Das wirklich, wirklich gute Weihnachtsfest

Eine wahre Weihnachtsgeschichte…

Seit ein paar Jahren wohnten sie zusammen. Sie verstanden sich wirklich, wirklich gut. Nur jedes Jahr an Weihnachten verstanden sie sich wirklich, wirklich schlecht. Sie kam aus einer wirklich, wirklich guten Hamburger Familie und er aus einer wirklich guten Heidelberger Familie. Sie hatte mit ihren Eltern bis dahin jedes Jahr ein wirklich, wirklich gutes Hamburger Weihnachtsfest verbracht. Er hatte bis dahin mit seiner Familie ein wirklich, wirklich gutes Heidelberger Weihnachtsfest gefeiert. Nun wohnten sie in Darmstadt. Im ersten Jahr feierten sie dort ein wirklich, wirklich schlechtes Heidelberger Weihnachtsfest. Im zweiten Jahr feierten sie dort ein Hamburger Weihnachtsfest. Das war auch wirklich, wirklich schlecht. Im dritten Jahr versuchten sie ein Heidelberger Hamburger Weihnachtsfest. Das war das wirklich, wirklich schlechteste Weihnachten von allen. Nun saßen sie da und überlegten, was sie dieses Jahr wohl feiern könnten. Sie entschieden sich für ein Darmstädter Weihnachtsfest. Es wurde ein wirklich, wirklich gutes Fest.

(Stefan Hammel, Handbuch des therapeutischen Erzählens, Geschichten und Metaphern in Psychotherapie, Kinder- und Familientherapie, Heilkunde, Coaching und Supervision. Klett-Cotta 2009)

Noten

Herr Gundolf sagte: „Auf der Suche nach einem Leben, das die Note Eins verdient, habe ich ein Leben erhalten, das die Note Vier verdient.“ Ich antwortete: „Wenn du jetzt nach einem Leben suchst, das die Note Drei verdient, kannst du eines erhalten, das die Note Zwei verdient.“

Folien

Eine Frau erzählte mir ihre verwickelte Lebensgeschichte. All ihre Probleme schienen sich gegenseitig zu bedingen und zu verstärken. Ich nahm eine Anzahl Overheadfolien, legte sie übereinander und bat die Frau: „Beschreiben Sie mir, was Sie darauf sehen, und lesen Sie mir die Texte vor.“ „Das geht nicht“, sagte sie. „Dazu müsste ich sie einzeln sehen.“ Ich legte die Folien einzeln vor ihr aus, und sie konnte die Bilder einzeln beschreiben und die Texte vorlesen. „Dann lassen Sie uns jetzt sortieren, welche von Ihren Problemen eine gemeinsame Folie bilden und welche Folien wir unterscheiden können. Dann kann die Therapie beginnen.“ Wir unterschieden verschiedene Schichten und Themen. Als wir mit der Therapie richtig anfangen wollten, waren wir schon halb fertig.

Schaufensterkino

Die folgende Geschichte erzähle ich manchmal Jugendlichen, die zwar klug sind, aber sehr auf sich fixiert und darum nicht so sehr sozial orientiert. Nächste Woche möchte ich sie einmal bei einem sechzehnjährigen autistischen Jungen ausprobieren. Mal sehen, was passiert…

