{"id":3505,"date":"2019-08-26T20:27:38","date_gmt":"2019-08-26T20:27:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/?p=3505"},"modified":"2020-04-20T16:22:29","modified_gmt":"2020-04-20T16:22:29","slug":"krasse-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/2019\/08\/26\/3505\/","title":{"rendered":"Krasse Welt"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Dieser Beitrag hat mich ber&#252;hrt. Er stammt von meiner gesch&#228;tzten Kollegin Angelika Berning aus Hannover. Ich habe sie gefragt, ob ich ihn ver&#246;ffentlichen darf und bin dankbar, dass sie &#8222;Ja&#8220; gesagt hat&#8230;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Vor einiger Zeit habe ich einen Ort\naufgesucht, der mich sehr beeindruckt hat. Was ich an diesem Ort erlebt habe\nm&#246;chte ich im Folgenden gerne teilen. <\/p>\n\n\n\n<p>Nehmen Sie sich einige Minuten Zeit dieses Bild anzuschauen, bevor Sie den nachfolgenden Text lesen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Leerer-Raum-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3506\" srcset=\"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Leerer-Raum.jpg 768w, https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Leerer-Raum-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Unvorstellbar<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>&#196;u&#223;erlich bin ich ganz ruhig, aber tief in mir sp&#252;re ich Anspannung, als ich\nan diesem grauen Herbsttag den kleinen Kellerraum betrete. Schon lange hatte\nich vorgehabt hierher zu kommen und registriere nun, dass ich mir den Raum viel\ngr&#246;&#223;er vorgestellt hatte. Er misst etwa drei Schritte von Wand zu Wand und\nsechs vom Fenster bis zu der Stelle, wo nach sp&#228;terer Rekonstruktion die\nvordere Wand gewesen sein muss; vielleicht sind es 18 qm. Eine wei&#223;e Kerze\nsteht auf einer Art rostigem Eisenbalken, der als Kerzenst&#228;nder dient. Ein\nkleines Holzkreuz liegt auf der Kerze. Auf dem Boden direkt daneben steht ein\nerloschenes, rotes Grablicht und eine wie achtlos daneben hingeworfene\nPlastikrose.<\/p>\n\n\n\n<p>Ansonsten ist der Raum leer. Gar nichts Besonderes hier: unspektakul&#228;r,\nschlicht, karg und einfach, wie viele Kellerr&#228;ume in irgendwelchen H&#228;usern.\nSteine, M&#246;rtel, W&#228;nde, die Decke nicht sehr hoch, ein vergittertes Fenster mit\nMilchglasscheiben, die Tageslicht hereinlassen. Ohne Wissen k&#246;nnte man von\ndiesem Raum in seiner ausstrahlenden Harmlosigkeit keinerlei R&#252;ckschl&#252;sse auf\ndas ziehen, was hier fr&#252;her einmal stattgefunden hat. Und doch war er eine Zeit\nlang eine St&#228;tte unvorstellbaren Grauens. Sobald man ihn damals betreten hatte,\nmusste buchst&#228;blich die H&#246;lle begonnen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau an diesem Ort auf Schloss Sonnenstein in Pirna\/Sachsen sind von 1940\nbis 1941 fast 14.000 Menschen vergast worden. Dabei war die Heilanstalt\nSonnenstein in den ersten einhundert Jahren ihres Bestehens eine im In- und\nAusland hoch angesehene, psychiatrische Anstalt gewesen, wo beachtliche\nHeilerfolge erzielt worden waren. Bis dahin hatte in diesen Kliniken die\nVerwahrung der Patienten an erster Stelle gestanden. Nun wollte man mit einem\nneuen Konzept angemessene und vor allem humane Behandlungsm&#246;glichkeiten zum Wohle\nder Patienten anwenden. Man erm&#246;glichte ihnen Besch&#228;ftigung, eine offene\nF&#252;rsorge und verzichtete auf einschr&#228;nkende Ma&#223;nahmen im Sinne von Zwang,\nIsolierung und Bestrafung.