Lesenswert: Der weiße Neger Wumbaba

Die Freud’schen Versprecher hat Sigismund entdeckt und die Freud’schen Fehlhandlungen auch, aber die Verhörer hat er übersehen. Axel Hacke holt das für ihn nach: „Der weiße Neger Wumbaba, Kleines Handbuch des Verhörens“ und „Der weiße Neger Wumbaba kehrt zurück, Zweites Handbuch des Verhörens“ heißen seine einschlägigen Werke. Michael Sowa hat sie illustriert.

Das Buch ist zugegebenermaßen nicht als Beratungsliteratur und schon gar nicht als psychologisches Buch konzipiert. Aber ich finde es wertvoll, weil es sich mit Wahrnehmung und Deutung und mit den Richtig-Leistungen des Unbewussten befasst und erlaube mir darum, es in diesem Blog vorzustellen. Übrigens: Die Figur, die dem Buch seinen Namen gegeben hat, entstammt einem deutschen Volkslied:

Der Mond ist aufgegangen,
die güldnen Sternlein prangen
am Himmel hell und klar.
Der Wald steht schwarz und schweiget
und aus den Wiesen steiget
der weiße Neger Wumbaba.

So oder ähnlich hat es Matthias Claudius gedichtet. Wir lernen in den Bänden, wer in Erkorn gewohnt hat:

Euch ist ein Kindlein heut geborn
von einer Jungfrau aus Erkorn

und werden ermuntert:

Lasst uns froh und Monster sein!

Das Ganze ist unterhaltsam. Hacke vertritt die These, dass die Verhörer entstehen, weil das, was dabei herauskommt, schöner, reicher und wertvoller ist, als die banale Wirklichkeit. Meine Erfahrung ist, dass ein Verhörer oft eine zweite Bedeutung ergibt, die tiefer wahr ist als die offiziell Gemeinte. Das kann daran liegen, dass der Sprecher sich undeutlich ausgedrückt hat, so dass seine Aussprache tatsächlich ein wenig zwischen den Bedeutungen lag. Es kann auch daran liegen, dass das Unbewusste des Hörenden auf eine Bedeutung stößt, die mehr Sinn ergibt als die vorderhand Gemeinte und sie dem Hörenden nicht vorenthalten will.

Verhörer sind wertvoll – und wenn man als Berater den Gesprächs- partnern erzählt, was man da so „verhört“ hat, ergibt sich oft ein Gespräch über eine zweite Ebene, auf der das Gesagte verstanden werden kann. Das hier macht einfach Spaß:

Axel Hacke und Michael Sowa:
Der weiße Neger Wumbaba, Kleines Handbuch des Verhörens

Axel Hacke und Michael Sowa:
Der weiße Neger Wumbaba kehrt zurück, Zweites Handbuch des Verhörens

Lesenswert: MiniMax-Interventionen

Bei keinem Reisebüro wird man einen Flug mit dem Zielflughafen „Nicht mehr dieses deprimierende Glasgow“ buchen können. Da muss man sich in der Regel etwas klarer und positiver äußern. Wenn Menschen von einem Psychotherapeuten nach ihren Therapiezielen gefragt werden…

So beginnt Manfred Prior seine Überlegungen zum Thema „Sondern…?“. In seinem Buch „MiniMax-Interventionen – 15 minimale Interventionen mit maximaler Wirkung“ demonstriert er, wie Berater mit scheinbar winzigen Verschiebungen der Aufmerksamkeit einem Gespräch eine völlig neue Wendung geben können. Das Buch zeigt tatsächlich, wie man mit geringem Aufwand viel erreicht – nicht nur für die Klienten, sondern auch für sich selbst, da es sich mit einer solchen Art, Gespräche zu führen – einmal gelernt – mit Sicherheit viel leichter berät.

Große Empfehlung!

Manfred Prior, MiniMax-Interventionen: 15 minimale Interventionen mit maximaler Wirkung.
Heidelberg (Carl-Auer-Systeme) 2004

Lesenswert: Der Grashalm in der Wüste

Der letzte Buchtipp dieser Reihe. Ob das Buch lesenswert ist, das müssen eigentlich andere entscheiden. Mindestens bekomme ich viele positive Rückmeldungen und stelle fest, dass es sich gut verkauft. Ich kenne viele Leute, die die Geschichten aus dem Grashalm-Buch selbst weitererzählen, und ich vermute, dass sich manche Geschichten in der großen, weiten Welt schon bis zur Unkenntlichkeit gegenüber der Originalversion verändert haben.

