Elefanten in der Teeplantage

Vor einiger Zeit kam eine Frau in die Therapie und teilte mit, sie habe Koli-Bakterien in der Blase. Im Darm seien solche Keime zwar nützlich, hier aber verursachten eine chronische Entzündung, die inzwischen ein ernsthaftes Risiko für ihre Gesundheit darstelle. Die Ärzte hätten nun fast alle Antibiotika versucht und keines habe geholfen. Nun gäbe es nur noch ein Antibiotikum, das möglicherweise helfen könne, welches aber eigens für sie hergestellt werden müsse. Solange müsse sie warten – und was, wenn nun auch dieses Mittel nicht wirkte? Gerne wollte sie probieren, ob Hypnotherapie hier helfen könne.

Ich erlebte sie als höfliche, bescheidene Frau, die wenig Raum für sich beanspruchte und anderen gerne jeden erdenklichen Raum und jede mögliche Unterstützung zu geben bereit war. Auf meine Überlegung, wie die Bakterien zu vertreiben wären, protestierte sie: Da habe sie Mitleid mit den Bakterien – das dürfe man ihnen nicht antun! Auf meine verblüffte Nachfrage erklärte sie, Bakterien seien doch auch Lebewesen, die leben wollten. Vielleicht waren sie ja darum mit Antibiotika nicht kleinzukriegen? Wenn die Bakterien nicht gekillt werden dürfen, was kann man da tun? Ich erzählte ihr eine Geschichte…

In einer indischen Teeplantage mühten sich die Bauern redlich um eine gute Ernte – immer wieder aber drangen Elefanten in die Plantage ein, um von den zarten Blättern der Teepflanzen zu fressen. Dabei zerstörten sie die Plantage, die die Lebensgrundlage der Bauern bildete. Manchmal geschah es, dass Bauern die Elefanten erschossen, obwohl diese natürlich streng geschützt waren. Der Staat brachte einige als Wilderer hinter Gitter, bis eine Kommission tagte, die überlegte, wie die Interessen der Teebauern mit dem Schutz der Elefanten vereinbart werden könnten.

Man fand schließlich einen Weg, um die Herde aus dem Teeanbaugebiet in eine Waldregion zu leiten, wo sie in Sicherheit leben konnten. Mit stark duftenden Extrakten ausgewählter frischer Teeblätter brachten die Herde auf den Weg. Erst setzte sich das Leittier und dann die ganze Herde in Bewegung. In einer langen Karawane, Rüssel an Schwanz, reisten sie aus dem Anbaugebiet hin zu einem Reservat, dem man den Status eines Elefanten-Nationalparks gab. Das ging nicht an einem Tag, die Karawane war eine Weile unterwegs. Aber schließlich waren alle Elefanten dort angekommen. Sie waren in Sicherheit vor den Bauern – und die Bauern vor den Elefanten!

In der nächsten Sitzung erzählte die Klientin, dass sie öfter die Elefanten vor sich sehe, wie sie unterwegs zu ihrem Reservat seien. Ab und zu fragte ich nach, wie weit die Elefanten schon gekommen seinen, und sie berichtete von deren Fortschritten. Einige Zeit später schrieb sie: „Bei der letzten Laboruntersuchung ist die im Harn gemessene Keimzahl als nicht mehr pathogen eingestuft worden. Die Ärzte haben diesen Befund als sehr zufriedenstellend qualifiziert.“ Weitere Antibiotika hatte sie zwischenzeitlich nicht eingenommen.

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