In der Klinik habe ich vorhin ein Schild gesehen, das für eine Kontinenz-Selbsthilfegruppe warb. Die nennen sich nicht etwa Inkontinenz-Selbsthilfegruppe… Konsequenterweise heißt auch der übergreifende Verband „Deutsche Kontinenz-Gesellschaft“. Warum nicht „Inkontinenz“? Weiterlesen
Was ist ein Yes-Set?
Yes-Set ist eine Bezeichnung für eine suggestive Grundtechnik. Auf mehrere Konsensaussagen folgt eine deutende bzw. suggestive Aussage, die dann vom Zuhörer meist angenommen wird. Das heißt: Eine Reihe zunächst unbestreitbarer, dann zunehmend diskutierbarer (evtl. auch indiskutabler) Aussagen wird als Ganze angenommen, wenn der Zuhörer zunächst in eine Haltung von Zustimmung versetzt wird:
Das Wetter ist schön. Für morgen haben sie Gewitter angekündigt. Lass uns schwimmen gehen!
Natürlich gibt es auch ein No-Set:
„Jämmerlich schreit das Robbenbaby in der Kälte Labradors. Es hat Hunger, doch seine Mutter kommt nicht mehr. Sie wurde von skrupellosen Pelztierjägern erlegt. In Deutschland werden dieses Jahr wieder vermehrt Robbenpelze verkauft.“
Morbus Feivel
Habe ich nicht schon mal was zum Thema „Ansteckende Gesundheit“ geschrieben“? Doch, am 4. Mai war das. Hier ist noch was dazu. Eine Hypno-MP3 über ansteckende Gesundheit und Morbus Feivel gibt es übrigens auch, im Download-Bereich meiner Autorenseite. Aber jetzt erstmal die Geschichte von Schlemihl aus Chełm und von Feivel dem Arzt.
Die Stadt Chełm wurde zur Brutstätte einer seltsamen Epidemie. Das kam so. Angesichts der vielen und vielfältigen Erkrankungen in seiner Stadt bedachte Feivel der Arzt einmal, wie viel schneller und leichter es mit Blick auf die wenigen wirklich gesunden Bürger sein dürfte, anstatt zu untersuchen, welcher der Bürger an welcher Krankheit litte, vielmehr nur festzustellen, wer von einer Gesundheit befallen sei und – damit die Arbeit nicht unangemessen einfach würde – mit welcher Art von Gesundheit dieser Bürger befallen sei. Weiterlesen
Verguckt
Letzte Woche Samstagmittag: Ich bin durch die Fußgängerzone gelaufen und hab mich gewundert, dass ich so schlecht sehe. Woran hängt’s? Spätfolgen der Augenlaser-OP vom letzten Herbst? Normalerweise sehe ich 100%ig. Hat das Auge gerade beschlossen, irgendwelches abgestorbene Gewebe in Schlieren über das Gesichtsfeld laufen zu lassen? Ich fand keine Erklärung.
Abends auf der Autobahn: Ich schaute angestrengt nach vorne und probierte günstige Augenwinkel aus. Wo sind die Autos? Was ist hier eigentlich los? Mein freundliches Unbewusstes hat mir dann die Antwort gegeben. Ich war gerade 3 Tage auf einer Traumatagung gewesen, hatte meine Biographie aufgearbeitet, hatte mich danach ordentlich in jemanden „verguckt“, hatte wiederum diesem Ereignis nachgegrübelt und mir dabei eine kleine Konversionsstörung eingefangen. Das sind organisch unbegründete Körpersymptome, die etwas Seelisches ausdrücken – meistens sehr metaphorisch.
Sobald ich mich fragen konnte: „Was ist denn gerade so anstrengend anzugucken?“, war – schwupp! – die Sehstörung verschwunden. Sowas gibt’s. Und ist gar nicht so selten.