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Kaum drei&#223;ig Jahre sp&#228;ter war aus der Reformpsychiatrie eine T&#246;tungsanstalt\ngeworden. In der Gaskammer hier unten im Keller wurde sogenanntes \u201eunwertes\nLeben\u201c wie selbstverst&#228;ndlich vernichtet. Im Rahmen einer reichsweit von den\nNazis zentral koordinierten und weitgehend geheim gehaltenen Aktion, genannt\n\u201eT4\u201c, wurde die T&#246;tung sogenannter \u201eBallastexistenzen\u201c an insgesamt sechs Orten\nin Deutschland umgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau hier, wo ich jetzt stehe, ist einer davon und nicht zuletzt wegen der\nZahl der Opfer einer der schlimmsten Orte nationalsozialistischer Verbrechen in\nSachsen. Vernichtet wurden in diesen sechs \u201eEuthanasie\u201c- Anstalten insgesamt\n70273 Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Still ist es hier unten, trotz des Baul&#228;rms von drau&#223;en. Vielleicht ist der\nKrach sogar gut und h&#228;lt die Verbindung zum Heute, w&#228;hrend meine Gedanken in\ndie Vergangenheit ziehen. Wie viel Angst muss an dieser Stelle ertragen worden\nsein? Wie viele gellende Schreie sind hier wohl ausgesto&#223;en worden? Wie viele\nMenschen m&#246;gen vor Entsetzen in einem mehrere Minuten dauernden Todeskampf\ndurch Ersticken r&#246;chelnd die Finger ineinander verkrallt haben? Was noch mehr?\nVerzweifelte M&#228;nner, Frauen, Kinder, denen man vielleicht versprochen hatte, in\neine modernere Heilanstalt zu kommen, wo sie bessere Bedingungen vorfinden\nw&#252;rden und man ihnen kompetenter helfen k&#246;nnte. In diesen Raum traten sie ein,\nweil sie davon ausgingen, dass sie nach ihrer Ankunft zun&#228;chst erst duschen\nsollten. Manche hatten laut Angaben tats&#228;chlich Waschlappen und Seife dabei.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin sehr wach und wie bet&#228;ubt zugleich. Habe Angst, ein riesiger Schmerz\nk&#246;nnte wie ein Dolch in meine Brust fahren, wenn ich die Gef&#252;hle wirklich\nzulassen w&#252;rde, die diese Vorstellungen in mir hervorrufen. Ich fange an zu\nrechnen, vielleicht zum Selbstschutz. Es erm&#246;glicht mir Distanz, um nicht vom\nGrauen &#252;bermannt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Brenn&#246;fen zwei R&#228;ume weiter konnten maximal zwei Leichen zugleich\nverbrannt werden, also in beiden &#214;fen zusammen vier Leichen. Wie lange braucht\neine Leiche, um vollst&#228;ndig zu Asche zu werden? Siebzig Minuten, habe ich\nsp&#228;ter im Internet nachgelesen. 13.720 get&#246;tete Menschen werden in der\nGedenkst&#228;tte genannt. Wie lange m&#246;gen die zwei &#214;fen gebrannt und sich der\nGeruch &#252;ber Pirna verbreitet haben?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lese auf einer Gedenktafel, dass viele Einwohner bereits damals von den\nKrankenmorden auf Schloss Sonnenstein wussten. Es war also bekannt, dass in den\ngrauen Bussen, im Volksmund \u201eFl&#252;sterkutschen\u201c genannt, Menschentransporte\nstattfanden, die wieder und wieder hoch auf Schloss Sonnenstein fuhren. Der\nschwarze Rauch und der Geruch von verbrannten Menschen muss registriert worden sein.\nAls letzter Satz auf der Gedenktafel steht: \u201eProteste gab es jedoch nicht. Die\nT&#246;tungsmaschinerie konnte ungest&#246;rt arbeiten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eUnwertes Leben\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als ich den Gedenkst&#228;ttenraum mit den Dokumentationen im Obergeschoss\nbetrete, sind nur noch drei weitere Personen anwesend. Sie haben scheinbar\nnichts miteinander zu tun. Eine &#228;ltere Frau und ein Mann stehen vor\nunterschiedlichen Tafeln. Es ist ganz still. Nur ein j&#252;ngerer Mann in einem\nParka sitzt in sich zusammengesunken, ab und zu leise vor sich hin murmelnd,\nauf der Besucherbank. Er zieht meine Aufmerksamkeit auf sich, immer wieder muss\nich hinschauen. Als ich an ihm vorbeigehe, hebt er den Kopf und unsere Augen\nbegegnen sich. Jetzt kann ich erkennen, dass es ein Mann mit