Das Ziel hinterm Ziel

„Wenn ich eine Aufgabe fast zu Ende gebracht habe“, so hat mir am Samstag jemand erzählt, „dann lässt mein Interesse nach, und das letzte bisschen bleibt lange fast-fertig liegen.“

„Ich bin einmal morgens aufgewacht mit einer Magen-Darm-Grippe“, habe ich gesagt. „Mir war schlecht, und wahrscheinlich müsste ich mich irgendwann übergeben. Solange ich im Bett lag, war relative Ruhe. Als ich mich dann entschloss, zur Toilette zu gehen, musste ich laufen, weil es schneller herannahte, und je schneller ich lief, desto schneller kam es. Ich machte einen Wettlauf mit der Übelkeit, und die Übelkeit gewann. Eine Stunde später war es wieder soweit. Um das Debakel vom vorigen Mal zu vermeiden, malte ich mir aus, die Toilette sei zehn Meter hinter ihrem eigentlichen Ort und ging betont langsam. Als ich ankam, hatte ich noch Zeit übrig.

Ein Karatekünstler, der einen Ziegelstein durchschlägt, wird sich vorstellen, der Stein sei hinter dem Ort, wo er ihn sieht; und ein Läufer wird gut daran tun, sein persönliches Ziel hinter der Ziellinie anzusetzen, damit er die Linie mit der größtmöglichen Geschwindigkeit durchläuft.“

Morbus Feivel

Habe ich nicht schon mal was zum Thema „Ansteckende Gesundheit“ geschrieben“? Doch, am 4. Mai war das. Hier ist noch was dazu. Eine Hypno-MP3 über ansteckende Gesundheit und Morbus Feivel gibt es übrigens auch, im Download-Bereich meiner Autorenseite. Aber jetzt erstmal die Geschichte von Schlemihl aus Chełm und von Feivel dem Arzt.

Die Stadt Chełm wurde zur Brutstätte einer seltsamen Epidemie. Das kam so. Angesichts der vielen und vielfältigen Erkrankungen in seiner Stadt bedachte Feivel der Arzt einmal, wie viel schneller und leichter es mit Blick auf die wenigen wirklich gesunden Bürger sein dürfte, anstatt zu untersuchen, welcher der Bürger an welcher Krankheit litte, vielmehr nur festzustellen, wer von einer Gesundheit befallen sei und – damit die Arbeit nicht unangemessen einfach würde – mit welcher Art von Gesundheit dieser Bürger befallen sei. Weiterlesen

Wie finde ich eine passende Geschichte? (VI)

Was macht eigentlich eine therapeutische Geschichte aus?

Die Kunst des beratenden Erzählens besteht nicht darin, Geschichten zu finden, die an sich schon „therapeutisch“ wären, sondern darin, durch eine Art metaphorisches Träumen zu schon vorhandenen Geschichten die passende Situation zu finden und zu schon vorhandenen Situationen die passende Geschichte – und die Geschichten gegebenenfalls noch der Situation anzupassen. Weiterlesen

Der Archivar

Sucht ihr manchmal nach einem Namen, und er fällt euch nicht ein? Und dann tut ihr irgendetwas anderes und denkt gar nicht mehr daran, und plötzlich – Poff! – habt ihr den Namen! Ohne dass ihr gerade daran dachtet… Ist es nicht seltsam, dass man die Lösung beim Suchen nicht findet, nach dem Suchen aber wohl? Wie kann denn das sein? Es gibt nur eine Antwort… Weiterlesen

Im Lande Begonien

Die Sache von gestern nochmal in eine Geschichte gefasst:

