{"id":2003,"date":"2013-08-28T19:23:26","date_gmt":"2013-08-28T19:23:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/?p=2003"},"modified":"2013-08-27T20:29:48","modified_gmt":"2013-08-27T20:29:48","slug":"durchhalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/2013\/08\/28\/2003\/","title":{"rendered":"Durchhalten"},"content":{"rendered":"<p>Ich m&#246;chte gern eine Geschichte erz&#228;hlen, die vom Durchhandeln handelt, und davon, zusammenzuhalten, zu seinen Werten und zu seinem Selbstwertgef&#252;hl zu stehen. Ich wei&#223; noch nicht genau, wie ich sie therapeutisch nutzen kann. Ich erz&#228;hle sie hier, weil sie mich ber&#252;hrt.<\/p>\n<p>Im Westjordanland, etwa zehn Kilometer s&#252;dwestlich von Bethlehem, haben wir Familie Nasser besucht. Die Nassers sind eine christlich-pal&#228;stinensische Bauernfamilie, die ihren kleinen Hof auf der Anh&#246;he zu einem Begegnungszentrum gemacht haben f&#252;r Pal&#228;stinenser, Israleis und Menschen aus aller Welt, die Frieden suchen. Am Eingangstor des kleinen Landwirtschaftsbetriebes liegt ein Stein, auf den sie geschrieben haben: &#8222;We refuse to be enemies. Wir weigern uns, Feinde zu sein.&#8220;<\/p>\n<p>Was es mit diesem Satz auf sich hat, haben wir im Gespr&#228;ch mit dem Besitzer des Betriebs erfahren. &#8222;Mein Gro&#223;vater&#8220;, so erz&#228;hlte er, hat dieses Land im Jahr 1917 von der damaligen osmanischen Besatzungsmacht gekauft. Dann hat er etwas getan, was f&#252;r die damalige Zeit und noch lange danach sehr ungew&#246;hnlich, ja, geradezu verr&#252;ckt war. Er hat sich Papiere &#252;ber den Grundbesitz ausstellen lassen und hat Steuern gezahlt. Jahr f&#252;r Jahr hat unsere Familie Steuern gezahlt f&#252;r dieses Papier, das sonst keiner hatte.&#8220; Bis dahin hatten die Bauern einfach dort gelebt, wo ihre Familien immer gelebt hatten; durch m&#252;ndliche &#220;berlieferung und durch Zeugen wusste jedes Dorf und jede Familie, wo das Land der einen anfing und wo das Land der anderen aufh&#246;rte. Warum sollte man Land von einer Besatzungsmacht kaufen, die erst k&#252;rzlich gekommen war und vielleicht schon bald von den n&#228;chsten Besatzern abgel&#246;st werden w&#252;rde? &#8222;Erst haben wir der osmanischen Besatzung Steuern gezahblt, dann der jordanischen, danach den Engl&#228;ndern und schlie&#223;lich den Israelis. Dann hat der israelische Staat angefangen ringsumher Siedlungen zu bauen. Eines Tages kamen Soldaten und haben uns gesagt, wir sollten hier verschwinden. Wir sagten, das Land geh&#246;rt uns. Sie wollten das nicht glauben. Wir haben dann den israleischen Beh&#246;rden unsere Papiere gezeigt. Wir konnten belegen, dass wir das Land gekauft hatten und l&#252;ckenlos unsere Steuern bezahlt hatten &#8211; an die Osmanen, an die Jordanier, an die Engl&#228;nder und auch an die Israelis. Darau haben sie gesagt: &#8222;Die Papiere sind gef&#228;lscht.