Dialektale Redensarten nutzen

Mann auf einer Bank

Damit die Beratung an Leichtigkeit gewinnt, außerdem für einen guten Rapport (gemeinsame Wellenlänge, Anknüpfung) und als Suggestivmethode via Metaphorik (Visualisierung und Implikation) schlage ich euch vor: Nutzt doch eure regionalen Redensarten! Auf Pfälzisch klingt das zum Beispiel so…

Nachlassregelung und Versorgung von Nachkommen: Mer gebbts doch liewer mit de warme Hand, gell, oder?

Magersucht: Horschemool. Du kannsch e Gääs zwische de Herner küsse.

Konflikte, Ehestreitigkeiten, Mobbing: Ää Bock allää steest net. – Do däät de ää e Aug drum gebbe, wann de anner kääns hett.

Skepsis bei Übertreibungen: Sie mache awwer aa manchemool aus eme Furz e Dunnerschlaach, odder net?

Bitte beim Thema bleiben: Jetz kummemer vum Kuchebacke uff Arschebacke. Was wolle mer hier eijentlich?

Hinweis auf unnötige verbale Beiträge: Do misse mer jetz kää unneerische Ferz mache.

Dasselbe für nonverbale Beiträge: Sie mache jetz noch so bissche Spirensje, gell?

Dasselbe für Liebesabenteuer: Sie mache awwer Fissimatensje.*

* »Visite-ma-tente«-chen

Und was fällt euch dazu ein…?

Anton

Weinglas

Ich habe Anton beerdigt.

Als Anton zwanzig war, bereiste er die Welt. Am liebsten besuchte er Frankreich. Seine Frau und die Kinder ließ er zuhause. Wenn er in der Heimat war, trieb er sich am liebsten in Gaststätten herum. Bier und Zigaretten waren ihm wichtiger als seine beiden Töchter.

Als Anton zweiundzwanzig war, wurde er geschieden. Seinen Unterhaltsverpflichtungen kam er nicht nach. Er vertrank sein Geld.

Als Anton sechsundzwanzig war, sah er seine Töchter zum letzten Mal. Seine ehemalige Frau verbot ihnen ab da jeden weiteren Kontakt.

Als Anton fünfundfünfzig war, hatte er einen Freund, der das Geld, das er verdiente, für ihn verwaltete und das meiste für sich selbst behielt. Außerhalb der Arbeitszeit war er meistens besoffen. Solange das Geld für Alkohol und Zigaretten reichte, sei er zufrieden, sagte er.

Als Anton einundsechzig war, hörte er auf zu trinken. Das war die Zeit, als er Frieda kennen lernte. Anton verehrte Frieda. Frieda hatte ihr ganzes Leben in einem kleinen Haus auf dem Lande verbracht und sich nie in ihrem Leben für Alkohol interessiert. Weiterlesen

Der beschnittene Baum

Heute habe ich im Krankenhaus einen Mann aus Russland getroffen. Man hat ihm operativ den Kehlkopf entfernt. Sein Sohn hat ihm ein Bild gemalt von einem Apfelbaum mit roten Früchten. Auf dem Bild stand in großen Buchstaben zu lesen: „Der Baum wurde beschnitten. Jetzt trägt er viele gute Früchte. Lieber Vater, Ihre Stimme war uns wichtig. Aber Sie selbst sind uns sehr viel wichtiger!“

Die Zitterspinne (II)

Vielleicht sagst du: Ja, nee; so wie die Zitterspinne kann ich mein Problem nicht angehen. Das Problem lässt sich von mir nicht einwickeln.

Die Zitterspinne hat noch ein zweite Problemlösungsstrategie. Daher hat sie ihren Namen. Bei großen Tieren und bei Menschen macht die Zitterspinne folgendes: Sie bringt sich mitsamt ihrem Netz in eine so schnelle, anhaltende rotierende Schwingung, dass man für lange Zeit gar nicht mehr sieht, wo sie sich gerade befindet.

Zugegebenermaßen wirkt die gestern geschilderte Methode nachhaltiger. Aber in manchen Fällen lohnt es sich auch, zu rotieren oder sich eben auf andere kreative Weisen unsichtbar zu machen. Die Tierwelt vielfältige Anregungen zur Methodik des Sich -unsichtbar-machens.