Lesenswert: MiniMax-Interventionen
Bei keinem Reisebüro wird man einen Flug mit dem Zielflughafen „Nicht mehr dieses deprimierende Glasgow“ buchen können. Da muss man sich in der Regel etwas klarer und positiver äußern. Wenn Menschen von einem Psychotherapeuten nach ihren Therapiezielen gefragt werden…
So beginnt Manfred Prior seine Überlegungen zum Thema „Sondern…?“. In seinem Buch „MiniMax-Interventionen – 15 minimale Interventionen mit maximaler Wirkung“ demonstriert er, wie Berater mit scheinbar winzigen Verschiebungen der Aufmerksamkeit einem Gespräch eine völlig neue Wendung geben können. Das Buch zeigt tatsächlich, wie man mit geringem Aufwand viel erreicht – nicht nur für die Klienten, sondern auch für sich selbst, da es sich mit einer solchen Art, Gespräche zu führen – einmal gelernt – mit Sicherheit viel leichter berät.
Große Empfehlung!
Manfred Prior, MiniMax-Interventionen: 15 minimale Interventionen mit maximaler Wirkung.
Heidelberg (Carl-Auer-Systeme) 2004
Wie finde ich eine passende Geschichte? (VI)
Was macht eigentlich eine therapeutische Geschichte aus?
Die Kunst des beratenden Erzählens besteht nicht darin, Geschichten zu finden, die an sich schon „therapeutisch“ wären, sondern darin, durch eine Art metaphorisches Träumen zu schon vorhandenen Geschichten die passende Situation zu finden und zu schon vorhandenen Situationen die passende Geschichte – und die Geschichten gegebenenfalls noch der Situation anzupassen. Weiterlesen
Knock-out ins Erwachen
Manche Tranceinduktion gleicht dem Versuch, mit einer Stechmücke im Raum einzuschlafen – einer von der Sorte, die nur dann summt, wenn das Licht aus ist und man eindämmert. Gestern habe ich zu einer meiner mp3s von einer Freundin die folgende Rückfrage bekommen. Sie hat im Blog etwas über Tinnitus gelesen und stellte fest: Weiterlesen
Der Archivar
Sucht ihr manchmal nach einem Namen, und er fällt euch nicht ein? Und dann tut ihr irgendetwas anderes und denkt gar nicht mehr daran, und plötzlich – Poff! – habt ihr den Namen! Ohne dass ihr gerade daran dachtet… Ist es nicht seltsam, dass man die Lösung beim Suchen nicht findet, nach dem Suchen aber wohl? Wie kann denn das sein? Es gibt nur eine Antwort… Weiterlesen
Trauerreaktion
Herr Gundolf sagte: „Als ich gestern an den Tod meiner Mutter vor dreiunddreißig Jahren dachte, musste ich weinen.“ Ich fragte: „Verwundert dich das?“ Er schüttelte den Kopf: „Es verwundert mich nicht. Es überrascht mich nur.“
Im Lande Begonien
Die Sache von gestern nochmal in eine Geschichte gefasst:
Als Reisender musste ich einmal das Land Begonien durchqueren. Sie haben dort einen wirklich seltsamen Brauch. Es gibt dort nämlich an den Straßen und Wegen des Landes keinerlei Hinweisschilder, die dir helfen könnten, von Dorf zu Dorf oder von einer Stadt zur nächsten zu finden. An jeder Straßenkreuzung aber stehen Blumen, die du fragen kannst, um von ihnen Auskunft zu erhalten. Nach der Art, wie sie dir Auskunft geben, unterscheidet man Weiser, Wegweiser und Hinweiser. Die Hinweiser sind besonders angenehm für all jene Reisenden, die nur einfach möglichst schnell und bequem zu ihrem Ziel kommen wollen. Sie sagen dir freundlich, wohin du gehen sollst. Die Wegweiser sind oft grob und ungehobelt in ihrer Sprache. Sie können sehr gehässig klingen. Nichtsdestoweniger können auch sie sehr nützlich sein. Sie sagen dir, wohin du keinesfalls gehen sollst, so du Unglück und Verderben von dir fernhalten willst. Die Weiser schließlich reden zu dir auf eine seltsame Weise. Sie sprechen in Rätseln. Sie beginnen, dir einen Weg zu weisen und fahren fort mit dem anderen. Sie erzählen dir vom Ziel, doch nicht, wie du dieses erreichst. Sie stellen dir Fragen anstatt dir zu antworten. Sie erzählen dir Dinge, deren Sinn du erst später verstehst. Manche Reisende halten das, was die Weiser sagen, für lauter unnützes Zeug. Doch einige finden erst durch die Weiser ihr Ziel. (Der Grashalm in der Wüste, 70)