Interessenverschiebung

Nach einer langen Zeit im Koma kehrte mein Onkel Dennis mit einer geistigen Behinderung ins Leben der Menschen zurück. Vieles hatte er vergessen und vieles war ihm gleichgültig geworden. Oft deutete er mit dem Finger zum Himmel: „Schau, eine F-14 Tomcat Maschine! Sieh mal, ein Apache-Helicopter!“ Und er beschrieb die Triebwerkstypen, Leistung, Traglast, Cockpitausstattung, Besatzung und Bewaffnung der vorbei fliegenden Maschinen. „Er war im Koreakrieg“, sagte seine Frau. „Aber ich wusste nicht, dass etwas darüber weiß. Wir sind seit 30 Jahren verheiratet, und er hat sich nie dafür interessiert.“

Die Geschichte kann in der Beratung dazu dienen, um deutlich zu machen, dass die Menschen in unserer Umgebung verborgene Fähigkeiten haben, von der die Umgebung nichts weiß – manchmal über Jahrzehnte hinweg. Wir können nicht beurteilen, was ein anderer nicht kann bzw. nicht weiß, und wir haben nur bruchstückhafte Information darüber, was er kann und weiß. Dies gilt besonders bei der Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern, mit „psychisch Kranken“ und „Behinderten“.

Von Schmerzen und Läusen

Ich wartete im Sprechzimmer auf den Arzt. Ich überlegte, wie ich mich von dem bevorstehenden Eingriff ablenken und meine Aufmerksamkeit auf etwas anderes richten wollte. Der Arzt kam herein, begrüßte mich und begann seine Arbeit. „Tut’s weh?“, fragte er. Mir schien, eine ähnliche, nur angenehmere Wirkung hätte er erzielt, wenn er gesagt hätte: „Die Patientin vor Ihnen hatte Läuse. Ich hoffe, Sie juckt’s nicht irgendwo, oder?“

Die therapeutische Landkarte „Insel der Liebe“

Landkarte “Insel der Liebe��?

Immer wieder bestellen Paartherapeuten bei mir eine Landkarte der „Insel der Liebe“. Ich erkläre einmal, worum es sich dabei handelt…

Die Karte der „Insel der Liebe“ ist für paartherapeutische Gesprächen konzipiert. Mit Hilfe direkter oder zirkulärer Fragen („Was meinen Sie, wenn ich Ihren Partner fragen würde…, was würde er antworten?“) werden die Partner gebeten, sich selbst oder einander auf der Insel zu verorten, gemeinsame und getrennte Wege zu überlegen, Wohnorte und Zeltplätze auszuhandeln, etc. Es empfiehlt sich, dazu aus selbst haftenden Notizzetteln verschiedenfarbige Häuser, Zelte, Wohnwagen u. ä. anzufertigen. In gleicher Weise können auf dem kopierten Blatt die Korrekturen und Ergänzungen der Partner eingezeichnet werden. Natürlich können Klientinnen und Klienten auch angeregt werden, ihre eigene „Insel der Liebe“ zu zeichnen – einzeln, gemeinsam oder zuerst einzeln und dann gemeinsam.

Die „Insel der Liebe“ ist geeignet, um aus Konfliktgesprächen mit Paaren das Erbitterte und die Härte herauszunehmen und auf einer anderen Ebene ins Gespräch zu kommen.

Man fragt die beiden Partner jeweils nach Zielen und Wünschen in ihrer Partnerschaft bzw. einer bestimmten Situation und lässt sie ein Hauptziel mittels Post-it-Streifen oder Spielfigur auf der Karte verorten. (Zusätzlich kann man auch die momentane reale Verortung markieren.) Man spricht darüber als den Ort, wo die Partner stehen. Dann schaut man, wie nah oder weit die Ziele auseinander liegen, diskutiert darüber, ob beide Ziele wertvoll und berechtigt sind (natürlich sind sie es) und überlegt, wie beide Ziele bzw. Wünsche erreicht werden können: Einzeln, gemeinsam? Abwechselnd? Welches wann, welches zuerst, welches dafür öfter oder länger (oder sicherer)?

Man kann nach Felsbrocken fragen, die weggeräumt werden müssen, nach sumpfigen Stellen, nach notwendigen Straßenbauprojekten oder Telefonleitungen.

