{"id":4912,"date":"2023-06-11T08:00:00","date_gmt":"2023-06-11T08:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/?p=4912"},"modified":"2023-05-30T11:18:06","modified_gmt":"2023-05-30T11:18:06","slug":"was-ist-eigentlich-hypnosystemische-therapie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/2023\/06\/11\/4912\/","title":{"rendered":"Was ist eigentlich \u201eHypnosystemische Therapie\u201c?"},"content":{"rendered":"\n<p>Heute teile ich mit euch einen Artikel von mir, der im Heft Nr. 60, Ausgabe M&#228;rz 2023 der VPP aktuell, beim <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.vpp.org\" target=\"_blank\">Verband Psychologischer Psychotherapeuten im BDP e.V. (VPP)<\/a>, erschien.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was Systemische Therapie ist, hat sich herumgesprochen:\u00a0 Die Methode der Paar- und Familientherapie, mit der man auch Einzeltherapie, Mediation und einiges anderes machen kann. Hypnotherapie ist auch klar: Eine Therapieform, die Hypnose oder zumindest das Wissen &#252;ber die Hypnose nutzt. In letzter Zeit ist aber immer &#246;fter von \u201eHypnosystemischer Therapie\u201c zu h&#246;ren. Was ist das denn nun eigentlich?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Den Begriff \u201eHypnosystemische Therapie\u201c (oder \u201eHypno-Systemische Therapie\u201c) gibt es seit etwa 1980. Eingef&#252;hrt wurde er von dem Heidelberger Arzt und Volkswirt Gunther Schmidt, der auch als inhaltlicher Begr&#252;nder der hypnosystemischen Konzepte zu nennen ist. Gemeint ist eine Verschmelzung von Systemischer Therapie und Hypnotherapie in der Tradition Milton Ericksons (zu unterscheiden von dem Entwicklungsforscher Erik Erikson).<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten Konzepte folgen der konstruktivistischen Tradition Paul Watzlawicks. Verwendet werden ganz &#252;berwiegend wache, dialogische Gespr&#228;chsformate. Hypnotische Erfahrungen werden, wenn &#252;berhaupt, am ehesten als \u201ekonversationale Trance\u201c ins Gespr&#228;ch integriert.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt handelt es sich mehr um eine Gruppe eng verwandter Therapieans&#228;tze als um ein einheitliches Konzept (und sicher nicht um eine \u201eSchule\u201c). \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Neben Erickson\u2019scher Hypnotherapie und Systemtherapie gibt es ein drittes Element, das die hypnosystemischen Konzepte verbindet: Sie greifen Elemente von Teilearbeit, Strukturaufstellungen und psychodramatischen Konzepten auf, externalisieren und visualisieren also imaginativ erlebbare Figuren als Teilpers&#246;nlichkeiten, \u201eSeiten von dir\u201c oder \u201eLeute, die du sein kannst\u201c und setzen sie z.T. dann als \u201einneres Team\u201c, \u201einnere Familie\u201c, \u201einneres Parlament\u201c o.&#196;. zueinander in Beziehung.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht sollte man also \u201eHypno-Systemisch-Psychodramatische\u201c Therapie sagen \u2013 aber zum einen w&#228;re der Begriff doch sehr sperrig, zum anderen verwendet die Hypnosystemische Therapie neben Rollenmodellen &#246;fter auch Raummodelle wie begehbare Landkarten seelischer und sozialer Gegebenheiten oder Funktionsmodelle wie Metaphern aus Biologie, Mechanik, Computertechnik oder der allt&#228;glichen Haushaltsf&#252;hrung. Konflikte, Traumatisierungen und andere Belastungen von Klienten werden mit ihren L&#246;sungsm&#246;glichkeiten also auch auf nicht-personifizierte Weise betrachtet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wahrnehmung und Wahrgebung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Was