Strandspaziergang

Durch Ablenkung kann man manchmal Überraschendes einiges erreichen… Man kann damit zum Beispiel Schluckauf bekämpfen. Die folgende Geschichte zeigt, wie nützlich die Ablenkung auch für eine mentale Anästhesie sein kann. Man fokussiert die Aufmerksamkeit auf etwas, was für den Gesprächspartner  bedeutungsvoll ist, womit er sich auch angesichts aktuell möglicher Schmerzen gerne befasst und was mit diesem eventuell leidvollen Erleben gar nicht zusammenpasst…

Ein Arzt musste einer Patientin einen großen Zehennagel operativ entfernen. Die Patientin vertrug jedoch keinerlei Schmerzmittel. „Wie soll ich das denn tun?“, fragte er sie. „Bei wachem Bewusstsein? – das ist doch Folter!“ Die Patientin zuckte mit den Achseln. „Wo sind Sie denn bisher am liebsten in Urlaub gewesen?“ fragte er. „An der Ostsee“, erzählte sie. „Ich habe dort mit meinem Mann so wunderschöne Spaziergänge am Strand entlang unternommen.“ „Erzählen Sie doch davon, und bleiben Sie ganz tief in Ihrer Erzählung“, erwiderte der Arzt. „Bleiben Sie ganz in der Erinnerung und beschreiben Sie mir alles, was Sie dort sehen, hören, fühlen, schmecken und riechen können, auf Ihrem Spaziergang.“ Die Frau erzählte und erzählte. „Jetzt kommt ein Sturm“, sagte sie, als der Arzt mit seiner Arbeit begann. Sie sah den Sturm kommen, und sie blieb dabei ganz ruhig.

Quelle: Handbuch des therapeutischen Erzählens, S. 79, Stefan Hammel

Das Myom II

„Wenn du heute Nachmittag aufwachst“, so sagte ich zu der Freundin, „ist die Operation vorüber, und das Myom ist weg. Du hast dich gefragt, ob es einen Auslöser für seine Entstehung gab. Eigentlich ist es egal, was der Auslöser war. Was du tun kannst, ist dies: Erinnere dich an belastende und vielleicht traumatische Erlebnisse und an andere Dinge, die du loslassen und loswerden möchtest. Packe alles, was du nicht mehr brauchst, in Gedanken in das Myom. Und wenn du heute Nachmittag aufwachst, hast du sie mit auf den Weg geschickt.“

Die Freundin äußerte später, sie habe den Vorschlag umgesetzt und ihre Reaktionen auf verschiedene belastende Erlebnisse ihrer Vergangenheit in das Myom verlagert. Sie habe das Vorgehen als befreiend erlebt. Nach der Operation habe sie sich sehr schnell erholt und habe sich kraftvoller und aktiver als in den Monaten zuvor gefühlt.

Das Myom I

Bei einer befreundeten jungen Frau in meinem Bekanntenkreis wurde ein Myom im Außenbereich des Uterus mit einer Größe von 67 mm x 52 mm x 58 mm gefunden. Aus verschiedenen Gründen war eine Operation erst viereinhalb Monate später möglich, und so nutzten wir die Zeit, um suggestiv auf den Tumor einzuwirken.

Die Frau verstand den Tumor unter anderem psychosomatisch in Verbindung mit einem unerfüllten Kinderwunsch oder einem ambivalenten Umgang mit dem Thema der Familiengründung. Ich erzählte ihr, wie Therapeuten bei anderen Geschwulsten vorgegangen sind, und schlug ihr vor, sich aus den Berichten das für sie Passende herauszusuchen und ihre individuellen Suggestionen daraus zu formulieren. Ich erzählte von den Erfahrungen anderer Patienten mit Visualisierungsübungen, etwa bei der hypnotherapeutischen Unterstützung der Behandlung von Brustkrebs und Karzinomen im Bauchbereich und von Methoden, mit denen auf Warzen und Lipome Einfluss genommen werden kann. Ich erzählte ihr, dass fortlaufende Zellteilung prinzipiell eine wunderbare Sache sein könne, aber wohlgeordnet und zielgerichtet, zu passender Zeit an passendem Ort, sprich, in einer Gebärmutter, nicht außerhalb. Letzteres fasste ich als ein Missverständnis des Körpers in bester Absicht auf, das im Gespräch oder Selbstgespräch mit dem Körper aufzuklären sei. Ich schlug ihr vor, den Körper, die Gebärmutter und das Myom direkt anzusprechen und ihnen zu sagen, was sie von ihnen wünsche. Sie tat das auf ihre Art, indem sie sich im Internet einen Film anschaute, in dem gezeigt wurde, wie ein Myom während einer Operation in Scheiben geschnitten und in kleinen Portionen entfernt wird. Anschließend bat sie ihren Körper, diesen Film als Vorbild zu nehmen und das Myom Scheibe für Scheibe zu entfernen.

