Gedachte Präparate

„Manchmal kommt es vor“, erzählte ein Arzt, „dass ich einem Patienten ein Medikament, das er braucht, nicht geben kann, weil es zu teuer ist oder zu schwer zu beschaffen.  Wie, bitte, kommt man an ein homöopathisches Präparat aus Löwenmilch? In solchen Fällen lasse ich manchmal den Patienten den Namen des Mittels auf einen Zettel schreiben und verschreibe ihm, den Zettel einmal gründlich zu betrachten.  Natürlich kann ich einen solchen Vorschlag nur Patienten machen, die für etwas so „Verrücktes“ aufgeschlossen sind. Das Seltsame ist: Bei denen, die den Rat befolgen, bewirkt oft der Zettel dasselbe wie das Medikament.“

Eine Krankenschwester, die den Arzt reden hörte, lachte darüber. Sie hatte jahrelang auf einer Intensivstation gearbeitet und manchem Patienten in einer kritischen Situation durch die schnelle Gabe eines Medikamentes das Leben gerettet.  Wie wäre es wohl gewesen, ihnen einen Zettel auszuhändigen mit dem Namen ihrer Medizin?

Es geschah einige Tage nach diesem Gespräch: Am Morgen erwachte sie mit Kopfschmerzen. Sie wusste, es war nichts Ernsthaftes, nur dieser längst vertraute Schmerz, der nichts als sich selbst bedeutete. Sie wusste auch, sie hatte keine Kopfschmerztabletten im Haus. Nun stellte sie in Gedanken ein Glas Wasser neben das Bett. Sie malte sich aus, wie sie die Tablette hineinwarf und diese sich sprudelnd auflöste.  Sie stellte sich vor, wie sie das Glas in langsamen Schlücken leerte, wie das Wasser von ihrem Körper aufgenommen würde und wie das Medikament begann, seine Wirkung zu entfalten. Für ein paar Minuten schlief sie ein, dann erwachte sie wieder, stand auf und fuhr zur Arbeit. Alles verlief wie gewohnt. Als sie spät abends auf ihren Tag zurückschaute, fiel ihr auf, dass diese Schmerzen in den Minuten nach der gedachten Einnahme des Medikaments verschwunden waren und sie sie vollständig vergessen hatte.

Diese Begebenheiten haben sich in meinem Freundeskreis abgespielt. Es sei jedem überlassen, sich seinen eigenen Reim darauf zu machen.

Fortbildungstipp: Metaphernschmiede

Vom 4.7.08 bis 5.7.08 halte ich beim Milton-Erickson-Institut-Heidelberg ein Seminar unter dem Titel „Metaphernschmiede für wirksame therapeutische Interventionen – Einzigartige Geschichten erfinden für einzigartige Klienten und Klientinnen“. Der offizielle Ausschreibungstext zu dem Seminar lautet so:

„Therapeutisches Erzählen ist seit jeher ein zentraler Bestandteil von Hypnotherapie, Systemik und vielen anderen Beratungsformen. Der Einsatz von Metaphern- und Beispielgeschichten ist aus dem alten Orient bekannt und ist bis heute eine der wirksamsten Beratungsformen. Die Geschichten werden vom Berater erzählt oder vom Klienten eingebracht und vom Berater reframed, oder sie werden von den Gesprächspartnern gemeinsam entwickelt. Nur, wie entdecke ich eine nützliche Geschichte und wie erzähle ich sie? Per Musenkuß? Das Seminar vermittelt die Techniken, um individuelle Geschichten in der Beratung spontan zu entwickeln und sie therapeutisch wirksam zu erzählen.

Ziel des Seminars ist es also, zu lernen, wie man…

– therapeutische Geschichten für Klientinnen und Klienten findet
– jederzeit Beispielgeschichten für einzigartige Lebenssituationen erfindet
– Erzählungen therapeutisch wirksam formuliert und ins Gespräch einbettet
– Problemmetaphern von Klienten in Lösungsmetaphern zu transformieren, die von den  Beratenen unwillkürlich in ihre Wirklichkeit reintegriert werden
– motivierende, warnende, Such- und Lernhaltungen aktivierende Geschichten aufbaut.

