Die Kleider von gestern

„Nach einem 24-Stunden-Dienst komme ich nach Hause“, hat gestern eine OP-Schwester erzählt, „und meine Kleidung passt überhaupt nicht mehr zum Wetter. Ich laufe in einem kurzärmeligen dünnen Kleid durch den strömenden Regen. Die Leute auf der Straße schauen mich dann an, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank.“

Das Verhalten von Menschen macht meistens Sinn in dem Kontext, dem es entstammt. Wenn wir als Beobachtende diesen Kontext nicht kennen, beurteilen wir das Verhalten anderer Menschen als sinnlos. Es erscheint uns verrückt, dumm oder böse. In vielen Fällen würde eine kurze Nachfrage genügen, um die Situation aufzuklären. Wo das nicht möglich ist, scheint es mir sinnvoll, dem seltsamen Verhalten anderer Menschen einen Sinn zu unterstellen, den wir mangels Information noch nicht kennen.

Der beschnittene Baum

Heute habe ich im Krankenhaus einen Mann aus Russland getroffen. Man hat ihm operativ den Kehlkopf entfernt. Sein Sohn hat ihm ein Bild gemalt von einem Apfelbaum mit roten Früchten. Auf dem Bild stand in großen Buchstaben zu lesen: „Der Baum wurde beschnitten. Jetzt trägt er viele gute Früchte. Lieber Vater, Ihre Stimme war uns wichtig. Aber Sie selbst sind uns sehr viel wichtiger!“

Die Zitterspinne (II)

Vielleicht sagst du: Ja, nee; so wie die Zitterspinne kann ich mein Problem nicht angehen. Das Problem lässt sich von mir nicht einwickeln.

Die Zitterspinne hat noch ein zweite Problemlösungsstrategie. Daher hat sie ihren Namen. Bei großen Tieren und bei Menschen macht die Zitterspinne folgendes: Sie bringt sich mitsamt ihrem Netz in eine so schnelle, anhaltende rotierende Schwingung, dass man für lange Zeit gar nicht mehr sieht, wo sie sich gerade befindet.

Zugegebenermaßen wirkt die gestern geschilderte Methode nachhaltiger. Aber in manchen Fällen lohnt es sich auch, zu rotieren oder sich eben auf andere kreative Weisen unsichtbar zu machen. Die Tierwelt vielfältige Anregungen zur Methodik des Sich -unsichtbar-machens.

Die Zitterspinne (I)

Hast du ein fettes Problem? Oder kennst du jemanden, der eines hat? Dann hör mir zu:

Am Sonntag habe ich sie gesehen, in meiner Wohnung, unter dem Waschbecken: Eine Zitterspinne. Das sind diese ganz winzigen, langbeinigen Spinnen, die ungefähr so aussehen wie Weberknechte. Diese Zitterspinne wickelte gerade eine Hauswinkelspinne in ihre Fäden einwickelte. Das sind die großen, fetten, haarigen Spinnen, vor denen sich viele Menschen, vor allem Frauen, gruseln. Vorgestern sah ich nun, wie diese kleine Spinne auf der Großen saß und sich von ihr ernährte. Wie schafft es eine solch winzigkleine, schwache Spinne, eine derart große, schnelle Spinne zu töten?

Sie hält sich in sicherer Entfernung und bewirft sie mit ihren Fäden. Immer mehr Fäden wirft sie auf die große Spinne, und während diese versucht, sich zu befreien, verstrickt sie sich immer tiefer darin. Erst wenn die große Spinne sich nicht mehr bewegen kann, geht die kleine Spinne zu ihr hin und macht sich über sie her.

Hast du ein fettes Problem? Mach’s wie die Zitterspinne.

Gregor, der Drache

Diese Geschichte habe ich einem Jungen erzählt, der seine Schwester und Kindergartenfreunde blutig gekratzt und blau geschlagen hat. Bestimmt gibt es noch mehr Kinder, für die die Geschichte geeignet ist. Vielleicht ja auch Erwachsene?

Gregor der Drache schnaubte. Er war traurig und wütend. Den ganzen Tag hatte er Spielkameraden gesucht. Keiner wollte mit ihm spielen. Er hatte den Fuchs gefragt. „Nein, lieber nicht“, hatte der gesagt. „Du verbrennst uns nur wieder Haut und Haare mit deinem feurigen Atem.“ Der Dachs, der Hase, und der Bär hatten ähnliche Antworten gegeben. Dabei hatte er ihnen gar nicht absichtlich das Fell verbrannt. Es war ihm nur so passiert. Allermeistens jedenfalls. Weiterlesen

Heiliger Zorn

Diese Geschichte hat der amerikanische Therapieentwickler Milton Erickson erzählt:

Eine Frau war mit ihrem Mops unterwegs. Aus einiger Entfernung sah sie ein Schäferhund und stürzte wütend auf die beiden zu. Was tun? Die Frau nahm ihren Mops auf den Arm und rannte dem Schäferhund zähnefletschend entgegen. Der Schäferhund ergriff die Flucht.

Es gibt keine Vergangenheit.

Es gibt in unserem Leben keine Vergangenheit und keine Zukunft. Es gibt nur Erinnerung, Augenblickserleben und Erwartung. Alle drei finden im Gehirn gleichzeitig statt – als Visionen in der Gegenwart (die als einzig erlebbare Zeit gewissermaßen ewig ist). Alle drei sind veränderlich und beeinflussbar. Alle drei beeinflussen einander. Die Erinnerung prägt das Augenblickserleben und die Erwartung, aber auch der umgekehrte Prozess ist möglich und lässt sich aktiv gestalten. Genau das ist der Grund, warum Dr. Milton H. Erickson sagte: „Es ist nie zu spät, um eine glückliche Kindheit zu haben“.

Noch einmal: Vergangenheit und Zukunft sind physikalische Postulate, keine biologischen Realitäten. Was war und was sein wird, sind individuelle Vorstellungen im Jetzt.

Auch die Vergangenheit eines Volkes ist eine kollektiv geteilte und gegenseitig angeähnelte Vorstellung in der Gegenwart. Kollektive Realitäten gibt es nur als Durchschnittswert – ohne Sicherheit, dass mit den gleichen Begriffen auch nur annähernd dasselbe gemeint ist.

Mehr über unbewusste Bewegungen

Beobachten Sie doch einmal:

Wenn sich jemand bei einem Gespräch mit dem Finger von innen nach außen unterm Auge reibt (die Bewegung verläuft meist in einer Diagonale bzw. mit einer leichten Rundung nach unten), dann wurde gerade über etwas gesprochen, worüber er weinen könnteoder worüber er früher einmal viel geweint hat.

Reibt sich jemand während des Gesprächs das Auge (meist eher mit dem Handballen), dann wurde gerade über etwas gesprochen, was ihn gekränkt hat – im Sinne einer Demütigung oder Verärgerung.

Räuspert sich jemand während eines Gesprächs nach einer emotional belangvollen Stelle, dann drückt das regelmäßig eine unausgesprochene Verärgerung aus. Weiterlesen