Der Grashalm in der Fuge

„Mir träumte letzte Nacht von einem Grashalm“, sagte der Gefangene, „von einem Halm, der in einer Fuge wuchs in unserem Verlies, gerade da, wo das Licht, das durch das Sprechloch in der Türe fällt, auf unsere Mauer trifft. Das Wasser, das von unserer Kerkerdecke und den Wänden tropft, das tränkte ihn. Die Wurzeln wurden stark und drückten die Fuge kaum merklich auseinander. Da wuchs aus diesen Wurzeln dicht daneben ein zweiter Halm. Nun hängten wir den Gürtel an die Tür, so dass seine silberne Spange das Licht ein wenig ablenkte auf jenen zweiten Halm. Auch dieser wuchs und bildete kräftige Wurzeln, die die Fuge ein wenig verbreiterten. So verfuhren wir wieder und wieder, bis das Gras diesen Stein von allen Seiten umwucherte. Am Ende eines Jahres jäteten wir das Unkraut. Durch die Ritzen schien das Licht. Wir stemmten uns gegen den Stein und drückten ihn mit vereinten Kräften im Verlaufe eines Tages Zoll um Zoll nach draußen. Durch das Loch gelangten wir hinaus und waren frei.“ „Schade nur, dass in unserem Verlies keine Grashalme wachsen“, seufzte sein Mitgefangener. Der den Traum erzählt hatte, starrte für eine lange Zeit an die Wand. Dann fragte er: „Und was ist das?“

Die Geschichte vom Grashalm in der Fuge ist auch als Hypno-mp3 downloadbar, zusammen mit der Geschichte vom Mistkäfer, die bereits früher in diesem Blog veröffentlicht wurde.

Mentale Spiele III

Genervt am Arbeitsplatz?

Stellt euch doch mal vor, euer Job ist eigentlich der Drehort für einen neuen Disneyfilm, und sie sind in Wirklichkeit alle gerade damit beschäftigt, ihre Rolle einzuüben. Einige können sie schon ganz gut, während andere noch viel üben müssen. Und jetzt erst geht euch auf, warum sich manche so seltsam verhalten: Die sind gar nicht wirklich so, das ist nur ihre Rolle, auf die sie sich vorbereiten. Und schaut euch einmal um, vielleicht entdeckt Ihr auch den Produzenten, die Regisseurin, die Maskenbildnerin, und könnt euch auch deren Verhalten, über das ihr euch manchmal verwundert habt, jetzt besser erklären.

Wenn ihr das lange genug gemacht habt und keine Lust mehr darauf habt, dann gebt euch eine neue Arbeitsplatzbeschreibung. Eure Aufgabe ist in Wirklichkeit: Im Rahmen einer psychologischen Studie zu zeigen, dass Menschen, die ihr bei der Arbeit anlächelt, weniger zu unfreundlichem Verhalten neigen als solche, die ihr neutral behandelt (Kontrollgruppe). Oder eure Aufgabe ist, mit netten Leuten zu plaudern und euch an der Schönheit einiger Menschen zu erfreuen, und dabei nebenbei irgendetwas zu tun, was andere – natürlich irrtümlich – für den eigentlichen Zweck eurer Arbeit halten könnten. Oder es könnte eure Aufgabe sein, intensiv so zu tun, als sei das, was ihr arbeitet, intelligent und wichtig und mache obendrein noch Spaß.

Mentale Spiele II

Ich kannte einen Mann, der hatte die seltsame Gabe, den Unterleib beim Gehen einfach abzuschrauben. So wie ein Marmeladenglas von dem Deckel, oder umgekehrt. Der Körper lief dann neben diesem Mann einher, dieweil sein Oberkörper ihn von oben her beaufsichtigte. Manchmal entfernten sich die Beine, Bauch und Po auch einige hundert Meter, doch niemals liefen sie davon, immer kamen sie zurück. Am Ende des Spaziergangs schraubten Oberteil und Unterteil sich wieder fest zusammen. Dann sagte der Kopf: Wie froh bin ich, dass ich mir das Gejammer der Beine auf diesem langen Weg nicht habe anhören müssen. Die Beine sagten: Gut, dass wir unfreundlichen Ermahnungen und all die Durchhalteparolen des Kopfes nicht länger mit anhören mussten. Und alle waren glücklich und zufrieden und tranken gemeinsam eine Tasse Tee und erzählten sich, was sie jeder an seinem Ort auf ihrer Wanderung erlebt hatten.

Natürlich kann man mit dieser Methode beliebige Körperteile dissoziieren, auch mehrere zur gleichen Zeit und in unterschiedlichem Grad. Das Vorgehen lässt sich beim Sportmentaltraining einsetzen, beim Überstehen unangenehmer medizinischer Untersuchungen, wie überhaupt zur hypnotischen Anästhesie bzw. zur emotionalen Distanzierung von belastenden Ereignissen, wie Mobbing oder Katastropheneinsätzen. Menschen, die wiederholt Gewalt erlitten haben, entwickeln manchmal ähnliche Strategien, die durchaus Schutz bieten. Methoden wie diese können bei einigen Personen allerdings so gut funktionieren, dass sie sich selbst Schaden zufügen, etwa durch körperliche Überforderung oder verspäteten Arztbesuch.