Down-Syndrom ist,\nvielleicht 35 Jahre alt. Der &#228;ltere Mann setzt sich nach einer Zeit zu ihm. Sie\nfl&#252;stern und verlassen gemeinsam den Raum. Nur die Frau und ich sind jetzt noch\nhier oben. Als auch unsere Augen sich einmal begegnen, versuche ich sie\nanzul&#228;cheln. Kein L&#228;cheln kommt zur&#252;ck. Stattdessen sp&#252;re ich hinter ihrem\nernsten, fast v&#246;llig erstarrten Gesichtsausdruck und den weit aufgerissenen\nAugen einen gro&#223;en, zur&#252;ckgehaltenen Schmerz. Ich sch&#228;me mich f&#252;r mein L&#228;cheln,\ndas so gar nicht zu der Situation zu passen scheint. Vielleicht hatte ich\nzwischen den Dokumenten der Unmenschlichkeit einfach nach einem Moment der\nVerbindung gesucht, um es aushalten zu k&#246;nnen, was man hier im Detail an\nEntsetzlichem erf&#228;hrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Pl&#246;tzlich sind die beiden M&#228;nner wieder da und bleiben schweigend am Eingang\nstehen, mit Blick zu uns in den Raum. Die Frau geht auf die beiden zu. In einer\nvehementen Geste breitet der junge Mann mit pl&#246;tzlich strahlendem L&#228;cheln seine\nArme weit aus und umarmt die Frau, die vielleicht seine Mutter ist, und\nsogleich schlie&#223;t auch sie ihn in die Arme. Innig und ohne Worte. Sie geh&#246;ren\noffenbar doch alle drei zusammen, sind eine Familie.<\/p>\n\n\n\n<p>Was m&#246;gen diese Frau, dieser &#228;ltere und auch der junge Mann heute hier\ninnerlich erleben? Welche Schmerzen m&#246;gen sie sp&#252;ren als Mutter, als Vater von\n\u201eunwertem Leben\u201c, wie es damals benannt wurde? Was mag der junge behinderte\nMann hier oben f&#252;hlen?<\/p>\n\n\n\n<p>Bis 1945 sind die T&#246;tungen weiter vollzogen worden, hier auf Schloss\nSonnenstein nach 1941 nicht mehr durch Vergasung, sondern danach mit hohen\nMedikamentendosen, die zum Ersticken f&#252;hrten, oder schlicht durch Verhungern.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich am Eingang ist schon zu lesen: \u201eIm Keller dieses Geb&#228;udes ermordeten\ndie Nationalsozialisten in den Jahren 1940\/41 13720 psychisch kranke und\ngeistig behinderte Menschen sowie mindestens 1031 H&#228;ftlinge aus\nKonzentrationslagern.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Anwesend zu sein, w&#228;hrend dieser junge Mann seine erstarrte Mutter umarmt,\nihr sein L&#228;cheln schenkt, so wie er es wahrscheinlich schon oft in seinem Leben\ngetan hat, ber&#252;hrt mich bis tief in mein Innerstes. Unfassbar hier der Begriff\ndes \u201eunwerten Lebens\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tr&#228;nen liefen und indem ich diese Begegnung gerade aufschreibe auch\njetzt wieder. Bei aller Anstrengung, welche die Behinderung des Sohnes f&#252;r die\nFamilie bedeutet haben mag, zur&#252;ckliegend und wohl auch zuk&#252;nftig, ist seine\nExistenz doch ein Geschenk. Deutlich ist das zu sp&#252;ren in der Verbindung, die\nich zu sehen bekomme.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aufschrei<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F&#252;r jeden Menschen, der, statt in bessere Behandlung zu kommen, hier\nqualvoll in der Gaskammer ersticken musste, befindet sich heute ein gemaltes\nKreuz in leuchtender Farbe auf dem Boden. Die bunte Spur der gemalten Kreuze\nnimmt ihren Anfang in diesem Keller des Grauens und zieht sich auf dem Pflaster\nquer durch Pirna. Wei&#223; man das nicht, so wie ich damals, als ich meine Freunde\nhier zum ersten Mal besuchte, ist man neugierig, wof&#252;r die dekorative Spur\ngemalt sein mag. Ich f&#252;hlte mich geradezu angezogen von ihr und fragte nach\nihrer Bedeutung. Die Antwort lie&#223; meinen Atem stocken. Das bis dahin f&#252;r mich\nnur theoretische Wissen von der Ermordung so vieler Menschen in dieser Stadt\nkam pl&#246;tzlich sichtbar nah. 13.720 get&#246;tete Menschen ist eine abstrakte Zahl,\naber die nicht enden wollende, bunte Spur, die sich durch die vielen Stra&#223;en\nzieht, verfehlt ihre Wirkung nicht und schockiert mich immer wieder. Und sie\nerinnert mich daran, dass so etwas nie wieder passieren darf.