Sechs Wochen später äußerte sie, das in den vorangegangenen Wochen spürbare Druckgefühl im Bauch sei verschwunden, und das Erleben, häufig und dringend Wasser lassen zu müssen, sei nicht mehr vorhanden. Geträumt habe sie, sie hätte das Myom in der Größe eines kleinen Fingernagels gesehen. Eine neue Messung des Myoms vor der Operation, knapp viereinhalb Monate nach der Diagnosestellung, ergab eine Größe von 58 mm x 52 mm x 54 mm. Der Unterschied könnte als Messungenauigkeit gedeutet werden oder als Hinweis darauf, dass sich der Tumor in Länge und Höhe reduziert hat. Die Frau selbst ging davon aus, dass sich das Myom in Folge der Autosuggestion verkleinert hatte, entschied sich aber dennoch für die Operation als einen relativ kurzen und sicheren Weg der Problembehebung.

Hypnotherapie nach den Verfahren von Milton Erickson – Ausbildung in Kaiserslautern

Ab dem 14.10.2011 bietet das Institut für Hypnosystemische Beratung (hsb) in Kaiserslautern wieder eine 24-tägige Grundausbildung „Hypnotherapie nach den Verfahren von Milton Erickson“ an. Die Seminare finden in 3-Tages-Blocks von Freitag 15.00 bis Sonntag 15.00 statt; sie sind ausgesprochen praxisbezogen und übungsorientiert. Die Ausbildung wird zertifiziert durch das Institut für Hypnosystemische Beratung Westpfalz (hsb) in Kaiserslautern.

Die Ausbildung verknüpft das Vorgehen des Hypnotherapie-Pioniers Milton Erickson mit therapeutischen Erzähltechniken und mit systemisch-konstruktivistischen Techniken der Ziel- und Auftragsklärung, der Klienten-, Ressourcen- und Lösungsorientierung.

Ziel ist es, klinisch fundierte Seminare auf höchstem Niveau anzubieten. Dazu gehört, zahlreiche formelle und informelle Induktionstechniken auch bei „schwierigen“ Hypnotisanden erfolgreich anzuwenden, therapeutische Suggestionstechniken flexibel einzusetzen und in neue Bereiche zu übertragen, ein ethisch hochstehendes und nebenwirkungssicheres Niveau der Hypnose umzusetzen, mit hohem Rapport zu arbeiten,  nonverbal und auf mehreren Ebenen gleichzeitig therapeutisch zu kommunizieren und das Einzigartige jeder Therapiesituation zu utilisieren.

Die Hypnotherapie-Ausbildung in Kaiserslautern wendet sich an Ärzte, Psychologen und Heilpraktiker sowie an Beratungspersonen anderer Berufe. Die Ausbildung ist bei der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz zur Zertifizierung für Ärzte angemeldet.

Die Kosten liegen bei 2400 Euro für 24 Tage – bis zum 31. August gilt noch eine Ermäßigung für Voraus-Zahlende von 200 Euro. Studierende zahlen jeweils die Hälfte. Die Termine, Inhalte und weitere Einzelheiten findet ihr auf meiner Webseite. Ebenfalls habe ich dort die Feedbacks früherer Ausbildungsteilnehmer veröffentlicht.

Gerne könnt ihr mich auch persönlich über die Ausbildung befragen, z.B. per Mail auf diesem Weg. Ich freue mich auf und über eure Rückmeldung!

