Lesenswert: Die Lehrgeschichten von Milton H. Erickson

Mit dem heutigen Beitrag möchte ich eine Reihe von Buchtipps beginnen. Fortsetzung folgt!

Als erstes möchte ich ein Buch vorstellen, das sehr unterhaltsam in die Arbeit von Dr. Milton H. Erickson einführt: Die Lehrgeschcihten von Milton H. Erickson, herausgegeben von Sidney Rosen. Milton Erickson gilt als der Begründer der modernen Hypnotherapie. Viele Interventionen aus der Familientherapie, aus dem NLP und anderen Verfahren gehen auf ihn zurück.

In diesem Buch sind Kurzgeschichten aufgeschrieben, die er seinen Studenten und Kollegen erzählte, um sie anzuleiten, bisherige Denk- und Verhaltensmöglichkeiten auszuweiten. Überwiegend sind es Anekdoten, die Erickson irgendwann in seinem Leben erlebt, beobachtet oder inszeniert hat und die er später verwendet hat, um Möglichkeiten des Denkens, Lernens und neuen Verhaltens zu illustrieren. Viele dieser Geschichten sind äußerst originell und witzig. Manche sind rätselhaft, wie so viele Therapiemethoden, die der legendäre Arzt aus Arizona entwickelt hat. Erklärt wird nicht viel in dem kleinen Werk. Es gibt wenige Antworten und wirft viele Fragen auf. Wenn man es als Lehrbuch betrachten möchte, dann ist es eines exklusiv fürs Unbewusste. Vor allem aber ist das Buch kurzweilig und regt das eigene Denken und Suchen nach neuen Möglichkeiten an. Es ist ein Fenster in die Welt des unbewussten Lernens.

Die Lehrgeschichten von Milton H. Erickson
Herausgegeben und Kommentiert von Sidney Rosen
Salzhausen (iskopress) 2000

Kartoniert, 319 Seiten
ISBN 3-89403-424-6

Piratenanästhesie

Ein paar Kinder aus der Familie und ein Nachbarsmädchen wollten gerne hypnotisiert werden. „Na gut“, habe ich gesagt, habe ist Leere geschaut und wie geistesabwesend angefangen, zu erzählen.

Stell dir nur vor: Du als Pirat! Mit einem Holzbein aus altem, hartem, festen Eichenholz und einer schwarzen Augenklappe – oder vielleicht doch lieber ohne Augenklappe? Wie dem auch sei! So ein Pirat hat viel zu tun auf einem großen, alten Schiff. Viel Arbeit an den Seilen und den Segeln, an den Masten, an der Ladung und mit all den Mitpiraten! Weiterlesen

Schuppen

Gestern bat mich jemand: „Hypnotisiere mich doch einmal gegen Schuppen.“ Nach einer kurzen Tranceinduktion erzählte ich ihm die folgende Geschichte:

Ich bin in einer afrikanischen Trommelgruppe. Der Leiter, ein Kongolese, übte mit uns ein Trommelstück ein, das am Ende immer leiser und leiser wird, bis die Musik schließlich ganz verstummt. Am Schluss lag seine Hand regungslos auf der Trommel. Ohne einen Laut hob er sie auf. Wir taten es ihm nach. Bei jedem von uns gab es ein deutlich hörbares Schmatzen vom Schweiß und Fett auf der Handfläche. Immer wieder probierten wir es, Weiterlesen

Eine Armee für den Frieden!

Eine Armee für den Frieden!

Finden Sie auch, dass es zu viele unglückliche Menschen gibt in der Welt? Dann möchte ich Ihnen dazu gerne eine Geschichte erzählen.In London lebte im vorletzten Jahrhundert ein Mann, der hatte eine besondere Eigenschaft. Er konnte es nicht ertragen, Menschen im Elend zu sehen. Das wäre vielleicht nicht der Rede wert, denn das behaupten auch heute noch viele Menschen von sich. Aber dieser Mann hatte noch eine zweite Eigenschaft. Er hat alles getan, was er konnte, um das Elend der ärmsten Menschen zu lindern. Er hat zusammen mit seinen Freunden und späteren Mitkämpfern Hunderttausenden geholfen, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Weiterlesen

Das rollende Klavier

Meine Schwester hat mir was erzählt. Über einen Mann, den sie kennt.