Mit ganzem Titel heißt es ja: „Der Grashalm in der Wüste 100 Geschichten aus Beratung, Therapie und Seelsorge“ – und stammt von, na, mir halt. Das Buch präsentiert Methoden zur Schaffung neuer Sichtweisen in erzählender Form. Also, es erzählt eine Geschichte aus Geschichten über Geschichten. Es illustriert nebenbei, wie man hypnotisch wirksame Geschichten findet und erfindet, wie man sie erzählt, und wem man sie wann erzählt. Man kann es lesen wie einen Roman (ich glaube, „Sofies Welt“ ist so verfasst), wie die Märchen aus 1001 Nacht oder als „Fachbuch durch die Hintertür“. Über die Kommentare und Register im Anhang kann man nämlich systematisch nach Geschichten zu bestimmten Themen suchen. Die meisten Käufer sind Berater und Therapeuten, aber auch einige Normalos und Jugendliche lieben das Buch.

Freunde haben mich ermahnt, die Überschneidungen zwischen Buch und Blog nicht zu groß werden zu lassen, damit nicht das eine das andere ersetzt. Das tue ich auch, mit momentan rund 10 % gemeinsamem Material.

Weitere Informationen zu dem Buch gibt es hier, und einen Teil der Geschichten gibt es, wie bekannt, auch als Hörbuch.

Stefan Hammel, Der Grashalm in der Wüste: 100 Geschichten aus Beratung, Therapie und Seelsorge.
Nierstein (impress) 2006.

Lesenswert: Hoffsümmers Kurzgeschichten

Das ist der zweitletzte Beitrag der Reihe über Kurzgeschichtensammlungen.

1800 Geschichten – die größte deutschsprachige Sammlung metaphorischer Ultrakurzgeschichten dürfte die von Willi Hoffsümmer sein. Eigentlich ist die Sammlung für das kirchliche Umfeld geschrieben, und so findet sich ein besonderer Schwerpunkt von Geschichten mit religiösen und ethischen Fragestellungen. „Kurzgeschichten 1, 255 Kurzgeschichten für Gottesdienst, Schule und Gruppe“, so heißt der Titel des ersten von acht Bänden. Die weiteren Bände sind in der gleichen schlichten Weise überschrieben.

Wahrscheinlich zur Umgehung des Copyrights gibt Hoffsümmer die Geschichten in eigenen Worten gekürzt wieder – und gerade dadurch erhöht sich die Einprägsamkeit und die Anwendbarkeit der Geschichten für Beratung und Therapie. Inzwischen sind die ersten fünf Bände – das sind über 1000 Geschichten – auch in digitaler Form erhältlich, was das suchen von Geschichten nach Schlagworten nochmals vereinfacht. Allerdings sind auch die Bücher schon mit ausführlichen Registern versehen, die natürlich nicht unter therapeutischen Gesichtspunkten, sondern nach Kriterien von Seelsorgern, Religions- und Ethiklehrern sortiert sind.

Ein riesiges, wertvolles Nachschlagewerk für alle, die mit Metaphern und Besipielgeschichten arbeiten!

Willi Hoffsümmer (Hrsg.), Kurzgeschichten 1, 255 Kurzgeschichten für Gottesdienst, Schule und Gruppe. Mainz (Grünewald) 1999. Sieben weitere Bände sind erschienen.

Willi Hoffsümmer (Hrsg.), Mehr als 1000 Kurzgeschichten, CD-ROM. Mainz (Grünewald) 2000.

Lesenswert: Handbook of Hypnotic Suggestions

Das hier ist der drittletzte Beitrag meiner Reihe zu Geschichten- sammlungen für Berater…

Corydon Hammond’s „Handbook of Hypnotic Suggestions and Metaphors“ ist die beste und umfangreichste Sammlung hypnotischer Verfahren auf dem Markt. Da gibt es für mich keine Diskussion. Da müsste mir jemand erstmal etwas Besseres nennen. Das ist eine Enzyklopädie mit Hypnose-Skripten zu gesundheitlichen, psychologischen, sozialen und beruflichen Zielsetzungen. Ein phantastisches Nachschlagewerk: Ob Daumenlutschen oder Nagelbeißen, tropfende oder trockene Nase, Haarereißen, Tourette-Syndrom, Tinnitus, Heuschnupfen oder Asthma, es steht was drin. Ob es um mathematische Referate geht, um sportliches Mentaltraining oder um künstlerische Verfeinerung – da steht’s geschrieben. Ob Sexualstörungen oder Deprogrammierung gehirngewaschener Sektenaussteiger, das Buch liefert Ideen. Auch zu suggestiven Grundmethoden, unabhängig von allen spezifischen Fragen, ist ein großer Abschnitt vorhanden.

Der einzige Haken ist, dass das Buch auf Englisch geschrieben und nicht in deutscher Übersetzung erhältlich ist. Ob’s aber ein Nachteil ist? Bis ich nämlich ein Hypnoseskript schriftlich übersetzt habe, habe ich es auch schon verinnerlicht und viele Ideen zu seiner individuellen Umsetzung gewonnen.