Übrigens: Ein Beispiel für eine Hypnoseinduktion im Stil Ericksons wie sie im Rahmen dieser Ausbildung erlernt werden, könnt ihr hier anhören und ausprobieren! Im Rahmen der Induktion wird Wissen und Erfahrung darüber vermittelt, was Trance und was Hypnose ist und welche Phänomene dabei typischerweise auftreten.

HYPS-Seminare 2011 und 2012

Inzwischen ist das Seminarprogramm für den Zeitraum von diesem bis zum nächsten Herbst weitgehend fertig. Es  sind – Änderungen vorbehalten – folgende Seminare geplant. Und natürlich wäre es fantastisch, wenn der eine oder die andere von euch Lust hat, daran teilzunehmen. Die Einzelheiten erfahrt ihr entweder über die angegebenen Links oder von mir per E-mail oder Telefon (siehe ganz unten in diesem Artikel) Also…

1. Am 9.9.-11.9.2011 biete ich bei Sibylle Halder in Wien ein Seminar an über „Therapeutisches Geschichtenerzählen“.

2. Am 23.9.-24.9.2011 halte ich beim Ausbildungsinstitut wint in Münster das Seminar: „Geschichtenerfinder – Einführung in die Arbeit mit therapeutischen Geschichten„.

3. Am 8.10.2011 halte ich für das Kölner Institut für Kindertherapie (kikt) ein Seminar „Landkarten des Lebens – Lebensgeschichten neu deuten“ über die Arbeit mit therapeutischen Landkarten und Techniken, um neue Lebensdeutungen zu entwickeln.

4. Burg Fürsteneck bei Fulda bietet eine systemische Ausbildung zum Familiencoach an. Hier halte ich mit Anita Huge-Stöhr am 24.10.-26.10.2011 das Seminar „Wie sag ichs meinem Kinde“ zur Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.

5. Beim Institut für Hypnosystemische Beratung (hsb) in Kaiserslautern biete ich ab 14.10.2011 eine hypnotherapeutische Ausbildung an. Der Kurs „Hypnotherapie nach den Verfahren von Milton Erickson“ umfasst 24 Tage in 10 Monaten.

6. Bei der Internationalen Gesellschaft für Systemische Therapie (IGST) in Heidelberg halte ich am 7.11.-9.11.2011 ein Seminar unter dem Titel : „Metaphern, die heilenWie man therapeutische Geschichten findet, erfindet und erzählt„.

7. Eine zweiteilige Seminarreihe zu Therapeutischem Erzählen findet beim Institut für Hypnosystemische Beratung (hsb) in Kaiserslautern am 3.2.-5.2. und am 2.3.-4.3.2012 statt. Die Kosten liegen für 6 Tage bei 600 Euro (Studenten 50%, Frühbucher 10%).

8. Bei der Internationalen Gesellschaft für Systemische Therapie (IGST) in Heidelberg halte ich am 6.2.-8.2.2012 ein Seminar unter dem Titel: „Trance, Rapport und Suggestionen  – Grundlagen der hypno-systemischen Beratung„.

9. Beim österreichischen Verein für psycho-soziale und psychotherapeutische Aus-, Fort- und Weiterbildung (VPA) biete ich am 4.5.-5.5.2012 ein Seminar in Klagenfurt an mit Geschichten und therapeutischen Interventionen für Kinder und Jugendliche.

10. Beim Heidelberger Milton-Erickson-Institut halte ich am 26.5.-27.5.2012 wieder ein Seminar zu hypno-systemischer Arbeit mit Metaphern und Geschichten.

11. Die Akademie Burg Fürsteneck bei Fulda bietet eine systemische Ausbildung zum Arbeiten in Organisationen an. Das Seminar „Von Grashalmen und OasenWie innere Bilder uns bestimmen und wir sie“ halte ich mit Anita Huge-Stöhr am 25.6.-27.6.2012.

12. Beim Münchner Familien-Kolleg (mfk) halte ich am 6.7.-7.7.2012 ein Seminar über Therapeutische Utilisation, also über die Frage, wie man scheinbar Nutzloses nutzbar machen kann, um mit dem Problem statt gegen es Lösungen zu finden.

13. Am 24.8.-25.8.2012 halte ich beim Institut für Dialogische Arbeitsformen (ida) in Bochum ein Seminar über „Geschichten, Metaphern und die Nutzung von Externalisierungen„.

