Heiliger Zorn

Diese Geschichte hat der amerikanische Therapieentwickler Milton Erickson erzählt:

Eine Frau war mit ihrem Mops unterwegs. Aus einiger Entfernung sah sie ein Schäferhund und stürzte wütend auf die beiden zu. Was tun? Die Frau nahm ihren Mops auf den Arm und rannte dem Schäferhund zähnefletschend entgegen. Der Schäferhund ergriff die Flucht.

Es gibt keine Vergangenheit.

Es gibt in unserem Leben keine Vergangenheit und keine Zukunft. Es gibt nur Erinnerung, Augenblickserleben und Erwartung. Alle drei finden im Gehirn gleichzeitig statt – als Visionen in der Gegenwart (die als einzig erlebbare Zeit gewissermaßen ewig ist). Alle drei sind veränderlich und beeinflussbar. Alle drei beeinflussen einander. Die Erinnerung prägt das Augenblickserleben und die Erwartung, aber auch der umgekehrte Prozess ist möglich und lässt sich aktiv gestalten. Genau das ist der Grund, warum Dr. Milton H. Erickson sagte: „Es ist nie zu spät, um eine glückliche Kindheit zu haben“.

Noch einmal: Vergangenheit und Zukunft sind physikalische Postulate, keine biologischen Realitäten. Was war und was sein wird, sind individuelle Vorstellungen im Jetzt.

Auch die Vergangenheit eines Volkes ist eine kollektiv geteilte und gegenseitig angeähnelte Vorstellung in der Gegenwart. Kollektive Realitäten gibt es nur als Durchschnittswert – ohne Sicherheit, dass mit den gleichen Begriffen auch nur annähernd dasselbe gemeint ist.

Mehr über unbewusste Bewegungen

Beobachten Sie doch einmal:

Wenn sich jemand bei einem Gespräch mit dem Finger von innen nach außen unterm Auge reibt (die Bewegung verläuft meist in einer Diagonale bzw. mit einer leichten Rundung nach unten), dann wurde gerade über etwas gesprochen, worüber er weinen könnteoder worüber er früher einmal viel geweint hat.

Reibt sich jemand während des Gesprächs das Auge (meist eher mit dem Handballen), dann wurde gerade über etwas gesprochen, was ihn gekränkt hat – im Sinne einer Demütigung oder Verärgerung.

Räuspert sich jemand während eines Gesprächs nach einer emotional belangvollen Stelle, dann drückt das regelmäßig eine unausgesprochene Verärgerung aus. Weiterlesen

Vorangekündigte Bewegungen

Auf meinem Heimweg vorhin bin ich auf einen Zebrastreifen zugefahren. Auf dem Bürgersteig – noch etwas davor – ging eine Passantin. Ich hielt an. Ob jemand vorhat, die Straße zu überqueren, sieht man bereits einige Meter bevor die Person anhält oder sich umschaut. Schon eine Weile vorher macht sie nämlich mit dem Körper oder mit dem Kopf eine kleine Drehbewegung, die die beabsichtigte Drehung vorwegnimmt.

Diese vorangekündigten minimalen Bewegungen vor der eigentlichen Bewegung zu beobachten, kann sehr nützlich sein. Zum Beispiel in Gremiensitzungen oder bei Seminaren: Man bittet um einen Freiwilligen. Für sehr lange Zeit meldet sich keiner. Alle warten, ob nicht ein anderer mehr Lust hat als sie selbst und ihnen zuvorkommt. Wer sich zuletzt nach vielen Ermunterungen doch meldet, das ist der- oder diejenige, wer sich schon ganz am Anfang gerührt hat: Mit einer kleinen Vorwärtsbewegung des Oberkörpers, mit einem kurzen Öffnen des Mundes, mit einem Auseinanderschlagen der Beine und tiefen Ausatmen, mit einer beliebigen Bewegung, die auch einen Wortbeitrag nonverbal einleiten könnte. Wenn ich den Prozess um einige lästige Minuten abkürzen möchte, frage ich gezielt die Person, die sich nach dem Stellen der Freiwilligen-Frage als erste bewegt hat, ob sie die Aufgabe übernehmen würde. Die Erfahrung zeigt: Sie sagt immer ja.