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Spur der bunten Kreuze zieht auch durch die Kirchgasse. Wenige Tage\nzuvor hatte mich ein Schild dort vor einem Laden wie ungl&#228;ubig stehenbleiben\nlassen. Es war die gro&#223;e &#220;berschrift darauf: Noteingang, mit dem bekannten Logo\nf&#252;r Notausg&#228;nge. Darunter der Text: Wir bieten Schutz vor rassistischen\n&#220;bergriffen! Darunter in drei Sprachen wiederholt (s. Foto unten).<\/p>\n\n\n\n<p>Erst langsam, indem ich die Worte mehrmals gelesen hatte, war mir die\nBedeutung klargeworden: Wenn eine derartige M&#246;glichkeit angeboten wird, ist sie\neine Notwendigkeit. Mir wurde klar, dass Menschen ausgerechnet hier in Pirna\nbedroht oder\/und verfolgt worden sind und m&#246;glicherweise dringend Hilfe\ngebraucht haben. Vielleicht nur aufgrund der Tatsache, dass sie fremdartig\naussahen. Genau an einem der Orte, von denen damals die Vernichtung \u201eunwerten\nLebens\u201c begonnen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Gaskammer f&#228;llt es mir wieder ein, wie geschockt ich geradezu &#252;ber\ndieses Schild gewesen war und wie sich beim Lesen der Worte alles in mir\nzusammengezogen hatte. Wie viele Jahre braucht es wohl von dem Zeitpunkt an, da\nsolch ein Schild erforderlich wird, bis vielleicht &#196;hnliches passiert wie das,\nwas ich eben gerade auf Schloss Sonnenstein besichtige und erfahre? Alles, was\ngr&#246;&#223;er geworden ist, hat irgendwann einmal klein angefangen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Noteingang-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3507\" srcset=\"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Noteingang-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Noteingang-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/emdr-berning.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/NoteingangIMG_5464-e1521046110677.jpg\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>In der Gedenkst&#228;tte erfahre ich auch f&#252;r mich neu, dass schon 1904 die\n\u201eDeutsche Gesellschaft f&#252;r Rassenhygiene\u201c gegr&#252;ndet worden war, und dass sich\ndurch den ersten Weltkrieg die rassenhygienischen Forderungen dieser Vertreter\nversch&#228;rft hatten. Sie waren allerdings mit diesem zugrundeliegenden\nGedankengut l&#228;ngst nicht mehr allein. Es hatten sich angesichts der durch den\nKrieg verursachten, gro&#223;en wirtschaftlichen Not die Stimmen gemehrt, die sich\nauch aus finanziellen Gr&#252;nden gegen die Pflege und Betreuung chronisch\npsychisch Kranker und Behinderter ausgesprochen und sogar deren T&#246;tung als\n\u201e&#252;berfl&#252;ssige Esser\u201c gefordert hatten. Zwei angesehene Wissenschaftler, ein\nPsychiater und ein Jurist, stellten gemeinsam schon 1920 einen offiziellen\nAntrag, \u201eunwertes Leben\u201d\u201c vernichten zu d&#252;rfen. Immerhin wurde damit zun&#228;chst\nwenigstens noch an offizieller Stelle um Erlaubnis angefragt.<\/p>\n\n\n\n<p>In nur wenigen Jahren hatte sich diese menschenverachtende Denk- und daraus\nresultierende Handlungsweise zu einer perfekt organisierten T&#246;tungsmaschinerie\nentwickelt, die Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Von der Beantragung\nbis zur tats&#228;chlichen Umsetzung hat es nur knapp 20 Jahre gedauert.