14. Beim Systemischen Curriculum an der Hochschule Zittau / Görlitz halte ich im Sommer 2012 ein Seminar über „Therapeutisches Erzählen in der Systemischen Beratung„.

15. Bei der Hauptstelle für Lebensberatung der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers halte ich am 10.9.2012 einen Seminartag zu Therapeutischem und seelsorgerlichem Erzählen.

16. Bei der Internationalen Gesellschaft für Systemische Therapie (IGST) in Heidelberg halte ich am 1.10.-3.10.2012 ein Seminar über Therapeutisches Erzählen mit Kindern und Jugendlichen.

17. Mehrere halbtägige bzw. eintägige Seminare finden bei der Ökumenischen Telefonseelsorge Pfalz sowie beim Hospizverein Kaiserslautern statt.

Wenn ihr Lust habt, an einem der Seminare teilzunehmen, oder wenn ihr Fragen dazu habt, schreibt an stefan.hammel@hsb-westpfalz.de oder ruft an unter 0631-3702093!

 

Interviews zu Metaphern und Utilisation als mp3s

Dieser Tage habe ich zwei meiner Interviews als mp3s ins Netz gestellt.

Das Interview unter dem Titel „Wenn Metaphern heilen“ befasst sich mit der Wirkung therapeutischer Metaphern. Dieses Gespräch hat der Arzt und Hypnotherapeut Dr. Marco Ramadani aus Neu-Ulm mit mir im vergangenen Jahr geführt.

Das zweite Interview ist vor etwa einem Monat live beim Sender Radio Dreyeckland gesendet worden. Das Interview unter dem Titel „Utilisation – Vom Nutzen des Unnützen“ befasst sich damit, wie wir die Ausgangssituation der Therapie und alles, was dem Klienten vertraut ist, vor allem auch die Symptome, für Lösungen nutzen können. Es wurde von dem Sozialarbeiter und Journalisten Wolfgang Grün geführt.

Die Interviews können auf der Website stefanhammel.de unter „Die Audios“ herauntergeladen werden. Ich wünsche allen Hörern viel Spaß beim Mitverfolgen des Gesprächs!

Der Rech

Kennen Sie solch eine Situation auch?

„Entschuldigen Sie vielmals“, fragte ich, „können Sie mir sagen, wo hier Frau Arnold wohnt?“ „Das ist ganz einfach. Gehen Sie hinter dem Rech nach oben, und am letzten Haus, da wohnt sie.“ „Wie bitte?“ „Ach, Sie sind nicht von hier und wissen nicht, was ein Rech ist, ja, richtig?“ „Genau.“ „Ein Rech, das ist dasselbe wie ein Sass.“

In einem Beratungsgespräch kann diese Geschichte verdeutlichen, dass Erwachsene oft das Sprachwissen von Kindern, Studierende dasjenige von Nichtstudierenden und Einheimische das Wissen  von Zugezogenen überschätzen und daher keine informative Kommunikation gelingt.

Quelle: Stefan Hammel, Der Grashalm in der Wüste, S.80

Der laute Junge

Es kam einmal ein Junge und erzählte mir:

„Meine Eltern hören mir nie zu. Sie bemerken mich nicht einmal.“

„Er redet ständig und ununterbrochen. Er redet oft und viel. Er unterbricht andere im Gespräch und will selbst nie unterbrochen werden“, erzählten die Eltern.

„Je lauter ich war, desto weniger haben sie zugehört“, sagte der Junge später. „Und je weniger sie zuhörten, desto lauter wurde ich.“ Dann wurde er leise und seine Eltern hörten ihm zu.

Die Wirkung der Sichtweisen und V erhaltensweisen innerhalb einer Familie verstärkt und erhält sich oft kreisförmig. In der Familientherapie spricht man von „zirkülärer Kausalität“ und überlegt, wie eine „Musterunterbrechung“ in der Interaktion der Familie aussehen kann. Was könnte ein Therapeut dazu beitragen, dass entweder der Junge oder seine Eltern oder beide sich für eine kleine Weile derart anders verhalten, dass die jeweils andere Partei nicht mehr gleich wie bisher reagieren kann… so dass am Ende keiner mehr das Verhalten des anderen wie bisher deuten kann und keiner mehr wie bisher reagiert… weil jeder findet, der andere habe angefangen, mit seinem unguten Verhalten aufzuhören…?

