{"id":2154,"date":"2012-08-21T09:50:28","date_gmt":"2012-08-21T09:50:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/?p=2154"},"modified":"2012-08-21T12:14:34","modified_gmt":"2012-08-21T12:14:34","slug":"2154","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/2012\/08\/21\/2154\/","title":{"rendered":"Auf dem Weg zur H&#246;lle"},"content":{"rendered":"<p>Ich m&#246;chte heute gerne eine Geschichte erz&#228;hlen, die ich mit einem Patienten erlebt habe. Die Namen und andere Einzelheiten sind, wie &#252;blich, ge&#228;ndert.<\/p>\n<p>&#8222;Guten Tag Herr Bayer. Was bewegt sie denn zur Zeit?&#8220; fragte ich. &#8222;Ich komme in die H&#246;lle&#8220;, antwortete er ganz ernst. &#8222;Warum kommen Sie denn in die H&#246;lle?&#8220; &#8222;Ich habe viel falsch gemacht.&#8220; &#8222;Was haben Sie denn zum Beispiel falsch gemacht, wenn ich fragen darf?&#8220; &#8222;Ich war faul in der Schule. Ich habe nichts gelernt. Ich habe nichts aus meinem Leben gemacht. Darum komme ich in die H&#246;lle.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ah&#8230; und wie ist es dort in der H&#246;lle?&#8220; &#8222;Hei&#223;. Da ist Feuer.&#8220; &#8222;Mit dem Feuer ist das ja so: In derMitte ist die Glut. Da ist es am hei&#223;esten. Drumherum sind die Flammen. Die sind weniger hei&#223; als die Glut, aber auch sehr hei&#223;. Wenn man neben dem Feuer steht, ist es weniger hei&#223;. Man kann einen Meter neben dem Feuer stehen oder zehn Meter oder hundert Meter. Das ist eine Entscheidung, ob man nah am Feuer oder weiter weg stehen m&#246;chte. Wo m&#246;chten Sie denn stehen?&#8220; &#8222;Ich stehe immer da, wo es ganz hei&#223; ist.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Woher wissen Sie eigentlich, dass Sie in die H&#246;lle kommen?&#8220; &#8222;In Rodalben gab es eine Konferenz von denen aus der anderen Welt, aus dem Jenseits. Da war ich dabei.&#8220; Wann war das denn?&#8220; &#8222;Vor 20 Jahren.&#8220; &#8222;Und was haben die aus dem Jenseits Ihnen da mitgeteilt?&#8220; &#8222;Das war schwer zu verstehen. Die haben ganz undeutlich gesprochen.&#8220; &#8222;Wenn die ganz undeutlich gesprochen haben, die aus dem Jenseits, da haben Sie ja ein echtes Problem&#8230; das ist ja ganz schwierig f&#252;r Sie, wenn die sich nicht klar und verst&#228;ndlich ausgedr&#252;ckt haben. Da k&#246;nnte es zum Beispiel sein, dass die &#252;ber einen Herrn Meyer gesprochen haben, und Sie haben &#8218;Herr Beyer&#8216; verstanden. Die sagten zum Beispiel &#8218;Herr Meyer geht in die H&#246;lle!&#8216; und Sie haben verstanden &#8218;Herr Beyer geht in die H&#246;lle. Und da laufen Sie seit zwanzig Jahren herum, und vielleicht ab jetzt noch drei&#223;ig oder vierzig Jahre, und denken, die m&#252;ssen zur H&#246;lle und dabei geht in Wirklichkeit nicht Herr Beyer, sondern Herr Meyer zur H&#246;lle! Und Sie machen sich all die Jahre lang die ganzen Sorgen ganz umsonst! Ich finde das nicht richtig, dass die nicht deutlich reden! Sie haben doch einen Anspruch darauf, zu wissen, was aus Ihnen wird! Sonst haben Sie ja den ganzen Kummer f&#252;r nichts und wieder nichts, blo&#223; weil die Sie nicht richtig informieren!&#8220; Herr Bayer sagte nichts, schaute mich aber die ganze Zeit interessiert an. Es sah so aus, als ob er &#252;ber etwas Schwieriges nachd&#228;chte und noch zu keinem Schluss k&#228;me. So fuhr ich fort.