein Missverständnis und seine Methode erbringe nicht das gewünschte Ergebnis und fragte ihn, ob er bereit wäre, probeweise für eine Woche still zu sein und zuzuschauen oder auch für diese Zeit zum Wohl des Klienten probeweise das Gegenteil des Bisherigen zu tun. Wenn das Verhalten sich bewährte, solle er anschließend mehr desselben tun, wenn nicht, dürfe er zum bisherigen Muster zurückkehren oder etwas Neues probieren. Er möge sich des Kopfes des Klienten bedienen und seine Antwort durch Nicken oder Kopfschütteln mitteilen. Der Persönlichkeitsanteil stimmte dem zu.
Dieselbe Vereinbarung traf ich mit den anderen vier Anteilen, von denen mir der Mann mitgeteilt hatte, dass sie seine Sexualität blockierten.
Die Erektionsstörung verschwand innerhalb der nächsten Tage.

Die Fallsituation habe ich beschrieben und weiterführend besprochen in: Stefan Hammel, Handbuch der therapeutischen Utilisation. Vom Nutzen des Unnützen in Psychotherapie, Kinder- und Familientherapie, Heilkunde und Beratung. Klett-Cotta, Stuttgart 2011, S. 102ff.

Mit dem Großherzog per Du

Zur gestrigen Geschichte passt diese, die sich  vor Jahren bei einem feierlichen Empfang im Badischen ereignet hat und mir aus gewöhnlich gut informierter Quelle zugetragen wurde.

Eine Studentin wurde mit dem badischen Großherzog bekannt gemacht: „Darf ich vorstellen: Max von Baden.“ „Hallo“, sagte die junge Frau. „Ich bin die Christine aus Heidelberg.“

Der Pavian

Diese Geschichte hat sich bei uns in Kaiserslautern ereignet… die Namen sind natürlich… zum Schutze der Persönlichkeit, ihr wisst ja. In der Hypnotherapie kann man so eine Geschichte etwa einsetzen, um die Leute zu verwirren, abzulenken, eine Amnesie zu erzeugen. Im Alltag gut, um Kinder von Schmerzen abzulenken. Zum beispiel in einer Arztpraxis vor und während dem Spritzengeben.

Eigentlich hieß er Herr Albert. Aber wenn seine Schüler von ihm redeten, dann nannten sie ihn nur „den Pavian“. Eines Morgens unterhielt er sich mit der Mutter eines Schülers. „Guten Morgen, Herr Pavian“, sagte sie. Sie hatte es nicht anders gelernt.  „Ich heiße Albert“, erwiderte er ärgerlich. „Ach so“, sagte die Frau. „Ich wollte dich nicht gleich duzen. Aber das ist in Ordnung. Ich heiße Helga.“

Occupy Wall Street, oder: Aufklärung heute

„Der Grund, warum wir hier sind, ist, weil wir genug haben von der Welt, … in der 1 % an die verhungernden Kinder geht. Das reicht, um uns ein gutes Gefühl zu geben. Nachdem wir die Arbeit und die Folter outgesourct haben. Und die Partneragenturen outsourcen unser Liebesleben täglich. Wir erkennen, dass wir für eine lange Zeit unser politisches Engagement outgesourced haben. Wir wollen es zurück.“

Das hat am Wochenende der Philosoph und Psychoanalytiker Slavoj Zizek in einer Rede in Wall Street geäußert. Sehr bemerkenswert an dieser Occupy-Wall-Street-Bewegung scheint mir, dass diese Leute die Ursache der ökonomischen Misere vieler Amerikaner und vieler Menschen in anderen Ländern nicht ausschließlich in einem Fehlverhalten von Politikern und Spekulanten sehen. Sie sehen die Ursache in einem System, von dem sie selbst ein Teil sind. Sie wollen dieses System verändern und dabei offenbar bei sich selbst anfangen.

Wer auf die Website von Occupy Wall Street schaut, findet dort auch deren Veranstaltungskalender. Am Wochenende gab es neben der Vorlesung des Philosophen und Kulturkritikers Zizek dort eine Vorlesung eines Philosophieprophessors aus der Schweiz über „das Ende des Finanzdenkens und die transformation der globalen Klassenstruktur“. Gestern gab es eine Gedenkveranstaltung zum Genozid an den Eingeborenen Amerikas, eine „Einführung in Basisdemokratie“, heute vermittelt eine Professorin „Grundlagen des Aktienmarktes“, danach gibt es einen Vortrag „Warum soziale Ungleichheit die Wirtschaft destabilisiert (und was wir dagegen tun können)“.

Es ist bemerkenswert, dass diese Leute sich selbst als Teil des Systems, das sie unterdrückt hat, wahrnehmen und daran arbeiten, sich ihre politische Mündigkeit von diesem Standpunkt aus aktiv zurückerobern.

Das erinnert an die Gedanken, die Immanuel Kant vor langer Zeit geäußert hat:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen …, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.

In der Medizin und Psychotherapie wünschen viele Patienten und Klienten weiterhin, dass der Fachmann oder die Fachfrau für sie wissen möge, was richtig ist. Ich werde nicht müde, meinen Klienten zu sagen: „Sie sind die Königin! Sie sind der König. Die Ärzte und Berater und aucIhrychotherapeut – wir sind nur Ihre Minister.“ Manchmalfüge ich noch hinzu: „Wir haben spezielle Erfahrung, die Ihre Erfahrung wertvoll ergänzt. Aber wir machen nur Vorschläge, und Sie entscheiden, was Sie annehmen und was Sie verwerfen. Sie können mich jederzeit entlassen.“ Ich habe den Eindruck, manche Klienten verwundert das, und viele wollen das auch gar nicht. Sie wollen, dass ich für sie entscheide, was gut ist.

Zum Glück scheint die Zahl derer mehr zu werden, die nicht behandelt werden möchte, sondern beraten. Und die dann selbst entscheiden, was sie wählen und was sie verwerfen. Indessen – sicher bin ich mir darüber nicht. Ich weiß nur, dass ich es mir wünsche.