Quelle: Der Grashalm in der Wüste, S.126, Stefan Hammel

Loslassen

Ich wurde als Pfarrer ins Krankenhaus zu einem Sterbenden gerufen. Die ganze Familie war um den Mann versammelt: Seine Frau, seine Kinder und Schwiegerkinder, Geschwister und Enkel. Einige der Angehörigen weinten sehr heftig. Der Mann atmete stoßartig, mit langen Pausen. Er sah aus, als ob er schliefe. Wahrscheinlich bekam er Morphium wie viele sterbende Patienten. Was er wohl verstehen mochte, von dem, was da um ihn vorging? In seinem Gesicht konnte ich keine Reaktion erkennen. In das Gebet am Sterbebett fügte ich die Bitte ein, Gott möge dem Sterbenden oder seiner Familie die Fähigkeit schenken, einander loszulassen und Abschied zu nehmen im Wissen um all das Gute, das bleiben wird. Ich sprach einen Segen für den Sterbenden und die Umstehenden. „Loslassen ist so schwer“, ergriff die Tochter des Mannes nach einer kurzen Stille das Wort. „Ich habe gehört, wenn man loslässt, was man liebt, erst dann gehört es einem wirklich“, fügte sie hinzu. Dann schaute sie hinüber zu ihrem Vater und sagte: „Er atmet nicht mehr.“

 

Der Osterhasenengel

Wie gelingt uns der Umgang mit Verlusten? Was ist Trost? Was ist Vertröstung? Wie können wir Kindern helfen, Verlorenes auch innerlich loszulassen, und wie uns selbst? Auf der Suche nach Antworten fällt mir diese Geschichte ein…

Zu Ostern hatten uns die Großeltern zwei gasgefüllte Ballons gekauft, in Form von Hasenköpfen mit langen Ohren. Es waren Gesichter darauf gedruckt; Jeder Hase hatte zwei lange Knabberzähne und frech blinzelnde Augen. Ich war drei Jahre alt und hatte noch nie so einen Ballon gehabt. Meine Schwester hatte mehr Erfahrung, sie war schon fünf. „Pass auf, dass du deinen Hasen nicht loslässt. Sonst fliegt er fort! Wir machen die Schlinge von dem Faden um dein Handgelenk. Halte ihn gut fest!“ Ich ballte eine Faust, während sie mir die Schlinge über die Hand streifte. Ihr Hase war grün und meiner war blau. Wir standen mit meinem Großvater vor seinem Haus und bewunderten die bunten Hasen, die an unseren Armen in der Luft tanzten. Ich muss eine falsche Bewegung gemacht haben: Plötzlich schob sich die Schlinge über mein Handgelenk, vorbei an der Hand, an den Fingern – zuerst war der Hase noch dicht über uns und fast noch erreichbar, dann stieg er höher und höher. Mir wurde klar, dass niemand auf der Welt diesen Hasen zurückbringen konnte. Ich konnte ihn sehen, wie er kleiner und kleiner wurde, aber ich würde ihn niemals wieder bekommen. Mir kamen die Tränen. „Schau mal, wie schön er aussieht da oben“, sagte mein Großvater. Das überzeugte mich nicht so ganz. „Der Luftballon geht auf eine Reise“, sagte meine Schwester. „Er fliegt in den Himmel.“ Wir stellten uns vor, dass er dort Gott treffen würde und die Engel. Wie es wohl wäre, mit ihm zu reisen? Was er von da oben wohl sah? Ganz klein wurde der Hase, bis wir ihn kaum noch sehen konnten. Einen Augenblick verlor ich ihn aus den Augen, dann sah ich ihn wieder, und dann war er weg. Ich konnte ihn nicht mehr finden. Wahrscheinlich war er schon im Himmel. Vielleicht als Osterhasenengel. Noch etwas traurig ging ich mit den anderen ins Haus. „Stefans Luftballon ist zu den Engeln in den Himmel gekommen“, verkündete meine Schwester dort der Großmutter. „Ja, wirklich? Das ist ja interessant! Erzählt doch mal!“