{"id":289,"date":"2007-10-01T12:07:21","date_gmt":"2007-10-01T10:07:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/2007\/10\/01\/289\/"},"modified":"2007-10-01T12:22:18","modified_gmt":"2007-10-01T10:22:18","slug":"die-geschichte-von-frau-sing-und-frau-fliess","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/2007\/10\/01\/289\/","title":{"rendered":"Die Geschichte von Frau Sing und Frau Flie&#223;"},"content":{"rendered":"<p>Gestern hat mir eine Frau gemailt, deren Tochter stottert. Was w&#252;rde ich als Therapeut mit einem stotternden Kind machen? Mir ist Folgendes dazu eingefallen.<\/p>\n<p>Ich w&#252;rde ermitteln, wann das Stottern nicht oder weniger ausgepr&#228;gt auftritt. Soweit ich wei&#223;, ist das &#252;blicherweise beim Singen der Fall, und sicher gibt es Unterschiede zwischen stressigen und entspannten Situationen. Ich w&#252;rde erfragen, <!--more-->an welchen Orten, bei welchen Personen, in welchen Situationen, bei welchen Gedanken und Bildern die positivsten Zust&#228;nde auftreten.<br \/>\nInsgesamt w&#252;rde ich bei der Therapie nur initial ankn&#252;pfend, dann aber jeweils immer weniger &#252;ber Stottern reden, weil die Person, die Stottern gelernt hat, damit das Stottern aktiviert.<br \/>\nIch w&#252;rde aber mit der Person humorvoll dar&#252;ber nachdenken, wie sie das Stottern gelernt hat. Ich w&#252;rde \u2013 soweit die Person mitmachen kann, diese Leistung (gleich beginnen mit der Fremdsprache) augenzwinkernd w&#252;rdigen. Damit ist impliziert, dass das Stottern f&#252;r etwas gut ist, und dass es irgendwie aktiv produziert ist, also im Bereich des aktiv beeinflussbaren liegt). Impliziert ist auch, dass die Muttersprache ebenso aktiv gelernt werden kann. Impliziert ist, dass man dazu beide Sprachen unterscheiden muss, und dass sie das Stottern nicht verlernen braucht, sondern nur eine weitere Option dazu lernt. Sie kann jederzeit wieder stottern, wenn Stottern dran ist.<br \/>\nDas Wort \u201eStotterer\u201c w&#252;rde ich nicht verwenden, weil es das Symptom statt als Tun (was sich durch ein anderes Tun ersetzen l&#228;sst) in der Art einer Identit&#228;t beschreibt (was impliziert, dass es sich schwer oder gar nicht ver&#228;ndern l&#228;sst).<br \/>\nM&#246;glich, dass das Stottern der Tochter Zeit gibt, gedanklich \u201enachzukommen\u201c bzw. Raum einzunehmen, wo ihre Geschwister kognitive und kommunikative Leistungen einfach schneller hinkriegen. M&#246;glich, dass es ein Symbol ist f&#252;r das Stolpern bei der Bem&#252;hung, mit den Familienmitgliedern Schritt zu halten und gleichzuziehen. Wie ein Kind, das stolpert, w&#228;hrend die Erwachsenen und die gro&#223;en Geschwister bei einem schnellen Aufbruch voraneilen.<br \/>\nIch w&#252;rde also nun zwei Figuren etablieren, zwei Teil-ichs oder Ichanteile. Das k&#246;nnte in Form von zwei Stofftieren oder Handpuppen, in Form von gemalten oder imaginierten Figuren geschehen. Oder auch in Form zweier Protagonistinnen in einer Geschichte.<\/p>\n<p>Also, da sind diese beiden Frauen\u2026 Die eine, Frau Sing, ist eine ausgezeichnete S&#228;ngerin, und sie tr&#228;gt auch wundersch&#246;ne Gedichte vor und h&#228;lt sch&#246;ne Reden.<br \/>\nDie andere, Frau Flies, ist Treppenbauerin. Sie baut Holztreppen, Marmortreppen, sie baut sogar Glastreppen und Gummitreppen. Sie baut Lachstreppen und Wendeltreppen. Sie baut Treppen rauf und Treppen runter, und sie hat eine neue Treppe erfunden, die raufrunter-raufrunter-raufrunter geht. Sie hat eine Treppe erfunden, die man zusammenklappen kann, eine, die man zusammenschieben kann und eine, die vollkommen eben ist. Wie das funktioniert, habe ich nicht verstanden, aber es geht wirklich, eine vollkommen ebene Treppe, das haben mir Fachleute versichert. Frau Flie&#223; hat eine Kollegin, mit der Sie gemeinsam auch Rolltreppen baut. Also, faszinierend an solchen Rolltreppen ist ja, dass sie als Nichttreppe beginnen, dann immer mehr zur Treppe werden, dann wieder immer weniger Treppe werden und schlie&#223;lich als Nichttreppe enden. Als Kind habe ich mich immer gefragt, wo diese Rolltreppen herkommen und wo sie hingehen. Auf einem Flughafen habe ich eine Rolltreppe ohne Stufen gesehen. Man k&#246;nnte ein so eine stufenlose Rolltreppe auch einen H&#252;gel einbauen, so dass sie von einem ebenen Laufband mittendrin zu einer Rolltreppe hoch, Rolltreppe runter, wieder zu einem ebenen Laufband wird. Oder mit einer Hochebene zwischendrin. Treppe hoch, oben-eben, Treppe runter. Oder dasselbe mit einer Tiefebene. Die Gep&#228;ckb&#228;nder auf den Flugh&#228;fen sind wie so eine ebene Treppe, die um mehrere Kurven gehen. Bei manchen dieser Gep&#228;ckb&#228;nder kommt das Gep&#228;ck aber erst eine schiefe Ebene hoch, oder auch eine Gep&#228;cktreppe oder einen Gep&#228;ckaufzug hoch, bevor es in die Runde geht. Es gibt viele flexible Arten, solche Treppen und B&#228;nder zu konstruieren. Frau Flie&#223; ist eine Spezialistin darin.