{"id":1879,"date":"2011-10-10T22:58:03","date_gmt":"2011-10-10T22:58:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/?p=1879"},"modified":"2011-10-11T07:49:05","modified_gmt":"2011-10-11T07:49:05","slug":"occupy-wall-street-oder-aufklarung-heute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/2011\/10\/10\/1879\/","title":{"rendered":"Occupy Wall Street, oder: Aufkl&#228;rung heute"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Der Grund, warum wir hier sind, ist, weil wir genug haben von der Welt, &#8230; in der 1 % an die verhungernden Kinder geht. Das reicht, um uns ein gutes Gef&#252;hl zu geben. Nachdem wir die Arbeit und die Folter outgesourct haben. Und die Partneragenturen outsourcen unser Liebesleben t&#228;glich. Wir erkennen, dass wir f&#252;r eine lange Zeit unser politisches Engagement outgesourced haben. Wir wollen es zur&#252;ck.&#8220;<\/p>\n<p>Das hat am Wochenende der Philosoph und Psychoanalytiker Slavoj Zizek in einer <a href=\"http:\/\/occupywallst.org\/\">Rede in Wall Street <\/a>ge&#228;u&#223;ert. Sehr bemerkenswert an dieser Occupy-Wall-Street-Bewegung scheint mir, dass diese Leute die Ursache der &#246;konomischen Misere vieler Amerikaner und vieler Menschen in anderen L&#228;ndern nicht ausschlie&#223;lich in einem Fehlverhalten von Politikern und Spekulanten sehen. Sie sehen die Ursache in einem System, von dem sie selbst ein Teil sind. Sie wollen dieses System ver&#228;ndern und dabei offenbar bei sich selbst anfangen.<\/p>\n<p>Wer auf die <a href=\"http:\/\/occupywallst.org\/\">Website von Occupy Wall Street <\/a>schaut, findet dort auch deren Veranstaltungskalender. Am Wochenende gab es neben der Vorlesung des Philosophen und Kulturkritikers Zizek dort eine Vorlesung eines Philosophieprophessors aus der Schweiz &#252;ber &#8222;das Ende des Finanzdenkens und die transformation der globalen Klassenstruktur&#8220;. Gestern gab es eine Gedenkveranstaltung zum Genozid an den Eingeborenen Amerikas, eine &#8222;Einf&#252;hrung in Basisdemokratie&#8220;, heute vermittelt eine Professorin &#8222;Grundlagen des Aktienmarktes&#8220;, danach gibt es einen Vortrag &#8222;Warum soziale Ungleichheit die Wirtschaft destabilisiert (und was wir dagegen tun k&#246;nnen)&#8220;.<\/p>\n<p>Es ist bemerkenswert, dass diese Leute sich selbst als Teil des Systems, das sie unterdr&#252;ckt hat, wahrnehmen und daran arbeiten, sich ihre politische M&#252;ndigkeit von diesem Standpunkt aus aktiv zur&#252;ckerobern.<\/p>\n<p>Das erinnert an die Gedanken, die Immanuel Kant vor langer Zeit ge&#228;u&#223;ert hat:<\/p>\n<blockquote><p>Aufkl&#228;rung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unm&#252;ndigkeit. Unm&#252;ndigkeit ist das Unverm&#246;gen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unm&#252;ndigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschlie&#223;ung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufkl&#228;rung.<\/p>\n<p>Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so gro&#223;er Teil der Menschen, nachdem sie die Natur l&#228;ngst von fremder Leitung freigesprochen &#8230;, dennoch gerne zeitlebens unm&#252;ndig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vorm&#252;ndern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unm&#252;ndig zu sein. Habe ich ein Buch, das f&#252;r mich Verstand hat, einen Seelsorger, der f&#252;r mich Gewissen hat, einen Arzt, der f&#252;r mich die Di&#228;t beurteilt usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bem&#252;hen. Ich habe nicht n&#246;tig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrie&#223;liche Gesch&#228;ft schon f&#252;r mich &#252;bernehmen.<\/p><\/blockquote>\n<p>In der Medizin und Psychotherapie w&#252;nschen viele Patienten und Klienten weiterhin, dass der Fachmann oder die Fachfrau f&#252;r sie wissen m&#246;ge, was richtig ist. Ich werde nicht m&#252;de, meinen Klienten zu sagen: &#8222;Sie sind die K&#246;nigin! Sie sind der K&#246;nig. Die &#196;rzte und Berater und aucIhrychotherapeut &#8211; wir sind nur Ihre Minister.&#8220; Manchmalf&#252;ge ich noch hinzu: &#8222;Wir haben spezielle Erfahrung, die Ihre Erfahrung wertvoll erg&#228;nzt. Aber wir machen nur Vorschl&#228;ge, und Sie entscheiden, was Sie annehmen und was Sie verwerfen. Sie k&#246;nnen mich jederzeit entlassen.&#8220; Ich habe den Eindruck, manche Klienten verwundert das, und viele wollen das auch gar nicht. Sie wollen, dass ich f&#252;r sie entscheide, was gut ist.<\/p>\n<p>Zum Gl&#252;ck scheint die Zahl derer mehr zu werden, die nicht behandelt werden m&#246;chte, sondern beraten. Und die dann selbst entscheiden, was sie w&#228;hlen und was sie verwerfen. Indessen &#8211; sicher bin ich mir dar&#252;ber nicht. Ich wei&#223; nur, dass ich es mir w&#252;nsche.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Der Grund, warum wir hier sind, ist, weil wir genug haben von der Welt, &#8230; in der 1 % an die verhungernden Kinder geht. Das reicht, um uns ein gutes Gef&#252;hl zu geben. 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