Einander wahrzunehmen und dem anderen zu zeigen, dass man ihn sieht, hat einen Wert. Die Geschichte kann erzählt werden, um andere einzuladen, dem Unbehagen nicht auszuweichen, das wir in einem Gefälle von Macht und Ohnmacht erleben, sondern eine kraftvolle, würdevolle Begegnung zu ermöglichen, auch wenn diese nur einen Augenblick anhält und die Unterschiede in den Handlungsmöglichkeiten damit nicht aufgelöst werden.
Wir gingen durch die Straßen von Phnom Penh. „Sir…“, „Möchten Sie…?“ „Wollen Sie…“ Einige boten eine Führung an, andere eine von Blinden durchgeführte Thai-Massage, einige wollten eine Spende für Minenopfer mit amputierten Gliedmaßen, andere für ein Kinderheim, wieder andere verkauften Souvenirs, Snacks, Getränke, Regenschirme und Haushaltsgegenstände. Bei vielen wussten wir gar nicht, was sie wollten… Manchmal waren es Erwachsene, öfter Kinder, nicht selten zwanzig oder dreißig gleichzeitig: „Only one Dollar!“ Wir wichen den Blicken der Menschen aus. Wir schauten auf den Boden oder in die andere Richtung und schüttelten den Kopf. „Nein, tut mir leid… Nein danke… nein, danke… nein, danke…“ Doch die Menschen ließen nicht ab, sie folgten uns, fragten nochmals, fragten weiter.
Irgendwann machte ich eine Entdeckung. Wenn ich den Kopf hob und dem Menschen in die Augen schaute, während ich: „Nein, danke“ sagte, dann wurde ich nur einmal gefragt. Die Menschen anzuschauen, während ich „Nein“ sagte, war etwas schmerzhaft. Aber sie schauten freundlich und ich tat es auch. Für einen Augenblick waren wir uns begegnet.
Diese Geschichte stammt von mir aus dem Buch, von meinen Kollegen und Kollegin Katharina Lamprecht, Adrian Hürzeler, Martin Niedermann und mir,:
Wie der Storch zuhause blieb. 120 Geschichten zu Heimat und Fremde.
Ernst Reinhardt 2026. 139 Seiten.
(978-3-497-03344-7) kartoniert
€ [D] 29,90 / € [A] 30,80
Gedrucktes Buch, ISBN 978-3-497-03344-7
Auch als E-book erhältlich.
Das Buch mit weiteren Geschichten und Erklärungen könnt ihr ab sofort direkt in meinem
beziehen.
Liebe Grüße,
Stefan