Man kann zirkulär fragen, also den Mann z.B. betreffend einer Streitsituation fragen, wo („wenn ich Ihre Frau fragen würde…“) seine Frau sich verorten würde, und dasselbe auch umgekehrt, und dann auflösen lassen, was die Partner wirklich dazu denken. Weiterlesen

Die Insel der Liebe

Als Paartherapeut habe ich manchmal goldige, süße, nette Paare vor mir sitzen, die sich trennen wollen oder müssen – und leider kann ich sie daran nicht hindern. Andere Male gibt es sehr merkwürdige Paare, zu denen ich am liebsten sagen möchte: „Warum trennt ihr euch eigentlich nicht“ Aber sie bleiben zusammen, warum auch immer. Wenn die Paare mir auf die eine oder andere Art allzu sonderbar werden, dann erzähle ich ihnen manchmal eine Geschichte. So wie diese:

Weit draußen im Meer vor der Küste, hinter dem Stürmischen Kap, befindet sich eine kleine Insel. So klein ist sie, dass sie nur auf den allergenauesten Karten verzeichnet ist. Trotzdem besitzt sie in kundigen Kreisen eine gewisse Berühmtheit. Die Seeleute nennen sie die „Insel der Liebe“. Weiterlesen

Einsatz

Die Alarmglocke läutet. Schnelle, schwere Schritte, Rufe. Das Rascheln hastig angezogener Schutzkleider. Nochmals schnelle Schritte. Innerhalb einer Minute sind die Feuerwehrleute im Fahrzeug und auf der Straße. Laut ist die Sirene des Fahrzeugs zu hören. Sie kommen am Brandort an. Rauch dringt im dritten Stock aus dem Fenster. Der Einsatzleiter gibt die Kommandos. Der Fahrer dreht die Leiter hoch, zwei Mann kümmern sich um die Schläuche, zwei Mann laufen zum Hauseingang. Ein Fenster öffnet sich. „Guten Morgen, was ist denn los?“ „Feuer! Bleiben Sie am Fenster! Wir holen Sie raus!“ „Aber nicht doch! Das nebenan ist meine Küche! Ich war gerade einkaufen. Dabei ist mir der Kuchen angebrannt, und jetzt musste ich das Fenster öffnen, um zu lüften. Aber kommen Sie rein! Ich mache Ihnen einen Kaffee! Das bisschen Rauchgeruch hier oben wird Sie ja sicher nicht stören.“ Die Feuerwehrleute stutzen erst, und dann lachen sie. „Kommando: Zurück!“ ruft der Einsatzleiter, „Blinder Alarm!“ Der Schlauch wird wieder eingerollt, die Leiter wieder zurückgedreht. Die Männer am Hauseingang schlendern gelassen grinsend zurück zum Fahrzeug. Sie ziehen ihre Helme und Schutzkleider aus und legen sie ins Auto. Dann gehen Sie nach oben, wo schon der dampfende Kaffee auf sie wartet. „Ich glaube, Sie müssen Ihr Alarmsystem überprüfen“, sagt die Hausbewohnerin. Der Einsatzleiter nickt. Das Alarmsystem muss überprüft werden. „Wir werten jeden Einsatz aus und diese Art von Einsätzen besonders“, sagt er und zwinkert. „Wir werden die Leitstelle informieren, damit uns so etwas nicht mehr vorzukommen braucht. Obwohl, der Kaffee schmeckt gut.“

Die Geschichte verwende ich, um Fehlalarmierungen des Körpers und der Seele aufzuklären. Hauptsächlich setze ich sie ein bei Immunerkrankungen; sie dürfte sich jedoch auch bei Panikstörungen bewähren.

Theaterfahrt

Die Rammelsbacher Landfrauen machten einen Ausflug ins Theater. Der Bus, in dem sie fuhren, hatte auf dem Hinweg eine Panne. Als sie ankamen, hatte das Stück längst begonnen hatte. Die Gruppe traf im Theatersaal ein. Gerade rief einer der Schauspieler: „Wer seid ihr? Woher kommt ihr zu so später Stund’?“ Eine Frau erwiderte: „Mer sin die Rammelsbacher Landfraue, unser Bus ist verreckt!“

Die Geschichte kann in der Beratung verwendet werden, wo jemand sich von anderen in Frage gestellt fühlt, weil er eine innere Diskussion mit seinem Gewissen, seinem Perfektionismus oder einer Person aus der Vergangenheit führt.

Faktum

Sie war außer sich vor Wut: „Kannst du dich nicht mal ein bisschen bewegen? Mal ein paar Gewohnheiten verändern? Warum machst du das denn immer wieder?“ „Ich bin halt so“, antwortete er.

„Ich bin halt so“ ist ein Argument, das sparsam eingesetzt werden sollte. Wer störende Kleinigkeiten herzhaft verändert, kann oft Großes erreichen. Gesten des liebevollen Umgangs neu zu entdecken, kann viel bedeuten. Aber die Mühsal, die eigene Persönlichkeit ändern zu wollen, um dem Partner zu gefallen, lohnt sich oft nicht.  Hat der eine Partner große Anstrengungen zu leisten, um kleine Schritte zu gehen, erscheint dem anderen seine Leistung auf dem Weg der Veränderung noch eher dürftig. Zorn, Verzagtheit, Groll und Härte halten Einzug in den Alltag mancher Paare, von denen einer „sich ändert“, um den anderen zu behalten. Besser ist es oft, mit dem Vorfindlichen auf neue Arten umgehen zu lernen, ohne es im Kern zu verändern. Besser ist es, dem störenden Verhalten einen neuen Kontext, neue Deutungen und neue Reaktionen zu schenken. Und gelten zu lassen:

