{"id":526,"date":"2008-08-09T10:34:02","date_gmt":"2008-08-09T08:34:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/?p=526"},"modified":"2008-08-09T10:48:29","modified_gmt":"2008-08-09T08:48:29","slug":"nichts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/2008\/08\/09\/526\/","title":{"rendered":"Nichts"},"content":{"rendered":"<p>Gestern sprach mich ein Bekannter in einer E-Mail auf die logische Wirklichkeit oder Unwirklichkeit von &#8222;Nichts&#8220; an. So habe ich mir meine Gedanken &#252;ber &#8222;Nichts gemacht. Einige davon m&#246;chte ich mit euch teilen.<\/p>\n<p>In der systemischen Therapie fragen die Therapeuten &#246;fter: &#8222;Was tun Sie, wenn Sie &#8217;nichts&#8216; tun?&#8220; Und sie bestehen darauf, zu erfahren: &#8222;Was sehen, h&#246;ren, f&#252;hlen, denken Sie dann? Wie w&#252;rde ein anderer Sie beschreiben, der Sie erlebt in einer Phase, in der sie sagen w&#252;rden, dass Sie &#8217;nichts&#8216; tun?&#8220; Ermittelt wird also, was jemand stattdessen tut, wenn er &#8222;nichts&#8220; tut. Es handelt sich also um ein &#228;hnliches Ph&#228;nomen wie das von Paul Watzlawick beschriebene: &#8222;Man kann nicht nicht kommun\u00edzieren&#8220;.<\/p>\n<p>Eine Sicht ist, dass &#8222;Nichts&#8220; ein Konstrukt ist, das &#252;bersieht, dass die Abwesenheit einer Sache oder Tat immer die Anwesenheit einer anderen impliziert. Wenn es gelingt, die Sache oder Tat zu beschreiben, die dann stattdessen da ist, ist oft viel gewonnen.<\/p>\n<p>Also m&#252;ssten wir sagen, <!--more-->dass z.B. das &#8222;Aufmerksamkeits-Defizitsyndrom&#8220; ein &#8222;Aufmerksamkeit-Woanders-Syndrom&#8220; ist, und schon schlie&#223;en sich die Fragen an: Die Aufmerksamkeit ist woanders als&#8230;? Sie ist wo stattdessen? &#8230; Au&#223;en oder innen&#8230;? Wie lange, und wo dann&#8230;? Ich kann ja nicht nicht aufmerksam sein&#8230; Aber auch &#8222;Woanders&#8220; ist noch eine Beschreibung eines Nichts. Man m&#252;sste also unterscheiden: Ist es ein &#8222;Aufmerksamkeit-Innen-Syndrom&#8220;, ein &#8222;Aufmerksamkeit-springt-schnell-Syndrom&#8220; oder ein Aufmerksamkeit-befasst-sich mit-Dingen-die-die-Beurteilenden-nicht-verstehen-Syndrom&#8220;?<\/p>\n<p>Ich denke also, wo nichts ist, ist etwas anderes. &#8222;Nichts&#8220; beschreibt die Unwissenheit des Betrachters. Oder: &#8222;Nichts&#8220; liegt (wie Watzlawick es &#252;ber die Sch&#246;nheit sagte) im Auge des Betrachters. Dazu passt, dass der Gebrauch des Wortes &#8222;Nichts&#8220; oft damit einhergeht, dass wir die Alternativen noch nicht kennen oder noch nicht beschreiben k&#246;nnen. Wenn jemand sagt: &#8222;Diese Krankheit ist unheilbar \/ nicht heilbar&#8220;, bedeutet das: &#8222;Ich wei&#223; nicht, wie diese Krankheit zu heilen ist und kenne niemanden, von dem ich meine, dass er es w&#252;sste.&#8220; Vielleicht kann ja irgendein Schamane oder Guru einer anderen Heiltradition die Krankheit heilen. &#8222;Nicht heilbar&#8220; ist keine Eigenschaft von Krankheiten, sondern beschreibt die Selbsteinsch&#228;tzung des Behandelnden hinsichtlich\u00a0der in seinem Kontext bestehenden\u00a0M&#246;glichkeiten (siehe den Artikel &#8222;Lass dich nicht verbaren&#8220;).