Neulich habe ich in der Klinik eine Frau getroffen, die ich kannte. Ich wusste nicht, dass sie im Krankenhaus war und war überrascht, ihr zu begegnen. „Gehen Sie doch einmal zu Frau Seiberth“, hatte die Schwester gesagt. „Sie ist gestern somnolent hier eingeliefert worden. Sie liegt im Sterben.“ Mehrere Male hatte ich die Frau zuvor getroffen. Wir hatten uns gemocht. Als ich diesmal an ihr Bett kam, reagierte sie nicht. Sie lag im Koma, ihr Blick ging ins Leere. Jeder Atemzug war begleitet von einem hustenden Geräusch. Ich wusste, dass Frau Seiberth ein religiöser Mensch war. Ich legte die Hände auf ihren Arm. Langsam und ruhig, mit langen Pausen im Rhythmus ihres Atems, trug ich den Psalm vom „Guten Hirten“ vor. Ihr Atem wurde ruhiger, und das hustende Geräusch verstummte. Doch bei den Worten „trösten mich“ kam das Husten wieder. Ich wiederholte diese Worte so lange in ruhigem Tonfall, bis das Husten wieder aufhörte. Dann setzte ich den Psalm fort. Als es hieß: „im Angesicht meiner Feinde“ wiederholte sich der Vorgang: Ich sprach die Zeile so lange mit weicher, ruhiger Stimme, bis das Husten verschwand und sie wieder ruhig atmete. Bei der Zeile: „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang“ wurde ihr Atem noch ruhiger. Ich wiederholte auch diese Stelle viele Male, bis ihr Atem sehr ruhig ging. Schließlich beendete ich den Psalm. „Ich möchte mich von Ihnen verabschieden“, sagte ich, und Frau Seiberth hustete wieder. „Ich komme wieder, ich komme wieder, ich komme wieder, ich komme wieder, ich komme wieder“, sagte ich, bis ihr Atem wieder ganz ruhig war. Am nächsten Tag wiederholte ich das Ritual. Diesmal ging ihr Atem die ganze Zeit ruhig. Nur bei der Ankündigung des Abschieds kam wieder das hustende Geräusch. „Ich komme wieder, ich komme wieder, ich komme wieder“, sagte ich, und ihr Atem wurde sanft und geschmeidig. Als ich Frau Seiberth am dritten Tag besuchte, kam ich etwas später als sonst. Am Krankenbett traf ich ihren Sohn. Er sagte: „Vor einer Stunde ist sie verstorben“.
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Nichts
Gestern sprach mich ein Bekannter in einer E-Mail auf die logische Wirklichkeit oder Unwirklichkeit von „Nichts“ an. So habe ich mir meine Gedanken über „Nichts gemacht. Einige davon möchte ich mit euch teilen.
In der systemischen Therapie fragen die Therapeuten öfter: „Was tun Sie, wenn Sie ’nichts‘ tun?“ Und sie bestehen darauf, zu erfahren: „Was sehen, hören, fühlen, denken Sie dann? Wie würde ein anderer Sie beschreiben, der Sie erlebt in einer Phase, in der sie sagen würden, dass Sie ’nichts‘ tun?“ Ermittelt wird also, was jemand stattdessen tut, wenn er „nichts“ tut. Es handelt sich also um ein ähnliches Phänomen wie das von Paul Watzlawick beschriebene: „Man kann nicht nicht kommunízieren“.
Eine Sicht ist, dass „Nichts“ ein Konstrukt ist, das übersieht, dass die Abwesenheit einer Sache oder Tat immer die Anwesenheit einer anderen impliziert. Wenn es gelingt, die Sache oder Tat zu beschreiben, die dann stattdessen da ist, ist oft viel gewonnen.
Also müssten wir sagen, Weiterlesen
Keine Zeit
„Die Zeit verweilt lange genug für denjenigen, der sie nutzen will“, sagte Leonardo da Vinci.
