Ventimiglia

Die Geschichte erzähle ich Flüchtlingen, die mit dem Gedanken spielen, einmal wieder in ihre frühere Heimat zurückzukehren und die von der Hoffnung erzählen, dass ihr Land einst wieder aufgebaut werden wird. Natürlich ist das Bild der wiederhergestellten Gärten nicht nur stellvertretend für die Instandsetzung äußerer Räume, sondern noch mehr als Sinnbild der Wiederherstellung eines verletzten Inneren zu sehen. So ist die Erzählung von der Restaurierung der Hanbury Gardens am Ende vor allem als Symbol für die Heilung traumatischer Verletzungen zu verstehen.

Waren Sie schon einmal in Ventimiglia? In der Nähe dieser kleinen Stadt, da, wo die äußersten Ausläufer der Alpen nach Süden hin zum Meer abfallen, befindet sich ein berühmter botanischer Garten. Am oberen Ende des Gartens kann man die alpine Flora bestaunen, unten am Meer die mediterrane. Dazwischen gibt es eine große Vielfalt wunderbarer Gewächse aus aller Welt. Einst war der Garten der Stolz einer englischen Familie, die sich liebevoll um ihn kümmerte.  Dann sind zwei Weltkriege über ihn hinweggezogen. Italienische und deutsche Truppen haben den Park verwüstet. Er wurde geplündert, aufs Schwerste bombardiert und schließlich der völligen Verwahrlosung preisgegeben. Nach dem Krieg kehrte Lady Dorothy, der das Land gehörte, wieder an den Ort zurück. Sie fand dort nichts mehr als Gestrüpp und wild wucherndes Unkraut.

“Alles verloren”, dachte sie. Aber… wer weiß? Vielleicht waren unter dem Gebüsch noch Reste von dem, was dort vorher gewachsen war? Vielleicht hatten sich einige Pflanzen ausgesät, vielleicht war in manchen Wurzeln noch Leben, vielleicht war im Schatten des Gesträuchs noch etwas von der alten Bepflanzung erhalten geblieben? Zusammen mit zwanzig Botanikern ging sie nochmals an den Ort. Gemeinsam rupften und rodeten sie, was nicht zum ursprünglichen Bewuchs gehörte. Tatsächlich entdeckten sie eine große Zahl von Pflanzen, die, versteckt im Schatten des Wildwuchses, die Zeit überdauert hatten. Nun konnten sie auch erkennen, was fehlte. Mit Spenden und Helfern aus aller Welt brachten sie tausende von Bäumen, Sträuchern, Kräutern und Gräsern wieder an den Ort, wo sie einst gediehen waren. Und doch zeigte es sich, dass die Aufgabe so groß war, dass sie ihre Kräfte und Mittel überstieg. Sie verkauften das Gelände an den italienischen Staat, und als man dort wiederum erkannte, dass die Aufgabe größer war als alles, was man aus eigenen Mitteln bewältigen konnte, beauftragte man die Unversität Genua mit der Betreuung der Gärten. Die Hanbury Gardens sind einer der schönsten botanischen Gärten der Welt. Ich glaube, sie sind wieder so schön wie in der Zeit, als sie zuerst angelegt wurden. Oder vielleicht noch schöner?

Diese Geschichte stammt von mir aus dem Buch, von meinen Kollegen und Kollegin Katharina Lamprecht, Adrian Hürzeler, Martin Niedermann und mir,:

Wie der Storch zuhause blieb. 120 Geschichten zu Heimat und Fremde.

Ernst Reinhardt 2026. 139 Seiten.
(978-3-497-03344-7) kartoniert
€ [D] 29,90 / € [A] 30,80
Gedrucktes Buch, ISBN 978-3-497-03344-7
Auch als E-book erhältlich.

Das Buch mit weiteren Geschichten und Erklärungen könnt ihr ab sofort direkt in meinem

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Liebe Grüße,

Stefan