Pantomime

Vor einigen Wochen hatte ich bei der Arbeit im Klinikum eine Begegnung, die mich beschäftigt.

„Guten Tag. Mein Name ist…“, so wollte ich mich einer Patientin vorstellen. „Sie ist aphasisch, sie kann nicht sprechen“, erklärte mir die Krankenschwester. „Schlaganfall…“ Die junge Frau wirkte mutlos und depressiv. Ihre ratlosen Gesten ließen mich wissen, dass sie meine Worte nicht verstand, bis auf wenige, die ihr ein Nicken oder Kopfschütteln entlockten. Wie kann man mit einem solchen Menschen kommunizieren? Ihr Sprachzentrum war getroffen. Die Sprache war zerstört – was ist aber mit Bildern? Kann sie die noch verstehen?Mit Gesten malte ich vor ihr in die Luft eine steile Treppe mit hohen Stufen. Aber ach, habe ich geseufzt: Zu steil, zu hoch! Da führt kein Weg hoch! Enttäuscht habe ich den Kopf geschüttelt. Dann habe ich mit den Händen eine Treppe mit ganz flachen Stufen in die Luft gemalt. Mit meinen Fingern bin ich die ganze Treppe entlang gegangen, und habe dabei ein glückliches Gesicht gemacht. Die Frau schaute aufmerksam zu und hat genickt. Mit den Händen habe ich einen hohen Berg in die Luft gemalt. Ein Mensch aus zwei Fingern wollte ihn besteigen. Doch fiel er immer wieder herunter. Dann fand das Fingermännchen einen flachen Weg, im Zickzack, mit vielen Windungen. Diesen Weg ging es. Die Augen der Frau begannen zu leuchten. So nahm die Pantomime ihren Fortgang: „Das Ziel im Auge haben“, „Leidenschaft“ und „Kampf“ waren die nächsten Bilder. Die Bewegungen eines Dauerläufers und eine emporgereckte Faust sollten sie zu Ausdauer und Kampfgeist auffordern. Eine Uhr, deren Zeiger sich drehten, sagte, dass sie viel Zeit brauchen würde. Ich setzte die Scharade fort, mit den Händen seitlich am Kopf: „Schlafen“ und „Wachen“, „Schlafen“ und „Wachen“, und viele Male noch müsste sie „Schlafen“ und „Wachen“, bis sie am Ziel wäre. Dieses Ziel in der Ferne erspähte ich mit der Hand über den Augen. Ich deutete mit dem Zeigefinger wies. Dann marschierte ich los, in Richtung auf das Ziel. Von der Krankenschwester erfuhr ich, dass die junge Frau einen Mann und drei Kinder hatte. Mit Händen und Füßen malte ich, wie sich ihre Kinder links bei ihr einhakten, und Mann und die Eltern rechts, und wie sie sich alle gemeinsam mit ihr auf den Weg machen würden. Wieder habe ich die Faust zum Himmel gereckt: Sie würde kämpfen müssen, mit aller Leidenschaft.

Drei Tage später habe ich die Frau wieder besucht. „Wissen Sie“, sprach ihre Bettnachbarin für sie, „seit vier Wochen liegt sie jetzt hier, und es hat sich nicht viel getan. Seit drei Tagen macht sie aber große Fortschritte.“ Ich habe mit der Patientin geredet. Dieses Mal verstand sie jeden Satz. Mit Nicken, Kopfschütteln, Fingerzeichen und Gesten antwortete sie. Ich verabschiedete mich. „Tschüss“, sagte sie. Er war ihr erstes wieder gewonnenes Wort.

2 Gedanken zu „Pantomime

  1. Lieber Stefan Hammel, diese Geschichte hat mich zu Tränen gerührt :o) und auch beglückt, danke , dass Sie dieser Frau Mut machen konnten!

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