{"id":2542,"date":"2013-09-18T09:22:36","date_gmt":"2013-09-18T09:22:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/?p=2542"},"modified":"2013-09-18T09:22:36","modified_gmt":"2013-09-18T09:22:36","slug":"gruessen-sie-ihr-traum-ich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/2013\/09\/18\/2542\/","title":{"rendered":"Gr&#252;&#223;en Sie Ihr Traum-Ich!"},"content":{"rendered":"<p>In der Psychiatrie erz&#228;hlte eine Frau von ihrem Kummer, dass sie aufgrund eines richterlichen Beschlusses nun bis zu sechs Wochen hinter den T&#252;ren der Psychiatrie verbringen m&#252;sse. Sie teilte mit, sie habe gegen das Urteil Einspruch erhoben. \u201eIch habe dem Arzt gesagt: \u201aIch will meine Tr&#228;ume behalten. Ich lebe seit zwanzig Jahren damit und bin immer zurechtgekommen.\u2018 Jetzt wollen die mich hier einsperren. Sagen Sie: Ist das gerecht?\u201c Wir sprachen eine Weile miteinander. Es stellte sich heraus, dass sie mit intensiven und anhaltenden Halluzinationen lebte, die sie von der Realit&#228;t anderer Menschen nicht unterscheiden konnte \u2013 oder vielleicht auch nicht wollte. Meistens liebte sie dieses Leben in Tr&#228;umen, manchmal allerdings wurde daraus auch eine schier unentrinnbare Alptraumwelt. \u201eVor zwanzig Jahren\u2026 wie alt waren Sie damals?\u201c \u201eAchtunddrei&#223;ig.\u201c \u201eWas war denn in dieser Zeit?\u201c \u201eMein Mann hatte sich von mir getrennt. Es war so furchtbar. Es war die H&#246;lle.\u201c<br \/>\n\u201eUnd dann haben Sie diese Tr&#228;ume gefunden als eine Welt, in der es Ihnen besser geht. Kann das sein?\u201c \u201eJa, in meiner Welt ist es sch&#246;ner. Aber deswegen bin ich doch nicht verr&#252;ckt\u2026?\u201c \u201eDie &#196;rzte sehen das offenbar anders als sie. Die haben eben ihre Welt, und in ihrer Welt nennen sie das eine Psychose. Darf ich Ihnen erkl&#228;ren, wie ich das sehe?\u201c \u201eJa, gerne.\u201c<br \/>\n\u201eIch denke, Sie haben eine besondere Begabung entwickelt. Sie haben die Begabung entwickelt, die Wirklichkeit, wenn sie zu schlimm ist, um sie auszuhalten, mit Tr&#228;umen zu &#252;berdecken, die sch&#246;n sind, und das so intensiv, dass Sie die schlimme Wirklichkeit gar nicht mehr zu bemerken brauchen. Man kann sagen, Sie haben gelernt, Nachttr&#228;ume am Tag zu haben und sie auf Dauer zu stellen. Und wie man bei Nachttr&#228;umen gar nicht bemerkt, dass sie nicht die Tagwirklichkeit ist, weil sie so wirklich wirken, genauso ist es auch bei Ihren auf Dauer und Tagbetrieb gestellten Nachttr&#228;umen. Ab und zu allerdings schwappt etwas Schlimmes aus der wirklichen Welt in Ihre Traumwelt hinein, und dann wird daraus Ihre Alptraumwelt. Die gute Absicht Ihrer Tr&#228;ume ist also, die unangenehmen Seiten der Wirklichkeit von Ihnen fernzuhalten. Nur ab und zu verselbst&#228;ndigt sich die Traumwelt, und wie bei n&#228;chtlichen Alptr&#228;umen merken Sie das erst hinterher, dass es ein Traum war.\u201c<br \/>\n\u201eDiesmal bin ich freiwillig in die Psychiatrie gegangen und wei&#223; auch, wie ich hier her gekommen bin. Das letzte Mal hat mich die Polizei gebracht, aber daran habe ich &#252;berhaupt keine Erinnerung.\u201c \u201eWie das bei Tr&#228;umen so ist, nicht wahr\u2026 man erinnert sich oft nicht daran, was war, w&#228;hrend man geschlafen hat.\u201c \u201eDas stimmt.\u201c<br \/>\n\u201eIch m&#246;chte, dass Sie Ihre sch&#246;ne Welt behalten k&#246;nnen und Ihnen helfen, dass Sie hier rauskommen und nicht wieder hereinkommen. Darf ich Ihnen dazu etwas sagen?\u201c \u201eGerne.\u201c \u201eSagen Sie bitte Ihrem Traum-Ich einen sch&#246;nen Gru&#223;: Es darf gerne weiter gut f&#252;r Sie sorgen. Wir wollen seine Arbeit nur so optimieren, dass Sie hier m&#246;glichst bald herauskommen und nicht wieder hereinkommen. Das ist Ihrem Traum-Ich doch sicher recht, oder?\u201c \u201eNat&#252;rlich.