<\/p>\n\n\n\n<p>Der katholische Priester Clemens August Graf von Galen war von 1933 bis 1946\nBischof von M&#252;nster in Westfalen. Er kritisierte &#246;ffentlich u.a. die\nmenschenfeindliche Politik der Nazis. In seiner Predigt am 3. August 1941\nprangerte er die Euthanasie, also die Vernichtung der als unwert eingruppierten\nMenschen als Mord an. Die Ausz&#252;ge der Predigt, die ich in der Gedenkst&#228;tte\ngefunden habe, f&#252;ge ich hier ein:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSeit einigen Monaten h&#246;ren wir Berichte, dass aus Heil- und Pflegeanstalten\nf&#252;r Geisteskranke auf Anordnung von Berlin Pfleglinge, die schon l&#228;nger krank\nsind und vielleicht unheilbar erscheinen, zwangsweise abgef&#252;hrt werden.\nRegelm&#228;&#223;ig erhalten dann die Angeh&#246;rigen nach kurzer Zeit die Mitteilung, der\nKranke sei verstorben, die Leiche sei verbrannt, die Asche k&#246;nne abgeliefert\nwerden. Allgemein herrscht der an Sicherheit grenzende Verdacht, dass diese\nzahlreichen unerwarteten Todesf&#228;lle von Geisteskranken nicht von selbst\neintreten, sondern absichtlich herbeigef&#252;hrt werden, dass man dabei jener Lehre\nfolgt, die behauptet, man d&#252;rfe so genannt lebensunwertes Leben vernichten,\nalso unschuldige Menschen t&#246;ten, wenn man meint, ihr Leben sei f&#252;r Volk und\nStaat nichts mehr wert. Eine furchtbare Lehre, die die Ermordung Unschuldiger\nrechtfertigen will, die gewaltsame T&#246;tung der nicht mehr arbeitsf&#228;higen\nInvaliden, Kr&#252;ppel, unheilbar Kranken, Altersschwachen grunds&#228;tzlich freigibt!<\/p>\n\n\n\n<p>Deutsche M&#228;nner und Frauen! Noch hat Gesetzeskraft der \u00a7211 des\nReichsstrafgesetzbuches, der bestimmt: \u201eWer vors&#228;tzlich einen Menschen t&#246;tet,\nwird wenn er die T&#246;tung mit &#220;berlegung ausgef&#252;hrt hat, wegen Mordes mit dem\nTode bestraft.\u201c Wohl um diejenigen, die jene armen Menschen, Angeh&#246;rige unserer\nFamilien, vors&#228;tzlich t&#246;ten, vor dieser gesetzlichen Bestrafung bewahren,\nwerden die zur T&#246;tung bestimmten Kranken aus der Heimat abtransportiert in eine\nentfernte Anstalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Todesursache wird dann irgendeine Krankheit angegeben. Da die Leiche\nsofort verbrannt wird, k&#246;nnen die Angeh&#246;rigen und auch die Kriminalpolizei\nhinterher nicht mehr feststellen, ob die Krankheit wirklich vorgelegen hat und\nwelche Todesursache vorlag. Es ist mir aber versichert worden, dass man im\nReichsministerium des Innern und auf der Dienststelle des Reichs&#228;rztef&#252;hrers\nDr. Conti gar keinen Hehl daraus mache, dass tats&#228;chlich schon eine gro&#223;e Zahl\nvon Geisteskranken in Deutschland vors&#228;tzlich get&#246;tet worden ist und in Zukunft\nget&#246;tet werden soll (\u2026). So m&#252;ssen wir damit rechnen, dass die armen, wehrlosen\nKranken &#252;ber kurz oder lang umgebracht werden. Warum? Nicht, weil sie ein\ntodesw&#252;rdiges Verbrechen begangen haben! Nicht etwa, weil sie ihren W&#228;rter oder\nPfleger angegriffen haben\u2026(..). Nein, nicht aus solchen Gr&#252;nden m&#252;ssen jene\nungl&#252;cklichen Kranken sterben, sondern darum, weil sie nach dem Urteil\nirgendeines Amtes, nach dem Gutachten irgendeiner Kommission lebensunwert\ngeworden sind (\u2026). Arme Menschen, kranke Menschen, unproduktive Menschen\nmeinetwegen. Aber haben sie damit das Recht auf das Leben verwirkt? Hast du,\nhabe ich nur solange das recht zu leben, solange wir produktiv sind, solange\nwir von anderen als produktiv anerkannt werden? Wenn man den Grundsatz\naufstellt und anwendet, dass man den unproduktiven Mitmenschen t&#246;ten darf, dann\nwehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden! Wenn man die\nunproduktiven Mitmenschen t&#246;ten darf, dann wehe den Invaliden, die im\nProduktionsprozess ihre Kraft, ihre gesunden Knochen eingesetzt, geopfert und\neingeb&#252;&#223;t haben! Wenn man die unproduktiven Mitmenschen gewaltsam beseitigen\ndarf, dann weh unseren braven Soldaten, die als schwer Kriegsverletzte, als\nKr&#252;ppel, als Invalide in die Heimat zur&#252;ckkehren. Wenn einmal zugegeben wird,\ndass Menschen das Recht haben, unproduktive Mitmenschen zu t&#246;ten, dann ist der\nMord an uns allen, wenn wir alt und altersschwach und damit unproduktiv werden,\nfreigegeben. Dann ist keiner von uns seines Lebens mehr sicher.