Als Reisender musste ich einmal das Land Begonien durchqueren. Sie haben dort einen wirklich seltsamen Brauch. Es gibt dort nämlich an den Straßen und Wegen des Landes keinerlei Hinweisschilder, die dir helfen könnten, von Dorf zu Dorf oder von einer Stadt zur nächsten zu finden. An jeder Straßenkreuzung aber stehen Blumen, die du fragen kannst, um von ihnen Auskunft zu erhalten. Nach der Art, wie sie dir Auskunft geben, unterscheidet man Weiser, Wegweiser und Hinweiser. Die Hinweiser sind besonders angenehm für all jene Reisenden, die nur einfach möglichst schnell und bequem zu ihrem Ziel kommen wollen. Sie sagen dir freundlich, wohin du gehen sollst. Die Wegweiser sind oft grob und ungehobelt in ihrer Sprache. Sie können sehr gehässig klingen. Nichtsdestoweniger können auch sie sehr nützlich sein. Sie sagen dir, wohin du keinesfalls gehen sollst, so du Unglück und Verderben von dir fernhalten willst. Die Weiser schließlich reden zu dir auf eine seltsame Weise. Sie sprechen in Rätseln. Sie beginnen, dir einen Weg zu weisen und fahren fort mit dem anderen. Sie erzählen dir vom Ziel, doch nicht, wie du dieses erreichst. Sie stellen dir Fragen anstatt dir zu antworten. Sie erzählen dir Dinge, deren Sinn du erst später verstehst. Manche Reisende halten das, was die Weiser sagen, für lauter unnützes Zeug. Doch einige finden erst durch die Weiser ihr Ziel. (Der Grashalm in der Wüste, 70)

Lesenswert: Der Grashalm in der Wüste

Der letzte Buchtipp dieser Reihe. Ob das Buch lesenswert ist, das müssen eigentlich andere entscheiden. Mindestens bekomme ich viele positive Rückmeldungen und stelle fest, dass es sich gut verkauft. Ich kenne viele Leute, die die Geschichten aus dem Grashalm-Buch selbst weitererzählen, und ich vermute, dass sich manche Geschichten in der großen, weiten Welt schon bis zur Unkenntlichkeit gegenüber der Originalversion verändert haben.

Mit ganzem Titel heißt es ja: „Der Grashalm in der Wüste 100 Geschichten aus Beratung, Therapie und Seelsorge“ – und stammt von, na, mir halt. Das Buch präsentiert Methoden zur Schaffung neuer Sichtweisen in erzählender Form. Also, es erzählt eine Geschichte aus Geschichten über Geschichten. Es illustriert nebenbei, wie man hypnotisch wirksame Geschichten findet und erfindet, wie man sie erzählt, und wem man sie wann erzählt. Man kann es lesen wie einen Roman (ich glaube, „Sofies Welt“ ist so verfasst), wie die Märchen aus 1001 Nacht oder als „Fachbuch durch die Hintertür“. Über die Kommentare und Register im Anhang kann man nämlich systematisch nach Geschichten zu bestimmten Themen suchen. Die meisten Käufer sind Berater und Therapeuten, aber auch einige Normalos und Jugendliche lieben das Buch.

Freunde haben mich ermahnt, die Überschneidungen zwischen Buch und Blog nicht zu groß werden zu lassen, damit nicht das eine das andere ersetzt. Das tue ich auch, mit momentan rund 10 % gemeinsamem Material.

Weitere Informationen zu dem Buch gibt es hier, und einen Teil der Geschichten gibt es, wie bekannt, auch als Hörbuch.

Stefan Hammel, Der Grashalm in der Wüste: 100 Geschichten aus Beratung, Therapie und Seelsorge.
Nierstein (impress) 2006.

Lesenswert: Hoffsümmers Kurzgeschichten

Das ist der zweitletzte Beitrag der Reihe über Kurzgeschichtensammlungen.

1800 Geschichten – die größte deutschsprachige Sammlung metaphorischer Ultrakurzgeschichten dürfte die von Willi Hoffsümmer sein. Eigentlich ist die Sammlung für das kirchliche Umfeld geschrieben, und so findet sich ein besonderer Schwerpunkt von Geschichten mit religiösen und ethischen Fragestellungen. „Kurzgeschichten 1, 255 Kurzgeschichten für Gottesdienst, Schule und Gruppe“, so heißt der Titel des ersten von acht Bänden. Die weiteren Bände sind in der gleichen schlichten Weise überschrieben.

Wahrscheinlich zur Umgehung des Copyrights gibt Hoffsümmer die Geschichten in eigenen Worten gekürzt wieder – und gerade dadurch erhöht sich die Einprägsamkeit und die Anwendbarkeit der Geschichten für Beratung und Therapie. Inzwischen sind die ersten fünf Bände – das sind über 1000 Geschichten – auch in digitaler Form erhältlich, was das suchen von Geschichten nach Schlagworten nochmals vereinfacht. Allerdings sind auch die Bücher schon mit ausführlichen Registern versehen, die natürlich nicht unter therapeutischen Gesichtspunkten, sondern nach Kriterien von Seelsorgern, Religions- und Ethiklehrern sortiert sind.

