Das ausgewechselte Gedächtnis

Ein Freund erzählte mir neulich, er habe früher ein ausgezeichnetes Gedächtnis gehabt, jetzt aber sei sein Gedächtnis schlecht geworden. Beispielsweise habe er früher einmal ein Lied verfasst, das er gerne wieder einmal singen wolle, aber er habe den größten Teil des Liedes vergessen.

Ich laberte ihn mit einem Vortrag über sein Gedächtnis in Trance. Sinngemäß sagte ich zu ihm: „Wenn du früher einmal ein gutes Gedächtnis hattest, dann hast du es auch jetzt. Du hast nur gerade keinen Zugang dazu. Das liegt wahrscheinlich daran, dass du behauptest, kein gutes Gedächtnis zu haben, so dass du glaubst es sei so, so dass es auf einer oberflächlichen Ebene tatsächlich so ist. Wenn du dir stattdessen Geschichten darüber erzählst, wie gut dein Gedächtnis ist, wirst du innerhalb von Minuten bemerken können, dass dein Gedächtnis besser wird. Tatsächlich ist dein Gedächtnis immer gut, wenn es dir wichtig ist, dich zu erinnern. Wenn es scheinbar nicht gut ist, dann ist es dir nur gerade nicht wichtig, dich an etwas zu erinnern – oder es ist dir eine Zeitlang nicht wichtig gewesen, dich zu erinnern, und danach hast du deine Meinung darüber geändert, und es ist dir erst später wieder wichtig geworden. Du kannst das Gedächtnis für dieses Lied aber wiedergewinnen. Schreib einfach die Zeilen und Fragmente auf, die du noch weißt, in der Reihenfolge, die du am ehesten für richtig hältst. Dann beschäftigt sich dein Unbewusstes nur noch mit den Zeilen, die noch fehlen, und es hat seine Brückenpfeiler gebaut von den Zeilen, die du schon bewusst weißt zu denen, die du noch finden willst. Das ist wie ein Puzzle, das immer leichter zu lösen ist, je mehr Teile du schon gefünden und ineinandergefügt hast.

Der Freund sagte: Das probiere ich aus. Er suchte sich Stift und Papier und begann zu schreiben. Nach fünf Minuten nahm er seine Gitarre und sang das ganze Lied.

Ausbildung „Hypnotherapie nach den Verfahren von Milton Erickson“ in Kaiserslautern

Am 9.-11. Oktober findet das zweite und für dieses Jahr letztmögliche Einstiegsseminar zur Ausbildungsreihe „Hypnotherapie nach den Verfahren von Milton Erickson“ statt. Die Ausbildung umfasst 24 Tage (200 Stunden) . Jedes der 8 Drei-Tages-Seminare kostet 300 Euro, für Studierende die Hälfte. Eine günstige Unterbringung ist nach Absprache im Institut für Hypno-Systemische Beratung in Kaiserslautern möglich. Die Ausbildung, die sich über einen Zeitrahmen von einem Jahr erstreckt, wird vom Institut für Hypno-Systemische Beratung zertifiziert und diplomiert.

Näheres zu den Ausbildungsinhalten und -terminen gibt es auf der Website des hsb oder auf Anfrage per Mail oder Telefon (06 31 – 370 20 93).

Das Symptom wegsingen

Neulich hat mir ein Freund die folgende Geschichte erzählt…

„Wir gingen spazieren. Meine Frau Carola hatte einen starken Schluckauf. Ich fing an, im Rhythmus zu unseren Schritten zu singen und bat sie darum, ihren Schluckauf in das Lied einzubringen, indem sie ihn rhythmisch zwischen den Liedzeilen einfügte. Beim ersten Mal kam der Schluckauf genau an der richtigen Stelle. Ich lobte sie und forderte sie auf, so weiter zu machen. Beim zweiten Mal musste ich warten, bis sie ihren Schluckauf eingefügt hatte. Ich bat sie um eine korrekte Beachtung des Taktes. Innerhalb von weniger als einer Minute verschwand der Schluckauf.“

Die Geschichte illustriert eine  Interventionsform aus der systemischen Therapie (wie auch aus der Hypnotherapie Milton Ericksons), die Symptomverschreibung. In diesem Beispiel wird das Symptom nicht nur gefordert, sondern außerdem noch instrumentalisiert und ritualisiert. Dabei wird das zunächst unwillkürlich auftretende Symptom in den Dienst absichtsvollen Handelns gestellt. Weil es nicht möglich ist, einen Schluckauf bewusst zu gestalten, kollabiert das Symptom.

Metaphernseminar beim Milton-Erickson-Institut Heidelberg

In gut anderthalb Wochen, vom 2. bis 3. Oktober halte ich beim Milton-Erickson-Institut Heidelberg ein Geschichten-Erzähl-Seminar. Der Titel des Seminars lautet:

Die Kraft von Metaphern im System und mit System – Geschichten entwickeln als wirksame Intervention für Therapie, Coaching, Unterricht und Seelsorge.

Das Seminar wendet sich unter anderem an System- und Hypnotherapeuten, die lernen möchten, während der Beratung spontan therapeutische Geschichten zu entwickeln und diese sofort ins  Gespräch einzubringen – oder auch zuhause in aller Ruhe für die Klienten Metaphern zu erdenken und ihnen diese dann vorzutragen. Die Fortbildung ist anerkannt als C-Seminar im Rahmen des M.E.G.-Curriculums.

