Wenn die Pariser Metro an der Station „Stalingrad“ hält, verspüre ich Unbehagen. Freut sich denn jemand an dem grausamen Tod von Tausenden, am Hunger und Siechtum von zehntausenden gefangenen Soldaten, die in Lumpen gekleidet und der Kälte ausgesetzt, Jahre ihres Lebens in einem russischen Gefangenenlager verstreichen sehen? Ich verstehe sehr gut, dass die Menschen in Paris wie im größten Teil der Welt erleichtert waren, als der furchtbare Krieg eine Wendung nahm, die die deutsche Wehrmacht am Ende in die Kapitulation zwang. Und doch steht Stalingrad für unendliches Leiden, über das keine Freude erhaben sein kann. Ganz anders fühlt es sich an, wenn ich in vielen Städten durch eine „Straße des 8. Mai“ fahre. Da höre ich in meinem Inneren die Glocken die in ganz Europa erklungen haben, um am 8. Mai 1945 das Ende des Krieges und den Beginn des Friedens zu verkünden.
Die Geschichte erzähle ich (ähnlich wie die von den Caféhäusern in Sarajewo) Menschen, die in ihrem bitteren Blick auf die leidvolle Vergangenheit verfangen scheinen sind, um sie einzuladen, den Blick auch auf das zu richten, was sich aus inzwischen günstigeren Umständen an Chancen eröffnet. Die Geschichte enthält keine Forderung, zu „vergeben und vergessen“ und eröffnet dennoch (oder gerade deshalb) die Möglichkeit, den Unterschied zwischen dem Blick aufs frühere Unglück oder auf die günstigeren Umstände, die sich später ergeben haben, wahrzunehmen.
Diese Geschichte stammt von mir, Stefan Hammel, und ist in dem Buch „Wie das Nashorn Freiheit fand. 120 Geschichten zu Krise und Entwicklung.“ zu finden. Die Geschichte gehört zum Kapitel “ III Das Ganze: Krisenbewältigung und Entwicklung in einer lokal und global vernetzten Gesellschaft “.