Es regnete. Keine Schule heute. Wie jeden Samstagvormittag stand sie hinter der Glastheke, in der die Brötchen, Kuchen und anderen Backwaren zum Verkauf auslagen. Durch das Schaufenster sah sie, wie der Wind die Blätter von den Bäumen fegte und in der Straße verwirbelte. Vor dem Laden kämpfte eine Frau mit ihrem Regenschirm. In dicken Buchstaben stand darüber die Inschrift: ,,Bäckerei Müller“. In Spiegelschrift natürlich, für jemanden, der drinnen stand. Wenn sie alleine war und keine Kunden zu bedienen hatte, stellte sie sich gerne vor, dieses Schaufenster sei eine Kinoleinwand und das, was sie dahinter sah, sei nur ein Film. In ihrer Fantasie veränderte sie dann die Szene. Aus den Autos wurden Kutschen, aus den Blättern Vögel und aus der Frau mit dem Regenschirm zum Beispiel ihre Mutter, wie sie mit einem wilden Drachen kämpfte. Dieses Bild amüsierte sie jetzt ganz besonders. Ihre Mutter, die alles falsch verstand, die ihr das Wort im Mund herumdrehte, die aus Gutem Böses machen konnte und aus böse gut, sie würde wahrscheinlich auch den Kampf gegen einen Drachen bestehen oder mindestens ein ,,Unentschieden“ erreichen. Bis zum nächsten Kampf.
Die Frau mit dem Regenschirm war längst verschwunden. Nun stellte sie sich vor, was sie denn gerne auf diese Schaufensterscheibe schreiben würde, anstatt des langweiligen Schriftzugs: „Bäckerei Müller“. Wie wäre es mit „Du bist mir wichtig“, „Ich mag dich trotzdem“, oder: „Ich ärgere mich, weil ich dich liebe“? Vielleicht auch: „Ich ärgere dich…“. Sie grinste ein wenig bei dem Gedanken. Sie malte sich aus, wie diese Inschriften auf der großen Scheibe wirken würden. Alle, die an der Bäckerei vorübergingen, könnten sie lesen, auch ihre Mutter. Sie sah vor ihrem inneren Auge die Inschrift: „Du bist mir wichtig.“ Ob ihre Mutter sie dann endlich verstehen würde? Sie stellte sich vor, wie ihre Mutter vor dem Schaufenster stand, die Stirn runzelte und den Kopf schüttelte. Da kam ihr der Gedanke: „Du musst deine Worte in Spiegelschrift anbringen.“

Guten Morgen, mein Dorf!

Das haben mir einige Leute aus einem nordpfälzischen Dorf erzählt. Die eigenen Gerüchte aktiv streuen und sich anschließend über die Schwätzer amüsieren – das ist eine Möglichkeit, aus dem passiven Erleiden von Tratsch in die aktive Position zu kommen.

Er war der Pfarrer eines kleinen Dorfes weit draußen auf dem Land. Ein junger, gut aussehender Pfarrer, und er lebte allein. Die Menschen des Dorfes waren sehr an diesem Umstand interessiert. Eines Morgens stand er auf, öffnete das Fenster, hängte zwei Garnituren Bettwäsche heraus und trank gemütlich seinen Kaffee. Guten Morgen, mein Dorf! Schon hatte er Stoff für die nächste Predigt.

Körper, Psyche, Geist

Ein Theologe hat mich vor ein paar Tagen nach psychosomatischen Krankheiten gefragt. Was ist der Unterschied zwischen Körper und Psyche und Geist? Zu unterscheiden ist ja zwischen einem spirituellen und einem medizinisch-psychologischen Geistbegriff. Aber letztlich könnte sogar beides zusammenfallen. Ich habe dem Kollegen sinngemäß geantwortet:

Alle Psyche ist Teil des Körpers. Sie beruht auf der Wahrnehmung mit Augen, Ohren, Körpergefühl und allen Sinnen und auf der Verknüpfung der wahrgenommenen Inhalte zu einem komplexen System. Sie beruht auf einem Wechsel der Aufmerksamkeitsfokussierung zwischen aktueller, erinnerter und vorgestellter Wahrnehmung, das heißt, zwischen außen und innen, Wachheit und Trance, momentan erzeugter, erinnerter, erwarteter und beliebig konstruierter Wahrnehmung. Emotionen sind eine Verschmelzung von Körpergefühl mit imaginativen Wahrnehmungen und deren gedanklicher Verknüpfung.

Man kann aber auch umgekehrt sagen: Aller Körper ist Teil der Psyche, oder vielleicht sollte man hier sagen: des Geistes. (Allerdings ist es schwer möglich, hier zwischen Psyche und Geist zu unterscheiden.) Was wir vom Körper wissen, wissen wir durch den Geist. Wenn der Geist sich irrt, gibt es den Körper nicht, oder es gibt ihn ganz anders, als wir ihn erleben. Und wenn die Konstruktion, die der Geist vom Körper schafft, nur eine von Millionen Möglichkeiten ist, dann ist auch das, was wir über unsere körperliche Existenz meinen, nur eine von Millionen Arten möglicher Wirklichkeit.

