Prüfungsvorbereitung

Hier ist eine Geschichte für Leute, die eine Prüfung vor sich haben.

Um sich auf eine wichtige Examensprüfung vorzubereiten, hatte ein Mensch fünf Monate Zeit. Er wusste, dass die meisten anderen Studenten sich für die selbe Arbeit ein bis anderthalb Jahre vorbereiteten. Ein großer Teil der Studenten fiel dennoch immer wieder durch und musste die Prüfung wiederholen. Wie sollte er diese Arbeit in so kurzer Zeit bewältigen?
Er nahm sich die zu lernenden Bücher vor. Als erstes las er mehrere Tage wieder und wieder die Stichwortverzeichnisse am Ende der Bücher. Er fragte sich und malte sich aus, was all diese Fach- und Fremdworte wohl bedeuteten und in welchen Kapiteln er sie wohl jeweils am häufigsten finden würde. Danach beschäftigte er sich mit den Inhaltsverzeichnissen, lernte sie auswendig und machte sich Gedanken über ihre Gliederung. Danach las er das Dick- und Kursivgedruckte, sowie die Anfänge und Zusammenfassungen in jedem Kapitel. Er überlegte, wo in den Büchern sich eher die Kernaussagen und wo die Erläuterungen und Ergänzungen befinden mochten. Schließlich beschäftigte er sich noch einmal mit den Stichwortverzeichnissen. Nachdem er so einige Tage zugebracht hatte, begann er mit dem Lesen. Er bestand seine Prüfung im ersten Anlauf.

2 Gedanken zu „Prüfungsvorbereitung

  1. Diese Geschichte darf absolut wörtlich genommen werden – sie ist eine praktische Anleitung zur raschen Einarbeitung in ein neues, komplexes Thema (Beruf, Ehrenamt, …) – die Methode funktioniert wirklich. Die Theorie dahinter scheint mir klar: Erst Begriffe miteinander verknüpfen (einen Schubladenschrank bauen), und dann die Begriffe (die Schubladen) sukzessive mit Inhalt füllen. Das Verblüffende ist, dass man mit etwas Geschick mit einem leeren, aber stabilen Schubladenschrank in einer Fachdiskussion erstaunlich lang mithalten kann (und auf diese Weise automatisch die Schubladen füllt) ….
    Aber wie setze ich diese Geschichte im „übertragenen Sinne“ in einem Beratungsgespräch ein?

  2. Eine Möglichkeit hast du ja eben erklärt: wenn man jemanden coacht, der sich bewirbt oder demnächst die Stelle wechselt oder gerade eine neue Stelle hat – diese Leute haben oft das Problem, dass sie von ihrer neuen Arbeit kaum eine Ahnung haben, einen guten Eindruck hinterlassen wollen oder müssen und zudem oft wenig eingearbeitet werden. Das heißt, sie müssen sich schnell und selbständig einarbeiten und bis dahin evtl. (je nach Betriebskultur) mit strukturellem statt inhaltlichem Denken operieren. Das Vorgehen kann man mit dieser Geschichte illustrieren. Ich verwende sie aber bisher nicht als Metapher, sondern als Beispielgeschichte für eine Methodik, um sich schnell neues Wissen anzueignen.
    Noch etwas zum Unterschied zwischen strukturellem und inhaltlichem Denken. Ein Doktor der Physik sagte zu mir im Scherz: „Ich soll morgen an der Universität eine Vorlesung halten und habe keine Lust. Kannst du nicht für mich einspringen?“ Ich sagte: „Das kann ich gerne tun.“ Er meinte: „Da würdest du aber bös untergehen.“ Ich widersprach, und er wollte wissen, warum. Ich sagte sinngemäß: „Ich würde mich vorstellen als der Vertretungsdozent und fragen, was sie in den letzten Stunden gemacht haben. Jemand von den besseren Studenten würde sich melden und ein paar Stichworte oder eine Zusammenfassung geben. Ich würde den Fachbegriff aufgreifen, den er mit einem Tonfall von besonderer Wichtigkeit erwähnt und in die Runde fragen, was sie darüber wissen. Bei den Antworten würde ich darauf achten, ob die jeweils anderen Studenten nicken und würde dann sagen: ‚Sehr richtig.‘ Wenn ich durch mehrere Nachfragen dieser Art die wichtigsten Fachbegriffe kenne, würde ich die Studierenden bitten, die Begriffe zueinander in Relation zu setzen. Vielleicht würde ich fragen, wer mir etwas über die Forschungsgeschichte zu diesem Thema sagen kann. Meldet sich niemand, würde ich sagen, das sei für sie auch noch nicht so wichtig. Wichtiger sei, dass sie die Zusammenhänge verstehen. Vielleicht würde ich fragen, ob sie Übungsaufgaben zum Thema erhalten hätten und würde einige die Ergebnisse referieren lassen. Die anderen Studenten würde ich fragen, ob das richtig ist. Wenn sie zustimmen, würde ich dies mit Nachdruck bestätigen, wenn nicht, würde ich mir die richtige Lösung einholen. Wenn einige der guten Studierenden nun nicken, würde ich sagen: ‚Sehr gut‘. Wer das ist, würde ich am Engagement, am selbstbewussten Vortrag und an einer konzentrierten und differenzierten Darstellung und natürlich an den Reaktionen der anderen ablesen. Die meisten guten Studierenden sitzen außerdem in den ersten Reihen. Wenn ich mich allmählich sicher genug fühle, würde ich das Gehörte gelegentlich in eigenen Worten wiederholen, um ihm von Amts wegen Nachdruck zu verleihen. Sollte mich jemand bei einem Fehler ertappen, würde ich sagen: „Sehr gut aufgepasst!“, oder ich würde sagen, ich hätte mich nicht verständlich ausgedrückt und bei der nochmaligen Erklärung des Sachverhalts auf ein angrenzendes Thema zu sprechen kommen. Sollte jemand tatsächlich meine Kompetenz in Zweifel ziehen, könnte ich wahrheitsgemäß sagen: ‚Sie müssen das hier lernen, nicht ich.‘ Und notfalls könnte ich fragen, im wievielten Semester der Kritiker Physik studiert, nicken und zu einem neuen Thema übergehen. Wenn Fragen an mich gerichtet würden, die die Studenten nicht für mich beantworten können, würde ich die Antwort auf etwas später verschieben und vorher noch einen unvollständig besprochenen Zusammenhang klären, aus dem sich neue Gesprächskontexte ergeben. Beim Stundenende könnte ich bedauern, nicht mehr zu der wichtigen offenen Frage gekommen zu sein und ankündigen, ich würde den Kollegen bitten, den Sachverhalt beim nächsten Mal aufzugreifen.“
    Um etwas zu lehren, muss man nicht unbedingt etwas wissen. Wieviel weniger, um etwas zu lernen.

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