{"id":2613,"date":"2014-09-07T17:10:38","date_gmt":"2014-09-07T17:10:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/?p=2613"},"modified":"2014-09-07T17:11:37","modified_gmt":"2014-09-07T17:11:37","slug":"die-stunde-der-not","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/2014\/09\/07\/2613\/","title":{"rendered":"Die Stunde der Not"},"content":{"rendered":"<p>In ihr Gesicht hatten sich tausend Falten gekerbt, die sich strahlenf&#246;rmig um Mund und Augen zogen. Ihrer K&#246;rperf&#252;lle wegen bewegte sie sich langsam, das Gesicht von einer Seite zur andern verlagernd, wie ein schwankendes Schiff, das im Wellengang auf und ab wogt. Auch aufgest&#252;tzt auf den Arm ihrer jungen Begleiterin kam sie nur langsam voran. L&#228;ngst weit hinter den anderen Senioren der Ausflugsgruppe zur&#252;ckgeblieben, tauchte sie hinein in alte Erinnerungen und begann zu erz&#228;hlen:<\/p>\n<p>F&#252;r mich haben Arbeit und M&#252;he fr&#252;h angefangen. Kaum war ich sieben Jahre alt, starb mein Vater. Meine Mutter musste mit uns sechs Kindern in ihr Heimatdorf zur&#252;ckkehren. Wie h&#228;tte sie uns ern&#228;hren sollen in der damaligen Zeit? Sie arbeitete bei den Bauern, doch f&#252;r sieben hungrige M&#228;uler hat\u2019s nicht gereicht. Wir Kinder mussten auf mehrere Familien verteilt werden. Bekommen hat uns, wer am wenigsten von der Gemeinde verlangte. Ich kam mit meinem sechsj&#228;hrigen Brunder Kurt zu einer entfernten Verwandten. Wir mussten in Hof und Garten t&#252;chtig mithelfen. An Spielen war nicht zu denken; Kaum lie&#223; uns die Tante Zeit f&#252;r die Schularbeiten. In unserem kleinen Dorf wurden alle acht Klassen in einem Raum unterrichtet. So war ich wenigstens morgens mit meinem Bruder zusammen, an dem ich sehr hing. Ein Musterknabe war er nicht, der Kurt. Oft hatte ich seinetwegen H&#228;ndel mit den Kindern. Er brachte sich immer wieder in Schwierigkeiten und ich musste ihn vor den Gr&#246;&#223;eren retten. Als ich neun war und er acht, pl&#252;nderte er mit seinen Freunden einen Kirschbaum, der ein St&#252;ck au&#223;erhalb des Dorfes stand. Ungl&#252;cklicherweise kam der Besitzer dazu. Nat&#252;rlich rannten die Buben davon, doch erkannte der Bauer sie alle und meldete sie dem Lehrer, der die Bestrafung vorzunehmen hatte. Das war so &#252;blich auf dem Dorf. Am n&#228;chsten Morgen ruft der Lehrer die Misset&#228;ter mit Namen auf. Einer nach dem anderen erh&#228;lt eine t&#252;chtige Tracht Pr&#252;gel. Mein Bruder ist der letzte. Mit wachsender Sorge sehe ich, dass er gleich an die Reihe kommt. Was tun? Kann ich zulassen, dass mein Kurt vor aller Augen verpr&#252;gelt wird? Nein, lieber will ich selbst verpr&#252;gelt werden, als solche Schmach mitanzusehen. Aber wie den Lehrer von seinem Vorhaben abbringen? Schon liegt Kurt auf dem Knie des Lehrers, schon holt dieser aus zum ersten Schlag, als ich vorspringe. \u201eNicht!\u201c, schreie ich, so laut ich kann, doch der Lehrer beachtet mich nicht. Der erste Hieb sitzt. Da bei&#223;e ich so fest ich kann in das herausgestreckte Hinterteil des Lehrers. Mit einem Fluch l&#228;sst er von meinem Bruder ab, dreht sich nach mir um und hebt w&#252;tend die Hand. Als er die Verzweiflung in meinen Augen sieht, l&#228;sst er sie sinken. Ich nehme all meinen Mut zusammen. \u201eBitte, Herr Lehrer, lassen Sie meinen Bruder\u201c, bringe ich m&#252;hsam zusammen. \u201eSie d&#252;rfen den Buben nicht schlagen. Wir haben doch keinen Vater.\u201c Dann breche ich in Tr&#228;nen aus. \u201eSetzt euch beide\u201c, sagt der Lehrer. Von dem Tag an hat er keinen von uns mehr anger&#252;hrt. Noch lange riefen mir die Kinder \u201eArschbei&#223;ern\u201c nach, doch was hat\u2019s mich gek&#252;mmert. Das Leben ging weiter. Die Sorgen haben nicht aufgeh&#246;rt. Vier Kinder hab ich gro&#223;gezogen. Zwei S&#246;hne sind im Krieg geblieben. Vor f&#252;nfzehn Jahren starb mein Mann. Jetzt bin ich 78, und es ist gut so. Um keinen Preis der Welt m&#246;chte ich von vorne beginnen.\u201c<\/p>\n<p>Die Geschichte verdanke ich meiner Tante Christine Sch&#228;fer aus Auenwald, die sie vor &#252;ber 50 Jahren geh&#246;rt und aufgeschrieben hat. Die berichteten Erlebnisse haben sich um 1888 abgespielt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In ihr Gesicht hatten sich tausend Falten gekerbt, die sich strahlenf&#246;rmig um Mund und Augen zogen. 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