Das Karussell

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„Du hast angefangen!“ „Nein, du!“, so streiten Kinder oft, und mit uns Erwachsenen ist es nicht viel anders: Während ich überzeugt bin, nur auf die aggressiven Handlungen meiner Partnerin zu reagieren, ist sie der Überzeugung, ich sei der aktive Part des Geschehens, und sie reagiere nur. Was ich in der Meinung tue, mich nur zu verteidigen, löst bei ihr einen Alarm aus, worauf sie etwas zu ihrer Verteidigung tut, was mich alarmiert. Jeder von uns ist schockiert, wie sich der andere so unangemessen verhält, und wir erkennen nicht, dass unser eigenes Verhalten für den anderen unangemessen ist und wohl auch sein muss. So dreht sich die Sache im Kreis. Dass wir überhaupt so alarmiert sind, kommt aus einer Zeit, in der wir uns noch gar nicht kannten. Es ist, als säßen wir in einem Karussell, das sich immer schneller dreht, während uns schon längst schlecht ist. Angeschoben wird das Karussell von Leuten, die draußen stehen, Leute aus der Welt der Erinnerungen, womöglich aus unserer Kindheit, also Leute, die mit unserer Partnerschaft gar nichts zu tun haben. Kommt Ihnen hier etwas bekannt vor?

Die Geschichte vom Karussell kann verdeutlichen, wie jeder der Partner sich als Opfer und den anderen als Täter sieht. Die Personen, die den Partnern das entscheidende Leid zugefügt haben, gehören viel eher ihrer Kindheit an. (Könnte man jene befragen, würden sie sich oft ebenfalls als Opfer eines Geschehens sehen, was auf die vorangegangene Generation zurückverweist.) Die Geschichte kann die Aufmerksamkeit von der Gegenwart und dem Partner hin zu den Ursprüngen des Geschehens wenden. So können sich beide Partner in einem freundlicheren Licht sehen, wodurch der Kreislauf gegenseitiger Abwertung in einen solchen der Wertschätzung gewendet werden kann.

Diese Geschichte stammt von Stefan Hammel und ist in dem Buch „Wie der Tiger lieben lernte. 120 Geschichten bei psychischem Trauma“ zu finden. Die Geschichte gehört zum Kapitel „Beziehungen entlasten„.

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