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ausgedient<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Alternde Menschen und ihre Betreuung sind aktuell zunehmend als Thema in den\nMedien zu finden. Von den Strapazen des Pflegepersonals in Heimen und auch in\nprivaten Bez&#252;gen liest und h&#246;rt man inzwischen viel, auch &#252;ber die Kosten, die\ndiese Menschen verursachen. Die demoskopischen Ver&#228;nderungen unserer\nGesellschaft stellen ein wachsendes Problem f&#252;r die folgenden Generationen dar.\nEs gab sogar bereits im Fernsehen in der Sendereihe \u201ePolizeiruf 110\u201c im Mai\n2107 im Fernsehen einen Film, der laut Ank&#252;ndigung \u201eniemanden kaltlassen\u201c\nw&#252;rde. Es ging um einen Mord, dessen Hintergrund die Verzweiflungstat einer\nAltenpflegerin war. In der mit Personal hoffnungslos unterbesetzen Einrichtung\nund oft allein in der Nachtschicht hatte sie sich nicht gegen die wiederholten\nsexuellen &#220;bergriffe durch einen Heimbewohner wehren k&#246;nnen und ihn schlie&#223;lich\nget&#246;tet. In der Person des eintreffenden Kommissars, der sich in der sp&#252;rbar\nk&#252;hlen und bedr&#252;ckenden Atmosph&#228;re des Heimes zunehmend schockiert zeigte,\nwurde der Zuschauer in die erschreckenden und ziemlich realistisch\ndargestellten Zust&#228;nde derartiger Einrichtungen hineingezogen. Verst&#228;rkt wurden\ndiese Eindr&#252;cke durch einen weiteren Heimbewohner, der verzweifelt versuchte\nden Kommissar auf die untragbaren Zust&#228;nde in der Senioreneinrichtung\naufmerksam zu machen. Sp&#228;ter wurde dieser Mensch, ehemaliger Elitesoldat,\nM&#246;rder aller Insassen der Abteilung. Sozusagen als Akt der Menschlichkeit\nerschoss er alle Mitbewohner. Dieser Film f&#228;llt mir wieder ein, als ich die\nRede des Bischofs lese.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erinnere mich auch an eine Unterhaltung mit einer guten Freundin. Sie\nhatte mir berichtet, dass ihr in letzter Zeit &#246;fter aufgefallen w&#228;re, wie\nunfreundlich und rau alte Menschen in den &#246;ffentlichen Verkehrsmitteln ihrer\nStadt behandelt werden w&#252;rden. Alt zu sein ist in unserer Gesellschaft zu etwas\nL&#228;stigem und Unsch&#246;nem geworden. Ein Problem, wof&#252;r eine L&#246;sung gesucht wird,\nnat&#252;rlich im Einklang mit unserer bestehenden Gesetzgebung. Unvorstellbar, es\nk&#246;nnte sich dennoch wiederholen, dass als unwert erkl&#228;rtes Leben vernichtet\nwird, wie es in unserer Geschichte stattgefunden hat. Ich halte inne, w&#228;hrend\nich den letzten Satz schreibe. Das sogenannte Unvorstellbare? Alles kann\nunvorstellbar sein bis zu dem Moment, da es stattfindet. Immer mehr stelle ich fest,\ndass vieles, was auf dieser Welt passiert, eigentlich unvorstellbar f&#252;r mich\nist. Dennoch findet es statt. Vor allen Dingen das, was Menschen anderen\nMenschen antun. 31 bewaffnete Konflikte gab es 2017 weltweit, ist in den Medien\nzu lesen. War es vorstellbar damals bis zur Umsetzung, dass Behinderte, Kinder,\nHomosexuelle, Sinti, Roma und vor allem Juden systematisch verfolgt und\nvernichtet werden w&#252;rden?