Realmetaphern: Kühlschränke und Jericho-Rosen

Heute habe ich eine Anfrage zum Thema Sexualtherapie bekommen. Diese Frau hatte es beeindruckt, dass Erickson „einer Frau zum Orgasmus verhalf, indem er sie einen Kühlschrank abtauen ließ“.

Klienten, die in ihrem Leben eine Wende zu vollziehen hatten, schickte Erickson auf einen nahen Berg, den Squaw Peak, sie sollten sich dort den Sonnenaufgang anschauen. Einen chronischen Alkoholiker schickte er in den Botanischen Garten von Phoenix, Arizona, er solle sich dort „Pflanzen anschauen, die 50 Jahre ohne Wasser auskommen“. Zehn Jahre hörte er nichts mehr von dem Mann; dann rief dessen Tochter an, sie wolle gerne einmal denjenigen kennenlernen, der ihren Vater vom Alkohol befreit habe, indem er ihn Kakteen-gucken geschickt habe.

Ich habe diese Methodik ausprobiert; sie braucht natürlich einen Klienten, der tatsächlich trocken werden will und der bereit ist, etwas dafür zu tun. Ich habe dem Klienten zum Abschied eine vertrocknete Pflanze in die Hand gedrückt und ihm gesagt: Weiterlesen

Wer leben will

In der Klinik, in der ich arbeite, treffe ich Patienten, die hoffen, zu sterben, obwohl sie relativ gesund sind. Oder sie hoffen, von einer Operation nicht mehr aufzuwachen, oder sie bitten mich, sie zu töten.

Ich treffe andere Patienten, die versuchen mit aller Kraft, zu überleben, obwohl dies nach ärztlichem Ermessen ausgeschlossen scheint. Oder sie versuchen, ihr Leben noch ein wenig zu verlängern, obwohl sie unter Schmerzen leiden und keine Aussicht auf Verbesserung haben.

Immer wieder treffe ich todunglückliche Fastgesunde und lebensvolle Baldsterbende. Der Unterschied ist der: Die aus der ersten Gruppe haben niemanden, der sich um sie kümmert. Die aus der zweiten Kategorie haben Partner, Kinder, Enkel und Freunde, die sich liebevoll um sie kümmern.

Wer leben will, will für jemanden leben.

Beim ersten Furz

Meine Mutter, seit vielen Jahren glücklich verheiratet, redete gestern über Verliebtheit als Grundlage einer Partnerschaft. Sie sagte: „Beim ersten Furz ist das vorbei“. Doch hat auch sie einmal überglücklich angefangen. Die Verliebtheit ist gegangen, der Alltag ist geblieben – und etwas, was die einen Gewohnheit, die anderen Liebe nennen.

Der Blödmann

„Ist es noch da?“, habe ich vorhin meine 14-jährige Nichte gefragt. „Was?“ wollte sie wissen. „Wenn du nicht weißt was, dann ist es nicht mehr da.“ „Du meinst, mein Kopfweh? Das habe ich dem Blödmann gegeben. Der kann damit was anfangen.“ „Wer ist das?“ fragte ich. „Das weiß ich nicht. Ich kenne ihn erst seit eben.“ „Und jetzt ist es weg?“ „Ja.“ „Du könntest den Blödmann bitten, dir dafür etwas anderes zu geben, was du brauchen kannst“, habe ich vorgeschlagen. „Nein“, sagte sie. „Der Blödmann gibt nicht. Der Blödmann nimmt nur.“

Später sah ich sie einen Mückenstich mit dem Kugelschreiber ausstreichen*. „Warum hast du den nicht dem Blödmann gegeben?“ fragte ich. „Der Blödmann nimmt nur manche Sachen“, erklärte sie. „Mückenstiche sind nicht dabei.“

*Vom Ausstreichen von Stichen handelt der Beitrag vom 27. Mai.

Kein Mensch hat Eigenschaften.

Gestern war ich in einem Geschäft in der Stadt einkaufen. Die Verkäuferin war allein im Laden, und das Wechselgeld ging ihr aus. Wir kannten uns nicht, hatten aber vor dem Bezahlen eine Zeitlang geplaudert. Nun drückte sie mir einen 50-Euro-Schein in die Hand und sagte: „Darf ich Sie bitten, den gerade im Elektrogeschäft nebenan für mich zu wechseln?“

Nun fragte ich mich: Ist die Frau verantwortungslos, unachtsam, naiv, ist sie menschenkundig, vertrauensvoll oder herzlich und unkonventionell, dass sie einen fremden Mann mit 50 Euro aus ihrer Kasse auf die Straße schickt? Weiterlesen