Wenn wir sagen: „Ich habe keine Zeit“, heißt das meistens, dass wir unsere Prioritäten anders gesetzt haben. Wir haben – meistens mit guten Gründen – lieber Zeit für anderes.
Wenn wir sagen, dass wir „unter Zeitdruck stehen“ kann das bedeuten, dass wir uns selbst unter Druck setzen, um einen bestimmten Grad an Qualität oder Sicherheit zu erreichen, oder dass wir uns unter Druck setzen lassen, Unmögliches zu erreichen, oder, dass wir über den Tag und über die Monate hinweg eine Verteilung von schnellem und langsamem Arbeiten kultiviert haben, die zwischen Trödeln und Hetzen alterniert.
Zu sagen, „Ich habe keine Zeit“, kann auch bedeuten: „Ich habe zu viele Wahlmöglichkeiten, um alles zu tun, was ich tun möchte.“ Zeitarmut offenbart sich dann als Möglichkeitsreichtum.
Und schließlich ist „keine Zeit haben“ auch eine Möglichkeit, um für sich selbst soziale Wichtigkeit zu kreieren oder zu simulieren. Wer „keine Zeit hat“, wird schließlich gebraucht.
Wir haben alle gleich viel Zeit: 365 Tage im Jahr zu 24 Stunden. Unsere Lebensdauer unterscheidet sich. Aber davon reden wir nicht, wenn wir vermeinen, keine Zeit zu haben, wir wissen schließlich nicht, wie lange wir noch leben.
„Ich habe keine Zeit“ bedeutet also: „Ich habe andere Prioritäten“, „Ich bin gerade in der Hetzphase zwischen zwei Trödelphasen“, „Ich versuche, es allen Leuten recht zu machen“, „Nur Vollkommenes ist mir gut genug“, „Ich habe zu viele Möglichkeiten, meine Zeit zu gebrauchen“, „Ich möchte wichtig sein“ oder „Ich muss über den Gebrauch meiner Zeit noch einmal nachdenken“.
Euch allen eine erfüllte und manchmal vertrödelte Zeit!
Das sich selbst auflösende Symptom
„Ich habe eine seltsame Beobachtung gemacht“, so erzählte ich dem Mann am Telefon. „Vor einiger Zeit nämlich sagte ein Kollege zu mir: ‚Wenn ich ein telefonisches Vorgespräch wegen einer Therapie führe, dann sage ich oft zu den Leuten: Ein bekannter Therapeut hat beobachtet, dass die meisten Klienten bereits eine Verbesserung ihrer Probleme in der Zeit zwischen dem telefonischen Vorgespräch und der ersten Therapiestunde erleben. Ich stelle fest, dass bei etwa 70 – 80% der Klienten bereits bis zur ersten Therapiestunde eine Verbesserung eintritt. Ich möchte Sie deshalb bitten, dass Sie bis zu unserem Treffen darauf achten, ob es sich bei Ihnen ebenso verhält.’ Soweit die Worte meines Kollegen. Ich habe mir nun überlegt, ob der Effekt nur bei psychischen Symptomen auftritt oder auch bei körperlichen. Weiterlesen
Zur Orientierung
Wenn ich Paartherapie mache, höre ich viele Klagen vom einen über den anderen, und vom anderen über den einen. Dann muss ich immer wieder an den einen Satz denken:
Die meisten Menschen haben einander verdient.
Vom Segen der Überarbeitung
Oft habe ich mich gefragt, warum einige Menschen pausenlos hektisch erscheinen und stets einen dicht gefüllten Schreibtisch und Kalender haben und immer wieder von Überarbeitung reden, und doch im Ergebnis nicht mehr leisten als andere, denen Zeit für Pausen und Erholung übrig bleibt.