Schießübung

Als ich ein Kind war, hat mir mein Großvater die folgende Geschichte erzählt:

„Zur Vorbereitung auf den Krieg machten wir Schießübungen. Einige Kameraden schossen so oft wie möglich ins Schwarze. Sie kamen an die Front. Die meisten von ihnen starben. Andere Kameraden schossen absichtlich daneben. Sie überlebten den Krieg.“

Ich erzähle die Geschichte manchmal Leuten, die sich durch ihr berufliches Engagement möglicherweise selber schaden. Man kann sie auch Menschen erzählen, die sich ritzen, und ebenso Leuten, die auf andere Art sich oder andere verletzen – körperlich oder seelisch. Dann enthält die Geschichte die Aufforderung an das Unbewusste, die längst bestehende Ambivalenz zwischen Verletzen und Nicht-Verletzen so zu regeln, dass man – wenn überhaupt – nur dem Anschein nach verletzt, ohne die Absicht zu verfolgen, zu treffen. In einigen Mobbingsituationen ergibt die Geschichte ebenfalls viel Sinn.

Der König des Waldes

Die folgende Geschichte erzähle ich gerne Perfektionisten, Leuten mit Zwangsproblemen, mit einem starken Kontrollbedürfnis, Denkern und Grüblern. Auch für einige Menschen mit sexuellen Schwierigkeiten ist sie gut geeignet.

„Wir sind zu viele geworden“, sagten einst die Bäume des Waldes. „Wir brauchen einen, der über uns herrscht. Wir brauchen einen, der uns sagt, wo wir wachsen sollen und wie wir unsere Zweige ausbilden sollen. Wir brauchen einen, der uns sagt, wann wir im Frühjahr Knospen austreiben lassen und wann wir im Herbst das Laub bunt färben.“ Und sie wählten eine alte Eiche zu ihrem König. Obwohl nun Bäume recht langsam wachsen, hatte der König viel zu tun. Er musste jedem Baum sagen, wohin er welchen Ast wachsen lassen und wann welches Blatt entrollen sollte. Er musste entscheiden, wer wie viel Wasser aus dem Boden entziehen durfte, und – was noch schwieriger war – wer wie viele Nährstoffe zu sich nehmen durfte. Nach kürzester Zeit begann der ganze Wald unter Pilzen und Parasiten zu leiden, ein Teil trocknete ein und ein anderer litt an der Wurzelfäule. Die Bäume begannen aufeinander zu schimpfen und zu streiten. Der König beschimpfte sein Volk als ungehorsam, das Volk den König als unfähig und sie alle einander als Dummköpfe und gemeine Schurken.
An einem schönen Julitag – das Laub begann gerade zu fallen – dankte der König ab. Da waren alle Bäume froh. Sie feierten ein großes Fest. Und von Tag zu Tag wurde es besser mit ihnen.

Die Dicke und die Dünne

Hier habe ich eine Geschichte für Anorektikerinnen.

