{"id":47,"date":"2008-04-23T21:36:43","date_gmt":"2008-04-23T19:36:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/2008\/04\/23\/47\/"},"modified":"2008-04-23T07:40:47","modified_gmt":"2008-04-23T05:40:47","slug":"47","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/2008\/04\/23\/47\/","title":{"rendered":"Der Zuf&#252;hler"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt Menschen, die k&#246;nnen gut zuh&#246;ren. Und es gibt andere, die k&#246;nnen gut zusehen. Ich kannte einen Menschen, der konnte beides recht gut. Doch besser noch konnte er etwas anderes. Mehr noch war er ein guter Zuf&#252;hler. Wenn er einem anderen begegnete, so nahm er in Gedanken oder auch in Wirklichkeit dessen Haltung ein. Er schaute wie er, er atmete wie er, er bewegte sich wie der andere und nahm auch dessen Stimme an. Er f&#252;hlte, wie sich ein Mensch f&#252;hlt, der sich so ausdr&#252;ckt und bewegt, wie der, dem er gerade begegnete. Dann fragte er sich oft, wie wohl eine Br&#252;cke beschaffen sein m&#252;sste, die von diesem Erleben wegf&#252;hrte, hin zu einem anderen, kraftvollen, freien und erl&#246;sten Leben. <!--more-->Dieser Mann verstand viele Sprachen. Er verstand sie nicht nur, er sprach sie auch, zumindest, wenn er es wollte. Zuweilen sprach er die Sprache eines Gekr&#228;nkten, der eine Tr&#228;ne in seiner Stimme bewahrt und seine Linke am Hals h&#228;lt, der<span> <\/span>sich nach einem schmerzlichen Wort das Auge reibt und an den &#228;rgerlichen Stellen hustet. Manchmal sprach er die Sprache eines Schwerm&#252;tigen, der atmet, als ob ein tieferes Luftholen ihm Schmerzen bereite, und der erz&#228;hlt von all den Dingen, die nicht sind, und der fast unmerklich, doch unentwegt, den Kopf verneinend sch&#252;ttelt. Er sprach die Sprache eines Zornigen, dessen Kiefer so hart ist wie eine Faust und zwischen dessen Schulterbl&#228;ttern man m&#252;helos N&#252;sse knacken k&#246;nnte. Er redete die Sprache eines Kranken,<span> <\/span>dem alles Reden von Gesundheit wie eine Missachtung seiner Leiden erscheint, und die Sprache eines Schmerzgepeinigten, der l&#228;ngst keine Worte mehr sucht f&#252;r Wonne und Lust, Genuss<span> <\/span>und Wohlbefinden. Er kannte die Sprachen des Leibes, der Stimme und des Atems und auch die der Organe, die ja ihre ganz eigenen Worte haben. Zuweilen erz&#228;hlte der Zuf&#252;hler den Menschen, die zu ihm kamen, auch eine Geschichte. Und solch eine Geschichte begann ganz gewiss in der Sprache desjenigen, mit dem er da redete. Indem der Zuf&#252;hler erz&#228;hlte, wurde in seinem Munde aus der Sprache des Gebeugten die<span> <\/span>des Aufrechten und aus der Sprache dessen, der sich nicht mehr zu wundern vermag, der Ausdruck eines Menschen, den die Neugier vorantreibt und aus der Sprache des Leidenden die Geste des Gelassenen und Gel&#246;sten, der seine Schmerzen von Minute zu Minute vergisst. Und das Seltsame war, dass sich mit diesen Geschichten auch die Menschen ver&#228;nderten, die sie h&#246;rten. Manchmal geschah dies still und unter der Hand und manches Mal f&#252;r die Zuh&#246;rer &#252;berraschend und dennoch lange angebahnt. Oft wurde solch eine Geschichte zu einer weit gespannten Br&#252;cke vom Leiden der Menschen bis hin zu dem Ziel ihrer Sehnsucht. F&#252;r die Menschen um ihn war es ein Wunder \u2013 er nannte es nur einen Wandel. Dieser Wandel gelang, weil er stets und immer den ersten Pfeiler am Hang ihres Leidens befestigte \u2013 und dabei den zweiten Br&#252;ckenpfeiler nie verga&#223;.<\/p>\n<p>(Hammel, <a href=\"http:\/\/www.stefanhammel.de\/das-buch.html\" title=\"Buchinfo zu Der Grashalm in der W&#252;ste\">Der Grashalm in der W&#252;ste<\/a>, S. 81)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt Menschen, die k&#246;nnen gut zuh&#246;ren. Und es gibt andere, die k&#246;nnen gut zusehen. 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