Es scheint so, dass Überarbeitung ein guter Schutz ist. Zum einen macht das Herumwirbeln einen äußerst wichtigen Eindruck – wer so am Schaffen ist, wirkt geradezu unentbehrlich. Wer überarbeitet ist und schon klagen muss über die Last des Geleisteten, dem wird man leichter ein paar Fehler nachsehen. Er darf hoffen, als bewunderns- oder bedauernswert betrachtet zu werden. Wenn ein solcher Mensch mit seiner Arbeit nie ganz fertig wird, wird sie womöglich dann an andere weitergeleitet. Zumindest kann er erwarten, von neuen Aufträgen abgeschirmt zu werden. Im Laufe der Zeit wird sein Aufgabengebiet immer enger beschrieben werden oder zumindest dürften nicht viele neue Aufgaben hinzukommen. Andererseits wird er dafür sorgen, dass ihm nicht zu viel Arbeit abgenommen wird, so dass ihm die Vorteile der Überlastung womöglich abhanden kämen. Wenn Entlassungen drohen, wird ein Mensch, dessen Arbeit schon wegen ihrer Menge ins Auge fällt, gern für unabkömmlich gehalten. Doch auch als Selbständiger oder als Beamter bleibt ihm das gute Gewissen, alles Leistbare getan und gewiss nichts versäumt zu haben, indem er die verfügbare Zeit möglichst restlos mit seinen Tätigkeiten gefüllt hat.
Wie viele Nachteile hätte es aber, dasselbe Ergebnis in kürzerer Zeit zu erreichen und sich womöglich zwischendurch ein wenig auszuruhen oder Konzepte auszuarbeiten, wie die Arbeit noch entspannter noch effektiver geleistet werden könnte. Da blieben Neid und Anfeindungen nicht aus! Doch schlimmer wäre der Kampf des Gewissens mit jener unheilvollen inneren Stimme: „Wer Pausen macht, ist faul.“ Ich bin überzeugt: Wer möglichst entspannt und mit dem geringsten Aufwand viel erreichen will, der braucht eine große Portion Charakter.
S. Hammel, Der Grashalm in der Wüste, S. 29.
Blockade
Das hier fällt mir gerade ein, weil jemand fragte, was man bei einer Sprechhemmung tun könne. Ich glaube, da ist es wichtig, zu gucken, worauf sich die Blockade genau bezieht.
Eine Studentin sagte zu mir: „Ich muss eine Griechischprüfung absolvieren, bei der ich einen Text mündlich vorlesen und übersetzen muss. Ich kann alles übersetzen, aber ich habe eine absolute Blockade, irgendetwas Griechisches vorzulesen.“ Ich sagte: „Aber ich habe dich griechische Vokabeln fließend aussprechen hören“. Sie antwortete: „Aussprechen geht.“ Ich fragte: „Du kannst dir einen griechischen Satz, den du gelesen hast, doch merken?“ Sie bejahte das. So sagte ich: „Wenn die Prüfung kommt, schau dir einen Satz an, schließe die Augen, trage ihn auswendig vor, schau dir den nächsten an, schließe die Augen und trage den vor…“ Die Studentin hat das getan und die Prüfung mit Eins bestanden.
Natürlich kann man Blockaden auch auflösen, aber wenn es schnell gehen soll und wenn es sich um seltene Situationen handelt, ist das Umgehen der Blockade manchmal der einfachere Weg. Viel Erfolg also beim Blockaden-Umgehen und einen schönen Gruß an die Studentin!
Bergwanderung
Eine Kollegin hat mir vor ein paar Tagen die folgende Geschichte gemailt.
