{"id":2492,"date":"2013-07-20T13:31:49","date_gmt":"2013-07-20T13:31:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/?p=2492"},"modified":"2013-07-20T13:36:14","modified_gmt":"2013-07-20T13:36:14","slug":"der-trick-mit-dem-daumen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/2013\/07\/20\/2492\/","title":{"rendered":"Die Sache mit dem Daumen"},"content":{"rendered":"<p>Vor einigen Tagen traf ich in einem Caf\u00e9 einen jungen Mann wieder, der zu mir sagte: &#8222;Ich bin jetzt vier Wochen ohne Drogen. Ich wei&#223; nicht, was Sie neulich mit mir gemacht haben, aber das hat mir viel gebracht. Ich wei&#223; nicht, was Sie sind. Sie sind ein spezieller Pfarrer&#8230;&#8220; &#8222;Das wei&#223; ich auch nicht. Aber vergessen Sie nicht Ihr Geheimzeichen!&#8220; sagte ich mit einem Augenzwinkern. Ich st&#252;tzte den Kopf nachdenklich auf meine locker geschlossene Hand. Er lachte. &#8222;Darf ich Ihnen etwas zu trinken bringen&#8230; einen Saft, ein Wasser?&#8220;<\/p>\n<p>Ein paar Wochen vorher hatte ich ihn auf einem Psychiatrieflur getroffen. Ich war ihm im Jahr davor schon einmal begegnet. Da hatte er mitten in einer drogeninduzierten Psychose gesteckt und ganz seltsame Dinge von sich gegeben. Das damalige Gespr&#228;ch findet sich <a title=\"Zum Blog &quot;Herzstillstand&quot;\" href=\"http:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/2012\/11\/09\/2196\/\" target=\"_blank\">hier im Blog unter dem Titel &#8222;Herzstillstand&#8220;<\/a>. Jetzt erz&#228;hlte er mir: &#8222;Ich bin von selbst hier her gekommen, weil ich kurz davor war, wieder Drogen zu nehmen. Ich m&#246;chte keine Drogen mehr nehmen. Meinen Sie, dass ich das schaffe?&#8220; &#8222;Ich denke schon, dass Sie das schaffen k&#246;nnen, sagte ich. &#8222;Wann haben Sie denn angefangen, Drogen zu nehmen?&#8220; <!--more-->&#8222;Als ich 21 war. Das war, nachdem meine Schwester gestorben ist. Sie war erst 17. Sie hatte Bulimie. Sie hat sich die Speiser&#246;hre so ver&#228;tzt, dass sie daran gestorben ist. K&#246;nnen Sie mir sagen, warum Gott so etwas zul&#228;sst? Das ist nicht gerecht. Sie war doch erst 17. Ich verstehe das nicht, sie war viel zu jung! Sie war gut. Viellleicht bestraft mich Gott jetzt, weil ich ihr nicht helfen konnte. Und dann ist meine Oma gestorben, die mich gro&#223;gezogen hat. Und davor meine Mutter. Sie hat mich zwar weggegeben, aber daf&#252;r konnte sie nichts. Sie hatte Alkoholprobleme. Aber sie war meine Mutter, und sie wird immer meine Mutter sein. Und jetzt ist vor zwei Wochen auch noch meine Tante gestorben!&#8220; Der Mann brach in Tr&#228;nen aus. &#8222;Das war zuviel f&#252;r Sie&#8230;&#8220; &#8222;Ja, das ist zu viel! Ich habe Angst, dass ich jetzt wieder anfange mit den Drogen. Aber ich will das nicht.&#8220; &#8222;Haben Sie eine Idee, warum Sie Drogen genommen haben? Ist das zum Beispiel, um sich zu tr&#246;sten oder um sich zu bemuttern und zu bef&#252;rsorgen, oder um den Schmerz nicht mehr zu sp&#252;ren?&#8220; &#8222;Ja.&#8220; &#8222;Was denn davon?&#8220; &#8222;Das alles.&#8220; &#8222;Darf ich Ihnen etwas sagen? Ich verstehe Sie so, dass Sie Drogen genommen haben, damit es nicht so weh tut, dass diese Menschen, die Sie geliebt haben, weg sind. Vielleicht tut es Ihnen ja gut, wenn Sie zu Ihrer Schwester und Ihrer Mutter und Ihrer Oma und Ihrer Tante sagen: &#8218;F&#252;r mich seid ihr gar nicht weg, weil &#8211; im Himmel seid ihr da, und ich bin noch eine Zeitlang hier, und dann komme ich auch. Und au&#223;erdem, in meinem Herzen seid ihr sowieso da. Ich trage euch in meinem Herzen, da seid ihr &#252;berhaupt nicht weg, sondern immer bei mir.