Über den Seminarleiter:
Stefan Hammel ist ausgebildet als Systemtherapeut, Hypnotherapeut, als Evangelischer Theologe und Heilpraktiker für Psychotherapie. Er ist Leiter des Instituts für Hypno-Systemische Beratung (www.hsb-westpfalz.de) sowie Referent bei ISB Mainz, hsi Heidelberg, Akademie Burg Fürsteneck, mediKolleg,  und bodam Liechtenstein. Er ist Redakteur der Elternzeitschrift „KidsLife“, Verfasser des Buchs und Hörbuchs „Der Grashalm in der Wüste“, der paartherapeutischen Landkarte „Die Insel der Liebe“ sowie des hypno-systemischen Blogs HYPS. “

Die Teilnahmegebühr beträgt 250,- Euro. Anmelden können sie sich bei www.meihei.de. Bei Fragen zum Seminarinhalt können Sie sich gerne auch an mich wenden, unter stefan.hammel@hsb-westpfalz.de.

 

 

Mottenphobie, tiefergelegt

Gestern habe ich mit den Eltern der Jugendlichen gesprochen, die Panik vor Motten hatte (Beitrag vom 3. Mai). Beide Eltern sind Berufsmusiker. Der Vater arbeitet als Neurowissenschaftler an der Erforschung von Musikalität und Gehör. „Vielleicht könntest du die Wirkung beim nächsten Treffen ausbauen“, meinte die Mutter auf meine Nachfrage, und der Vater erklärte: „Sie schreit schon noch, wenn sie eine Motte sieht, aber sie schreit jetzt zwei Oktaven tiefer.“

Hunde hypnotisieren

Am Wochenende war ich auf einem Familientreffen. Die Verwandtschaft kam zusammen und machte einen Ausflug mit dem Reisebus. Labradorhündin Luna war auch dabei. „Ihr ist schlecht“, sagte die Frau meines Cousins. „Sie hat schon mehrmals gewürgt. Sie verträgt das Autofahren nicht gut und muss manchmal brechen. Kannst du sie nicht hypnotisieren, damit sie uns nicht in den Bus bricht?“ Ich redete ein bisschen mit Luna und bat dann meinen Neffen Nikolas: „Würdest du Luna deinen MP3-Player leihen? Such etwas Ruhiges heraus, so etwas wie ein Schlaflied. Stell die Musik ganz leise und zieh Luna die Kopfhörer auf.“ Nikolas suchte eine passende Musikgruppe aus und zog Luna die Kopfhörer über die Ohren. Es dauerte eine halbe Minute, dann legte sich Luna entspannt hin, und bald darauf war sie eingeschlafen. Die Anzeichen von Übelkeit kehrten nicht mehr zurück.

Die Methode beruht auf der Umfokussierung der Aufmerksamkeit vom Körpererleben auf das Gehör, auf dem Lösen von Angst und Stress durch eine Entspannungstrance, und auf dem Erzeugen eines Herz- und Atemrhytmus, der dem Rhythmus beim Schlaf ähnelt und nicht zur Situation beim Erbrechen passt.

Sterben mit 26

„Ich habe ein Problem“, hat eine Freundin zu mir gesagt. „Irgendwie habe ich mir die Vorstellung in den Kopf gesetzt, dass ich mit 26 sterben muss. Und das ist ja nicht mehr so lange. Ich weiß, dass es Quatsch ist, aber ich werde die Vorstellung nicht los, und sie macht mir Angst. Was kann ich da machen?“ „Schau dir vor deinem inneren Auge die Zahl 26 genau an“, habe ich geantwortet. „Betrachte sie genau. Jetzt lass die Zahlen umeinander rotieren, und lass sie stehen, wenn die sechs vorne ist. Was siehst du?“ „Eine 62“, sagte die Freundin. „Genau. Jetzt lass die sechs um sich selbst rotieren, und lass sie auf dem Kopf stehen bleiben. Was siehst du jetzt?“ „Eine 92.“ „Wann erwartest du also jetzt zu sterben?“. „Mit 92.“ „Ist das für dich in Ordnung?“ „Sehr in Ordnung“, sagte die Freundin. Das Problem war von da an beseitigt.

