{"id":963,"date":"2009-03-02T10:08:11","date_gmt":"2009-03-02T09:08:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/?p=963"},"modified":"2009-03-11T00:40:01","modified_gmt":"2009-03-10T23:40:01","slug":"die-wueste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/2009\/03\/02\/963\/","title":{"rendered":"Die W&#252;ste"},"content":{"rendered":"<p>Einmal die W&#252;ste zu erleben, die riesige weite Sahara, das war sein Traum. Jetzt hatte er sich diesen Traum erf&#252;llt. Mit Flugzeug, Bus und Jeep war er dorthin gekommen, in irgendein bedeutungsloses Dorf, das er sich auf der Landkarte ausgesucht hatte, irgendwo am Rande der Sahara. Und er wusste: Dahinter kommt nichts mehr. Keine Stra&#223;e, keine Siedlung, keine Quelle. Nur Sand, Steine, Felsen. Was ihn eigentlich dahin gezogen hatte, wusste er nicht. Eine Sehnsucht, aus der Tiefe seiner Seele. Vielleicht war es das, vielleicht war er zu lange von zu vielen Menschen umgeben gewesen, zuviel Unruhe, zu viele Stimmen, die alle etwas von ihm wollten. Auf der Arbeit, in der Nachbarschaft, die Familie zuhause, alle zerrten sie an einem: K&#246;nnten Sie nicht&#8230; w&#252;rdest du bitte. Und nun: Stille, nichts und niemand um ihn herum.<!--more--><\/p>\n<p>Danach hat er sich gesehnt. Lange, vielleicht ein Leben lang. So still ist es hier, dass er den Sand und die Steine unter seinen F&#252;&#223;en knirschen h&#246;rt, bei jedem Schritt. Bevor die Nacht einbricht, wird er noch einmal etwas in sich aufsaugen von dieser riesigen, weiten Ein&#246;de. Der n&#228;chste felsige H&#252;gel ist kein zu weites Ziel. Nur anstrengend ist der Aufstieg. Nicht wegen der Temperatur. Die Sonne steht schon tief, und es ist erstaunlich k&#252;hl geworden. Aber der Sand unter ihm rutscht bei jedem Schritt und zieht seine F&#252;&#223;e nach hinten. Schlie&#223;lich steht er oben. Er schaut vor in die W&#252;ste und zur&#252;ck auf das Dorf. Rot beginnt die Sonne hinter dem Dorf unterzugehen. In einigen H&#252;tten brennen schon Feuer. Ihr Flackern kann er durch die kleinen Fenster noch deutlich erkennen. Und dieses letzte bisschen Zivilisation m&#246;chte er nun hinter sich lassen. Ruhe. Am besten von allen Menschen. Danach sehnt sich sein Herz. Er macht sich auf den Weg talabw&#228;rts zum n&#228;chsten H&#252;gel. Von dort will er das Abendrot noch einmal anschauen und nichts als W&#252;ste um sich sehen. Der Weg ist nicht sehr weit, aber doch m&#252;hevoll. Der rutschende Sand macht ihm zu schaffen und Felsbrocken, die zu umklettern sind. Und es wird rasch dunkel. Als er auf dem H&#252;gel anlangt, ist das Abendrot verschwunden. Einige Minuten steht er da, bis er aufwacht aus seinem Traum.<\/p>\n<p>Um ihn ist es stockdunkel. Nicht die Dunkelheit, die er von zuhause kennt, an die die Augen sich gew&#246;hnen. Sondern buchst&#228;blich sieht er die Hand nicht mehr vor seinen Augen. An eine R&#252;ckkehr ins Dorf ist nicht zu denken. Was ihm dabei Sorgen macht, ist, dass es inzwischen schneidend kalt geworden ist und offenbar immer k&#228;lter wird. Eine solche K&#228;lte h&#228;tte er in der W&#252;ste nicht f&#252;r m&#246;glich gehalten. Er f&#252;hlt sich hilflos, da im Dunklen in seinem Sommerhemd, seinen Shorts und Sandalen. Angst &#252;berf&#228;llt ihn. Er f&#252;rchtet, diese Nacht nicht zu &#252;berstehen. Er f&#252;rchtet zu erfrieren, einsam zu sterben und niemals gefunden zu werden. Er denkt an seine Familie. Seine Gedanken beginnen zu kreisen. Was sie wohl tun werden, wenn er nicht wieder zu ihnen nach Hause kommt? Ob sie ihn suchen werden, ob sie es je erfahren werden, wo er geblieben ist? So gerne m&#246;chte er sie wieder sehen. Am Horizont sieht er drei Lichter. Wie Sterne, die aufgehen, etwa dort, wo vorher die Sonne untergegangen ist. Er denkt: \u201eIm Westen gehen keine Sterne auf. Ob ich schon fantasiere? Und diese Sterne bewegen sich seitw&#228;rts, mehr so wie \u2013 Taschenlampen.\u201c<\/p>\n<p>Stunden sp&#228;ter sitzt er mit den drei afrikanischen M&#228;nnern und einigen anderen Dorfbewohnern in einer H&#252;tte am Feuer. Eine verschleierte Frau reicht ihm gebratenes Lammfleisch und einen Becher mit Ziegenmilch. Sie verst&#228;ndigen sich mit H&#228;nden und F&#252;&#223;en. Mit Zeichen und Gesten dr&#252;ckt er den Dorfbewohnern seinen Dank aus. \u201eInschallah\u201c, l&#228;chelte ein Mann. \u201e&#8230;wie Allah will\u201c.<\/p>\n<p>Aus: <a href=\"http:\/\/www.stefanhammel.de\/das-handbuch.html\" target=\"_blank\">Stefan Hammel, Handbuch des therapeutischen Erz&#228;hlens. Geschichten und Metaphern in Psychotherapie, Kinder- und Familientherapie, Heilkunde, Coaching und Supervision. Klett-Cotta 2009.<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einmal die W&#252;ste zu erleben, die riesige weite Sahara, das war sein Traum. Jetzt hatte er sich diesen Traum erf&#252;llt. 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