Der Teilnehmerbeitrag liegt bei 250 Euro, und es sind noch einige Plätze frei. Die Resonanz bei einem ähnlichen Seminar im vergangenen Jahr war äußerst positiv, und ich denke, wir werden wieder viel Spaß miteinander haben. Wer sich also jetzt anmelden möchte, hat noch die Möglichkeit. Der offizielle Ausschreibungstext lautet so:

Therapeutisches Erzählen ist seit jeher ein zentraler Bestandteil von Hypnotherapie, Systemik und vielen anderen Beratungsformen. Der Einsatz von Metaphern- und Beispielgeschichten ist aus dem alten Orient bekannt und ist bis heute eine der wirksamsten Beratungsformen. Die Geschichten werden vom Berater erzählt oder vom Klienten eingebracht und vom Berater reframed, oder sie werden von den Gesprächspartnern gemeinsam entwickelt. Nur, wie entdecke ich eine nützliche Geschichte und wie erzähle ich sie? Per Musenkuß? Das Seminar vermittelt die Techniken, um individuelle Geschichten in der Beratung spontan zu entwickeln und sie therapeutisch wirksam zu erzählen.

Ziel des Seminars ist es also, zu lernen, wie man…
• therapeutische Geschichten für Klientinnen und Klienten findet
• jederzeit Beispielgeschichten für einzigartige Lebenssituationen erfindet
• Erzählungen therapeutisch wirksam formuliert und ins Gespräch einbettet
• Problemmetaphern von Klienten in Lösungsmetaphern transformiert, die von den
Beratenen unwillkürlich in ihre Wirklichkeit reintegriert werden
• motivierende, warnende, Such- und Lernhaltungen aktivierende Geschichten aufbaut.

Weitere Infos und die Möglichkeit, euch anzumelden, findet ihr hier.

Der Stilleaufzug

Mit einem Tinnituspatienten, den ich zur Zeit begleite, mache ich eine Wahrnehmungsübung. Oder sollte ich eher sagen: Ausblendungsübung? Ich nenne sie den Stilleaufzug. Diese Übung geht so…

Stell dir einmal vor, du stehst vor einem Aufzug der Stille. Das Haus hier hat zehn Stockwerke, und mit jedem Stockwerk, das du höher fährst, wird der Grad der Stille leiser, mit jedem Stock leiser und leiser… Ich weiß nicht, in welchem Stockwerk dieses zehnstöckigen Gebäudes du die Fahrt nach oben in das Reich der Stille gleich beginnst, aber ich bin ganz sicher, dass du es weißt…
Stell dir vor, das ist wie ein innerer Zeichentrickfilm, und in diesem Film geschieht alles, wie du es möchtest, denn dieser Aufzug gehört dir, und du kannst dir dazu alles vorstellen, was dir gefällt. Es ist dein Stilleaufzug, den dein Gehirn produziert, und dein Gehirn gehört dir, und du bist der Produzent dieses Films, den dein Gehirn jetzt für dich exklusiv produziert, und du siehst diesen ganz besonderen Film zum ersten mal, und dieser Film zeigt dir etwas ganz Außergewöhnliches…
Sonst sieht dieser Aufzug ja wie ein normaler Aufzug aus. Aber dann drückst du den Knopf in das nächste Stockwerk. Der Aufzug setzt sich in Bewegung, er kommt wieder zur Ruhe. Schau einmal: In welchem Stockwerk befindest du dich? Bist du schon im Zehnten oder möchtest du vielleicht gerne dorthin? Besichtige doch nun einmal den zehnten Stock. Genau… Du kannst dich dort ganz kurz oder lange aufhalten. Du kannst nur hineinschnuppern oder kannst dich dort in Ruhe umsehen. Und während ein Teil von dir, wenn es möchte, hier noch ein wenig verweilen kann, möchte ich ein anderer Teil von dir auf eine Eigenart dieses Gebäudes aufmerksam machen.
Dieses Haus hat nämlich eine Dachterrasse. Schaue sie dir einmal an! Während du nämlich den Blick von dieser Dachterrasse genießt, bemerkst du etwas sehr Erstaunliches. Dieses Haus hat nämlich in seinen Kellerstockwerken eine besondere Mechanik. Und dieses Haus beginnt sich nun ganz sanft und angenehm abzusenken, so dass die Dachterrasse der Stille bald ebenerdig sein wird, so dass du die Stille des elften Stocks, wenn du aus deinem Traum erwachst, gleich auch auf der ebenen Erde genießen kannst. Und in dieser völligen Stille wirst du genau das in vollkommener Klarheit hören, was auch andere Menschen hören, und einige bestimmte Dinge, die du nicht mehr brauchst, weil andere Menschen sie auch nicht brauchen, die bleiben in dieser vollkommenen Stille, weil du den elften Stock der Stille gleich auch auf ebener Erde haben wirst. Und dein Gehirn wird alles so für dich regeln, wie es am besten für dich ist und äußerst angenehm… Du kommst nun auf der ebenen Erde an. Du verlässt die Plattform und begibst dich auf einen schönen kleinen Rundgang, auf dem sich alles für dich vervollkommnet, so wie du es brauchst.

Eine Hypno-MP3 mit verschiedenen Übungen zum Thema, unter anderem auch dem Stilleaufzug, findet ihr übrigens hier.