Die Zitterspinne (I)

Hast du ein fettes Problem? Oder kennst du jemanden, der eines hat? Dann hör mir zu:

Am Sonntag habe ich sie gesehen, in meiner Wohnung, unter dem Waschbecken: Eine Zitterspinne. Das sind diese ganz winzigen, langbeinigen Spinnen, die ungefähr so aussehen wie Weberknechte. Diese Zitterspinne wickelte gerade eine Hauswinkelspinne in ihre Fäden einwickelte. Das sind die großen, fetten, haarigen Spinnen, vor denen sich viele Menschen, vor allem Frauen, gruseln. Vorgestern sah ich nun, wie diese kleine Spinne auf der Großen saß und sich von ihr ernährte. Wie schafft es eine solch winzigkleine, schwache Spinne, eine derart große, schnelle Spinne zu töten?

Sie hält sich in sicherer Entfernung und bewirft sie mit ihren Fäden. Immer mehr Fäden wirft sie auf die große Spinne, und während diese versucht, sich zu befreien, verstrickt sie sich immer tiefer darin. Erst wenn die große Spinne sich nicht mehr bewegen kann, geht die kleine Spinne zu ihr hin und macht sich über sie her.

Hast du ein fettes Problem? Mach’s wie die Zitterspinne.

Heiliger Zorn

Diese Geschichte hat der amerikanische Therapieentwickler Milton Erickson erzählt:

Eine Frau war mit ihrem Mops unterwegs. Aus einiger Entfernung sah sie ein Schäferhund und stürzte wütend auf die beiden zu. Was tun? Die Frau nahm ihren Mops auf den Arm und rannte dem Schäferhund zähnefletschend entgegen. Der Schäferhund ergriff die Flucht.

Gespenster verjagen

Eine Kollegin hat mir vor ein paar Tagen eine E-mail geschrieben. „Was liest du da?“, hatte eben ihre achtjährige Tochter gefragt. Die Kollegin las ihr daraufhin aus dem Buch „Der Grashalm in der Wüste“ die Geschichte „Gespenster verjagen“ vor. Nach der Geschichte setzte sich die Tochter aufrecht hin, schaute ihre Mutter mit ernsten und großen Augen an und sagte: „Siehst du, es gibt doch Gespenster. Er weiß es.“ Legte sich wieder hin und schlief zufrieden ein.

Die Geschichte „Gespenster verjagen“ ist entstanden wegen eines anderen Kindes. Sie heißt Lisa. Ehrlich gesagt war mir in ihrem Haus auch ziemlich gruselig zumute; einmal habe ich dort Stimmen gehört, als gar niemand da war. Was ist hier Realität und was Fantasie? Wahrscheinlich sind die Übergänge zwischen Realität und Fantasie in unserem Leben viel ungenauer, als wir es wahr haben wollen. Die Grenzen sind fließend: Unsere Fantasien sind oder werden Realität, und unsere Realitäten bestehen aus Fantasie. Und das nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei uns Großen. Als ich von Lisas Ängsten im Dunkeln gehört habe, habe ich ihr also die Geschichte „Gespenster verjagen“ erzählt:

Du hast also Ärger mit den Gespenstern bei euch zuhause? In deinem Zimmer sind sie, hinterm Schrank? Und unter der Kellertreppe auch? Hör zu! Weiterlesen

Inselkarten

„Schau her“, sagte der alte Seemann und entrollte eine Karte. „Das hier ist die Insel der Glückseligen.“ Sein Enkel betrachtete sie aufmerksam, während der Mann aufstand und noch eine zweite Karte aus dem Regal entnahm. „Und das hier“, fuhr er fort, während er diese zweite Karte entrollte, „ist die Insel der Unglückseligen.“ „Aber das ist doch genau die gleiche Insel!“ entfuhr es dem jungen Mann. „Vielleicht ist es die gleiche und vielleicht ist es nicht die gleiche“, sagte der Alte mit rätselhaftem Ton. „Aber so viel kann ich dir verraten: Die Pläne wurden von zwei verschiedenen Kartographen gezeichnet. Beide haben die Insel besucht. Der eine ging zu allen öden und trostlosen Bergen der Insel und vermaß von dort aus alle Zwischenräume. Der andere ging zu allen schönen, fruchtbaren, Plätzen und vermaß die Insel von dort. „Schau hier: Sie haben auch die Pfade eingezeichnet, auf denen sie gewandert sind. Wer nun mit der ersten Karte unterwegs ist, sieht von einem schönen Gipfel zum nächsten, und die öden Gegenden werden verdeckt von den schönen Bergen. Wer sich dagegen mit der zweiten Karte auf den Weg macht, schaut von ein einem trostlosen Gipfel auf den nächsten, und die schönen Landschaften bleiben hinter ihnen verborgen.“