{"id":2586,"date":"2014-06-23T13:03:12","date_gmt":"2014-06-23T13:03:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/?p=2586"},"modified":"2014-06-23T13:03:12","modified_gmt":"2014-06-23T13:03:12","slug":"brueckenphobie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/2014\/06\/23\/2586\/","title":{"rendered":"Br&#252;ckenphobie"},"content":{"rendered":"<p>Ein etwa 35-j&#228;hriger Klient kam zu mir wegen einer generalisierten Angstst&#246;rung, wegen einer Br&#252;cken- und Flugphobie und der Angst, in fremder Umgebung allein unterwegs zu sein. Wir trafen uns innerhalb einer Woche gleich dreimal f&#252;r eine Stunde, da er in der folgenden Woche eine weite Autofahrt mit vielen Br&#252;cken und im Folgemonat eine Flugreise vor sich hatte. Ich bat den Mann, sich zu entspannen, w&#228;hrend ich ihm einen Vortrag zu seinem Thema halten wolle. Dann &#228;u&#223;erte ich die folgenden Gedanken:<br \/>\n\u201eStellen Sie sich vor, Sie fahren auf eine hohe Br&#252;cke zu, und stellen Sie sich vor, wie die Angst in Ihnen aufsteigt und immer st&#228;rker wird. Malen Sie sich das so intensiv aus, wie Sie m&#246;chten, um zu bemerken, wie real dieses unangenehme Erleben f&#252;r Sie sein kann, selbst wenn die Situation gar nicht real da ist, sondern Sie sie sich nur einfach ganz intensiv vorstellen. Beachten Sie, wie sich bereits Ihre K&#246;rperhaltung, Ihre Muskulatur, Ihr Atem und andere Aspekte Ihres K&#246;rpererlebens ver&#228;ndert haben, und wie sich Ihre Emotionalit&#228;t schon ver&#228;ndert hat. Merken Sie sich, wie leicht das geht und gehen Sie jetzt aus dieser vorgestellten Situation heraus.<br \/>\nStellen Sie sich nun eine Art inneren Trickfilm vor, bei dem Sie genau wissen: Sie sind der Regisseur und k&#246;nnen alles genau so gestalten, wie Sie m&#246;chten. Stellen Sie sich vor, Sie fahren eine breite Stra&#223;e entlang, die Ihnen gut gef&#228;llt, und Sie fahren da auf die Art, die Ihnen pers&#246;nlich am angenehmsten ist.<br \/>\nUnd w&#228;hrend Sie fahren, bemerken Sie zun&#228;chst gar nicht, dass ab und zu unter der Stra&#223;e, quer zur Fahrbahn, Wasserrohre und andere R&#246;hren verlaufen. Sie k&#246;nnen diese R&#246;hren aber auch beachten, und w&#228;hrend Sie weiterhin die sch&#246;ne Fahrt genie&#223;en, k&#246;nnen Sie sich ein Vergn&#252;gen daraus machen, die breite Stra&#223;e auf einem Damm verlaufen zu lassen und diese Rohre unter der Fahrbahn gr&#246;&#223;er zu machen und immer gr&#246;&#223;er. Und weil Sie wissen, es ist ein innerer Film, und Sie sind der Regisseur, k&#246;nnen Sie sich einen Spa&#223; daraus machen, die Rohre so gro&#223; wie Torbogen zu machen, und k&#246;nnen mit demselben Vergn&#252;gen den Damm immer steiler machen, bis seine W&#228;nde senkrecht sind. Und Sie k&#246;nnen mit Faszination und Interesse die Stra&#223;e immer schmaler machen und k&#246;nnen sich daran freuen, sie immer h&#246;her und h&#246;her zu machen, denn Sie wissen ja, Sie sind der Regisseur Ihres inneren Films.<br \/>\nUnd darum k&#246;nnen Sie sich diese Stra&#223;e mit Genuss jetzt auch wie eine sehr hohe Br&#252;cke vorstellen und k&#246;nnen, wenn Sie m&#246;chten, sogar einmal anhalten und mit Freude und Faszination hinunterschauen.<br \/>\nWenn Sie sich dieses sch&#246;ne Gef&#252;hl vergegenw&#228;rtigen \u2013 vielleicht sind Sie angenehm &#252;berrascht, wenn Sie diesen Zustand vergleichen mit dem Zustand, den Sie zu Beginn unseres Gespr&#228;chs hatten, als Sie sich eine Br&#252;cke vorstellten und vorhin noch gro&#223;e Angst vor dem &#220;berqueren empfunden haben. Es hat sich etwas ver&#228;ndert.<br \/>\nWo wir von inneren Filmen sprechen, ist zu beachten, dass nicht nur diese Vorstellung, sondern all unser Wahrnehmen und Erleben einem inneren Film gleicht, den wir, ob wir es schon wissen oder es gerade erst herausfinden, als Regisseur unseres Lebens selbst gestalten. All unser Erleben wird vom Gehirn geformt, und wir sind der Regisseur. Darum gibt es auch keinen Unterschied zwischen dem Erleben, das wir imaginativ simulieren und dadurch erlernen und dem Erleben, das wir als real bezeichnen und das ebenso eine Konstruktion unseres Gehirns ist. Jede Angst und jedes Wohlbefinden ist formbar.<br \/>\nUnd wie Sie da genussvoll mit Ihrem Auto auf der Br&#252;cke stehen, k&#246;nnen Sie sich auch entscheiden weiterzufahren: Sie k&#246;nnen Ihrem Auto Fl&#252;gel wachsen lassen, Sie k&#246;nnen immer schneller fahren und schlie&#223;lich abheben und k&#246;nnen dieses Erleben mehr noch als alles Bisherige genie&#223;en. Schauen Sie sich die Landschaft von oben an, wie da unten die Br&#252;cke und alles &#220;brige immer kleiner wird. Erfreuen Sie sich an alledem in dem Wissen: Mein Gehirn lernt jetzt, wie es alles losl&#228;sst, was es braucht, um es dann in der sogenannten Realit&#228;t genauso zu machen.