&#8220; Sie haben von uns verlangt, einen israelischen Notar auf unsere Kosten nach Istanbul und London zu schicken, um in den Archiven dort nachzuschauen, ob unsere Vorfahren das Land tats&#228;chlich gekauft haben. Der Notar hat die Belege tats&#228;chlich gefunden. Als die israelische Seite bemerkt hat, dass sie den Prozess nicht gewinnen k&#246;nnen, haben sie ihn verschleppt, so dass er in der Schwebe h&#228;ngt und nie zu Ende gebracht wird. Dann haben sie Bulldozer geschickt, die unsere Zufahrtsstra&#223;e versch&#252;ttet haben, damit wir uns nicht mehr versorgen k&#246;nnen. Wir haben uns dann einen anderen Zugangsweg freigeschaufelt. Sie haben den Pal&#228;stinensern hier in Pal&#228;stina verboten, Strom zu haben und irgendetwas zu bauen. Sie haben uns dann Abrissverf&#252;gungen geschickt f&#252;r die Geb&#228;ude, die hier stehen. Wir haben gesagt, die sind damals rechtm&#228;&#223;ig gebaut worden. Ich fragte einen von ihnen: &#8218;Gilt f&#252;r mich das gleiche Recht, wie f&#252;r einen Israeli, der hier wohnt?&#8216; Er sagte: &#8218;Ja.&#8216; Ich fragte: &#8218;Dort dr&#252;ben sind H&#228;user, die israelische Siedler ohne Genehmigung gebaut haben. Warum schickt ihr dorthin keine Abrissgenehmigung?&#8216; Der Mann sagte: &#8218;Das geht Sie nichts an.&#8216; Gegen den Abriss unseres Wohnhauses haben wir prozessiert. Als wir fertig waren und die Genehmigung zur&#252;ckgenommen war, haben sie uns einfach sechs neue Abrissverf&#252;gungen geschickt. Die Zelte und der Verschlag f&#252;r die H&#252;hner, alles soll angeblich ein Geb&#228;ude sein und darum abgerissen sein. Die H&#252;hner haben wir jetzt in einen Wohnwagen gebracht. Ein Wohnwagen ist ja kein Geb&#228;ude. Oft kreisen Hubschrauber &#252;ber uns, um zu beobachten, was wir machen. Sie haben uns immer neue Abrissverf&#252;gungen geschickt. Einmal waren wir so kurz davor, dass wir uns sicher waren, dass n&#228;chste Woche die Bulldozer unser Haus abrei&#223;en. Wir haben das in E-mails ein paar Freunden in Europa mitgeteilt. Gar nicht systematisch. Wir haben gar nicht gedacht, dass wir etwas dagegen ausrichten k&#246;nnen. Aber die haben dann offenbar so viele Briefe an die Regierung geschickt, dass dann nichts passiert ist. Auch im Moment haben wir einen Prozess gegen solche Verf&#252;gungen am laufen. Schauen Sie, wir haben uns jetzt H&#246;hlen in den Kalkstein gebaut. Eine H&#246;hle ist ja kein Geb&#228;ude. Und der Strom&#8230; ein Deutscher, der hier war, hat gesagt, ich organisiere Ihnen das, dass Sie Solarzellen bekommen. Ich habe das nicht geglaubt. Aber irgendwann kamen Leute und haben uns hier Solarzellen installiert. So haben wir auch Licht in unseren H&#246;hlen. Seit 1991 haben wir 150.000 Dollar Prozesskosten, um f&#252;r ein Land zu k&#228;mpfen, das uns rechtm&#228;&#223;ig geh&#246;rt, das wir gekauft haben und f&#252;r das wir Steuern gezahlt haben. Wir haben auf unserem Land 250 Olivenb&#228;ume gepflanzt. Wenn man sein Land behalten will, ist es gut, etwas darauf zu pflanzen. Dann kann niemand sagen: &#8218;Das Land geh&#246;rt niemand, es wird ja nicht genutzt.