wir als au&#223;erhalb von uns wahrnehmen, kann uns nur deswegen besch&#228;ftigen, weil es in uns Repr&#228;sentiert ist, und tats&#228;chlich sehen wir nicht das, was au&#223;erhalb von uns ist, sondern das, was in uns ist, als Angebot des Organismus, etwas &#196;u&#223;eres abzubilden. Ob und wie an unseren Nervenenden objektiv feststehende Au&#223;endaten ad&#228;quat in biologische Innendaten konvertiert werden, und was eine ad&#228;quate Datenkonversion &#252;berhaupt bedeuten w&#252;rde, dar&#252;ber l&#228;sst sich wenig bis gar nichts sagen. Denn alles, was wir dar&#252;ber sagen k&#246;nnten f&#252;hrt in selbstreferentielle Kreisl&#228;ufe zur&#252;ck, wie ein W&#246;rterbuch, dessen W&#246;rter sich selbst gegenseitig erkl&#228;ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Was wir wahrnehmen, wird von unserem Organismus konstruiert. Einfache, wahrnehmungsnahe Konstrukte wie \u201eBaum\u201c und \u201eSchneeflocke\u201c sind meist interindividuell und interkulturell konsensf&#228;hig, komplexere wie die Begriffe \u201eGerechtigkeit\u201c, \u201epsychische Gesundheit\u201c und \u201eGott\u201c eher nicht. Allerdings bilden sich Gesellschaften in Gruppen aus, die als \u201eKosensusrealit&#228;t\u201c gemeinsame Deutungsnetzwerke entwickeln und als unbestreitbar verteidigen. Entsprechend schl&#228;gt Schmidt vor, lieber von \u201eWahrgebung\u201c als von \u201eWahrnehmung\u201c zu sprechen\u2026<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nutze alles \u2013 das Prinzip der Utilisation<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gemeinsam mit der klassischen Systemischen Therapie nimmt die Hypnosystemische Therapie an, dass sich Beziehungen in selbststabilisierenden Kreisl&#228;ufen von Verhalten und Erleben ausbilden, dass sie Muster ausbilden, die tendenziell stabil sind, aber auch ver&#228;ndert werden k&#246;nnen. Um leidvoll erlebte Muster zu ver&#228;ndern, scheint es g&#252;nstig, Systeme eher komplex als punktuell zu stimulieren. Systemisch gesehen kann das bedeuten, mehrere Personen in einer Familie gleichzeitig anzusprechen, hypnotherapeutisch gesehen, hei&#223;t es, alles zu alles in den Dienst der Ziele von Klientinnen und Klienten zu stellen, was vom Gegen&#252;ber intensiv wahrgenommen, als relevant, plausibel, emotional bedeutsam oder unbestreitbar erlebt wird, kurz, alles, was in seinem Gehirn bereits gut gebahnt ist (Prinzip der Utilisation). &#220;ber K&#246;rpererfahrungen Imaginationen (etwa die Nutzung von Metaphern, Parabeln und Anekdoten) und bildhaftes Erleben (etwa der Einsatz von Symbolhandlungen und von Gegenst&#228;nden im Raum) wird das unwillk&#252;rliche Erleben von Klientinnen und Klienten angesprochen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dissoziation, Assoziation, Transformation<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Aus der hypnotherapeutischen Tradition stammt die Unterscheidung von Dissoziation und Assoziation, die f&#252;r die hypnosystemische Arbeit bedeutsam ist. Der Begriff \u201eDissoziation\u201c wird hier nicht als psychopathologisches, sondern als wahrnehmungspsychologisches Konzept verwendet. Was man voneinander und von sich selbst unterscheidet oder in sich aufgliedert, wird \u201edissoziiert\u201c, was man in seiner Stabilit&#228;t verst&#228;rkt, miteinander und mit sich selbst verbindet, wird \u201eassoziiert\u201c. Unterscheidungen geh&#246;ren also in den Bereich der Dissoziation, Gleichsetzungen in den der Assoziation. F&#252;r die Therapie gilt die Faustregel: \u201eProblem trennen, L&#246;sungen