„Ich bin halt so.“

Lass dich nicht verikeren…

Es gibt Berufe, die werden zu einem Teil der Persönlichkeit. Angenommen, jemand ist mit Hingabe Lehrer oder Pfarrer, KFZ-Mechanikerin oder Krankenschwester, dann verschmilzt die berufliche Identität mit der bis vorher innegehabten Identität zu etwas neuem. Auch die Herkunft eines Menschen beschreibt etwas davon, wer er ist. Wir Menschen sind Spanier oder Pfälzer, Kaiserslauterer, Siegerländer, Afrikaner oder Mexikaner. Es gibt auch Überzeugungen und Lebensstile, die eine solche Wirkung haben. Jemand ist vielleicht aus Überzeugung Vegetarier, Bahnfahrer, Puritaner oder Wehrdienstverweigerer.

Und schließlich beschreiben Menschen ihre Krankheiten und Probleme in dieser Weise. Es wird behauptet, ein Mensch sei Diabetiker, Allergiker, Alkoholiker, Epileptiker, Rheumatiker, Psychotiker und so weiter. Das Problem ist: Wenn die Krankheiten in dieser Weise als Teil der Identität beschrieben wird, ist es schwieriger, sich wieder von ihr zu lösen. Denn wer trennt sich schon leicht von etwas, was zu seiner Person gehört; wer glaubt auch nur, dass er es kann?

Sicherer ist es, zu sagen: Ich habe Diabetes, habe ein Alkoholproblem – und noch sicherer, zu sagen: Ich habe in der Vergangenheit, bisher, bis kürzlich dies und das gehabt. Oder: Ich habe zur Zeit oder noch dieses Problem. Und noch besser: Mein Blutzuckerspiegel ist noch nicht auf dem richtigen Wert stabilisiert, meine Arzt hat Rheuma diagnostiziert, ich habe mich mehrmals psychotisch verhalten, und so weiter.

Wer Krankheiten in Handlungen und Erlebnisse übersetzt, hat weitaus bessere Chancen, sie zu überwinden, als der, der sie in Persönlichkeitseigenschaften übersetzt.

Lass dich nicht verbaren…

„Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“, sagte der Philosoph Ludwig Wittgenstein. Sprache schafft Wirklichkeit, und eine begrenzende Sprache schafft Grenzen für die Wirklichkeit. Sprachgrenzen schaffen Grenzen der Möglichkeiten.

Ein Beispiel ist die Nachsilbe -bar, wie sie in Worten wie „haltbar“, „genießbar“, „versteuerbar“ vorkommt. Die Silbe wird auch gerne auf Menschen angewendet: „Unbelehrbar“, „unheilbar“, nicht therapierbar“, „manipulierbar“, „korrumpierbar“, „nicht beschulbar“, „schwer erziehbar“, „untragbar“, „schwer vermittelbar“.

Das Eigenartige an der Silbe -bar ist, dass sie uns irrtümlich den Eindruck vermittelt, sie sage etwas aus über die Person, von der die Rede ist, also: Wer unbelehrbar sei, lasse sich nicht belehren, wer manipulierbar sei, lasse sich manipulieren, wer schwer erziehbar sei, lasse sich schwer erziehen – es scheint geradezu so, als ob die bar-Worte Eigenschaften der Menschen bezeichneten, von denen sie reden. Dabei bezeichnen sie die Fähigkeiten dessen, der da redet und die Möglichkeiten des Kontextes, in dem er arbeitet.

Wenn ich also sage: „Er ist unbelehrbar“, sage ich in Wirklichkeit nur: „Ich konnte ihn nicht belehren“, und allenfalls: „in diesem Kontext lernt er meiner Ansicht nach nichts“. Sage ich: „Er ist nicht therapierbar“, heißt das: „ich kann ihn nicht therapieren“. Sage ich, jemand sei untragbar, erkläre ich, dass ich oder mein Arbeitskontext ihn nicht mehr ertragen mag. Sage ich, jemand sei schwer vermittelbar, spreche ich wieder nicht über seine, sondern über meine Möglichkeiten. Und sage ich, jemand sei unheilbar krank, so sage ich nur, dass ich oder seine Umgebung den Menschen nicht heilen kann. Ob ein anderer Mensch oder die Heilkunst einer anderen Kultur etwas für denjenigen tun kann, darüber steht mir kein Urteil zu.

Wenn allerdings jemand mir Glauben schenkt, er sei -bar oder nicht -bar, obwohl das bar-sein in Wirklichkeit nicht seine, sondern meine Möglichkeiten beschreibt, dann werden durch seinen Glauben meine Möglichkeiten leicht zu seinen. Das heißt auch, meine Unmöglichkeiten werden zu seinen, und meine Grenzen werden zu den seinen.

Wenn dir also jemand sagen will, du seiest -bar, dann kannst du ihn reden lassen, nur glauben brauchst du ihm nicht. Du weißt, er redet über sich und seine Grenzen, und das sind Angelegenheiten, die gehen dich nichts an.