<br \/>\nFrau Sing ist die Gesangslehrerin von Frau Flie&#223;. Denn Frau Flei&#223;, Verzeihung, Frau Flie&#223;, m&#246;chte das Singen lernen. Nun gibt es ja viele Arten zu singen. Es gibt Operngesang und Gospel, Pop und Folklore, es gibt Fl&#252;stergesang und Sprechgesang. Frau Sing bringt Frau Flie&#223; das Singen auf viele verschiedenen Arten bei.<br \/>\nDann bringt sie ihr etwas bei, was sie als Gesangslehrerin entdeckt hat. Und zwar, dass es flie&#223;ende &#220;berg&#228;nge zwischen Singen und sprechen gibt. V&#246;llig flie&#223;ende &#220;berg&#228;nge. Es gibt ein Singen, das ist Sing-sing-sing-singen, und ein Singen, das ist Sing-sing-sing-sprechen, und ein Singen, das ist Sing-sing-sprech-sprechen, und ein Singen, das ist Sing-sprech-sprech-sprechen, und ein Singen, das ist sprech-sprech-sprech-sprechen. Mancher meint, das letztere sei gar kein Singen, aber nachdem jemand so Singen gelernt hat, ist alles ein bisschen Singen. Auch das Sprechen, wird eine Art Singen, nur mit weniger deutlichen T&#246;nen.<br \/>\nFrau Flie&#223; lernt zuerst das Sing-sing-sing-singen, dann das Sing-sing-sing-sprechen, dann \u2013 na, und-so-weiter. Und danach wieder r&#252;ckw&#228;rts, hin zum Singen.<br \/>\nWichtig ist, dass jeder Raum einen etwas anderen Raumklang hat, einen etwas anderen Hall, eine eigene Akustik. Frau Sing bringt Frau Flei&#223;, &#228;h, Flie&#223;, das Singen und Singsprechen in verschiedenen R&#228;umen bei, so dass jedes Singen, Singsprechen und Sprechen zum jeweiligen Raum passt.<br \/>\nDenn in einer Kirche singt, singspricht und spricht es sich anders als in einer K&#252;che, in einem WC anders als auf der Stra&#223;e, und im Treppenhaus anders als auf dem Marktplatz. In v&#246;lliger Stille ist es anders als im Maschinenraum eines Schiffes, und so weiter und so weiter.<br \/>\nJedes Singen, Singsingsingsprechen und Singsingsprechen will zu seiner Umgebung passen, auch zu den Leuten, die zuh&#246;ren. Und sprechen ist, wenn man Singen gelernt hat, eine Art zu Singen mit weniger Ton. Man stellt sich vor, zu singen, und man l&#228;sst die T&#246;ne weg. Der Klang ist dann immer noch ein besonderer. Bei Frauen ein besonders weiblicher, sch&#246;ner Ton, der zum Beispiel M&#228;nnern gut gef&#228;llt. Bei M&#228;nnern ein besonders m&#228;nnlicher, voller Ton, der zum Beispiel Frauen gut gef&#228;llt. Wer gelernt hat, zu sprechen und sich dabei Singen vorstellt \u2013 und das geht irgendwann ganz automatisch, ganz m&#252;helos und von selbst, der bekommt immer mehr eine Stimme, die Menschen anzieht, eine Stimme, die das Ohr w&#228;rmt und verw&#246;hnt. Eigentlich geht es Frau Flie&#223; jetzt nicht mehr um das Singen als Singen. Es geht ihr \u2013 ob singen oder singsprechen, ob Kirche oder Treppenhaus \u2013 es geht ihr um diesen Klang, der das Ohr verw&#246;hnt.<\/p>\n<p>Wer sich die strukturelle Logik der enthaltenen Metaphern vor Augen f&#252;hrt, kann man sich nun regelm&#228;&#223;ig weitere Geschichten mit parallelen Logiken ausdenken:<\/p>\n<ul>\n<li>Wie jemand bemerkte, dass die Lachse eine Staustufe nicht hochkamen und darum die erste Lachstreppe erfand.<\/li>\n<li>Die Erfolgsbiographie einer Olympia-H&#252;rdenl&#228;uferin.<\/li>\n<li>Das Schmirgeln und Lackieren eines Regatta-Segelbootes, um den Wasserwiderstand zu verringern \u2013 und warum es gut ist, zuerst raues, dann mittelfeines und erst am Ende ganz feines Schmirgelpapier zu verwenden.<\/li>\n<li>Warum S&#228;ngerinnen Halspastillen f&#252;r ihre Stimmb&#228;nder verwenden.<\/li>\n<li>Die Kunst des B&#252;gelns und der Sinn von beidem: Falten rein- und Falten-rausb&#252;geln.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern hat mir eine Frau gemailt, deren Tochter stottert. 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