„Man soll nicht das Vorhandene beschmutzen durch die Begierde nach dem Nichtvorhandenen, sondern bedenken, daß auch das Vorhandene zu dem Wünschenswerten gehörte.“
Gedanken über Angst VIII
Angst verändert den Atem. Wer den Atem verändert, verändert die Angst.
Gnädig
Wir unterhielten uns über Musik. „Das Ohr ist gnädig“, sagte sie. „Es hört das, was gemeint ist und nicht das, was tatsächlich gespielt wird.“ Die Dame, die das sagte, war Klavierlehrerin. Seit Jahrzehnten unterrichtete sie Schüler und hatte sich ihre Gedanken gemacht, wie Ohr und Gehirn die Musik verarbeiten. „Das Ohr ist gnädig“, wiederholte ich. „Wie meinen Sie das?“ Sie sagte: „Wenn wir als Publikum Musik hören, blenden wir meistens die Fehler aus. Wir hören, was gemeint ist. Was im Bewusstsein ankommt, ist dann die vollkommene Melodie. Die Künstler und die Lehrer achten auf die Fehler, aber das Publikum hört die Musik.“
Ich erzähle diese Geschichte Menschen, die sich selbst oder anderen nicht leicht verzeihen, Perfektionisten der Ästhetik, des Wissens, des Erfolgs und der Moral wie überhaupt Menschen, die auf das Fehlende leichter als auf das Erreichte schauen.
Gedanken über Angst VII
Wir haben nicht Angst vor einer Gefahr, sondern vor unserer Vorstellung von einer Gefahr. Was passiert, wenn wir unser inneres Bild abwandeln? Wenn wir Farbe, Form und Größe verändern, Ort und Ablauf dessen, was uns vor unserem inneren Auge Angst gemacht hat?
Der Karteischrank
Ich hatte früher in meinem Büro einen Karteischrank mit vielen Schubladen. Als ich meinen Karteischrank kennenlernte, dachte ich zuerst, etwas an ihm sei kaputt: Es war nicht möglich, zwei seiner Schubladen gleichzeitig zu öffnen. War eine Lade herausgezogen, so waren alle anderen verschlossen. Sie ließen sich rütteln, aber öffnen ließen sie sich nicht. So lange, bis die Schublade zurückgeschoben hatte; dann konnte ich eine andere Lade herausziehen.
Wenn ich Menschen begegne, die sich mit vielen Problemen gleichzeitig beschäftigen, mit so vielen Problemen, dass sie sich davon überfordert fühlen, dann bitte ich sie manchmal, sich einen Karteischrank vorzustellen. Ich bitte sie, die oberste Schublade zu öffnen, das erste Problem hineinzulegen, sich den Inhalt noch einmal anzuschauen, die Lade mit einem Etikett zu versehen und sie wieder zu verschließen. Ebenso bitte ich sie mit den weiteren Problemen und den übrigen Schubladen umzugehen. Ich sage ihnen: „Sie können den Schrank nun geschlossen halten und werden ihre Probleme, wenn sie sie geordnet angehen wollen darin wiederfinden. Sie werden aber nicht alle Schubladen gleichzeitig öffnen können, sondern nur eine auf einmal. Sollten Sie mehrere Probleme gleichzeitig behandeln wollen, müssen Sie den Inhalt einer Schublade für eine kurze Zeit herausnehmen und ihn später wieder hineinlegen. In den meisten Fällen bewährt es sich aber, die Dinge in den Schubladen zu lassen, in die sie hineingehören. So haben Sie Ordnung und können sich auch den Dingen zuwenden, die Ihnen mehr Spaß machen und Ihnen Kraft geben.“
Gedanken über Angst VI
Atemnot macht Angst. Und Angst macht Atemnot. Was passiert mit der Angst, wenn ich bewusst und lang und tief atme? Was passiert mit Angsterinnerungen, wenn ich sie wachrufe und dabei kraftvoll und tief atme?
Der Seemann
Er war ein Seemann. Er war mit Frachtschiffen in verschiedene Länder entlang der Küsten von Europa, Afrika und Südamerika gefahren. Ob er einmal einen schweren Seesturm erlebt hätte, fragte ich ihn. „Ich habe viele Stürme erlebt“, sagte er. „Ich habe Stürme erlebt, bei denen ich dachte: Das überleben wir nie!“ Und da stand er vor mir und hatte überlebt und konnte erzählen, was er erlebt hatte. (Der Grashalm in der Wüste, S. 95 f.)
Die Geschichte erzähle ich Menschen, die vor einer Prüfung oder schweren Bewährungsprobe stehen. Sie leitet dazu an, über ein gedachtes Ende der Welt hinweg zu denken und sich bewusst zu machen, dass auch die früheren Enden der Welt (im Leben anderer Menschen oder im eigenen Leben) von einem neuen Tag gefolgt waren.
Gedanken über Angst V
Angst kommt von Enge. Was passiert mit der Angst, wenn ich meine Vorstellung des Raumes in dem ich mich bewege, weite? Was passiert, wenn ich den Zeitraum weite, den ich mir vorstelle? Was passiert, wenn ich mir etwas vorstelle, was mit Enge unvereinbar ist?
Der Geschichtenerklärer
Ein Märchen! Die Augen der Kinder leuchteten. Der Geschichtenerklärer begann: „Es war einmal eine Geißenmutter, die hatte sieben junge Geißlein. Wie diese prototypische Einleitung zeigt, handelt es sich um ein Märchen. Die Zahl sieben ist in dieser Art Literatur die Zahl des Vollständigen. Später wird es wichtig werden, dass die jungen Geißen nicht alle gefressen, daher aber alle gerettet werden. Warum der Geißenvater nicht genannt wird, erfahren wir nicht. Manches spricht dafür, dass er im Wolf versinnbildlicht ist. Das spätere Fressen der Geißenjungen kann als gewalttätiger oder sexueller Akt verstanden werden. Wenn ihr nachher die Geschichte in fünf Hauptabschnitte untergliedert, werdet ihr feststellen, dass das Märchen einem gestuften Schema folgt…“ Und das Leuchten in den Kinderaugen erlosch.
Gedanken über Angst IV
Angst kommt aus vergangenen Erfahrungen. Wirklich vergangen sind diese Erfahrungen, wenn ich die Angst vor dem Vergangenen ablege.