verbinden\u201c. Was in der Sicht von Klientinnen und Klienten problembehaftet ist, wird mit vielf&#228;ltigen Unterscheidungen versehen: Ein Klient wird nicht als \u201eAllergiker\u201c bezeichnet, sondern sein K&#246;rper (unterschieden von ihm selbst) reagiert wom&#246;glich bisher (zeitlich dissoziiert) allergisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Was mit einem L&#246;sungs-, Kompetenz- oder Ressourcenerleben assoziierbar ist, wird suggestiv (d.h., angebotsweise) miteinander, mit deren Ich-Erleben, mit deren &#220;berzeugungen davon, was relevant, plausibel, sinn- und bedeutungsvoll ist verkn&#252;pft, in einer Weise, so dass das Glaubens- und Wertesystem der Klientinnen und Klienten keinen Anlass bekommt, zu protestieren. Milton Erickson nannte das \u201eestablishing of a yes-set\u201c, eine Zustimmungshaltung aufbauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben den Prinzipien, Dissoziation und Assoziation zu nutzen, wird in der Hypnosystemischen Therapie wie auch schon in der klassischen Hypnotherapie mit einem dritten Prinzip gearbeitet, das ich als Transformation bezeichnen w&#252;rde. Demnach werden nicht nur problemassoziierte Erlebnisinhalte in sich, voneinander, vom Ich- und Ist-Erleben der Klientinnen und Klienten getrennt oder l&#246;sungsassoziierte Inhalte in sich, miteinander, mit ihrem Ich- und Ist-Erleben verbunden, es werden auch problemassoziierte Erlebnisinhalte in flie&#223;enden &#220;berg&#228;ngen im Verlaufe eines Zeitabschnitts in l&#246;sungsassoziierte umgewandelt. Das kann in Geschichten geschehen, in deren Dramaturgie Probleme sich in L&#246;sungsaspekte verwandeln oder in K&#246;rper&#252;bungen, bei denen z.B. Schmerzen in weniger unangenehme K&#246;rpergef&#252;hle oder K&#246;rpersymptome in Emotionen umgewandelt werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Beispiele therapeutischer Interventionen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hypnosystemische Therapie viele Formen annehmen. Innere Figuren (Anteile, etc.) werden meist nicht als objektive Gegebenheiten gesehen, sondern als Bilder, die die ver&#228;ndert werden k&#246;nnen und dann andere Reaktionen ausl&#246;sen als zuvor. So kann etwa das Bild eines untreuen Ehemanns wie &#252;bereinanderliegende Overhead-Folien betrachtet werden, die man auseinanderzieht: Der verletzende Ehemann wird vom immer noch geliebten Mann unterschieden, der geliebte Ehemann kann weiter unterschieden werden in den, der Verlustschmerz erzeugt und den, der, der mit Ruhe betrachtet werden kann und als einziger im Raum bleibt. Die resultierenden hilfreichen emotionalen Reaktionen werden oft sehr weitgehend in den Alltag &#252;bertragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hypnosystemische Therapie kann als \u201eTherapeutisches Erz&#228;hlen\u201c Metaphern anbieten, deren Struktur Parallelen zur erz&#228;hlten Lebensgeschichte der Klientinnen und Klienten aufweist. Wenn die Metapher bei deren Erleben gut ankn&#252;pft und, schl&#252;ssig erz&#228;hlt, zu einem guten Ende f&#252;hrt, werden die vom Protagonisten oder der Protagonistin entdeckten neuen Erlebens- und Handlungsm&#246;glichkeiten vom Klienten bzw. der Klientin unwillk&#252;rlich auf die eigene Zukunftsperspektive &#252;bertragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hypnosystemische Therapie kann auch mit Ultrakurzinterventionen wie \u201eGr&#252;&#223;en an die Seele\u201c operieren, mit der das Unbewusste gebeten wird, bspw. Im Rahmen einer Traumatherapie \u201ealle Emotionen und K&#246;rperreaktionen in bemerkenswerter Ruhe und Gelassenheit gut zu regulieren\u201c, um eine m&#246;gliche Retraumatisierung im Gespr&#228;ch weitestgehend auszuschlie&#223;en.