Mentale Spiele I

Von Kindern kann man einiges lernen. Viele Kinder haben unsichtbare Freunde, die ihnen helfen. Wozu die wohl gut sind?

Haben Sie schon einmal festgestellt, dass Sie schwungvoller aufräumen, wenn Ihre unsichtbaren Begleiter – R2D2, Superman oder die 7 Zwerge – vor und neben Ihnen her Ordnung machen? Das steckt an! Haben Sie auch schon bemerkt, dass die Steuererklärung besser von der Hand geht und außerdem mehr Spaß macht, wenn 5 Klone Ihres Steuerberaters Ihnen die Materialien vorsortieren, Sie mit hilfreichen Tipps versorgen und Ihnen dabei erzählen, dass Sie die Sache im Vergleich zu einigen anderen Kunden durchaus sehr gut angehen? Wenn Sie sich in schwierigen Fragen von Siegmund Freud, Albert Einstein und John Rockefeller beraten lassen, geben Sie den drei Herren doch jeweils eine Stimme und hören Sie deren Worte laut. Voraussetzung ist natürlich, dass niemand in der Wohnung ist, der Sie für verrückt erklärt, wenn Sie mit Einstein & Co. Gespräche führen.

Gute Haltungen

Fünf Regeln, so habe ich gehört, lägen der Philosophie des Reiki zugrunde.

* Gerade heute sei nicht ärgerlich.
* Gerade heute sorge dich nicht.
* Sei freundlich zu allen Wesen.
* Verdiene dein Brot ehrlich.
* Sei dankbar für die vielen Segnungen.

Gute Haltungen für Berater, Weise, Menschenfreunde. Haltungen für alle, die das Leben lieben, und die es lieben lernen wollen.

Zwang

Die Bilder verfolgten ihn. Sie waren wie aus einem schlechten Film, den er sich nicht bewusst ausgesucht hatte, sondern in den er unversehens hineingeraten war. Wenn er an einem Kinderwagen vorbeiging, so sah er sich selbst das Kind aus dem Wagen zerren und auf dem Boden zertrampeln. Wenn er an einer schönen Frau vorbei ging, so sah er sich ihr die Kleider vom Leib reißen und sie vergewaltigen. War er mit seiner Familie zusammen, so fürchtete er sich davor, er könne plötzlich ein Messer nehmen und jemanden erstechen. War er allein zuhause, so sah er sich die Gardinen anstecken. War er im Urlaub, so fürchtete er eine Stimme Gottes zu hören, die zu ihm sagte: „Brich heute auf, gehe weg von hier, ohne Hab und Gut und verlasse dich ab heute nur noch auf mich.“ Es war eine Qual. Je mehr er die grausamen Bilder und Gedanken zu unterdrücken versuchte, desto mehr bedrängten sie ihn. Schließlich sagte er zu sich im Zorn: „Du Dummkopf hast es doch nicht anders verdient.“ Und er begann es sich in allen Einzelheiten möglichst ausführlich auszumalen: Wie er ein Kind zertrampelte. Wie er eine Frau vergewaltigte. Wie er seine Familie erstach. Wie er sein Elternhaus anzündete. Wie er sich ohne Besitz auf eine weite Reise machte. An diesem Tag verloren die Bilder ihre Kraft. Sie wurden blasser und blasser und blasser. Die Reste des alten Zwangs zeigten sich nur noch selten und schwach. Wenn sie kamen, wusste er, wie er sie begrüßte. (Nach: Der Grashalm in der Wüste, 75.)

Die authentische Fallgeschichte verwende ich als Beispiel, um Klienten zu illustrieren, wie sie Zwangsgedanken überwinden können.

Des Feindes Feind

„Der Büffel ist das gefährlichste Tier im Busch. Er ist noch gefährlicher als der Löwe. Die Begegnung mit einem Löwen kann ein Mensch ohne Waffen vielleicht überleben, aber ein Büffel – sobald er einen Menschen sieht, greift er an!“ So erzählte Mr. Mniyka. „Ich habe nur von einem einzigen Menschen gehört, der eine solche Begegnung überlebt hat“, fuhr er fort. „Dieser Mann sah einen Büffel aus dem Dickicht hervorkommen und im Galopp auf sich zustampfen. Der Mann wurde vor Schreck bewusstlos. Als er zu sich kam, sah er einen Löwen auf dem toten Büffel sitzen und gierig von seinem Fleisch fressen. Der Löwe war der Spur seines Opfers gefolgt. Er hatte die Begegnung von Büffel und Mensch vorausgesehen und den Büffel in dem Moment attackiert, als er durch seinen eigenen Angriff abgelenkt war.“

Die Geschichte erzähle ich, ähnlich wie die vom Reihel, um Menschen auf die Möglichkeit von Auswegen in ausweglosen Situationen aufmerksam zu machen. Ein Möglichkeit positiv zu denken, ist immer die, zu überlegen, was schlecht für das Schlechte ist.