Geklappt und gekippt

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Was soll ich mit meiner Pflegetochter machen? Ich könnte Melanie an die Wand klatschen, aber das reicht nicht. Am liebsten möchte ich sie zurückgeben. Sie lügt und lächelt dabei, sie beklaut uns und wars nicht, sie spielt sich auf: Was uns einfällt, ihr solche schlimmen Sachen zu unterstellen, und wenn sie überführt ist, macht sie uns eine Szene, heult, schimpft und knallt die Türen – oder geht aus dem Haus und sagt, sie bringt sich um. Abends kommt sie dann heim und tut, als wäre nichts gewesen. Nachts frisst sie den Kühlschrank leer und tags weiß sie nicht, warum das Essen weg ist. Und wenn wir mal einen richtig schönen Tag haben, dann macht sie abends alles kaputt. Eine Riesenszene aus rein gar nichts. Ich bin es so satt!”

“Kennen Sie das, wenn man ein Fenster versehentlich gleichzeitig klappt und kippt? Das hängt dann windschief im Raum und schlackert herum Kennen Sie das, wie schwierig es ist, es dann wieder in die richtige Position zu bringen?

Vielleicht verhält sie sich so, als ob Melanie auf eine Situation von jetzt und auf eine von früher reagiert. Einzeln ergibt jedes einen Sinn, gleichzeitig aber nicht: Weder wird sie den Gefahren von früher noch den Herausforderungen von jetzt gerecht. Etwas ist aus dem Lot, und doch ist die Absicht gut. Erlauben Sie mir, das zu erklären:

Ich stelle mir zum Beispiel vor, vor langer Zeit, als Melanie noch bei ihren Eltern war, haben die ihr eine gescheuert, wenn sie die Wahrheit gesagt hat und auch, wenn sie beim Lügen nicht überzeugt genug aussah. Vielleicht gab es aber auch nichts zum Essen, wenn sie es nicht geklaut hat – und aussah, als habe sie nichts mit der Sache zu tun.

Ich stelle mir vor, lieb und harmlos zu erscheinen oder eine gigantische Szene veranstalten, waren vielleicht die Dinge, die ihr Schläge und Strafen erspart haben.

Ich stelle mir vor, vielleicht haben die Eltern, wenn sie quietschvergnügt war und vor Freude schrie, ihr eine gepfeffert – und sie hat es starr und ohnmächtig erlitten. Und vielleicht hat sie herausgefunden, dass sie im Handeln und Gestalten bleibt, wenn sie die schönen Zeiten kaputt macht, bevor es jemand anderes tut – dann ist sie nicht mehr starr, sondern beweglich und nicht mehr ohnmächtig, sondern mächtig.

Stellen Sie sich vor, wie Sie das Fenster zuklappen, erst in die eine Richtung, mit der Würdigung, dass Melanie nicht im Jetzt, aber im Damals Gründe hatte, sich so zu verhalten, und dann in die andere Richtung, mit der Würdigung, dass Sie im Jetzt das Recht haben, verletzt und wütend und traurig zu sein. Und doch ist es gut, wenn Sie wissen, dass Melanies Verhalten nichts, aber auch gar nichts, mit Ihnen zu tun hat. Können Sie damit etwas anfangen?”

Die Klientin konnte etwas damit anfangen. Wenn wir uns vergegenwärtigen, wie die Ursprungssituation ausgesehen haben mag, in der das unmögliche Verhalten eines uns nahestehenden Menschen einmal einen Sinn ergab, kann das Verletzungen reduzieren und helfen und trotz Komplikationen in einer guten Beziehung zu bleiben.

Diese Geschichte stammt von Stefan Hammel und ist in dem Buch „Wie der Tiger lieben lernte. 120 Geschichten bei psychischem Trauma“ zu finden. Die Geschichte gehört zum Kapitel „Ein neuer Blick auf scheinbar schlechte Reaktionen„. .

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