Eine Frau um die 60, nicht mehr ganz gesund und mobil, nimmt an einer Bergwanderung teil. Dabei sind auch Einheimische. Die „Fremden“ stürmen nun schnellen Schrittes dem Gipfel entgegen. Sie haben es eilig. Die Frau kommt nicht mehr mit. Es ist zu anstrengend für sie. Sie kann ja auch nicht mehr so gut laufen. Aber die Gruppe drängt vorwärts, niemand nimmt Rücksicht auf sie. Traurig fällt sie immer mehr zurück. Da wird sie von einer Einheimischen angesprochen: „Lassen Sie die nur rennen. Die kriegen ja gar nichts mit. Kommen Sie, ich zeige Ihnen alles.“ Während die Frau nun langsam und in Ihrem Tempo weitergeht, bekommt sie die Schönheiten der Landschaft gezeigt, wird ihr vieles erklärt und erzählt. Und sie erholt sich. Auch sie kommt am Gipfel an. Sicher später, allerdings um vieles reicher.
Wahre Geschichte.
Die kleine Katze
Auf einem hohen Baum saß die kleine Katze ganz allein. Die Bäckerin kam vorbei und sah das Tier: „Ja, du armes kleines Kätzchen! Bist ganz hinauf geklettert und traust dich nicht mehr herunter!“ Der Pfarrer kam, und die Bäckerin sagte: „Herr Pfarrer! Wir müssen dem armen kleinen Kätzchen helfen!“ Der Bürgermeister kam. „Herr Bürgermeister“, sagten die Bäckerin und der Pfarrer. „Helfen Sie uns, dem armen kleinen Kätzchen zu helfen!“ „Gut“, sagte der Bürgermeister. „Wir werden dem armen kleinen Kätzchen helfen. Ich rufe die Feuerwehr!“ Die Feuerwehr kam Weiterlesen
Gedachte Präparate
„Manchmal kommt es vor“, erzählte ein Arzt, „dass ich einem Patienten ein Medikament, das er braucht, nicht geben kann, weil es zu teuer ist oder zu schwer zu beschaffen. Wie, bitte, kommt man an ein homöopathisches Präparat aus Löwenmilch? In solchen Fällen lasse ich manchmal den Patienten den Namen des Mittels auf einen Zettel schreiben und verschreibe ihm, den Zettel einmal gründlich zu betrachten. Natürlich kann ich einen solchen Vorschlag nur Patienten machen, die für etwas so „Verrücktes“ aufgeschlossen sind. Das Seltsame ist: Bei denen, die den Rat befolgen, bewirkt oft der Zettel dasselbe wie das Medikament.“
Eine Krankenschwester, die den Arzt reden hörte, lachte darüber. Sie hatte jahrelang auf einer Intensivstation gearbeitet und manchem Patienten in einer kritischen Situation durch die schnelle Gabe eines Medikamentes das Leben gerettet. Wie wäre es wohl gewesen, ihnen einen Zettel auszuhändigen mit dem Namen ihrer Medizin?
Es geschah einige Tage nach diesem Gespräch: Am Morgen erwachte sie mit Kopfschmerzen. Sie wusste, es war nichts Ernsthaftes, nur dieser längst vertraute Schmerz, der nichts als sich selbst bedeutete. Sie wusste auch, sie hatte keine Kopfschmerztabletten im Haus. Nun stellte sie in Gedanken ein Glas Wasser neben das Bett. Sie malte sich aus, wie sie die Tablette hineinwarf und diese sich sprudelnd auflöste. Sie stellte sich vor, wie sie das Glas in langsamen Schlücken leerte, wie das Wasser von ihrem Körper aufgenommen würde und wie das Medikament begann, seine Wirkung zu entfalten. Für ein paar Minuten schlief sie ein, dann erwachte sie wieder, stand auf und fuhr zur Arbeit. Alles verlief wie gewohnt. Als sie spät abends auf ihren Tag zurückschaute, fiel ihr auf, dass diese Schmerzen in den Minuten nach der gedachten Einnahme des Medikaments verschwunden waren und sie sie vollständig vergessen hatte.
Diese Begebenheiten haben sich in meinem Freundeskreis abgespielt. Es sei jedem überlassen, sich seinen eigenen Reim darauf zu machen.