Grunzfrei

Heute habe ich mit der Mutter des grunzenden Mädchens telefoniert (Beitrag vom 4. Mai). Sie sagte, ihre Tochter habe sich vor dem Essen öfter gründlich ausgegrunzt und während des Essens dann nur noch selten Geräusche gemacht. Wenn es ihr doch passierte, achtete sie darauf, sich anschließend schnell auf die Nase zu drücken. Zunehmend dachte sie schon vorher an den Nasendruck. Sie fand es anfangs schwierig, bei Tisch gar nicht mehr zu grunzen; so erlaubten ihr die eltern, einmal pro Mahlzeit den Raum zu verlassen und draußen zu grunzen. Nach etwa einer Woche verlor sich das Grunzen ganz. Daraufhin angesprochen, meinte die Tochter, da sie sowieso fast nicht mehr gegrunzt hätte, sammle sich in ihrer Nase kein Schleim mehr, mit dem sie grunzen könnte.

Die Methode „Stefan Hammel“

Letzte Woche habe ich die Jungen wieder getroffen, von denen ich am 27.3. unter dem Titel „Streiten und Schlagen“ erzählt habe. Sie haben berichtet, sie hätten sich in der vergangenen Woche nur noch drei oder viermal gestritten. Vorher waren es drei bis vier Streits an einem Tag. Ich fragte sie, wie sie das geschafft haben. Sie sagten: „Wir haben vereinbart: Jedesmal, wenn einer einen Streit kommen sieht, dann ruft derjenige ‚Stefan Hammel!‘ und daraufhin geht jeder sofort für zehn Minuten in sein Zimmer. Wenn wir nicht auseinander gehen können, wie im Auto oder auf einer Kanutour, während einer ‚Stefan Hammel!‘ ruft, dann schweigen beide fünf Minuten, bevor wir weiter miteinander reden.“

Amstetten

Was ich als Therapeut und Pfarrer zu dem Fall von Amstetten meine, hat mich jemand in einer Mail gefragt. Meine Antwort ist gewesen:

Ich befasse mich so wenig wie möglich mit dem Fall. Ich weiß nur das darüber, was sich nicht vermeiden ließ. Ich kann nicht erkennen, was ich dazu Nützliches beitragen könnte. Und ich habe keine Lust, mich da hinein zu steigern. Ich sehe in meinem Alltag als Klinikseelsorger alle Arten von Leuten krank werden und sterben, Gute und weniger Gute, Neugeborene, Jugendliche und Alte. Ich höre von Kriegsverbrechen und Nachkriegsverbrechen, von Massenerschießungen und Einzelmorden und Foltern und Vergewaltigungen, von Bomben und Hinrichtungen. ich höre von sexuellem Missbrauch, von Mordversuchen und Totschlägen, und von psychischer Misshandlung. Ich weiß wirklich nicht, warum ich mich mit solchen Dingen noch in meiner Freizeit befassen sollte, oder warum ich mich noch darüber wundern sollte.
Als die KZs befreit wurden, haben Gefangene ihre Aufseher totgetrampelt oder erschossen. Sie haben sich so schlecht verhalten wie vorher ihre Wärter. Opfer werden zu Tätern, immerhin kann man es bei jenen noch nachvollziehen. Wenn man nun diesen Mann frei ließe, würden sich viele, viele Menschen finden, die ihn foltern und ermorden würden. Ich habe einige Leute davon träumen hören, einem solchen Menschen das Geschlecht abzuschneiden und ihn qualvoll zu töten. Sie würden sich zufrieden einbilden, sie wären besser als er. Wir alle bilden es uns ein und haben vielleicht nur die bessere Kindheit gehabt. Die Menschen meinen, sie wären für die Opfer eingenommen, in Wirklichkeit sind sie alle nur für ihre eigene Selbstgerechtigkeit. Die Öffentlichkeit braucht die Opfer für ihre eingebildete Güte. Ich halte nichts von dem Rummel um diesen Mann. Jeder sollte zusehen, dass er selbst an seiner Integrität und Liebe zu den Menschen feilt. Es geht bei diesem Rummel nicht um die Opfer, sondern um das Gefühl, selbst über einem solchen Menschen zu stehen. „Jetzt packt das Inzest-Monster aus“ hat die BLÖD-Zeitung getitelt. Dieser Fall macht sehr leicht UNS zu Monstern.