&#8216; Wir m&#252;ssen ja nicht sagen: &#8218;Tot, aus, alles vorbei!&#8216; Wir k&#246;nnen auch sagen: &#8218;Ihr bleibt immer bei mir&#8216;, und vielleicht tut das ja besser.&#8216; Wie ist das f&#252;r Sie?&#8220; &#8222;Das ist viel besser&#8220;, sagte der Mann, und seine Augen leuchteten ein bisschen. &#8222;Und Ihre Schwester k&#246;nnen Sie in Gedanken mit sich herumspazieren lassen und ihr sagen: &#8218;Ich zeige dir die Welt. Benutze einfach meine Augen, und schaue dir durch sie alles an.&#8216; Und so k&#246;nnte sie durch Sie sozusagen weiter leben. Ich wei&#223; nicht, ob das eine Vorstellungs&#252;bung ist, die gut tut oder eine spirituelle Sache, aber ich glaube, es macht einen Unterschied.&#8220; &#8222;Ja, das ist gut.&#8220; &#8222;Wenn Sie auf diese Weise Ihre Schwester, Ihre Tante, Ihre Oma und Ihre Mutter immer da haben k&#246;nnen, dann brauchen Sie die Drogen ja vielleicht nicht mehr, um sich zu bet&#228;uben&#8230; und auch nicht, um sich zu bemuttern?&#8220; &#8222;Ich habe ja auch immer Daumen gelutscht, noch bis ich erwachsen war.&#8220; &#8222;Wann haben Sie denn mit dem Daumen lutschen aufgeh&#246;rt?&#8220; &#8222;Als ich 21 war.&#8220; &#8222;Dann haben die Drogen also das Daumenlutschen ersetzt. Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen?&#8220; &#8222;Welchen denn?&#8220; &#8222;Fangen Sie mit dem Daumenlutschen wieder an. Das ist besser als Drogen und erf&#252;llt ja offensichtlich den gleichen Zweck. Sie brauchen es ja nicht so zu machen, dass es jeder sieht. Sie k&#246;nnen es machen, wenn Sie allein sind, und wenn Ihnen in der &#214;ffentlichkeit einmal danach ist, dann machen Sie eine lockere Faust und legen sie mit dem Daumen obenauf neben den Mund&#8230; etwa so, genau&#8230; das ist v&#246;llig unauff&#228;llig, das k&#246;nnen Sie &#252;berall machen&#8230; Merken Sie sich diese Handhaltung, und sagen Sie Ihrem K&#246;rper: &#8218;Das bedeutet dasselbe wie Daumen lutschen, und es k&#246;nnte auch bedeuten: Mama ist da, alle sind da, und es ist gut f&#252;r mich gesorgt.&#8216; &#8220; &#8222;Vielen Dank f&#252;r das Gespr&#228;ch&#8220;, sagte der Mann. &#8222;Das hat mir viel gebracht, wirklich&#8230;&#8220; Er bedankte sich viele Male. Er sah wirklich sehr gl&#252;cklich aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einigen Tagen traf ich in einem Caf\u00e9 einen jungen Mann wieder, der zu mir sagte: &#8222;Ich bin jetzt vier Wochen ohne Drogen. 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Ich &hellip; <a href=\"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/2013\/07\/20\/2492\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[68,26,75,8,85,9,76,27],"tags":[],"class_list":["post-2492","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-adoption","category-anasthesie","category-depression","category-erwachsen-werden","category-glauben","category-liebe","category-ritual","category-sucht"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2492","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2492"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2492\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2495,"href":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2492\/revisions\/2495"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2492"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2492"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2492"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}