<\/p>\n<p>Das Wort &#8222;nicht&#8220; beschreibt also meine Einsch&#228;tzung von F&#228;higkeiten und M&#246;glichkeiten, und die enth&#228;lt &#252;blicherweise &#8222;Blinde Flecken&#8220;. Unser bisheriger Begriff von &#8222;Nicht&#8220; ist statisch: Was nicht ist, ist nicht.<br \/>\nLohnend w&#228;re es, einen dynamischen Begriff zu entwickeln: Indem wir &#252;ber &#8222;Nichts&#8220; reden, schaffen wir Unm&#246;glichkeiten, in denen sich andere m&#246;gliche Wirklichkeiten als die von uns mit &#8222;Nichts&#8220; beschriebenen ausbreiten. Wir schaffen einen Unterdruck der M&#246;glichkeiten, in den angrenzende M&#246;glichkeiten eindringen.<br \/>\nAls ob man ein Vakuum erzeugt, in das die Luft aus der Nachbarschaft eindringt. Oder wie auf einer Wetterkarte dargestellt.<\/p>\n<p>Ein behauptetes Nichts ist ein gro&#223;er M&#246;glichkeitsvernichter, wobei strenggenommen nur die andere (manchmal nicht erw&#252;nschte) M&#246;glichkeiten in den erkl&#228;rten Nichts-Raum eindringen. Tats&#228;chlich entstehen neue M&#246;glichkeiten schon, indem wir &#8222;Nichts&#8220; als &#8222;Etwas&#8220; behandeln. In der systemischen Therapie und Hypnotherapie kann das so aussehen: &#8222;Nehmen Sie mal das &#8222;Nichts&#8220; an der Hand und gehen Sie mit ihm in Gedanken spazieren. Zeigen Sie dem Nichts mal die Welt der M&#246;glichkeiten.&#8220; Wir k&#246;nnen das &#8222;Nichts&#8220; mit ein paar &#8222;Was&#8220; an einen Kaffeetisch setzen, oder auch mehrere Nichtse mit mehreren Wassen &#252;ber M&#246;glichkeiten und Unm&#246;glichkeiten diskutieren lassen.<\/p>\n<p>Die Frage, ob es &#8222;Nichts&#8220; gibt, beruht auf einer echten Paradoxie, ist also scheinlogisch. Paradoxien entstehen, wenn eine Gruppe gleichartiger Ph&#228;nomene beschrieben werden soll (&#8222;Alle Kreter sind L&#252;gner&#8220;) und das definierende Subjekt (oder die definierende Kategorie) nochmals als Teil der definierten Gruppe auftaucht (&#8222;Ich, der das sagt, bin ein Kreter&#8220;). Ein Paradox entsteht, wenn der Gattungsbegriff gleichzeitig ein Element seiner eigenen Gattung ist, anders gesagt: wenn ein &#252;bergeordneter, etwas anderes definierender Begriff gleichzeitig ein Teil des zu Definierenden ist: &#8222;Ich habe viele Kinder. Eines davon bin ich&#8220;. Die Frage &#8222;Gibt es &#8218;Nichts&#8216;?&#8220; impliziert n&#228;mlich die m&#246;gliche Antwort, dass es &#8222;Nichts&#8220; &#8222;nicht&#8220; gibt. Vor der Beantwortung der Frage ist also logisch zu kl&#228;ren, ob der Begriff des &#8222;Nichts&#8220; auf das &#8222;Nicht&#8220; angewendet werden darf, um &#8222;Nicht&#8220; &#252;berhaupt erst zu definieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern sprach mich ein Bekannter in einer E-Mail auf die logische Wirklichkeit oder Unwirklichkeit von &#8222;Nichts&#8220; an. So habe ich mir meine Gedanken &#252;ber &#8222;Nichts gemacht. Einige davon m&#246;chte ich mit euch teilen. 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