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Seilen und Figuren k&#246;nnen auf dem Boden des Therapieraums ver&#228;nderbaren \u201eLandkarten\u201c des seelischen und sozialen Erlebens gelegt werden, um beispielsweise die Dynamik einer Sucht zun&#228;chst zu verdeutlichen und dann deren Intensit&#228;t im gemeinsamen Erproben von Wahl- und Handlungsm&#246;glichkeiten des Unbewussten immer weiter zu reduzieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Einsatzbereiche<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zur Anwendung kommt die Hypnosystemische Therapie &#252;berall da, wo auch Erickson\u2019sche Hypnotherapie oder Systemische Therapie eingesetzt werden k&#246;nnen, also in der Kinder- und Erwachsenenpsychotherapie, in der Paar- und Familientherapie, in der Durchf&#252;hrung oder Unterst&#252;tzung medizinischer Therapien, mit entsprechenden Anpassungen auch in der Sozialarbeit, Heilp&#228;dagogik, Seelsorge, Coaching und in verwandten Arbeitsfeldern.<\/p>\n\n\n\n<p>Einsatzm&#246;glichkeiten liegen etwa in der Therapie von Neurodermitis, Allergien, Tinnitus, in der Reduktion chronischer oder akuter Schmerzen, in der Therapie von Trauma, Depression, Angst- und Zwangsst&#246;rungen, in der Therapie mit sch&#252;chternen oder aggressiven Kindern, in der Trauerarbeit, in der Mediation mit Paaren und Familien, in Teamcoachings und f&#252;r Einzelpersonen mit Burnout- oder Mobbingerfahrungen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><a href=\"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/Hypnosystemische-Therapie_LL_Hammel_rgb.jpg.74934.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"180\" height=\"280\" src=\"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/Hypnosystemische-Therapie_LL_Hammel_rgb.jpg.74934.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4913\"\/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Hypnosystemische Therapie. Das Handbuch f&#252;r die Praxis<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Stefan Hammel <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Hypnosystemische Therapie. Das Handbuch f&#252;r die Praxis<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Stuttgart, Klett-Cotta 2022<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">ISBN 978-3-608-89198-0<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">322 Seiten, 35,00 Euro in Deutschland<\/p>\n\n\n\n<p>Stefan Hammels Praxishandbuch \u201eHypnosystemische Therapie\u201c ist das erste zusammenh&#228;ngende Grundlagenwerk zum Thema \u2013 immerhin 40 Jahre, nachdem der Begriff \u201eHypnosystemische Therapie\u201c von Gunther Schmidt gepr&#228;gt wurde. Das Buch umfasst auf 322 Seiten einen &#220;berblick &#252;ber Urspr&#252;nge, Grundannahmen und Grundhaltungen der Hypnosystemischen, einen hypnosystemischen Blick auf die Entstehung und L&#246;sung von Belastungen, eine systematische und praxisbezogene Beschreibung hypnosystemischer Anamnese- und Therapiem&#246;glichkeiten sowie Register zu therapeutischen Interventionen, zu Personen, Sachthemen, Ausbildungsm&#246;glichkeiten und Literatur.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Hier geht es zu meinem Online Shop<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute teile ich mit euch einen Artikel von mir, der im Heft Nr. 60, Ausgabe M&#228;rz 2023 der VPP aktuell, beim Verband Psychologischer Psychotherapeuten im BDP e.V. (VPP), erschien. 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