{"id":993,"date":"2009-03-13T08:56:43","date_gmt":"2009-03-13T07:56:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/?p=993"},"modified":"2009-03-13T09:18:45","modified_gmt":"2009-03-13T08:18:45","slug":"adlerkueken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/2009\/03\/13\/993\/","title":{"rendered":"Adlerk&#252;ken"},"content":{"rendered":"<p>Das hier ist eine Geschichte, die mein Gro&#223;vater mir erz&#228;hlt hat, als ich ein Kind war. Ich erz&#228;hle sie zum Beispiel\u00a0Kindern aus Patchwork- und Pflegefamilien und Kindern getrennterziehender Eltern.<\/p>\n<p>Wo genau diese Geschichte sich ereignet hat, wei&#223; ich nicht mehr. Ich glaube, es muss in einem Dorf auf dem Balkan gewesen sein, im ehemaligen Jugoslawien. Ganz genau wei&#223; ich noch dies: Das Adlerk&#252;ken war aus seinem Nest gefallen. Es war quicklebendig. Als die Familie es fand, schlug es mit den Fl&#252;geln und sperrte den Schnabel weit auf. Verletzt war es anscheinend nicht, au&#223;er an einer Stelle, wo es ein wenig blutete. Die Eltern der Familie z&#246;gerten eine Zeitlang. Sie sahen sich um. Da war weit und breit keine Adlermutter zu sehen und kein Adlervater. Allein auf sich gestellt, w&#228;re das Adlerjunge gestorben. Was sollten sie tun? Die Kinder baten und dr&#228;ngten ihre Eltern, und so nahmen sie es schlie&#223;lich mit. Zuhause setzten sie es erst einmal in einen K&#228;fig, in dem fr&#252;her einmal ein Paar Nymphensittiche gewohnt hatten. <!--more--><\/p>\n<p>Die Eltern sprachen dann mit einem J&#228;ger, der ihnen erkl&#228;rte, was sie zu tun hatten. Sie r&#228;umten f&#252;r das Adlerjunge einen Kellerraum aus. In die Mitte des Raumes legten sie auf eine Holzkiste einen alten Autoreifen, den sie mit Stoffst&#252;cken und alten Kleidern auskleideten. Dort hinein setzten sie das gro&#223;e K&#252;ken. Sie gaben ihm Fleischst&#252;cke zu essen und gaben ihm zu trinken. Die Kinder machten sich einen Spa&#223; daraus, zu kr&#228;chzen, wie sie es an dem Adlerhorst geh&#246;rt hatten. Das Junge kr&#228;chzte zur&#252;ck. So begann immer wieder eine l&#228;ngere Unterhaltung. Der Adler wuchs und gedieh. Sein Federkleid ver&#228;nderte sich. Es wurde glatt und dunkelbraun.<\/p>\n<p>Eines Tages kam der J&#228;ger zu Besuch. Er schaute nach dem Adler und sagte: \u201eDu bist ja schon ein gro&#223;er Kerl geworden!\u201c Und zur Familie sagte er: \u201eEs wird Zeit, dass wir mit ihm nach drau&#223;en gehen.\u201c Er gab dem Vater einen Lederhandschuh mit einem langen Stulpen, und sie setzten ihm den Adler auf den Arm. Dann gingen sie miteinander spazieren. Neugierig und unternehmungslustig sah sich der Vogel um. Die Kinder lachten, als der Vater am n&#228;chsten Tag beim Fr&#252;hst&#252;ck anmerkte, dass er am Arm jetzt Muskelkater habe. Der J&#228;ger kam nun &#246;fter, und ihre Spazierg&#228;nge wurden immer l&#228;nger. An einem Tag sahen sie andere Greifv&#246;gel am Himmel. Auch der Adler sah sie. Er schrie und flatterte so heftig mit den Schwingen, dass sich der Vater in Acht nehmen musste, um nicht von einem der kr&#228;ftigen Fl&#252;gel geschlagen zu werden.