Es gibt zwei Welten. Es muss zwei Welten geben, denn wir reden nicht von der gleichen Welt. Wir reden von verschiedenen Welten.
In der Innenwelt wohnt die Dicke. Die Dicke ist nicht besonders beliebt. In der Innenwelt ist sie verachtet, und die in der Außenwelt behaupten, es gäbe sie nicht.
In der Außenwelt wohnt die Dünne. Auch die Dünne ist nicht sehr beliebt, denn in der Außenwelt macht sie allen Leuten Sorgen, und in der Innenwelt glaubt man nicht an sie.
Die Dicke aus der Innenwelt glaubt nicht an die Dünne von der Außenwelt. Sie wundert sich nur, dass ihr Leute begegnen, die behaupten, dass sie sie täglich treffen.
Die Dünne aus der Außenwelt glaubt auch nicht an die Dicke von der Innenwelt. Sie wundert sich nur, dass die Person, die es am meisten betrifft, erklärt, dass sie die Dicke täglich sieht.
Wer hat nun recht? Die an die Dicke glauben, oder die an die Dünne glauben?
In den Köpfen von Menschen gibt es beide, die Dünne und die Dicke. Sie wohnen nur in verschiedenen Welten. Sie leben auf verschiedenen Planeten.
Im Zeitalter der Technik ist der Besuch anderer Planeten eine Frage der Transportmittel. Ich kann mir vorstellen, ich besteige eine spezielle Kapsel, die mich für eine begrenzte Zeit von der Innenwelt hinüberbringt zur Außenwelt. Das könnte angenehm sein, denn auf dem Weg dorthin bin ich die Dicke los, von der ich lang schon Urlaub machen möchte. Der Preis, den ich dafür zu zahlen habe, ist, dass ich bei einem Besuch in der Außenwelt der Dünnen begegnen könnte, an die ich nicht glaube und vielleicht auch gar nicht glauben möchte. Und die Dünne sieht ja angeblich schlimm aus, aber wer weiß. Ich stelle mir vor, dass gleichzeitig mit mir, sozusagen im Austausch, von der Außenwelt ein zweites Raumschiff startet, das zur Innenwelt fliegt und einen Urlaubsbesuch in der Welt der Dicken macht. Dann können sie sich einmal vorstellen, wie es ist, Tag für Tag mit ihr zusammen zu wohnen und bestreiten nicht mehr, dass sie da ist.
Ich werde diese Reise nur wenige Male machen. Wozu soll ich mich dieser Mühe unnötig oft unterziehen? Denn später schicke ich die Dicke selbst auf die Reise zu der Dünnen, damit sie sich austauschen und voneinander lernen. Denn ich möchte, dass die Dicke von der Dünnen lernt, und die anderen möchten, dass die Dünne von der Dicken lernt. Ich bleibe zuhause und mache Urlaub von der Dicken.
Wenn sich die beiden miteinander austauschen und in der Mitte treffen, auf halbem Weg… von wegen halb: sie könnten sich ja auch an einem dritten Planeten treffen, wie Unterhändler, die an einem dritten Ort ein Mittel finden, das die Gläubigen im Reich der Dicken und die Gläubigen im Reich der Dünnen zu einer Gemeinschaft macht, und sie gründen miteinander den Es-ist-ganz-anders-Planeten. Und sie wohnen miteinander auf dem Es-ist-ganz-anders-Planeten und tauschen und teilen alles miteinander. Und auf dem Es-ist-ganz-anders-Planeten gibt es keine Innenwelt und keine Außenwelt, und die Dicke und die Dünne geben sich die Hand und folgen einem anderen, einem ganz eigenen Weg.

Das Vermächtnis

Zum Schmerz der Trauer gehört es, dass Vergangenes verloren erscheint, und dass es nicht mehr möglich scheint, dem Verstorbenen etwas an Liebe zurückzuschenken. Der bis dahin stetig sich fortsetzende Kreis von Geben und Nehmen ist unterbrochen; die Hinterbliebenen bleiben gewissermaßen auf ihrer Liebe (und auf ihren Versäumnissen) sitzen und können das empfangene Gute, wie es scheint, nicht mehr erwidern. In diesen Zusammenhang gehört die Vermächtnisintervention. Der Therapeut oder die Therapeutin sagt sinngemäß zu den Trauernden:

Sie haben mir viel Gutes über Ihren verstorbenen Bruder erzählt. Er ist bestimmt ein sehr liebevoller Mensch gewesen. Verstanden habe ich, dass er sehr gut zuhören konnte, dass er geduldig war, dass er sich rührend um seine Angehörigen gekümmert hat, dass er einen besonderen Humor hatte…

Ich habe den Eindruck, dass diese Begabungen auch bei Ihnen vorhanden sind. Vielleicht hat er Sie damit angesteckt. Ganz sicher hat er Ihnen viel gegeben, was Ihnen bleibt. Das ist ein Geschenk, so wie ein Vermächtnis, von dem Sie etwas an einander weiter geben können – jetzt ganz besonders an die anderen, die um ihn trauern. Sie können dieses Gute, was Sie von Ihrem Bruder erhalten haben, an die Menschen weiter geben, die er geliebt hat. Sie können es an Ihre Kinder weitergeben, an Ihre Schüler, an alle Menschen, denen Sie etwas Gutes geben möchten.

Was meinen Sie – ist es in seinem Sinne, wenn Sie das Gute, was er Ihnen geben konnte, so an die anderen weitergeben?
Dann würde er gewissermaßen durch Sie handeln und durch Sie weiter andere beschenken?
Dann handeln sie ja auch in seinem Namen, wenn Sie das Gute tun, was er sonst täte?
Dann geben Sie ihm ja auch etwas zurück, oder nicht?
Denn das, was Sie in seinem Sinne und in seinem Namen tun, das geben Sie auch ihm als Dank zurück. Kann man das so sehen?

Dann hat ihr Bruder noch nicht aufgehört, der Welt etwas zu schenken, und Sie können so noch lange Zeit Ihren Bruder beschenken.