&#8220;Wissen Sie, wenn mir ein Rechtsanwalt oder Staatsanwalt eine Vorladung zum Gericht schicken w&#252;rde und das Papier w&#228;re so verschmiert, dass ich nichts lesen k&#246;nnte, dann br&#228;uchte ich auch nicht zur Verhandlung zu gehen. Da wird jeder Richter\u00a0 sagen: Diese Art der Vorladung gen&#252;gt der juristischen Formpflicht nicht. Wer so unklar angeschrieben wird, braucht auch nicht zu kommen.\u00a0 Oder wenn jemand vom Gericht mich anruft und sagt: &#8222;Schuschalalawawa&#8220; und meint,ich m&#252;sste so ein undeutliches Gerede verstehen, und das soll eine Vorladung sein, da brauche ich nicht zu erscheinen. Genaus ist das mit dem j&#252;ngsten Gericht: Wenn die wollen, das Sie zur H&#246;lle gehen, dann m&#252;ssen sich deutlich ausdr&#252;cken und Sie klar informieren. Sonst brauchen Sie da nicht hin. Wenn Sie nicht einmal sicher wissen k&#246;nnen, ob die Beyer oder Meyer oder Dreyer gesagt haben, dann gilt das nicht und Sie brauchen dann auch nicht zur H&#246;lle. Ist das f&#252;r Sie nachvollziehbar?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wie komme ich denn da jetzt raus?&#8220; fragte der Mann.&#8220;Wo raus?&#8220; &#8222;Aus dem negativen Denken.&#8220; &#8222;Ah. Sie m&#246;chten raus aus dem negativen Denken. Die meisten Leute werden Ihnen sagen: Indem Sie positiv denken. Aber durch positives Denken kommen Sie da nicht raus, sondern durch positive Tr&#228;ume. Stellen Sie sich zum Beispiel vor,in Ihrem Leben sieht es so aus wie in einem Bergdorf, wo ein Fluss &#252;ber die Ufer getreten ist und ganz viel Schlamm und Ger&#246;ll mit sich gebracht hat. Nach diesem Ungl&#252;ck trifft sich der Gemeinderat mit en Dorfbewohnern, der Feuerwehr und dem Katastrophenschutz und Sie besprechen, was zu tun ist. Als erstes kommen Leute mit Baggern, Raupen und Lastwagen, um das grobe Ger&#246;ll wegzuschaffen. K&#246;nnen Sie sich das vorstellen?&#8220; &#8222;Ja.&#8220; &#8222;Genau. Sie k&#246;nnen sehen, wie die das alles wegschaffen. Danach kommen Leute mit Schl&#228;uchen und Besen. Die schaffen all den Schlamm und Sand aus dem Dorf, den ganzen Dreck, der da von weiter hinten reingekommen ist. Sie k&#246;nnen Sehen, wie die das alles ins Tal hinunter sp&#252;len. Danach kommt ein Team von Handwerkern. Da kommen Maurer, Gipser, Maler, vielleicht auch Elektriker, Installateure, Stukkateure, Restaurateure&#8230; Was stellen Sie sich vor, machen die?&#8220; &#8222;Die k&#246;nnen Decken einziehen und Zwischenw&#228;nde mauern.&#8220; &#8222;Genau. Was noch?&#8220;\u00a0 &#8222;Teppichboden legen. Leitungen verlegen. Vorhangschienen anbringen&#8230;&#8220; &#8222;Genau. Nach den Handwerkern kommen die G&#228;rtner. Die legen den Park und die Gr&#228;rten wieder an. Vielleicht kommt noch ein Dorfbrunnen oder eine Dorflinde dazu, um das Dorf noch sch&#246;ner zu machen, als es vorher war. Und ein Gedenkstein. Kann man sich das vorstellen?&#8220; &#8222;Nicht so gut&#8230;&#8220; &#8222;Na, Sie brauchen sich das noch nicht vorstellen k&#246;nnen. Sagen Sie ihrer Seele einen sch&#246;nen Gru&#223;, dass sie das f&#252;r Sie macht, so dass Sie sich darum gar nicht zu k&#252;mmern brauchen. Danach kommen ganz wichtigen Leute. Das ist das Pr&#228;ventionsteam. Die sorgen daf&#252;r, das so etwas nicht mehr wieder vorkommt. Die k&#246;nnen zum Beispiel oberhalb des Dorfes den Hang bepflanzen, damit die Wurzeln der B&#228;ume das Erdreich festhalten. Sie k&#246;nnen da Mauern und Z&#228;une im Stil von Lawinenz&#228;unen hinbauen. Sie k&#246;nnen dem Bach ein tieferes Bett graben, k&#246;nnen Staustufen und R&#252;ckhaltebecken bauen oder sogar eine Umleitung f&#252;r das &#252;bersch&#252;ssige Bachwasser konstruieren.