&#8216; Eines Nachts sind Siedler aus der Nachbarschaft gekommen und haben die 250 Olivenb&#228;ume alle abges&#228;gt. Das hat uns sehr getroffen. Nicht nur wegen des wirtschaftlichen Verlusts. Olivenb&#228;ume wachsen sehr langsam. F&#252;r uns ist ein Olivenbaum auch ein Zeichen f&#252;r Hoffnung, f&#252;r den Glauben an die Zukunft. Es ist ein Symbol. Wir waren sehr niedergeschlagen. Dann hat eine j&#252;dische Menschenrechtsorganisation in Europa von dem Fall geh&#246;rt. Sie haben uns geschrieben, dass sie uns die B&#228;ume ersetzen wollen. Ein paar Wochen sp&#228;ter sind freiwillige Helfer aus Europa angereist und haben 250 junge Olivenb&#228;ume bei uns gepflanzt. Einige Zeit sp&#228;ter haben wir einen anonymen Anruf bekomme. Ein Mann hat uns 1 Million Dollar f&#252;r das Land geboten, dann zwei Millionen. Wir haben gesagt: &#8218;Das ist das Land, das unser Gro&#223;vater uns gekauft hat und auf dem wir gro&#223; geworden sind. Es ist das Land unserer Famile. Wir leben hier. Es ist nicht zu verkaufen.&#8216; Einige Zeit sp&#228;ter haben wir wieder einen Anruf bekommen. Sie wollten uns 10 Millionen Dollar bieten, dann zwanzig. Schlie&#223;lich haben sie ins Telefon gerufen: &#8218;Dann sagen Sie uns doch einfach, wieviel sie wollen! Wir zahlen Ihnen auch das Ticket nach Amerika, und damit ist es dann gut!&#8216; Wir sind nicht darauf eingegangen. Wir wissen nicht, wie lange wir hier bleiben k&#246;nnen. Wir prozessieren jetzt seit 1991, und es ist kein Ende in Sicht.&#8220; Sie sagen auch: &#8222;Nicht die Israelis sind schlecht. Wir haben viele israelische Freunde. Schlecht ist das System, das so mit uns umgeht.&#8220;<\/p>\n<p>Der H&#252;gel, auf dem diese Familie lebt, geh&#246;rt zu einer Bergkette, auf dem die israelische Regierung sogenannte j&#252;dische Siedlungen errichtet, das sind Trabantenst&#228;dte rund um Jerusalen, die auf staatsfremdem Gebiet errichtet werden, wobei stetig weitere Pal&#228;stinensergebiete annektiert werden. Pal&#228;stina wird dadurch zu einem L&#246;cherk&#228;se, auf dem kein Staatsgebiet mehr errichtet werden kann, weil er von j&#252;dischen Enklaven durchl&#246;chert ist. Die Siedlungen werden zuerst einzeln, dann (jeweils mit einer gr&#246;&#223;eren Umbauma&#223;nahme) als ganze H&#252;gelkette von einer zehn Meter hohen Mauer umfriedet. Das Grundeigentum dieser Familie ist auf einem H&#252;gel einer solchen Kette, der mit einer solchen Mauer und entsprechenden Stra&#223;en, die nur von j&#252;dischen Siedlern benutzt werden d&#252;rfen, aus Pal&#228;stina herausgeschnitten werden soll. Vorestern wurde in den Nachrichten berichtet, dass <a title=\"Israel rei&#223;t deutsche Solaranlagen in Pal&#228;stina ab\" href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/solarhebron100.html\" target=\"_blank\">israelische Beh&#246;rden solche von deutschen Firmen gebauten Solaranlagen abrei&#223;en<\/a> wollen.<\/p>\n<p>&#220;brigens: <a title=\"Zu Tent of Nations\" href=\"http:\/\/www.tentofnations.org\/\">Berichte, Fotos und Videos mit Interviews und Dokumentationen zum Leben dieser Familie findet ihr hier<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich m&#246;chte gern eine Geschichte erz&#228;hlen, die vom Durchhandeln handelt, und davon, zusammenzuhalten, zu seinen Werten und zu seinem Selbstwertgef&#252;hl zu stehen. Ich wei&#223; noch nicht genau, wie ich sie therapeutisch nutzen kann. 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