<\/p>\n\n\n\n<p>F&#252;r mich war es auch nicht vorstellbar, dass eine rechtspopulistische Partei\nin den Bundestag einziehen w&#252;rde, wie es 2017 geschehen ist, oder dass ein\nDonald Trump Pr&#228;sident der Vereinigten Staaten werden kann. Wen will man noch\nalles nicht haben auf dieser Welt und sinnt sich Dinge aus, wie der Andere\njeweils aus dem Weg ger&#228;umt werden k&#246;nnte, statt im Gemeinsamen nach L&#246;sungen\nzu suchen? Vor allen Dingen, wenn es immer knapper wird auf diesem Planeten und\nimmer enger in den langfristig noch bewohnbaren Gegenden angesichts der\nwachsenden Weltbev&#246;lkerung und den ben&#246;tigten, aber schwindenden Ressourcen!\nDas will ich mir gar nicht vorstellen und kann mich doch nicht gegen meine\nPhantasien wehren, was alles passieren k&#246;nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss noch ein weiteres Mal in diesen \u201eDuschraum\u201c, die Gaskammer kommen,\nhier unten in den Keller auf Schloss Sonnenstein. Noch einmal hineinf&#252;hlen, als\nm&#252;sse ich mich &#252;berzeugen, dass es ihn wirklich gibt, noch einmal lesen, was\nhier zu lesen steht. Ich entdecke immer wieder Entsetzliches, was ich wohl beim\nletzten Mal &#252;berlesen oder ausgeblendet hatte, weil es so unfassbar ist, dass\nich es einfach nicht wahrhaben will und nun f&#252;hlen muss: Der jeweils zust&#228;ndige\nArzt, ein Mensch, der zum Heilen ausgebildet war, hat den Gashebel umgelegt, so\ndass das t&#246;dliche Gas einstr&#246;men konnte, und er beobachtete das Geschehen in\ndiesem Raum durch ein kleines Fenster, bis nach erst etwa drei bis vier Minuten\nTodeskampf alle Opfer auf dem Boden lagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der hauptverantwortliche Arzt und Klinikleiter wurde zum Tode verurteilt.\nEin weiterer Arzt der die Aktion \u201eT4\u201c als Abteilungsleiter im S&#228;chsischen Innenministerium\nkoordiniert hatte, starb 1993, ohne je gerichtlich zur Verantwortung gezogen\nworden zu sein. Ein anderer Arzt wurde 1972 freigesprochen \u2013 Zitat: \u201eWegen\nfehlendem Bewusstseins der Rechtswidrigkeit\u201c \u2013 und konnte als niedergelassener\nArzt wieder unbehelligt t&#228;tig sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Berthold Brechts im Gangstermilieu angesiedelte Parabel &#252;ber den Aufstieg Hitlers \u2013 Arturo Ui<em> \u2013 <\/em>endet mit der ber&#252;hmten Warnung: \u201eDer Scho&#223; ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.\u201c Im Dezember 2017 hatte das St&#252;ck in Cottbus Premiere. Der Regisseur, der das Cottbuser Theater als Trutzburg der Demokratie ansieht, wollte mit dem St&#252;ck zur Diskussion anregen. Aber er sagte auch: \u201eWir werden von rechts &#252;berholt &#8211; in einer atemberaubenden Geschwindigkeit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><em>Angelika Berning<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Beitrag hat mich ber&#252;hrt. Er stammt von meiner gesch&#228;tzten Kollegin Angelika Berning aus Hannover. Ich habe sie gefragt, ob ich ihn ver&#246;ffentlichen darf und bin dankbar, dass sie &#8222;Ja&#8220; gesagt hat&#8230; Vor einiger Zeit habe ich einen Ort aufgesucht, &hellip; <a href=\"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/2019\/08\/26\/3505\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19,23,94,65],"tags":[],"class_list":["post-3505","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-angst-und-zwang","category-auswege","category-gewissen","category-trauma"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3505","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3505"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3505\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3684,"href":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3505\/revisions\/3684"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3505"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3505"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3505"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}