<\/p>\n<p>Die n&#228;chsten Spazierg&#228;nge glichen schon einer Wanderung. Schlie&#223;lich gingen sie bis zum oberen Rand des felsigen Abhangs, an dessen Fu&#223; sie den Adler gefunden hatten. Sie schauten hinab. Weiter unten sahen sie einen gro&#223;en Adler und zwei etwas kleinere in der Luft ihre Kreise ziehen. Die Jungen waren noch ungelenk. Sie schlugen &#246;fter mit den Fl&#252;geln, und manchmal, wenn ein kr&#228;ftiger Windsto&#223; kam, sah es aus, als ob sie f&#252;r einen Moment das Gleichgewicht verl&#246;ren. Der Adler am oberen Ende des Abhangs schien konzentriert zuzuschauen. Mit gerecktem Hals stand er bewegungslos auf seinem Posten auf Vaters Arm. Als ob er versuchte, sich zu erinnern und etwas zu verstehen\u2026 Wieder schlug er heftig mit den Fl&#252;geln, kr&#228;chzte einmal und schrie dann, wie nur ein Adler schreien kann. Als das Tier wieder zur Ruhe kam, umgriff der Vater seinen K&#246;rper mit dem linken Arm und hielt ihn so fest. Er zog den rechten Arm unter den F&#228;ngen des Vogels weg und fasste ihn an den Beinen, so dass die Krallen des Tieres ins Leere griffen. Etwas &#228;rgerlich versuchte der Vogel mit dem Schnabel nach der menschlichen Hand zu sto&#223;en, die seine Beine umgriff, doch nicht so, dass er den Vater wirklich h&#228;tte verletzen wollen. Trotzdem zuckte der Vater zusammen. Der n&#228;chste Schritt musste sehr schnell gehen. Sanft drehte sich der Vater nach hinten um den eigenen K&#246;rper. Dann warf er den Vogel mit aller Kraft nach vorne in die Tiefe. Der Adler war offensichtlich &#252;berrascht. Er gab einen unterdr&#252;ckten Schrei von sich. Er flatterte und taumelte durch die Luft. Eine Weile schien er zu fallen, doch schlie&#223;lich fing er sich und flog mit ungelenken Schl&#228;gen durch die Luft. Nach einiger Zeit lie&#223; er sich auf einem felsigen Absatz nieder, um sich zu erholen. Eine Weile schauten sie ihm noch zu, dann gingen sie alle nach Hause. In den n&#228;chsten Tagen wanderten sie noch mehrere Male zu dem Abhang. Was sie dort sahen, machte sie froh: Die Adler kreisten nun zu viert am Himmel. Anscheinend hatten sie sich wieder erkannt.<\/p>\n<p>Als der Herbst kam, waren die Adler weg. Auch im Winter sahen sie keinen von ihnen am Abhang kreisen. Als der Schnee am tiefsten war und der Frost am k&#228;ltesten, schauten sie einmal aus dem hinteren Fenster ihres Hauses und sahen dort ihren Adler sitzen. Sie gaben ihm ein St&#252;ck trockene Wurst, das er gierig verschlang. In den n&#228;chsten Tagen kam er noch einige Male. Dann taute der Schnee, und der Adler blieb aus.<\/p>\n<p>Anderthalb Jahre sp&#228;ter schrieb eine Tante aus einem weiter entfernten Dorf, dass in ihrer Gegend zum ersten Mal ein Adlerpaar nistete und seine Jungen gro&#223;z&#246;ge. Sie fuhren hin \u2013 offiziell nat&#252;rlich, um die Tante zu besuchen, doch eigentlich mehr, um nach den V&#246;geln zu schauen. Als sie den Horst sahen, schlug dort ein Adler heftig mit den Fl&#252;geln und lie&#223; einen lauten Schrei h&#246;ren. Ob es wohl ihr Adler war?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das hier ist eine Geschichte, die mein Gro&#223;vater mir erz&#228;hlt hat, als ich ein Kind war. Ich erz&#228;hle sie zum Beispiel\u00a0Kindern aus Patchwork- und Pflegefamilien und Kindern getrennterziehender Eltern. 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