\u201c<br \/>\n\u201eSehen Sie, wenn Ihr Traum-Ich so ausschlie&#223;lich da ist, dass scheinbar nur Ihre Tr&#228;ume da sind, kann es sein, dass Sie Dinge sagen, die die Pfleger und &#196;rzte, den Richter oder auch andere Leute beunruhigen, weil das nicht zu deren Wirklichkeit geh&#246;rt und die sich Sorgen um sie machen. Dann wollen sie Sie zur Sicherheit noch eine Weile dabehalten. Damit Sie das Personal und den Richter nicht beunruhigen, ist es wichtig, dass Sie einerseits Ihr Traum-Ich in der Weise behalten, die Sie brauchen, damit es Ihnen gut geht, andererseits immer gen&#252;gend von der Wirklichkeit, die f&#252;r alle gilt, mitbekommen, so dass Sie diesen Leuten nicht mit Ihrem Traum-Ich, sondern mit der Wirklichkeit antworten, mit der die etwas anfangen k&#246;nnen. Verstehen Sie das?\u201c \u201eJa, nat&#252;rlich.\u201c<br \/>\n\u201eSagen Sie doch dem Teil Ihrer Seele, der wei&#223;, was f&#252;r alle wirklich ist, einen sch&#246;nen Gru&#223;, dass er immer gen&#252;gend von der \u201aWirklichkeit-f&#252;r-alle\u2018 zur Verf&#252;gung stellt, damit Sie den anderen in deren Wirklichkeit antworten k&#246;nnen, damit die beruhigt sind und Sie hier nicht einsperren. Ihr Traum-Ich kann gerne parallel die Tr&#228;ume weiterproduzieren, die Sie haben m&#246;chten, um gl&#252;cklich zu sein, nur eben auf eine Art, damit immer gen&#252;gend Wirklichkeit f&#252;r den Umgang mit den anderen Leuten zur Verf&#252;gung steht. Ist das in Ordnung?\u201c \u201eJa, das ist in Ordnung.\u201c<br \/>\n\u201eEs k&#246;nnte zum Beispiel so sein, dass der Teil von Ihnen, der gut wei&#223;, was f&#252;r alle wirklich ist, Ihnen die Traumwelt bei Bedarf herunterdimmt und mehr Wirklichkeit einblendet, wie mit einem Schiebeschalter, so, wie es gerade gebraucht wird, oder dass Sie auf eine andere gute, sichere Art beides gleichzeitig haben k&#246;nnen.\u201c<br \/>\n\u201eDann kann der Teil, der f&#252;r die Wirklichkeit zust&#228;ndig ist, auch beobachten, wann aus Ihrer Traumwelt eine Alptraumwelt wird, die sich gar nicht lohnt und Ihnen immer bei den Vorzeichen einer solchen Alptraumwelt stattdessen die Wirklichkeit einblenden. K&#246;nnen Sie derjenigen, die in Ihnen gut &#252;ber die Wirklichkeit aller Leute Bescheid wei&#223;, einen sch&#246;nen Gru&#223; ausrichten, dass sie das f&#252;r Sie macht?\u201c \u201eDas mache ich!\u201c<br \/>\nAcht Tage sp&#228;ter begegnete ich der Frau wieder. \u201eDarf ich Ihnen einmal etwas erz&#228;hlen? Das ist ganz seltsam\u201c, sagte sie. \u201eSo etwas ist mir in meinem ganzen Leben noch nie passiert. Ich schaue dort hin&#252;ber, und dort steht ein sch&#246;ner Blumenstrau&#223;, und w&#228;hrend ich ihn anschaue, verschwindet er und ist einfach weg.\u201c<br \/>\n\u201eDas ist sch&#246;n\u201c, sagte ich. \u201eDas hei&#223;t ja, dass Ihr Traumerleben und diejenige in Ihnen, die wei&#223;, was f&#252;r alle wirklich ist, gut zugeh&#246;rt haben und dass sie das, was wir besprochen haben, f&#252;r Sie so umsetzen. Sagen Sie denen einen Gru&#223;, dass sie das, was sie schon so gut machen, immer besser machen, so dass Sie au&#223;er der Traumwelt immer gen&#252;gend Wirklichkeitswelt zur Verf&#252;gung haben f&#252;r das, was Sie brauchen und f&#252;r die Menschen, denen Sie begegnen.\u201c<br \/>\nNochmals vier Tage sp&#228;ter sah ich die Frau wieder. Sie berichtete, der Arzt habe ihr heute gesagt, sie k&#246;nne, wenn sie wolle, die Klinik verlassen, und das werde sie jetzt tun. Ich traf den Arzt, der f&#252;r ihre Beurteilung zust&#228;ndig war und fragte ihn nach ihr. Er sagte, sie habe sich in den letzten Tagen so positiv entwickelt, dass er zwar bef&#252;rworte, dass sie sicherheitshalber noch f&#252;r eine kurze Zeit bleibe, aber die Voraussetzungen f&#252;r eine Zwangsbehandlung nicht mehr gegeben w&#228;ren. Er habe die f&#252;r den Nachmittag angesetzte richterliche Anh&#246;rung nach R&#252;cksprache mit ihr abgesagt und ihr den Verbleib in der Klinik freigestellt. Die Frau verlie&#223; die Klinik am selben Tag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Psychiatrie erz&#228;hlte eine Frau von ihrem Kummer, dass sie aufgrund eines richterlichen Beschlusses nun bis zu sechs Wochen hinter den T&#252;ren der Psychiatrie verbringen m&#252;sse. 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