Ein riesiges, wertvolles Nachschlagewerk für alle, die mit Metaphern und Besipielgeschichten arbeiten!

Willi Hoffsümmer (Hrsg.), Kurzgeschichten 1, 255 Kurzgeschichten für Gottesdienst, Schule und Gruppe. Mainz (Grünewald) 1999. Sieben weitere Bände sind erschienen.

Willi Hoffsümmer (Hrsg.), Mehr als 1000 Kurzgeschichten, CD-ROM. Mainz (Grünewald) 2000.

Lesenswert: Handbook of Hypnotic Suggestions

Das hier ist der drittletzte Beitrag meiner Reihe zu Geschichten- sammlungen für Berater…

Corydon Hammond’s „Handbook of Hypnotic Suggestions and Metaphors“ ist die beste und umfangreichste Sammlung hypnotischer Verfahren auf dem Markt. Da gibt es für mich keine Diskussion. Da müsste mir jemand erstmal etwas Besseres nennen. Das ist eine Enzyklopädie mit Hypnose-Skripten zu gesundheitlichen, psychologischen, sozialen und beruflichen Zielsetzungen. Ein phantastisches Nachschlagewerk: Ob Daumenlutschen oder Nagelbeißen, tropfende oder trockene Nase, Haarereißen, Tourette-Syndrom, Tinnitus, Heuschnupfen oder Asthma, es steht was drin. Ob es um mathematische Referate geht, um sportliches Mentaltraining oder um künstlerische Verfeinerung – da steht’s geschrieben. Ob Sexualstörungen oder Deprogrammierung gehirngewaschener Sektenaussteiger, das Buch liefert Ideen. Auch zu suggestiven Grundmethoden, unabhängig von allen spezifischen Fragen, ist ein großer Abschnitt vorhanden.

Der einzige Haken ist, dass das Buch auf Englisch geschrieben und nicht in deutscher Übersetzung erhältlich ist. Ob’s aber ein Nachteil ist? Bis ich nämlich ein Hypnoseskript schriftlich übersetzt habe, habe ich es auch schon verinnerlicht und viele Ideen zu seiner individuellen Umsetzung gewonnen.

Nochmal: Für Hypnotherapeuten, die auf lange Zeit hin ihre Fähigkeiten erweitern möchten, ist dieses Buch das beste, was es gibt. Und wahrscheinlich auch für manche, die sich privat für Hypnose interessieren, äußerst spannend zum Stöbern!

D. Corydon Hammond (ed.), Handbook of Hypnotic Suggestions and Metaphors.
New York, London (Norton) 1990

Die Geiß retten

„Kehr an der nächsten Straßenkreuzung um! Wir müssen der Geiß helfen!“ sagte meine Freundin eindringlich. Rechts von uns war an der Straße eine hohe Stützmauer zu sehen, darüber auf einer Wiese eine Herde grasender Ziegen. Eine einzige junge Ziege stand verloren unter der Mauer. War sie heruntergefallen? War sie in jugendlicher Selbstüberschätzung einfach heruntergesprungen? Offensichtlich konnte sie nicht mehr zurück zu den Anderen. Ratlos und einsam stand sie am Straßenrand. Wir machten kehrt. Verbotsschilder und Einbahnstraßen verwiesen uns auf einen längeren Umweg, aber schließlich kamen wir doch wieder an den Ort. Die Ziege stand noch an genau demselben Platz. Langsam näherten wir uns. Sie sah uns an, sah nach oben – und war mit einem flinken Sprung wieder bei den anderen.

Ventile

Es gibt Ingenieure, die konstruieren Ventile. Sie konstruieren nichts als Ventile, den ganzen Tag. Nun könnte einer meinen: Das ist doch langweilig, sich so viel mit Ventilen zu beschäftigen. Aber es ist ein sehr interessantes Feld. Da gibt es Ventile für Luft und Ventile für Weiterlesen