\u201c<br \/>\nDies war die grundlegende Intervention der Therapie, die mit verschiedenen Variationen desselben Verfahrens drei Stunden innerhalb von f&#252;nf Tagen umfasste. Zwei Wochen sp&#228;ter schrieb der Klient die folgende Nachricht:<\/p>\n<p>Hallo Herr Hammel,<br \/>\nwie besprochen m&#246;chte ich Ihnen gerne ein Feedback geben, was meine &#196;ngste betrifft. Es war auf jeden Fall wichtig, dass wir uns am Samstag vor Pfingsten nochmal getroffen haben. Zumindest kann ich berichten, dass meine Motorradfahrt nach Koblenz inclusive Autobahn (etwa 60 Kilometer, eine halbe Stunde) eigentlich sehr positiv verlaufen ist. Ich hatte nur ein bis zwei kurze Momente der Angst, aber weniger panische Angst, sondern eher ein k&#252;rzeres, weniger starkes Angstgef&#252;hl beim &#220;berfahren einer relativ langen Br&#252;cke. Nach etwa 20 Minuten nur Autobahn und nur geradeaus fahren &#252;berkam mich ein beklemmendes Gef&#252;hl. Ich hatte \u201ees\u201c aber jederzeit im Griff und konnte den restlichen Tag genie&#223;en. Insgesamt geht es mir seit den Therapiestunden sehr viel besser, ich habe kaum noch Angst (70 &#8211; 80 % weniger als zuvor) und kann mein Leben viel leichter und besser leben.<br \/>\nMeine Phantasie kann ich nun auch endlich besser \u201esteuern\u201c. Nicht sie bestimmt meinen \u201eFilm\u201d, sondern ich. Vor meinem bevorstehenden Flug habe ich kaum Angst, aber ich w&#252;rde l&#252;gen, wenn ich sagte, dass ich mich mich bedingungslos darauf freuen w&#252;rde. Zumindest hat die Nachricht &#252;ber das Flugzeug der Air France, das bei Brasilien abgest&#252;rzt ist, kaum weitere Angst gesch&#252;rt. Ich m&#246;chte Ihnen von ganzem Herzen danken f&#252;r Ihre Hilfe, f&#252;r Ihre Denkanst&#246;&#223;e, f&#252;r eine au&#223;ergew&#246;hnliche Art der Therapie, die ich jedem bedenkenlos weiterempfehlen werde und freue mich &#252;ber eine Antwort.<br \/>\nViele Gr&#252;&#223;e, K. M.<\/p>\n<p>Ich m&#246;chte gern einige Gedanken zu der beschriebenen Situation anf&#252;gen:<\/p>\n<p>Ein Modell des Problems ist, dass der Klient Angst hat, in bestimmten Situationen, die er nur unter gro&#223;en Opfern vermeiden kann, die Kontrolle &#252;ber sein Leben zu verlieren.<\/p>\n<p>Daher wird die Situation in einer Weise imaginiert, so dass zun&#228;chst deutlich wird, dass die Angst auch schon bei der blo&#223;en Vorstellung der Br&#252;cke auftritt. Danach wird die Situation nochmals imaginiert in einer Weise, die absolute Kontrolle &#252;ber die Szene erm&#246;glicht, so dass die sonst &#252;bliche Angst nicht mehr n&#246;tig ist. Gleichzeitig werden angenehme Gef&#252;hle mit dem Erleben verbunden.<\/p>\n<p>Utilisiert wird bei dieser Form der systematischen Desensibilisierung der Umstand, dass die &#220;berg&#228;nge zwischen angstfreien und angstbehafteten Situationen v&#246;llig flie&#223;end sind. Ebenso flie&#223;end sind die &#220;berg&#228;nge zwischen Imagination und Realit&#228;t, insbesondere im Bereich des psychischen Erlebens. Geschaffen wird eine Situation, in der unentscheidbar ist, wann der phobisch assoziierte Bereich zu beginnen h&#228;tte. Zudem geben beruhigende Suggestionen und die betonte Gewissheit, dass es sich lediglich um ein mentales Experiment handle, Anlass dazu, keine Angst zu erleben \u2013 w&#228;hrend im Nachhinein darauf hingewiesen wird, dass der Klient bei solchen Simulationen sehr wohl sonst Angst erleben k&#246;nnte. Der &#220;bergang zwischen angstfreien und bisher angstbehafteten Situationen wird also durchgef&#252;hrt unter der glaubhaft vermittelten Pr&#228;misse, es handle sich um eine Imagination, die angenehm sein werde. Der Hinweis darauf, dass auch die Imagination, wie vorher experimentell gezeigt, &#228;u&#223;erst unangenehm sein kann, sowie darauf, dass zwischen Imagination und als real betrachtetem Erleben kein wesentlicher Unterschied besteht, erfolgt erst, nachdem die vorher phobischen Reize bereits sicher und nachhaltig positiv assoziiert sind. Dadurch wird plausibel gemacht, dass auch das \u201ereale\u201c Erleben zuk&#252;nftig angenehm sein werde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein etwa 35-j&#228;hriger Klient kam zu mir wegen einer generalisierten Angstst&#246;rung, wegen einer Br&#252;cken- und Flugphobie und der Angst, in fremder Umgebung allein unterwegs zu sein. 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