Die Kleider von gestern

„Nach einem 24-Stunden-Dienst komme ich nach Hause“, hat gestern eine OP-Schwester erzählt, „und meine Kleidung passt überhaupt nicht mehr zum Wetter. Ich laufe in einem kurzärmeligen dünnen Kleid durch den strömenden Regen. Die Leute auf der Straße schauen mich dann an, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank.“

Das Verhalten von Menschen macht meistens Sinn in dem Kontext, dem es entstammt. Wenn wir als Beobachtende diesen Kontext nicht kennen, beurteilen wir das Verhalten anderer Menschen als sinnlos. Es erscheint uns verrückt, dumm oder böse. In vielen Fällen würde eine kurze Nachfrage genügen, um die Situation aufzuklären. Wo das nicht möglich ist, scheint es mir sinnvoll, dem seltsamen Verhalten anderer Menschen einen Sinn zu unterstellen, den wir mangels Information noch nicht kennen.

Der beschnittene Baum

Heute habe ich im Krankenhaus einen Mann aus Russland getroffen. Man hat ihm operativ den Kehlkopf entfernt. Sein Sohn hat ihm ein Bild gemalt von einem Apfelbaum mit roten Früchten. Auf dem Bild stand in großen Buchstaben zu lesen: „Der Baum wurde beschnitten. Jetzt trägt er viele gute Früchte. Lieber Vater, Ihre Stimme war uns wichtig. Aber Sie selbst sind uns sehr viel wichtiger!“

Die Zitterspinne (II)

Vielleicht sagst du: Ja, nee; so wie die Zitterspinne kann ich mein Problem nicht angehen. Das Problem lässt sich von mir nicht einwickeln.

Die Zitterspinne hat noch ein zweite Problemlösungsstrategie. Daher hat sie ihren Namen. Bei großen Tieren und bei Menschen macht die Zitterspinne folgendes: Sie bringt sich mitsamt ihrem Netz in eine so schnelle, anhaltende rotierende Schwingung, dass man für lange Zeit gar nicht mehr sieht, wo sie sich gerade befindet.

Zugegebenermaßen wirkt die gestern geschilderte Methode nachhaltiger. Aber in manchen Fällen lohnt es sich auch, zu rotieren oder sich eben auf andere kreative Weisen unsichtbar zu machen. Die Tierwelt vielfältige Anregungen zur Methodik des Sich -unsichtbar-machens.

Die Zitterspinne (I)

Hast du ein fettes Problem? Oder kennst du jemanden, der eines hat? Dann hör mir zu:

Am Sonntag habe ich sie gesehen, in meiner Wohnung, unter dem Waschbecken: Eine Zitterspinne. Das sind diese ganz winzigen, langbeinigen Spinnen, die ungefähr so aussehen wie Weberknechte. Diese Zitterspinne wickelte gerade eine Hauswinkelspinne in ihre Fäden einwickelte. Das sind die großen, fetten, haarigen Spinnen, vor denen sich viele Menschen, vor allem Frauen, gruseln. Vorgestern sah ich nun, wie diese kleine Spinne auf der Großen saß und sich von ihr ernährte. Wie schafft es eine solch winzigkleine, schwache Spinne, eine derart große, schnelle Spinne zu töten?

Sie hält sich in sicherer Entfernung und bewirft sie mit ihren Fäden. Immer mehr Fäden wirft sie auf die große Spinne, und während diese versucht, sich zu befreien, verstrickt sie sich immer tiefer darin. Erst wenn die große Spinne sich nicht mehr bewegen kann, geht die kleine Spinne zu ihr hin und macht sich über sie her.

Hast du ein fettes Problem? Mach’s wie die Zitterspinne.

Gregor, der Drache

Diese Geschichte habe ich einem Jungen erzählt, der seine Schwester und Kindergartenfreunde blutig gekratzt und blau geschlagen hat. Bestimmt gibt es noch mehr Kinder, für die die Geschichte geeignet ist. Vielleicht ja auch Erwachsene?

Gregor der Drache schnaubte. Er war traurig und wütend. Den ganzen Tag hatte er Spielkameraden gesucht. Keiner wollte mit ihm spielen. Er hatte den Fuchs gefragt. „Nein, lieber nicht“, hatte der gesagt. „Du verbrennst uns nur wieder Haut und Haare mit deinem feurigen Atem.“ Der Dachs, der Hase, und der Bär hatten ähnliche Antworten gegeben. Dabei hatte er ihnen gar nicht absichtlich das Fell verbrannt. Es war ihm nur so passiert. Allermeistens jedenfalls. Weiterlesen