Nochmal: Für Hypnotherapeuten, die auf lange Zeit hin ihre Fähigkeiten erweitern möchten, ist dieses Buch das beste, was es gibt. Und wahrscheinlich auch für manche, die sich privat für Hypnose interessieren, äußerst spannend zum Stöbern!

D. Corydon Hammond (ed.), Handbook of Hypnotic Suggestions and Metaphors.
New York, London (Norton) 1990

Lesenswert: Metaphern für Führungskräfte

Das ist der viertletzte Buchtipp zu Geschichtensammlungen für Beratung und Therapie. Ein paar schöne Sammlungen kommen noch. Die Reihe geht bis Montag. Danach wieder wöchentlich, wie vorher.

Das Buch von Matthias Nöllke heißt mit vollem Titel „Anekdoten, Geschichten, Metaphern für Führungskräfte. Nach einer Einleitung, dier erklärt, warum und wie erzählte Geschichten im Alltag von Organisationen nützlich werden können, wird eine große Sammlung von Ultrakurzgeschichten aus den verschiedensten Hintergründen angeboten. Die 400-seitige Sammlung ist gegliedert nach Zielgruppen („die Führungspersönlichkeit“, „die Mitarbeiter“, „die Organisation“) und Grundthemen („Betriebsklima“ „Mitarbeiter informieren“, „Perfektionismus“). Die Geschichten sind mit Schlagworten und mit einer kurzen Erklärung versehen, aus der deutlich wird, in welchen Zusammenhängen die Geschichte nutzbringend eingesetzt werden kann. Eine CD-ROM mit den Texten und einer Suchfunktion wird mitgeliefert.

Gut geschrieben, konzentriert, anwendungsbezogen, gut zum Auffinden von Geschichten!

Matthias Nöllke, Anekdoten, Metaphern, Geschichten für Führungskräfte.
Freiburg, Berlin, München (Haufe) 2002

Lesenswert: Der Kaufmann und der Papagei

„Der Kaufmann und der Papagei: Orientalische Geschichten in der Positiven Psychotherapie“ – Das Buch ist schon ein Klassiker. Man hat Nossrat Peseschkian vorgeworfen, seine Sammlung orientalischer Geschichten bestehe nicht durchweg aus echten Märchen, er habe viel mehr die, die er gerade brauchte, nachträglich dazuerfunden. Wenn aber ein Orientale Märchen erfindet, so frage ich mich, was sind sie dann, wenn nicht orientalische Märchen? Peseschkian demonstriert, wie die Orientalen seit Jahrtausenden Pädagogik, Beratung und Therapie betreiben – mit Geschichten.

Nossrat Peseschkian, Der Kaufmann und der Papagei: Orientalische Geschichten in der Positiven Psychotherapie.
Frankfurt (Fischer) 2003

Lesenswert: 1001 Nacht

Er konnte sich nicht enthalten, laut auszurufen: „Lieber Gott, warum können die einen in Lust und Freude leben, während sich die anderen mühevoll durchs Leben schlagen müssen? Was hat Sindbad der Seefahrer getan, dass er ohne Mühe und Sorgen leben darf? Was aber habe ich verbrochen, dass du mein Schicksal so mühevoll und freudlos gestaltest?“ Während Sindbad, der Lastträger noch mit seinem Schicksal haderte, kam einer der Diener auf ihn zu. Er ergriff ihn heftig beim Arm und sagte: „Komm sofort mit! Sindbad, mein Gebieter, will dich sprechen!“ Der Lastträger folgte dem Diener in einen großen Saal. Da war Sindbad der Seefahrer. „Sei mir willkommen“, erwiderte der Greis. „Nun wiederhole mir die Worte, die du vorhin auf der Straße sagtest.“ Er hatte nämlich durch das offene Fenster die Worte des Lastträgers gehört…

Wer lernen will, mit Geschichten zu beraten, zu erziehen oder zu therapieren, kann von der orientalischen Erzählkunst viel lernen. Zum einen, wie man suggestive Prozesse so unterhaltsam gestaltet, dass die Hörer vergessen, dass sie beeinflusst werden – und am Ende wohl gar therapiert.

Der einführende Erzählabschnitt kann in der Beratung überall dort genutzt werden, wo Neid auf andere und Hader mit der eigenen Biographie eine Rolle spielen. Sindbad der Seefahrer wird Sindbad dem Lastträger erzählen, welche Mühen und Gefahren er ausgestanden hat, bevor er seinen Lebensabend in Reichtum genießen konnte. Und die beiden Sindbads – die ja womöglich zwei Figuren einer inneren „Familie“ sind, oder auch zwei widerstreitende Stimmen eines inneren Parlaments – die können etwas voneinander lernen. Man muss nur miteinander ins Gespräch kommen, respektive mit sich selbst und seinen vielerlei Ichs.