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich glaube, mein Vater hat mich zu sehr geschlagen&#8220;, sagte der Mann pl&#246;tzlich. &#8222;Er hat mit mir das Einmaleins gelernt und hat gesagt: &#8218;Wenn du das jetzt nicht wei&#223;t, bekommst du noch mehr Schl&#228;ge!&#8216; Ich konnte so nicht lernen.&#8220; &#8222;Dann waren Sie vielleicht gar nicht faul. Sie haben nur das Lernen vermieden, um nicht an die Schl&#228;ge zu denken&#8220;, sagte ich. &#8222;Ich habe mir in meinem Leben alles kaputt gemacht&#8220;, sagte er. Er erz&#228;hlte, dass es ihm Angst mache, wenn sich jemand &#252;ber ihn freue oder etwas Gutes zu ihm sage. Ich sagte: &#8222;Vielleicht ist das, weil Sie Freundlichkeit und Gewalt fr&#252;her wie ein Gemisch erlebt haben. Das kam fast gleichzeitig. Und wenn Sie jetzt freundliche Menschen erleben, bekommen Sie Angst vor der Gewalt. Sagen Sie Ihrer Seele bitte einen sch&#246;nen Gru&#223;, dass Sie nur noch genau diejenigen Menschen zu f&#252;rchten brauchen, die Ihnen Gewalt angetan haben, und auch das nur noch in Situationen, die genauso sind wie damals, als das Schlimme passiert ist. Alles andere, k&#246;nnen Sie Ihrer Seele sagen, ist zuviel gelernt. &#8220; Dann erz&#228;hlte ich ihm die Geschichte von einem verfallenen Schloss, das lange vernachl&#228;ssigt worden war, durch dessen Dach der Regen tropfte und in dem Vandalen ihr Unwesen getrieben hatten &#8211; was nichts mit dem Wert des Schlosses zu tun habe, das von Anfang an sch&#246;n konzipiert gewesen war. Und nun werde das Schloss renoviert. Sp&#228;ter erz&#228;hlte ich ihm von einer verfahrenstechnischen Anlage, mit der man etwa ein Gemisch von Erdbeerquark und Jauche bis zum letzten Molek&#252;l vollst&#228;ndig trennen k&#246;nnte. Ich bat ihn, er m&#246;ge seiner Seele auszurichten, sie solle mit dem Gemisch von Liebe und Gewalt, das er erfahren habe, dasselbe tun, dann die Gewalt dorthin zur&#252;ckgeben, wo sie herkam und die Liebe behalten. So fuhr ich fort, auf alles, was er sagte, mit Geschichten zu antworten, die wie Tr&#228;ume seine bisherigen Belastungen und M&#246;glichkeiten, diese loszulassen, in Bilder fasste.<\/p>\n<p>&#8222;Der Weg von der H&#246;lle zum Himmel ist weit&#8220;, sagte er pl&#246;tzlich. &#8222;Sie haben schon ein gutes St&#252;ck zur&#252;ckgelegt&#8220;, erwiderte ich. &#8222;Noch nicht so viel.&#8220; &#8222;Sie gehen in die richtige Richtung. Der Rest ist eine Frage der Zeit.&#8220; Der Mann erz&#228;hlte mir daraufhin, wenn er unter Menschen sei, breche zu viel &#252;ber ihn herein. &#8220; &#8222;Kennen Sie diese Sonnenbrillen, die sich automatisch verdunkeln, wenn es zu hell wird?&#8220; fragte ich. &#8222;Ja, so eine hatte ich einmal.&#8220; &#8222;Wenn Sie unter Leuten sind, stellen Sie sich vor, eine Glaskugel um sich zu haben, die sich so verdunkelt, wenn die Menschen zu freundlich oder auf andere Art anstrengend f&#252;r Sie sind.&#8220; Er &#252;berlegte einen Augenblick. &#8222;Ich brauche viel Vertrauen.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich m&#246;chte heute gerne eine Geschichte erz&#228;hlen, die ich mit einem Patienten erlebt habe. Die Namen und andere Einzelheiten sind, wie &#252;blich, ge&#228;ndert. &#8222;Guten Tag Herr Bayer. 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