Gespenster verjagen

Eine Kollegin hat mir vor ein paar Tagen eine E-mail geschrieben. „Was liest du da?“, hatte eben ihre achtjährige Tochter gefragt. Die Kollegin las ihr daraufhin aus dem Buch „Der Grashalm in der Wüste“ die Geschichte „Gespenster verjagen“ vor. Nach der Geschichte setzte sich die Tochter aufrecht hin, schaute ihre Mutter mit ernsten und großen Augen an und sagte: „Siehst du, es gibt doch Gespenster. Er weiß es.“ Legte sich wieder hin und schlief zufrieden ein.

Die Geschichte „Gespenster verjagen“ ist entstanden wegen eines anderen Kindes. Sie heißt Lisa. Ehrlich gesagt war mir in ihrem Haus auch ziemlich gruselig zumute; einmal habe ich dort Stimmen gehört, als gar niemand da war. Was ist hier Realität und was Fantasie? Wahrscheinlich sind die Übergänge zwischen Realität und Fantasie in unserem Leben viel ungenauer, als wir es wahr haben wollen. Die Grenzen sind fließend: Unsere Fantasien sind oder werden Realität, und unsere Realitäten bestehen aus Fantasie. Und das nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei uns Großen. Als ich von Lisas Ängsten im Dunkeln gehört habe, habe ich ihr also die Geschichte „Gespenster verjagen“ erzählt:

Du hast also Ärger mit den Gespenstern bei euch zuhause? In deinem Zimmer sind sie, hinterm Schrank? Und unter der Kellertreppe auch? Hör zu! Weiterlesen

Dinner for one

Vergangenen Sonntag saß ich in meinem Praxiszimmer und dachte: “Ich bräuchte jetzt mal ‘ne Therapieâ€?. “Du bist doch Therapeutâ€?, sagte eine innere Stimme, “und hier ist die Praxisâ€?. “Na gut, wenn du meinst…â€? Da standen noch drei Gläser und etwas Apfelsaft. Ich befüllte die Gläser und lud uns zu einer Familientherapie ein: Das Ich der Erinnerungen, das Ich des Augenblickserlebens und das Ich der Erwartungen. Die drei nahmen Platz, und ich erhielt ihre Erlaubnis, an ihrer Stelle abwechselnd aus ihren Gläsern zu trinken. Zugegebenermaßen prüfte ich, ob ich jetzt reif sei für eine Einlieferung… doch dann war’s mir egal, und ich moderierte das Gespräch. Am Anfang haben sich die drei fast gestritten, weil das Ich der Zukunft meinte, kaum beachtet zu werden, während das der Erinnerung über Gebühr Aufmerksamkeit bekäme – dabei seien seine Beiträge oft wenig erfreulich. Ich fragte die Erwartung, was sie denn besser fände, fragte das Augenblickserleben, wie sie das Verhältnis der beiden anderen Ichs bewertete, fragte die Erinnerung, was sie damit anfangen könnte; ich verhielt mich also neutral und machte ein bisschen Familientherapie. Jeder der drei trug gute Ideen bei. So schlugen sie vor, zwischen erfreulichen und unerfreulichen Erinnerungen zu unterscheiden und nur noch die erfreulichen Erinnerungen als Grundlage für die Entwicklung von Erwartungen zu nehmen – und dann herzhaft neu erwarten zu lernen. Als alle zufrieden waren und der Saft leer getrunken, dankte ich Ihnen, entließ sie und beendete die Stunde. Dieses Therapiegespräch wirkt seitdem nach und hat in mir eine äußerst positive Stimmung hinterlassen…

Die Gesprächsmethodik war angelehnt an die „Ego-State-Therapie“ (Ich-Anteile-Therapie), bei der der Therapeut außer mit dem Klienten als ganzem Menschen auch mit seinen Persönlichkeitsanteilen wie mit realen Personen spricht, sie miteinander ins Gespräch bringt, jeden einzelnen respektiert und mit ihnen als innerer Familie oder innerem Parlament Therapiesitzungen gestaltet. Schräge Sache, aber es funktioniert…

Lebensziel

„Mein Lebensziel ist, eine möglichst breite Spur von Heilung und Glück hinter mir her zu ziehen“, sagte ich zu einem Freund. „Da hast du ja einen großen Anspruch“, erwiderte er. „Ich bin schon froh, wenn ich nicht allzu viel Unglück anrichte.“