Seit vielen Jahren arbeitete er als Pianist. Unzählige Auftritte hatte er erlebt. Und meine Schwester hat ihn gefragt, was denn das unangenehmste Erlebnis auf seinen Konzertreisen gewesen sei? „Einmal“, so erzählte er, „habe ich während eines Konzertes bemerkt, dass das Klavier, auf dem ich spielte, nicht richtig befestigt war. Vielleicht war auch der Boden des Konzertsaals nicht eben. Während ich spielte, begann nun das Instrument, allmählich von mir fortzurollen. Ich rutschte mit meinem Klavierstuhl hinterher, doch es rollte weiter. Ich rutschte, es rollte. Und so ging es immer weiter, während des ganzen Stücks. – Die meisten Instrumente haben eine Bremse, und die muss festgestellt werden. Wenn nicht, dann gnade dir Gott.“

(Hammel, Der Grashalm in der Wüste, S. 65)

Ansteckend

Vor einiger Zeit habe ich einen alten Freund getroffen. „Vorsicht, ich bin krank!“, hat er von Ferne schon gerufen. „Dann nimm dich gut vor mir in Acht“, sagte ich. „Ich habe eine ansteckende Gesundheit!“

Am Anfang habe ich das getan, um mich vor der suggerierten Ansteckung zu schützen. Weil das offenbar geholfen hat, habe ich öfter so geantwortet. Inzwischen habe ich den deutlichen Eindruck, dass oft auch die Zuhörer – obwohl sie dem Satz meist keine ernsthafte Bedeutung beimessen – danach schneller gesund werden. Inzwischen gibt es Leute, die mich daraufhin ansprechen: „Gib mir mal was von deiner ansteckenden Gesundheit.“ Und einige haben mich gefragt: „Wirkt die auch per Telefon?“ „Jaaa….“, sage ich dann und grinse.

(Nach Hammel, Der Grashalm in der Wüste, S. 55)

Margarete und Lucia (Die zwei Eidechsen)

Margarete und Lucia (Die zwei Eidechsen)

Letztes Wochenende habe ich auf der Burg Fürsteneck in Hessen ein Seminar über systemische Beratung gehalten. Da ging es um systemische Grundhaltungen und Grundmethoden. Zum Beispiel: Was ist Perspektivwechsel, und was ist ein Reframing? Ich habe ihnen dazu als Beispiel die folgende Geschichte erzählt.

In einer Mauerritze lebten zwei Eidechsen, Margarete und Lucia. Lucia lag den Tag über auf der Mauer und badete in der Sonne. Margarete verbrachte die meiste Zeit damit, Insekten zu suchen für sich und ihre Kinder. Wenn sie Lucia auf der Mauer liegen sah, ärgerte sie sich. „Wie du die Zeit vertust. Wenn du eine anständige Eidechse wärest, würdest du dich mal um das Wohl deiner Kinder kümmern. Was machst du denn den ganzen Tag da oben?“ Weiterlesen

Haltbarkeitsdatum überschritten

Ich kann mich von überschüssigen Nahrungsmitteln nicht trennen. „Essen wirft man nicht weg!“, habe ich gelernt. Zumindest nicht, solange es noch essbar aussieht. Die Lebensmittel, die mich nicht reizen, bewahre ich also, damit sie lange halten, im Kühlschrank auf. Eine, zwei, drei Wochen, einen Monat lang. Wenn sie dann die ersten Schimmelflecken zeigen, werfe ich sie mit beinahe gutem Gewissen weg. Sie sind ja nun nicht mehr genießbar. „Warum wirfst du diese Sachen nicht gleich in den Abfall?“, fragte mich neulich ein Freund. „Wenn du sie am Anfang nicht essen magst, werden sie dir später sicher auch nicht besser schmecken.“ „Wer weiß?“, fragte ich.

Der Goldwäscher

In einer Hütte am Fluss in den felsigen Bergen lebte einmal ein Goldwäscher. Jeden Morgen stand er auf, wusch sich, aß eine Scheibe Brot, zog seine Arbeitskleidung an und ging mit seinem großen Sieb zum Fluss. Viele Jahre lebte er schon hier und hatte schon so manche Tonne Sand gesiebt. An manchen Tagen fand er etwas Gold, doch selten war es mehr als er brauchte, um sich das Nötigste an Essen, Kleidung und an Werkzeug für seinen täglichen Bedarf zu kaufen. Lange hatte er davon geträumt, auf eine große Menge Gold zu stoßen. Doch dieser Traum, das ahnte er jetzt, würde sich wohl nie erfüllen. Denn meistens, wenn er in sein Sieb schaute, war darin nichts zu finden als nur die kleinen Kiesel, die in der Sonne glitzerten. Eines Tages kam ein alter Schulfreund bei ihm zu Besuch. Er war Juwelier in einer größeren Stadt und hatte es zu einem ansehnlichen Vermögen gebracht. Er interessierte sich, einmal zu sehen, wie dieser Goldwäscher lebte. „Zeig mir doch bitte einmal, wie du Gold wäscht“, bat er den alten Freund. Zögernd stand dieser auf, nahm sein Sieb von der Wand und ging mit seinem Gast zum Fluss. Er tauchte das Sieb in den Fluss, schüttelte es und ließ das Wasser herauslaufen. „Siehst du, wieder nichts“, seufzte er und blickte auf zu seinem Freund. „Das ist ja unglaublich“, sagte der und wurde blass. „Lauter Diamanten!“