Die Märchen aus 1001 Nacht sind die klassische Sammlung orientalischer Erzählkunst in Europa. Ob man mit solchen Märchen Therapie machen kann? Natürlich kann man. Sie sind entstanden als Worte von Weisen. Sie waren von Anfang an Beratung, Therapie und Erziehung zur Lebenskunst.

Darum empfehle ich:

Märchen aus 1001 Nacht

Und natürlich gibt’s das auch als Hörbuch:

Lesenswert: Der Findefuchs

Irina Korschunow hat das Kinderbuch geschrieben, ich glaube vor allem für Patchwork-, Stief- und Adoptivkinder und für die Geschwister von Adoptivkindern. Es heißt „Der Findefuchs – Wie der kleine Fuchs eine Mutter bekam“. Es ist, ehrlich gesagt, auch eine Geschichte für Erwachsene, eine, die ans Herz geht. Sie ist ganz kurz; man kann sie gut am Anfang oder Schluss einer Kindertherapiestunde vorlesen. Sie ist auch geeignet, um Pflegeeltern Mut zu machen im Kampf mit nervigen Behörden, Verwandten, Nachbarn und im Umgang mit Streitigkeiten zwischen den untereinander nicht verwandten Kindern. Die Erzählung stärkt das Empfinden für Zusammengehörigkeit bei Kindern und zeigt, dass Liebe zu einem Kind nicht unbedingt an Blutsverwandtschaft gebunden ist.

Die Geschichte geht so: Eine Füchsin findet ein verlassenes Fuchskind im Gebüsch und trägt es unter vielen Gefahren in ihren Fuchsbau zu ihren drei eigenen Fuchskindern. Die Nachbarfüchsin rät ihr, das Kind wieder auszusetzen. Als die Füchsin am nächsten Tag ihre vier Kinder beschnüffelt, kann sie den Findefuchs nicht mehr herausschnüffeln. Er riecht schon genauso wie die anderen.

Ein ausgezeichnetes Buch mit sehr schönen Bildern!

Irina Koschunow, Der Findefuchs: Wie der kleine Fuchs eine Mutter bekam. Mit Bildern von Reinhard Michl
München (dtv) 1982

Lesenswert: 75 Fabeln für Zeitgenossen

Das Buch von James Thurber „75 Fabeln für Zeitgenossen“ ist schon 40 Jahre alt, also für einige von uns schon gar nicht mehr so zeitgenössisch. Aber zum Glück veralten Fabeln nie. Zeitgenössisch an Thurbers zeitgenössischen Fabeln ist auch eher die moderne, leichte, heitere Sprache, die dazu beigetragen hat, Thurber und seine Fabeln bekannt zu machen. Charakteristisch ist sein englischer Humor; viele Fabeln sind schwarzes, etwa nach dem Motto: „Always look on the bright side of life“. Gerade deshalb eignen sie sich als humorvoll „warnende Metaphern“ (ein Ausdruck von Bandler und Grinder). Obwohl unter den Fabeln eine „Moral“ steht, wirkt das Buch nicht „moralisch“, eher führt es ein in die Kunst des Überlebens – als Schaf unter Wölfen, oder auch als Fliege…

Eine große Spinne hatte in einem alten Haus ein schönes Netz gewoben, um Fliegen zu fangen. Jedesmal, wenn eine Fliege sich auf dem Netz niederließ und darin hängenblieb, verzehrte die Spinne sie schleunigst, damit andere Fliegen, die vorbeikamen, denken sollten, das Netz sei ein sicherer und gemütlicher Platz. Eines Tages schwirrte eine ziemlich intelligente Fliege so lange um das Netz herum, ohne es zu berühren, daß die Spinne schließlich hervorkroch und sagte: „Komm, ruh dich ein bißchen bei mir aus.“ Aber die Fliege ließ sich nicht übertölpeln. „Ich setze mich nur an Stellen, wo ich andere Fliegen sehe“, antwortete sie, „und ich sehe bei dir keine anderen Fliegen.“ Damit flog sie weiter, bis sie an eine Stelle kam, wo sehr viele Fliegen saßen. Sie wollte sich gerade zu ihnen gesellen, als eine Biene ihr zurief: „Halt, du Idiot, hier ist Fliegenleim. Alle diese Fliegen sitzen rettungslos fest.“ „Red keinen Unsinn“, sagte die Fliege. „Sie tanzen doch.“ Damit ließ sie sich nieder und blieb auf dem Fliegenleim kleben wie all die anderen Fliegen. (S.8)

James Thurber, 75 Fabeln für Zeitgenossen.
Hamburg (Rowohlt) 1967